RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
VORTRAGE UBER DAS SOZIALE LEBEN UND
DIE DREIGLIEDERUNG DES SOZIALEN ORGANISMUS
RUDOLF STEINER
Vom Einheitsstaat zum
;liedrigen sozialen Organismus
Elf offentliche Vortrage
gehalten in Basel, Zurich und Dornach
zwischen dem 5. Januar und 6. Mai 1920
1983
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe besorgte Walter Kugler
1 . Auflage in dieser Zusammenstellung
Gesamtausgabe Dornach 1983
Einzelausgaben und Veroffentlichungen in Zeitschriften
siehe zu Beginn der Hinweise
Bibliographie-Nr. 334
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-NachlafSverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1983 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt
ISBN 3-7274-3340-X
Zu den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk vom Rudolf Steiner
Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft
bilden die vonRudolf Steiner (1861-1925) geschriebenenundveroffent-
lichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis 1924 zahlreiche
Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch fiir die Mitglieder der
Theosophischen, spater Anthroposophischen Gesellschaft. Er selbst
wollte urspriinglich, daiS seine durchwegs frei gehaltenen Vortrage
nicht schriftlich festgehalten wiirden, da sie als «miindliche, nicht zum
Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht waren. Nachdem aber zu-
nehmend unvollstandige und fehlerhafte Horernachschriften angefer-
tigt und verbreitet wurden, sah er sich veranlafit, das Nachschreiben zu
regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner-von Sivers. Ihr
oblag die Bestimmung der Stenographierenden, die Verwakung der
Nachschriften und die fiir die Herausgabe notwendige Durchsicht der
Texte. Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel nurin ganz wenigen Fallen die
Nachschriften selbst korrigieren konnte, mufi gegeniiber alien Vor-
tragsveroffentlichungen sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es
wird eben nur hingenommen werden miissen, dafi in den von mir nicht
nachgesehenen Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.»
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi ihren
Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamtausgabe
begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil dieser Ge-
samtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere Angaben zu
den Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
Wege und Ziele der Geisteswissenschaft (Anthroposophie)
Erster Vortrag, Basel, 5 . Januar 1 920 \\
Uber den Ursprung des gegenwartigen Geisteslebens und der von
Technik durchzogenen Lebenspraxis. Die Bildungsstatten des alten
Orients. Die Entwicklung des geistig-seelischen Menschen im Orient.
Das Wesen des gegenwartigen Geisteslebens. Zwei Menschheitsstro-
mungen: Ubermensch - Untermensch. Uber die Ausbildung des Den-
kens und den anthroposophischen Schulungsweg. Beispiele aus dem
gegenwartigen Geistesleben.
Die geisteswissenschaftlichen Grundlagen der leiblichen und
seelischen Gesundheit
Zweiter Vortrag, Basel, 6. Januar 1920 35
Das Verhaltnis des Geistig- Seelischen des Menschen zum Leiblich-Phy-
sischen. Padagogik und spirituelle Hygiene. Wille und Intellekt. Uber
Mediumismus. Geisteswissenschaft und Medizin. Goethes Weltan-
schauung als Ausgangspunkt zu einer hoheren Ausbildung der mensch-
lichen Erkenntnisfahigkeit. Intuitive Menschenerkenntnis und intuitive
Medizin auf der Grundlage der Erkenntnis vom dreigegliederten Men-
schenwesen.
Die sittlichen und religiosen Krafte im Sinne der
Geisteswissenschaft
Dritter Vortrag, Basel, 7. Januar 1920 57
Erkenntnisfahigkeit und moralische Antriebe. Wege zur imaginativen
Erkenntnis. Ubungen zur Entwicklung des Willenslebens. Das Durch-
dringen der Imaginationen durch sittliche Inspirationen. Geisteswissen-
schaftliche Erkenntnisse als Erlebnisse. Naturkausalitat und Freiheit in
ihrem Verhaltnis zur Sittlichkeit. Liebe als wiirdigster Antrieb sittli-
chen Handelns. Geisteswissenschaft nicht als Prediger, sondern Gran-
der der Moral. Die Erkenntnis von Geist und Seele und ihre Bedeutung
fur die gegenwartige Wissenschaft.
Ungeist und Geist in der Gegenwart und fur die Zukunft
Erster Vortrag, Zurich, 17. Mdrz 1920 80
Die Beurteilung der Weltlage durch den Okonomen J. M. Keynes. Die
Weltanschauungsgrundlage der Gegenwart und ihre Grenzen. Uber
das Verhaltnis des Menschen zur Sprache. Die Weltherrschaft der
Phrase im Geistesleben. Die Weltherrschaft der Konvention im Rechts-
leben. Die Weltherrschaft der Routine im Wirtschaftsleben. Die Uber-
windung von Phrase, Konvention und Routine durch die gedankentra-
gende Rede, durch ein durch menschlich-soziales Fuhlen erfulltes
Rechtsleben, durch eine durchgeistigte, assoziative Wirtschaft.
Schlufiwort nach einer Diskussion 102
Die geistigen Krafte in der Erziehungskunst und im Volksleben
Zweiter Vortrag, Zurich, 18. Mdrz 1920 107
Vom naturwissenschaftlichen, willensentblofiten Denken zum durch-
seelten, lebendigen Denken. Die Uberwindung des gedankenentblofi-
ten Wollens durch geistgetragenes Wollen. Anthroposophisch orien-
tierte Geisteswissenschaft als methodische Grundlage der Erziehungs-
kunst. Epochen in der Entwicklung des Kindes. Die Bedeutung des
Kunstlerischen fur die Erziehung. Gedanken zur Lehr- und Stunden-
plangestaltung. Die Erganzung unseres eigenen Wesens durch Geistes-
wissenschaft zur Uberwindung des abstrakten Denkens. Notwendig-
keit und Wirklichkeitssinn eines dreigegliederten sozialen Organismus.
Schlufiwort nach einer Diskussion 130
Dreigliederung und gegenwartige Weltlage
Vortrag, Zurich, 19. Mdrz 1920 136
vor der Statistisch-Volkswirtschaftlichen Gesellschaft des Kantons
Zurich
Gedanken uber das Zusammenwirken der Menschen zur Bewaltigung
der sozialen Aufgaben. Geisteswissenschaftliche Erkenntnismethoden
und Wahrnehmungen der Tatsachen des Lebens der Volker als Grund-
lage des Erkennens von Entwicklungsbedingungen. Uber das russische
Volkswesen. Gedanken zum Verhaltnis von Staat und Wirtschaft in
Frankreich. Zur Konstituierung des Reichsrates von Osterreich. Vom
Wesen der Sozialdemokratie. Die Notwendigkeit der Dreigliederung
zur Losung der sozialen Frage.
Schlufiwort nach einer Diskussion und Fragenbeantwortung . 1 60
Ansprache anlafilich des Besuches des Schweizer Staatsbiirger-
Vereines zur Baubesichtigung in Dornach
Dornach, 18. April 1920 173
Die Entstehung des Dreigliederungsgedankens aus der Beobachtung
gegenwartiger mitteleuropaischer Verhaltnisse. Warum man die Drei-
gliederung fiir eine Art Utopie halt. Uber die Entwicklung der geisti-
gen, staatlichen und wirtschaftlichen Verhaltnisse der Gegenwart unter
Beriicksichtigung ihrer Entwicklung in den letzten drei bis vier Jahr-
hunderten. Die Erde als einheitliches Wirtschaftsgebiet. Staat und
Demokratie. Die geistigen Hintergriinde der Klassenkampfsituation.
Die Befreiung des Geisteslebens, dargestellt am Beispiel der Waldorf-
schule. Die Forderung nach einer assoziativen Wirtschaftsweise. Die
grundlegenden Aufgaben der einzelnen Glieder des sozialen Organis-
mus. Die Bedeutung des Christentums fiir die Gegenwart und Zukunft.
Die gegenwartige Wirtschaftskrisis und die Gesundung des
Wirtschaftslebens durch die Dreigliederung des sozialen
Organismus
Vortrag, Basel, 26. April 1920 194
fur Wirtschafter anlafilich der Mustermesse in Basel im groflen Saal zu
den «Rebleuten»
Geisteswissenschaftliche Betatigung als Grundlage zum Erfassen der
Wirklichkeit. Der Krisenbegriff in der Okonomie. Ideologischer Uber-
bau und Wirklichkeit. Der Ursprung des Materialismus. Zur Entwick-
lungsgeschichte Rufilands. Das Verhaltnis der Geldwirtschaft zum
gesamten Wirtschaftsleben. Der Einheitsstaat als Allheilmittel im Be-
wufitsein der Gegenwart. Die Bedeutung des Erbrechtes im heutigen
Wirtschafts- und Rechtsleben. Die drei Grundforderungen des Drei-
gliederungsimpulses : ein freiheitliches Geistesleben, ein demokrati-
sches Rechtsleben, ein assoziativ gestaltetes Wirtschaftsleben.
Fragenbeantwortung 219
Geisteswissenschaft (Anthroposophie) im Verhaltnis zu Geist
und Ungeist in der Gegenwart
Erster Vortrag, Basel, 4. Mai 1920 225
Beispiele gegenwartiger Lebenspraxis. Anthroposophie und prakti-
sches Leben. Die Erkenntnis vom werdenden Menschen. Die Uberwin-
dung des gewohnlichen Denkens durch Meditation. Von der Ent-
wicklung des Willenslebens. Die Entwicklung des Denkens und des
Willens und ihr Verhaltnis zum vorgeburtlichen und nachtodlichen
Leben. Geistesschulung und Lebenswirklichkeit.
Seelenwesen und sittlicher Menschenwert im Lichte der
Geisteswissenschaft (Anthroposophie)
Zweiter Vortrag, Basel, 5. Mai 1920 251
Die Bedeutung des sittlichen Lebens im gegenwartigen Weltbild. Zur
Entwicklung des naturwissenschaftlichen Weltbildes. Entwicklungen
des Seelenlebens. Zum Unterschied zwischen leibfreiem und gewdhnli-
chem Denken. Die Schulung eines leibfreien Fiihlens und Wollens. Die
inneren Beziehungen zwischen dem Mineral-, Pflanzen-, Tierreich und
der Menschenwelt. Geisteswissenschaftliche Weltanschauung als Ret-
ter der sittlichen Menschenwerte. Die Notwendigkeit einer Annahe-
rung an die Geheimnisse des Christentums.
Die geistigen und sittlichen Krafte der gegenwartigen Volker
im Lichte der Geisteswissenschaft (Anthroposophie)
Dritter Vortrag, Basel, 6. Mai 1920 273
Das Verhaltnis der heute die Erde bewohnenden Volker zueinander
hinsichtlich ihrer geistig-seelischen und materiellen Entwicklung. Die
Charakterisierung der drei Menschentypen in der Menschheitsentwick-
lung in Verbindung mit den drei Wesensgliedern des Menschen. Die
orientalische Weltauffassung und ihr Zusammenhang mit dem Stoff-
wechselsystem. Der rhythmische Mensch als Ideal des orientalischen
Volkstypus. Die Vorherrschaft des rhythmischen Systems im griechi-
schen Menschentypus. Die Fortsetzung des Griechentums im Goethe-
anismus. Der Nerven-Sinnesmensch als Ideal des mittellandischen
Menschentypus. Der westlandische Menschentypus und sein Verhalt-
nis zum Nerven-Sinnessystem. Naturerkenntnis und materielle Er-
kenntnis als Ideal des westlichen Menschentypus. Die Abstrahierung
der sittlichen Idee und die Sinngebung der Freiheit aus dem Natura-
lismus heraus. Die Notwendigkeit des Herauswachsens der Menschen
aus ihrem Volkstum. Das Wesen des ethischen Individualismus.
Hinweise 296
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe
311
WEGE UND ZIELE DER GEISTESWISSENSCHAFT
(ANTHROPOSOPHIE)
Erster Vortrag, Basel, 5. Januar 1920
Wer draufien in der Nachbarschaft den Bau betrachtet, der dem
sogenannten Goetheanum, einer freien Hochschule fiir Geisteswis-
senschaft, gewidmet ist, die den Geistes-, den Zivilisationsinteres-
sen der Zukunft dienen will, der kann zunachst absonderlich be-
riihrt sein von den Formen, von der Stilweise, die ihm da entgegen-
treten. Man mag nun gegen das, was man da sieht, mancherlei
einzuwenden haben. Diejenigen, die am Bau beteiligt sind, werden
solche Einwande, dafi es sich um einen vorlaufigen Versuch handelt,
durchaus verstehen konnen, wenn sie aus gutem Willen hervorge-
hen. Aber gegeniiber diesem Bau muE eine gewisse Frage aufge-
worfen werden, die charakteristisch ist fiir alles das, was jene
geistige Bewegung will und anstrebt, deren Reprasentant dieser Bau
sein soil. Hatte man in der gewohnlichen Art die Notwendigkeit
gehabt, fiir eine gewisse geistige Stromung, fiir eine gewisse Art von
geistiger Tatigkeit einen selbstandigen Bau irgendwo zu errichten,
dann hatte man sich wohl an diesen oder jenen Architekten ge-
wandt, an diesen oder jenen Kunstler, und man hatte vielleicht mit
ihnen verhandelt dariiber, was in einem solchen Bau getrieben
werden soil, und dann ware in irgendeinem antiken, einem Renais-
sancestil oder in irgendeinem anderen Stil ein Bau errichtet worden,
in dem nun diese geisteswissenschaftliche Tatigkeit ihre Wohnung
finden sollte. Es wiirde nur ein au£erliches Verhaltnis bestehen zwi-
schen den Formen innerhalb des Gebaudes und um das Gebaude, das
dieser geistigen Tatigkeit gewidmet ist, und dieser letzteren selbst.
So konnte es gerade bei dieser geistigen Bewegung nicht gemacht
werden. Hier handelt es sich darum, fiir eine gewisse Geistes-
strtimung eine aufiere Umhiifliing zu scbaffen, welche im ganzen
und in jeder, auch der geringsten Einzelheit wie herausgeboren ist
aus dern ganzen Denken, Empfinden und Wollen dieser Geistesbe-
wegung selbst. Es handelte sich darum, in den aufieren Formen bis
ins einzelnste hinein etwas zu schaffen, was in gleicher Weise ein
aufierer Ausdruck ist fiir das innerlich Gewollte wie das Wort oder
irgend etwas anderes, das ausdriicken soli den Inhalt dieser Geistes-
bewegung selbst. Da konnte man sich nicht wenden an irgendeinen
schon bestehenden Stil, an irgendwelche Formensprache, die histo-
risch iiberliefert ist. Da mufite aus demselben geistigen Untergrunde
heraus, aus dem der Inhalt der Weltanschauung geschopft ist, auch
das geschopft werden, was fiir das Auge sichtbar in den Bauformen
auftritt. Nicht nur im innersten Antriebe der geisteswissenschaft-
lichen Bewegung, die sich auch die anthroposophische nennt, liegt
dies, sondern in der ganzen Art, wie diese Bewegung ihre Aufgabe,
ihre Wege, ihre Ziele im Verhaltnis zu den grofien Anforderungen
der gegenwartigen zivilisierten Welt auffafit.
Diese geistige Bewegung will nicht so irgendeine abgezogene
Theorie, eine nur den Intellekt beschaftigende Wissenschaft, sie will
nicht etwas sein, was dienen kann allein einer einseitigen Befriedi-
gung der inneren Seeleninteressen, sie will etwas sein, was allerdings
Befriedigung, innigste Befriedigung gewahren kann jenen Sehn-
siichten der menschlichen Seele, die nach Weltanschauung hinge-
hen. Sie will aber diese Weltanschauung so fest in der Wirklichkeit
verankern, dafi sie einzugreifen vermag in alles praktische Leben.
Und so ist, was wir ja zunachst allein leisten konnten, das unmit-
telbare Schaffen von Bau- und Kunstformen fiir unsere Sache,
charakteristisch fiir diese ganze Bewegung. Wie sie da allerdings nur
auf einem engbegrenzten und zunachst auch dem aufieren Leben
scheinbar fernliegenden Gebiete unmittelbar in das Allerprak-
tischste eingegriffen hat, so will diese geistige Bewegung Wege
suchen und Ziele weisen, die in alles Soziale, in alles Sittliche, in alles
in weitestem Umfange zu denkende menschliche Zusammenleben
hineingreifen. Nicht weltfremde Idealisten sollen jene Idealisten
sein, welche auf diese Geisteswissenschaft bauen, sondern sie sollen
solche Idealisten werden, welche das, was aus ihrer Seele wird,
unmittelbar einflieften lassen konnen in ihre praktische Lebensbeta-
tigung. Und alles das, was oftmals so fremd verlauft in demjenigen,
was der Mensch denkt, das soil zusammengestimmt werden mit
dem, was in des Menschen innerstem seelischen Streben ist. Die
aufiere Lebenspraxis, sie soil eins werden mit dem, wodurch der
Mensch seine sittlichen Impulse sucht, seine sozialen Triebe entwik-
kelt, seiner religiosen Verehrung nachhangt. Mit einer solchen
Gesinnung, mit einer solchen Anschauung steht allerdings diese
geisteswissenschaftliche Stromung heute noch ziemlich fern demje-
nigen, was in weitesten Kreisen der heute gebildeten Menschen
angestrebt, gewollt, ja fur das Richtige gehalten wird.
Dafi das so sein mufi, aber auch dafi es notwendig ist, dafi in
unsere moderne Zivilisation sich eine solche geistige Bewegung
hineinstellt, das kann ersichtlich werden, wenn man den Blick
wendet auf die Art und Weise, wie unser ganzes Leben, in dem wir
heute drinnenstehen, eigentlich aus den verschiedensten Stromun-
gen zusammengeflossen ist. Ich mochte heute zunachst von zwei
hauptsachlichsten Stromungen unseres Zivilisationslebens spre-
chen. Wir haben heute das, was wir unsere geistige Bildung nennen,
in dem unsere religiosen Uberzeugungen wurzeln, in dem unsere
sittlichen Ideale entspringen, aber in dem auch unser ganzes hoheres
Geistesleben wurzelt. Wir haben dasjenige, wodurch der Mensch
ausbilden soil iiber das gewohnliche Handarbeitliche hinaus seine
Fahigkeiten und Krafte fur eine geistige Bildung. Und wir haben
neben dem die praktische Lebenstatigkeit, die in den letzten Jahr-
hunderten so intensive Impulse erhalten hat. Wir haben um uns
herum eine allerdings von unserer Wissenschaft angeregte, aber tief
in das soziale Leben hineingreifende Technik, die umgestaltet hat
das moderne Zivilisationsleben in einem Sinne, welcher ganz gewift
noch einem Menschen vor acht bis neun Jahrhunderten vollig
unfafilich gewesen ware.
Wenn wir uns nun fragen, woher das eine, unser geistiges Bil-
dungsleben, das nicht etwa blofi unsere hoheren Schulen beherrscht,
das bis in unsere Volksschulen hinunter seine Triebe entfaltet, und
wo her andererseits unsere von einer so ausgebreiteten Technik
durchzogene Lebenspraxis komrnt, so erhalt man eine Antwort,
iiber die sich der Mensch der Gegenwart heute noch wenig Rechen-
schaft gibt. Aber man braucht ja nur - und wir werden das noch
ausfiihrlicher im dritten Vortrag auseinandersetzen man braucht
nur das, was gewissermafien doch die Grundlage fur unsere abend-
landische Zivilisation, namentlich fur ihren hoheren geistigen Teil
bildet, ins Auge zu fassen, man braucht im weitesten Sinne auf das
Christentum zu sehen, so wird man sich auch bei einer oberflach-
lichen weltgeschichtlichen Betrachtung sagen konnen: Wenn man
von dem, was in uns als die christlichen Anschauungen, die christ-
lichen Uberzeugungen lebt, aus denen sich soviel von unseren
allgemein geistigen Anschauungen und Uberzeugungen herausge-
bildet hat, viel mehr, als man heute zugeben will, wenn man den
Ursprung dieser Uberzeugungen und Anschauungen sucht, so wird
man zuletzt doch auf den Weg kommen, den das Christentum
genommen hat vom Orient heniber zum Okzident. Und man kann
ja nach dem Leitfaden, den man in solcher Art gewonnen hat, weiter
Umschau halten, und man wird finden, dafi jene Wege, die sich
ergeben, wenn man unsere geistige Bildung zuriickverfolgt - jene
Wege, die ins Lateinisch-Romische hinein, ins Griechische fuhren,
von denen unsere geistige Bildung doch innerlich noch die Nachfol-
gerschaft deutlich zeigt dafi diese Wege zuletzt hmuberfuhren in
die besondere Geistesverfassung, in die besondere Seelenkonstitu-
tion, durch welche vor Jahrtausenden, vor vorgeschichtlichen Jahr-
tausenden, aus dem Orient heriiber gerade unser mehr auf das
Innere, auf das Seelisch- Geistige gerichtetes Bildungsleben seinen
Ursprung genommen hat. Nur weil dieses Bildungsleben, diese
innere Geistesanschauung sich im Laufe der Jahrhunderte und
Jahrtausende sehr gewandelt hat, bemerken wir heute nicht mehr,
wie es seine Herkunft ableitet von dem, was, wie gesagt, vor
vorchristlichen Jahrtausenden aus einer Geistesverfassung heraus,
die den heutigen zivilisierten Menschen ganz fremd geworden ist,
seinen Ursprung genommen hat. Man mufi, um diesen weiten Weg
zu verstehen, nicht allein zuriickgehen auf das, was die aufiere,
durch Dokumente zu belegende Geschichtsschreibung bietet, man
mufi iiber das, was diese Geschichtsschreibung sagen kann, hinaus-
gehen eben in vorgeschichtliche Zeiten. Das wird dem gegenwar-
tigen Menschen recht schwierig. Denn der denkt in seinem Inner-
sten, dafi er es im Laufe der letzten Jahrhunderte, vielleicht erst des
allerletzten Jahrhunderts, in geistigen Dingen «so herrlich weit
gebracht» habe, daft alles dasjenige, was in Zeiten liegt, auf die eben
hingedeutet worden ist, in das Gebiet des Kindlichen, des Primiti-
ven verwiesen werden miisse.
Wer nun aber ungetriibt durch ein solches Vorurteil den Weg in
die alte Kultur des Orients zuriickzugehen vermag, der sieht, dafi
allerdings in den vorchristlichen Zeiten im Orient die Zivilisation,
die Geistesbildung eine wesentlich andere war, dafi sie aber durch-
aus intensive geistige Inhalte den menschlichen Seelen bot. Nur
wurden diese auf ganz andere, ich mochte sagen, auf radikal andere
Weise erreicht, als heute das erreicht wird, was die Menschen
beherrschen sollen, die an hoheren Schulen sich eine hohere Geistes-
bildung aneignen.
Wer einstmals im alten Orient die hohere Geisteskultur sich
aneignen sollte, der mufite durchmachen, nachdem er auserwahlt
war von den Leitern und Lenkern der betreffenden Bildungsstatten,
eine vollige Umwandlung seines ganzen menschlichen Wesens. Von
den Bildungsstatten dieses alten Orients spreche ich. Der Geistes-
wissenschaft, von der hier gesprochen wird, sind sie erkenntnis-
mafiig zuganglich; aber wenn man vorurteilslos genug ist, wenn
man einen gewissen Mut des Denkens und Erkennens hat, dann
kann man auch aus dem, was geschichtlich iiberliefert ist, zuriick-
schliefien auf das, was da vorgeschichtlich vorhanden war. Von
diesen Bildungsstatten mufi man so sprechen, dafi sie dasjenige wie
in einer inneren Einheit batten, was bei uns getrennt auftritt. Diese
Bildungsstatten, auf die zuriickweist alles, was wir eigentlich heute
noch in uns tragen, aber in wesentlich verwandelter Gestalt, sie
waren zugleich das, was wir heute Kirche nennen, aber auch das,
was wir heute Schule nennen, waren zugleich auch das, was wir
heute Kunstanstalten nennen. Kunst, Wissenschaft, Religion, sie
bildeten in alteren menschlichen Zivilisationen eine Einheit. Und
wer in diesen Bildungsstatten entwickelt werden sollte, der mulke
s ein en ganzen Menschen zur Entwickelung bringen. Er mulke
seinen ganzen JVIenschen umwandeln. Er mufite eine andere Form
des Denkens annehmen als diejenige, die im alltaglichen Leben die
wirksame ist. Er mufite sich hingeben beschaulichem Denken. Er
mufite sich daran gewohnen, mit dem Denken so umzugehen, wie
man sonst nur mit der aufieren Welt umgeht. Er mufite sich aber
auch daran gewohnen, sein ganzes Gefiihls- und Willensleben
umzuwandeln. Man macht sich heute schwer eine Vorstellung von
dem, was in solcher Richtung angestrebt worden ist. Denn wie
denken wir eigentlich iiber unser Leben? Wir geben zu: das Kind,
das mufi entwickelt werden. Seine Fahigkeiten und Krafte, mit
deren Anlagen es in die Welt hereinversetzt ist, sie miissen durch die
Erziehung entwickelt werden. Nun ja, das Kind kann sich nicht
selber erziehen; die anderen, die Erwachsenen, haben zunachst die
Anschauung, daft das Kind mit seinen Fahigkeiten und Kraften
entwickelt werden mufi. Und wir machen das Kind auch anders in
bezug auf sein Denken, Fiihlen und Wollen, als es hereingeboren
wird in die Welt. Wenn wir aber nun dem Menschen zumuten, dafi
er auch dann noch, wenn er bereits zu seinem eigenen Willen
gekommen ist, wenn nicht mehr die anderen aus ihren Anschau-
ungen heraus seine Entwickelung besorgen, diese Entwickelung
fortsetzen soli, dann findet der gegenwartige Mensch darin eine
sonderbare Zumutung; denn man soil nur entwickelt werden,
solange man diese Entwickelung nicht durch eigene Willkur besor-
gen, nicht selbst in die Hand nehmen kann. Kommt man einmal zu
einer gewissen Freiheit in bezug auf sein eigenes Entwickeln, dann
verlafit man die Entwickelung. Das ist der intellektuelle Hochmut,
in dem wir heute leben. Wir denken in dem Augenblicke, wo wir in
die Lage kamen, unsere Entwickelung selbst in die Hand zu neh-
men, wir seien schon fertig, und stellen uns als fertige Menschen in
die Welt hinein.
Solch eine Anschauung gab es innerhalb jener Zivilisation, auf die
ich hier hindeuten mochte, nicht, sondern der Mensch wurde weiter
und immer weiter entwickelt. Und ebenso wie dasjenige, was das
Kind imstande ist zu erkennen, zu fiihlen, zu tun, nachdem es durch
eine gewisse Schulung gegangen ist, wie das in der Seelenverfassung
eine Art Aufwachen darstellt, so gibt es fur die Weiterentwickelung,
die der Mensch nun in die Hand nehmen kann, auch ein solches
Aufwachen. Zu diesem Aufwachen in Seelentatigkeiten, die hohere
waren gegeniiber den gewohnlichen in demselben Sinne, wie die
hoheren Fahigkeiten der Erwachsenen hoher sind als die des Kin-
des, zu solchem Aufwachen wurde der orientalische Mysterien-
schiiler erzogen. Und man hatte die Anschauung, daft nur derjenige
urteilsfahig sei iiber die hochsten Angelegenheiten des Lebens,
welcher also jene spatere Erweckung im besten Sinne des Wortes im
Leben durchgemacht hat. Und vorbereitet wurde man da nicht etwa
blofi dazu, nun ein Mensch zu sein, der, wenn er nachdenkt, wenn er
ein gewisses innerliches Ftihlen und Empfinden entwickelt, durch
das Wissen von seinem Zusammenhang mit einer geistigen Welt sich
befriedigt fiihlt, nein, entwickelt wurde da nicht nur die Fahigkeit
fur eine Weltanschauung, entwickelt wurden da jene Fahigkeiten,
durch die das soziale und aufierlich technische Leben geleitet, durch
die das menschliche Zusammenleben dirigiert wurde. Das ganze
Leben wurde da aus der geistigen Bildung und Entwickelung heraus
beeinflufit.
Wir konnen uns so schwer zuriickversetzen in das, was da am
Ausgangspunkt unserer neueren menschlichen Entwickelung vor
Jahrtausenden im Orient driiben waltend war, weil unsere ganze
Seelenverfassung mit der Fortentwickelung der Menschheit etwas
anderes geworden ist, weil wir zu anderen Empfindungen und
Anschauungen iiber das Leben gekommen sind. Denjenigen Men-
schen, die in der hier angedeuteten Geistesbildung drinnenstanden,
war es instinktiv, zu einer solchen Umbildung des menschlichen
Wesens hinaufzuriicken. Die Instinkte dieser Menschen waren
andere. Sie tendierten hin zu einem solchen Erschauen des Geistes-
lebens nach einer gewissen Umbildung. Die Menschen, die nicht
selbst solche Ausbildung durchmachten, sahen aus ihren Instinkten,
die auch bei ihnen vorhanden waren, zu demjenigen empor, was die
Ausgebildeten ihnen geben konnten. Sie folgten ihnen in bezug auf
die Ausbildung ihres inneren Seelenlebens. Sie folgten ihnen aber
auch in bezug auf die Einrichtung des gesellschaftlichen Lebens, in
bezug auf das Sich-Hineinstellen in das Gesamtleben.
Die Instinkte, die zu solchem Leben fiihrten, sie sind ebenso aus
der heutigen Gesamtkultur der Menschheit heraus, wie beim Er-
wachsenen die besonderen Seeleninstinkte des Kindes umgewandelt
sind. Aber durch diese Instinkte, im Zusammenhang mit dem, was
aus jenen Bildungsstatten, die man eben Mysterien nennen kann,
erwachsen ist, ergab sich eine menschliche Seelenstimmung, durch
die man gar nicht anders konnte, als das, was des Menschen
Wesenskern ist, nicht hier in dem Umkreis des Lebens zu suchen,
der den menschlichen Leib in sich schliefit, sondern diese ganze
Lebensanschauung fuhrte dahin, auch gewissermafien instinktiv
sich zu erheben, im ganz popularen Bewufitsein sich zu erheben zu
dem hoheren Menschen im Menschen, zu demjenigen im Men-
schen, was wesentlich geistig-seelischer Art ist, zu demjenigen im
Menschen, was zwar im sinnlichen Leibe fur die Zeit zwischen
Geburt und Tod erscheint, was aber in sich selber ewig ist und einer
geistigen Welt angehort, in die man eben instinktiv hineinschaute.
Etwas Ubermenschliches, wenn ich diesen Ausdruck, der durch die
Nietzsche-Anhanger etwas bedenklich geworden ist, gebrauchen
darf, etwas Ubermenschliches wurde als das Wesen des Menschen
angesehen. Dasjenige, worauf der Mensch hinsah als auf sein eigenes
Wesen, war etwas, was iiber diesen gewohnlichen Menschen hinaus-
ging. Darin war jene Bildung grofi: den Menschen aufzusuchen
seinem Wesen nach in einem Geistig-Seelischen, das im Leiblichen
nur seinen Ausdruck findet, das aus geistig-seelischer Welt herein-
greift in das ganze Menschenwesen, dieses Menschenwesen in
seinen materiellsten Aufierungen vom Geistig-Seelischen aus diri-
gierend.
In vielen Metamorphosen, durch viele Umwandlungen hindurch
ist das, was da als Inhalt der Geistesbildung zustande kam, dann
ausgearbeitet worden im Orient, ist in weiten Umwandlungen
herubergekommen nach Griechenland. Es erscheint da, ich mochte
sagen, filtriert. Wahrend wir in der altesten Griechenzeit, die Fried-
rich Nietzsche genannt hat das tragische Zeitalter der Griechen,
noch etwas sehen von einem solchen Hinauflenken des ganzen
Menschen zum hoheren Menschen, tritt in der spateren Griechen-
zeit das ein, was man in einem umfassenderen Sinne das dialektische,
das rein intellektuelle Wesen des Menschen nennen kann. Es wurde
gewissermafien der ganze reiche und intensiv allmenschliche Inhalt
einer Urkultur filtriert und weiter und weiter filtriert, und im
verdiinntesten Zustande kam er heriiber in unser Zeitalter. Und so
bildet das die eine Stromung unseres Lebens, was durchaus hinauf-
ging zum geistig-seelischen Menschen und was dem Menschen ein
Bewufitsein gab, durch das er sich in jedem Augenblick des Lebens,
beim Gebet und bei der schmutzigsten Arbeit, als einen aufierlichen
Ausdruck fuhlte des geistig-seelischen Menschen.
Wir werden im dritten Vortrage sehen: das Mysterium von
Golgatha, von dem das Christentum in seiner Entwickelung auf
dieser Erde ausgegangen ist, stent als eine Tatsache fur sich da, die in
verschiedenen Zeitaltern in verschiedenster Weise begriffen werden
kann. Aber das, woraus man gepragt hat das nachste Verstandnis
dieses Mysteriums von Golgatha, das war das, was man an Bildung
vom Orient heriibergebracht hatte. Und im Grunde genommen lebt
in alledem, was wir auch heute noch aufbringen zum Begreifen des
Christentums, dasjenige, was letztes, allerdings geistesmafiig ver-
diinntes Erleben des Orients ist. Es gibt eine gewisse Eigentiim-
lichkeit dieser ganzen Seelenkonfiguration, die nur mehr in ihrer
letzten Metamorphose in uns lebt. Und diese Eigentumlichkeit mufi
man in dem Folgenden suchen.
So grofi und gewaltig diese Weltanschauung ist mit Bezug auf das
Hinaufgehen zum Ubermenschlichen im Menschen, herunter-
steigen zu dem, wozu die abendlandische, die westliche Zivilisation
gestiegen und worin sie grofi geworden ist, hatte diese orientalische
Zivilisation niemals konnen. Den Ubermenschen, den geistig-seeli-
schen, konnte sie hervorbringen, etwas anderes konnte sie nicht
hervorbringen. Es ist etwas, worauf ich in anderen Zusammen-
hangen hier schon hingedeutet habe. Gerade in der Zeit, als schon
die letzte Metamorphose des orientahschen Geisteslebens im
Abendlande begann Platz zu greifen, da fing ein Ansatz zu einem
neuen Geistesleben an, zu einem Geistesleben, das bis in unsere Zeit
in der Lebenspraxis allerdings gewaltige Bliiten hervorgebracht hat,
aber Bliiten ganz anderer Art als das eben geschilderte orientalische
Geistesleben. Sehen wir auf diese anderen Bliiten.
Auf folgende Tatsache mochte ich da noch einmal hinweisen. Ich
habe sie, wie gesagt, von anderen Gesichtspunkten aus auch hier
schon angefiihrt. Wenn wir heute die gebrauchlichen Handbiicher
durchschauen danach, wie viele Menschen auf der Erde sind, so
wird uns gesagt, ungefahr 1500 Millionen Menschen bewohnen die
Erde. Wenn wir auf das schauen, was innerhalb der menschlichen
Zivilisation gearbeitet wird, wenn wir auf die Arbeitskrafte schauen,
die in unserem Menschenwesen und Menschenleben tatig sind, dann
miissen wir merkwiirdigerweise etwas anderes sagen. Dann miilken
wir eigentlich sagen: die Erde arbeitet so, wie wenn sie nicht blofi
von 1500 Millionen Menschen, sondern von 2200 Millionen Men-
schen bewohnt ware. Seit drei bis vier Jahrhunderten arbeitet unsere
Welt der Maschinen so, daft dadurch Arbeit geleistet wird, die man
sich denken konnte auch von Menschen geleistet. Wir ersetzen
menschliche Arbeitskraft durch Maschinenkraft. Und wenn man
umrechnet, was unsere Maschinen leisten, in menschliche Arbeits-
kraft, so bekommt man heraus, wenn man achtstiindige Arbeitszeit
in Anschlag bringt, dafi in unserer Erdenarbeit drinnenstecken
sieben- bis achtmal hundert Millionen Menschen, das heifit, nicht
wirkliche Menschen, sondern menschliche Arbeit, die aber durch
Maschinen aufgebracht wird.
Das ist etwas, was hineingeliefert wird in die Menschheitszivili-
sation durch jene Geisteskrafte, die erwachsen sind dem Menschen
des Westens, jene Geisteskrafte, die niemals hatten in gerader Linie
sich entwickeln konnen aus jener inneren Geistes- und Seelenkul-
tur, die in so grandioser Weise zu dem Ubermenschen hinauf, zu
dem hoheren Menschen im Menschen, zu dem geistig-seelischen
Menschen sich aufgeschwungen hatte. Diese Kultur blieb in gewis-
sen Seelenhohen. Sie durchdrang nicht das, was wir heute prakti-
sches Leben nennen. Sie hatte niemals totes Metall oder sonstiges
Material in solchen Zusammenhang bringen konnen, daft mitten
unter den Menschen arbeitet, jetzt allerdings kein Ubermensch,
aber ein Untermensch, ein Mensch, der eigentlich gegeniiber den
Menschen aus Fleisch und Blut ein Homunkulus ist, ein Mecha-
nismus, der aber in die menschliche Kultur hereinstellt das, was
sonst Menschen hereinstellen konnten. Das ist das Wesentliche
unseres westlichen Geisteslebens. Es ist um so mehr charakteristisch
fur dieses westliche Geistesleben, je weiter wir nach dem Westen
kommen, wo aus diesem Geistesleben hervorgegangen ist der me-
chanische Mensch, der Untermensch, wie aus dem orientalischen
Geistesleben der seelisch-geistige Mensch, der Ubermensch hervor-
gegangen ist.
Dafi aber solches geschaffen werden konnte im Westen, das ist
hier nicht eine isolierte Erscheinung des Zivilisationslebens. Es
hangt ja zusammen mit der ganzen Ausbildung des Vorstellens,
Fuhlens und Denkens. Die Menschen, die diesen Homunkulus ins
Leben hereinstellten, die sind in ihrer ganzen Seelenverfassung
selbstverstandlich grofi nach der anderen Richtung hin als der
orientalische Mensch. Man kann heute das Leben nicht durch-
schauen, wenn man nicht diesen Gegensatz in seiner ganzen Intensi-
tat durchschauen kann. Denn auf der einen Seite tragt dieser moder-
ne Mensch in sich noch die letzte Metamorphose desjenigen, was
ihm vom Orient gekommen ist, und auf der anderen Seite nimmt er
auf schon seit Jahrhunderten das andere, was das Wesentlichste des
westlichen Geisteslebens ist. Ein Ausgleich ist heute noch nicht da.
Wie zwei getrennt voneinander fliefiende Stromungen, so stehen sie
da, die Stromung vom Ubermenschen, wenn auch sehr verandert,
die Stromung vom Untermenschen, wenn auch erst in ihrem Anfan-
ge. Und der moderne Mensch, der Mensch der Gegenwart, wenn er
zum Bewufitsein erwacht, dafi in seiner Seele unvermittelt diese
beiden Stromungen leben, er leidet seelisch, geistig und wohl auch
leiblich an dem Mifiklang, der da herauskommt. Gewifi, das sind
Dinge, die sich so tief in demjenigen abwickeln, was unbewufk und
unterbewufit bleibt, daft in das Bewufksein des Menschen herauf,
nicht allein nur in dieses, sondern sogar in seine Leibeskonstitution
ganz anderes eintritt als die eigentliche Ursache. Der moderne
Mensch findet sich nervos, findet sich unzufrieden in den Verhalt-
nissen. Hunderterlei konnte man anfiihren, wie dieser moderne
Mensch einen Mifiklang zwischen sich selbst und der Umgebung
fiihlt, wie dieser Mifiklang auch in seiner leiblichen Gesundheit zum
Ausdruck kommt. Das, was angefiihrt worden ist, das steckt dahin-
ter. Es steckt dahinter die grofie Frage: Wie bringen wir fiir die
Zivilisation der Zukunft das in Einklang, was den Untermenschen
hervorgebracht hat, mit dem, was in seiner letzten Phase in uns lebt
als Erbstuck einer Zivilisation, die zum geistig-seelischen Menschen
gefiihrt hat?
Dieses, was da liegt in den Kraften unserer Zivilisation, wie ich es
Ihnen eben angefiihrt habe, das sucht sich anthroposophisch orien-
tierte Geisteswissenschaft besonders vor die Seele zu stellen. Sie
sieht als ein notwendiges, von den bedeutsamsten Zeitforderungen
getragenes Ziel vor sich einen Ausgleich zwischen den Seelenkraf-
ten, die in der einen Richtung, und den Seelenkraften, die in der
anderen Richtung gefiihrt haben. Und sie ist sich bewufit, wie
ungeheuer notwendig und bedeutungsvoll es fiir die Menschheit ist,
die Wege zu finden zu diesem Ziele. Instinktiv habe ich das orientali-
sche Geistesleben genannt.
Aus den Instinkten der alten Menschen war dieses Geistesleben
herausgeboren. Wir haben es als Erbstuck erhalten. Aber wir haben
es erhalten in einem schon intellektualisierten Zustande; in Begrif-
fen, in Vorstellungen recht abstrakter Art hat es sich in unsere
Zivilisation hineingelebt. Denn wir haben nicht mehr die Instinkte,
die der ehemalige Trager dieses Geisteslebens hatte. Man mag, soviel
man will, davon phantasieren, dafi der gegenwartige Mensch zur
Naivitat zuriickkehren, dafi er wiederum instinktiv werden soil.
Man hat gewifi in einer Beziehung recht mit einer solchen Forde-
rung. Allein die Naivitat wird sich in anderer Weise ausdnicken als
fruher. Das Instinktleben wird nach anderen Richtungen gehen.
Und zu fordern, wir sollten so werden wie Menschen fruherer
Jahrtausende, das kommt gleich der Forderung: der Erwachsene
solle spielen wie das Kind. Nein, weder konnen wir zuriickgehen,
um unsere tiefsten Seelenbedurfnisse zu befriedigen, in die Zivili-
sation abgelebter Jahrtausende, noch konnen wir, wenn wir nicht in
Dekadenz verfallen wollen, als abendlandische Menschen «ex orien-
te lux» rafen; nein, das diirfen wir nicht rufen, aus dem Orient
komme uns das Licht. Denn das Licht, das heute dort ist, das hat
ebenfalls viele Metamorphosen durchgemacht, und wir konnen uns
durchaus nicht der Illusion hingeben, dafi das, was heute noch
irgendwo im Orient zu finden ist, eine Spiritualitat darstelle, die
irgendwie fruchtbar in unsere Zivilisation hineingreifen konne. Es
war eine Dekadenz der schlimmsten Art, als eine theosophische
Bewegung sich geltend machte aus den religiosen und Kulturbe-
diirfnissen des Abendlandes heraus, aus dem Maschinenzeitalter
heraus, das sich auch eine mechanistische Weltanschauung, die den
Menschen nicht befriedigen kann, gebildet hatte, es war Dekadenz
der schlimmsten Sorte, dafi man in dasjenige Gebiet ging, das die
heutige dekadente orientalische Nachfolgerschaft eines geistigen
Lebens friiherer Zeiten hat. Wenn man indische Kultur heute
aufgesucht hat, um sie der Theosophie des Abendlandes einzuver-
leiben, so zeigte das eben, wie unfruchtbar man geworden war, wie
nicht mehr sich die Schaffenskrafte regen aus dem eigenen Geistes-
leben heraus, wie man nur grofi sein konnte im Mechanistischen,
wie man aber keinen eigenen Weg fand in diejenigen Gebiete hinein,
die die Seele braucht zu ihrer Anschauung von dem wahren geistig-
seelischen Wesen des Menschen.
Diese Tendenz liegt iibrigens dem heutigen Leben nur allzu sehr
zugrunde. Sehen wir denn nicht, wie diejenigen, die mit dem
gegenwartigen Christentum unzufrieden sind, oftmals nachfor-
schen: Wie war das Christentum fruher? Wie war das Urchristen-
tum? Machen wir es wiederum so, wie es die Urchristen gemacht
haben. Als ob wir nicht fortgeschritten waren seither, als ob wir
nicht ein neues Verstandnis des Christentums brauchten! Oh, es ist
iiberall das Charakteristikon der Unfruchtbarkeit da, der Unmog-
lichkeit des eigenen Schaffens. Nein, das will anthroposophisch
orientierte Geisteswissenschaft nicht: Anleihen machen bei irgend-
einer alten Kultur oder bei der gegenwartigen Nachfolgerschaft
einer alten Kultur.
Gerade wenn man das Konkrete desjenigen begreift, worin an-
throposophisch orientierte Geisteswissenschaft wurzelt, wird man
das Gesagte leicht einsehen. Sie konnen horen, wie der heutige
Orientale noch, ich mochte sagen, wie nachbildend alte Methoden,
den Weg ins Geistige sucht in einem gewissen Atmungsprozesse, in
einer Regelung des Atmens diejenige Menschheitskonstitution aus-
zubilden sucht, durch die man innere Erkenntniskrafte und Fiih-
lenskrafte und Willenskrafte findet, um in die geistige Welt hinauf-
zusteigen, wo der geistig-seelische Mensch zu finden ist, wo wahre
Selbsterkenntnis ist. Der Orientale tut heute das, was der Orientale
in friiheren Jahrhunderten und Jahrtausenden immer fur solchen
Weg getan hat, er steigt herunter von dem blofien intellektuellen
Leben des Kopfes in das Leben des ganzen Menschen. Er weifi,
welcher innere organische Zusammenhang ist zwischen der Art, wie
wir ein-, wie wir ausatmen - ich werde in den nachsten Tagen davon
noch sprechen — und dem Vorgang unseres Vorstellens und Den-
kens. Aber er weifi auch, daft das Denken und Vorstellen wie
herauswachst aus dem Atmungsprozefi. Und so mochte er zuriick-
gehen zu der Wurzel des Denkens, zum Atmungsprozeft. In einer
Regulierung des Atmungsprozesses sucht er den Weg hinauf in die
geistige Welt. Diesen Weg konnen wir nicht nachmachen. Wiirden
wir ihn nachmachen, so wiirden wir siindigen wider unsere ganz
anders gewordene Menschenkonstitution. Das innere Gefiige unse-
res Gehirns und Nervensystems ist ein anderes als dasjenige, aus
dem die instinktive Geisteskultur des Orients hervorgegangen ist.
Wiirden wir heute als das Richtige ansehen, uns nur einem regu-
lierten Atmungsprozefi hinzugeben, so wiirden wir verleugnen das
intellektuelle Leben. Wir wiirden verleugnen das, wofiir wir heute
konstituiert sind.
Wir miissen, um die Wege in die geistige Welt hinaufzugehen,
andere Metamorphosen einschlagen. Wir miissen nicht mehr zu-
riickgehen vom Denken zu Leibesvorgangen wie dem Atem, wir
miissen das Denken selber ausbilden. Deshalb mufi heutige, auf der
Hohe ihrer Zeit lebende Geisteswissenschaft sprechen von einer
Ausbildung des intellektuellen Lebens, aber nicht desjenigen intel-
lektuellen Lebens, das man heute fast einzig und allein kennt.
Gerade dieses intellektuelle Leben hat uns fur den ganzen Umfang
des Lebens wie ausgedorrt gemacht, trocken und niichtern gemacht.
So sehr auch von einzelnen Seiten in der Gegenwart gewettert wird
gegen den einseitigen Intellektualismus, man bringt ja nichts auf, urn
diesen Intellektualismus wirklich bekampfen zu konnen. Man fuhlt,
die blofien Begriffe, auch diejenigen, die aus der ernsten und
gewissenhaften Wissenschaft genommen sind, lassen die Seele kalt,
so dafi sie die Wege durch das wahre Leben nicht findet. Aber man
findet andererseits nicht die Moglichkeit, dieses intellektuelle Leben
nach einer Richtung hin zu lenken, die befriedigend sein kann, weil
man gerade dasjenige vermeiden will, was die hier gemeinte Gei-
steswissenschaft als das Richtige fur den Gegenwartsmenschen
ansehen mu8. Der Gegenwartsmensch kann nicht, wenn er einsieht
die Trockenheit, die Nuchternheit, das Einseitige des blofien Intel-
lektualismus, aus irgendeinem, wie man oftmals sagt, vorgedank-
lichen, primitiven elementarischen Leben heraus Emotionen holen,
urn sich aufzubessern als intellektueller Mensch. Er kann nicht, ich
mochte sagen, in einem blindwiitigen Leben, das man nicht versteht,
dasjenige suchen, was er aufierlich anleimen will an die intellektua-
listische Zivilisation.
Deshalb sucht anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft
durch ubungsmafiige Entwickelung der Seele dasjenige, wonach
dieser moderne Mensch eigentlich zur wirklichen Befriedigung
seiner Seele lechzt. Im einzelnen habe ich beschrieben im zweiten
Teil meiner «Geheimwissenschaft», in meinem Buch «Wie erlangt
man Erkenntnisse der hoheren Welten?» und in anderen meiner
Schriften, wie dieser Weg in einer dem abendlandischen Menschen
angemessenen Weise gegangen werden soil. Prinzipiell will ich nur
andeuten, dafi es sich darum handelt, das Seelenleben so in die Hand
zu nehmen, dafi man allerdings vermeidet, Vorstellungen, Begriffe,
Ideen ins Hochste hineingehend zu entwickeln, daft man also nicht
einseitig bloft das Gedankenleben entwickelt, sondern die Seele so
iibt, da£ mit den Gedanken selber, die da kommen, die sich
verbinden, die sich trennen, die lebendigsten Gefiihle sich verbin-
den. Wahrend heute der einseitige Intellektualist niichtern in seinern
Gedankenleben ist, aber auch dieses Gedankenleben spazieren lafit
auf dem dem Leben fremden Gebiete der Wissenschaft oder auf
anderen Gebieten und sonst gedankenlos sich ins Leben hineinlebt,
sucht dasjenige, was anthroposophisch orientierte Geisteswissen-
schaft ihr Uben nennt, ins Denken sich zu vertiefen, aber an dieser
Vertiefung des Denkens Gefiihl zu entwickeln, so daft man sich
freuen kann, zornig werden kann, dafi man hassen und lieben kann
das, was man nur denkt, wie man Menschen hafit und liebt, wie man
zornig wird iiber aufiere Ereignisse, dafi ein ganzes inneres Leben
aufgeht, in solcher Lebendigkeit aufgeht, wie das aufiere Leben ist.
Dafi dies systematisch gemacht werden kann, dafur sollen eben die
genannten Biicher Zeugnis ablegen.
Dann aber, wenn der Mensch solche Wege aufsucht, wenn er
wirklich das, was sonst in seinem Inneren schlaft an Erkenntnis-, an
Fiihlens- und Wollenskraften, zur Entwickelung bringt, wenn er
also nicht vom Leibe aus, wie die alte orientalische Kultur, in einem
regulierten Atmungsprozefi, sondern von der Seele und vom Geiste
aus seine Entwickelung in die Hand nimmt, dann findet er den Weg
in die geistige Welt hinein. Und was wendet er fur Krafte an? Er
wendet die Krafte an, durch die seine Zivilisation grofi geworden ist.
Er wendet die Krafte an, die er auch anwandte, indem er seine
Maschinen ausbaute, indem er seine mechanistischen Kopernikani-
schen, Galileischen, Keplerschen, Newtonschen astronomischen
Anschauungen entwickelte. Was von unserem Geiste und von
unserer Seele in die Maschinen hinein sich an Scharfsinn des Vorstel-
lens entwickelt, was lebt in unserer Astronomie, in unserer Chemie,
was liegt in unserem sozialen Leben, alles das wird ausgebildet. Der
Orientale hatte das gar nicht. Er hatte sein Seelenleben nicht bis zu
diesen Seelenkraften fortsetzen konnen. Er mufite zur Atmung des
Leibes gehen, um den Erkenntnisweg zu beschreiten. Wir miissen
einsetzen da, worinnen wir im aufieren praktischen Leben einset-
zen. Wir miissen von denselben Seelen- und Geisteskraften ausge-
hen, die in unserer mechanistischen Kultur leben, die den Unter-
menschen in sieben- bis achthundert Millionen Exemplaren hervor-
gebracht haben. Wir miissen einen neuen Orient, das heifit, ein
Erschauen des Hoheren, des Ewigen, des unsterblichen Menschen
aus dem Sinnlichsten, aus dem Maschinellsten, aus demjenigen
herausbilden, was unserer abendlandischen Zivilisation als der Weg
zum Untermenschen sich erweist.
Allerdings, es ist den modernen Menschen nicht in alien Punkten
sympathisch, was also in die moderne Zivilisation sich hineinstellen
will. Denn dieser moderne Mensch, er verlangt ja eben, das Kind
solle sich entwickeln, denn das kann noch nicht selber die Entschei-
dung iiber seine Entwickelung treffen. In dem Augenblick, wo er
selber die Entscheidung treffen soli, da lafit er sich nicht mehr ein auf
die Entwickelung; da ist man fertig; da lalk man sich in die
Stadtversammlung, ins Parlament wahlen, denn man weifi ja alles.
Man kennt alles. Man braucht nicht mehr hinunterzusteigen zu der
Entwickelung der Fahigkeiten, durch die man etwas weifi. Man ist
Kritiker fur alles, wenn man nur einmal zum Bewufitsein seiner
Willkiir gekommen ist, wenn nur die anderen allein nicht mehr
herummurksen diirfen in bezug auf die Entwickelung. Dieser mo-
derne Mensch, er mufi eben den Weg suchen, hinaufzusteigen
wiederum zu jenen Hohen, wo man findet den geistig-seelischen
Menschen.
Nun ist die Sache ja so, dafi vorlaufig der innere Antrieb, diesen
geistig-seelischen Menschen zu suchen, den Weg zu diesen Erkennt-
nissen zu beschreiten, noch ein entsagungsvoller ist, denn dieser
Weg fordert ein Leben, das allerdings in Schmerzen und Leiden vor
sich geht, ein Leben, das heute noch nicht jeder gehen mufi, nicht
jeder gehen kann, auch nicht jeder zu gehen braucht. Aber geradeso,
wie nicht jeder ein Chemiker werden kann, aber die Ergebnisse der
Chemie fur alle Menschen nutzlich werden konnen, wie nicht jeder
ein Astronom werden kann, aber die Ergebnisse der Astronomie in
alle Seelen hineinspielen konnen, so kann es wenige Geistesforscher
geben, aber die Ergebnisse dieser Geistesforschung, sie konnen -
das habe ich hier oftmals gesagt - mit dem gewohnlichen gesunden
Menschenverstande begriffen werden. Die wenigen Geistesforscher
konnen ihre geistigen Schauungen mitteilen, und der gesunde Men-
schenverstand wird sie begreifen. Aber das leugnen ja heute gerade
die Menschen. Sie kommen und sagen: Was du Geistesforscher uns
mitteilst, das mogen schone Phantasien sein; aber wir zergliedern es
logisch, wir lassen es nicht gelten, denn vor unserem Menschenver-
stand zeigt es sich nicht. Zum hoheren Schauen haben wir uns noch
nicht hinaufgebildet.
Man erfahrt ja auf diesem Gebiete ganz sonderbare Dinge. Eben
ist wieder eine Broschiire erschienen uber das, was ich als anthropo-
sophisch orientierte Weltanschauung vor der Menschheit heute zu
vertreten habe. Da sagt ein Mann, der, nun, «Universitatsprofessor»
ist, der sagt da, wo er mich abkanzelt als Philosoph und, wie er sagt,
als Theosoph: Ja, da behauptet dieser Steiner, dafi man ja auch ein
Chemiker werden miisse, um die chemischen Dinge zu verstehen,
ein Physiker werden miisse, um die physischen Dinge zu verstehen;
das kann man ihm zugeben. Aber nun ist es sehr merkwurdig, wie
sich dieser Herr sonderbar verhalt. Er sagt: Jeder kann einverstan-
den sein damit, dafi die Chemiker dieses oder jenes behaupten, denn
wenn er selbst Chemiker wird, so wird er ja einsehen, dafi das richtig
ist; jedermann kann einverstanden sein mit dem, was die Physiker
behaupten, denn wenn er selbst Physiker wird, so wird er einsehen,
dafi das richtig ist, was die Physiker sagen. Aber um dasjenige
einzusehen, was Geisteswissenschaft sagt, miifite man ja besondere
Fahigkeiten entwickeln.
Etwas anderes sage ich aber auch nicht. Wie der Mensch, um tiber
Chemie ein Urteil zu haben, Chemiker werden mufi, wie der
Mensch, um tiber Physik ein Urteil zu haben, Physiker werden
mufi, so mufi der Mensch, um uber Geisteswissenschaft zu ent-
scheiden, Geisteswissenschafter werden. Aber nun sagt, seinen Text
weitersetzend, jener sonderbare - vielleicht ist er gar nicht sonder-
bar - Universitatsprofessor: Es handelt sich nicht darum, dafi das,
was Steiner behauptet, sich nur vor geisteswissenschaftlich geschul-
ten Leuten rechtfertigen lafit, sondern es mufi sich vor mir recht-
fertigen lassen! Das heifit, es mufi sich rechtfertigen lassen vor dem,
der nicht nur keinen Dunst davon hat, sondern sich auch nicht
verschaffen will.
Das ist allerdings ein «gesunder Menschenverstand», in Anfiih-
rungszeichen geschrieben, der nicht taugt, das zu verstehen, was
Geisteswissenschaft zu verzeichnen hat. Der unbefangene gesunde
Menschenverstand wird es fassen. Ja, man wird iiber diese Dinge
vielleicht in der Zukunft noch ganz anders denken, als man heute in
vielen Kreisen gewohnt ist, zu denken. Die Welt ist da. Die Philoso-
phen haben sich immer gestritten urn die Welt. Nun, die Philoso-
phen werden doch gesunden Menschenverstand haben. Und man
kann sogar sagen, wenn man unbefangen ist: die Philosophie ist
besser als ihr Ruf. Aber die Philosophen streiten sich. Und ist man
unbefangen, so kann man sogar demjenigen einen gewissen Scharf-
sinn auf philosophischem Gebiete zubilligen, der das Gegenteil von
dem sagt, was eben ein anderer vorbringt, wiederum aus einem
gewissen Scharfsinn heraus. Ja, man kommt, wenn man hier auf
diesem Gebiete unbefangen ist, dazu, ein sehr merkwurdiges Urteil
iiber den gesunden Menschenverstand zu gewinnen. Er ist da. Die
Leute reden im allgemeinen in diesem gesunden Menschenverstand.
Aber er ist ja gar nicht geeignet, die Welt zu begreifen, sonst
brauchten sich die Philosophen nicht zu streiten. Die Welt, die
aufierlich den Sinnen vorliegt, so ohne weiteres zu begreifen, dazu
scheint gar nicht zu taugen dieser gewohnliche gesunde Menschen-
verstand. Man probiere es einmal, ob er dasjenige begreift, was
Geisteswissenschaft zu sagen hat, und man wird sehen: der Weg
wird sich eroffnen, dafi man gerade das begreifen wird. Es ist
Wischiwaschi, nicht einmal blofi ein Vorurteil, wenn man sagt:
Geisteswissenschafter behaupten auch verschiedenes; der eine das
oder der andere das. Das sagt man ohne Kenntnis der Tatsachen.
Lernt man die Tatsachen kennen, so wird man dies nicht mehr
behaupten.
So wird allerdings manches Vorurteil und namentlich manches
Vorempfinden iiberwunden werden miissen, wenn sich die hier
gemeinte anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft in das
moderne Leben hineinstellen soil. Aber sie wird sich hineinstellen
miissen. Denn der Weg wird gefunden werden miissen, urn die
beiden Ihnen heute gekennzeichneten Geistesstrornungen zu ver-
binden. Wir konnen keine Reaktionare werden, um zuriickzukeh-
ren zu fr 11 Keren Geistesbildungen. Wir miissen uns hineinstellen in
dasjenige, was das naturwissenschaftliche, das mechanistische Zeit-
alter hervorgebracht hat. Aber wir miissen die Krafte, die einen
Kopernikus, einen Galilei, einen Giordano Bruno, einen Rontgen,
einen Becquerel und so weiter bis in unsere Tage hervorgebracht
haben, wir miissen die Krafte so weit vergeistigen, dafi wir durch
dieselben Krafte der menschlichen Seele, durch die wir Maschinen
bauen, auch hinaufsteigen zur Erkenntnis des geistig-seelischen
Menschen. Dann werden wir nicht mehr blofi vom Geiste reden,
dann werden wir dem Streben nach dem Geiste einen Inhalt zu
geben vermogen.
Das ist es, was dem tieferen Betrachter der Gegen warts zivilisa-
tion so nahegeht, dafi die Leute heute viel vom Geiste reden, aber
diesem Reden vom Geiste keinen Inhalt geben. Dadurch entstehen
Weltanschauungen auf der einen Seite, entsteht die Lebenspraxis
unorganisch mit diesen Weltanschauungen verbunden auf der ande-
ren Seite so, wie sich ausnehmen wtirde unsere geisteswissenschaft-
lich schaffende Weltanschauung in einem Hause, das einen alten
Baustil tragt. Unsere geisteswissenschaftlich orientierte Weltan-
schauung will in Bauformen leben, die aus ihr selbst geboren sind.
Sie soil so schaffen und kann so schaffen, dafi sie das au£ere
materielle Leben bis in die technischen Einzelheiten, bis in die
sozialen Verkettungen zu durchdringen vermag. Dann wird diese
Geisteswissenschaft der Trager einer Zivilisation werden konnen,
die die rechten Wege findet zu den Zielen, die heute angedeutet
worden sind. Dann wird diese Geisteswissenschaft es sein, welche
nicht mehr grofi werden lafit jenes Leben, von dem man sagen kann:
Nun ja, einzelne streben wieder nach dem Geiste hin; sie verlangen,
dafi der Mensch, der in der Fabrik hart arbeitet, nicht mehr blofi in
der Fabrik arbeitet, sondern dafi er Zeit genug iibrig habe, um sich
auch dem Geiste zu widmen. Oh, nein, das verlangt Geisteswissen-
schaft nicht allein, dafi man in der Fabrik zu arbeiten hat und, wenn
man die Tiire hinter sich zuschliefit, dann heraustritt aus der Fabrik,
um da das Geistesleben zu finden. Nein, das Umgekehrte verlangt
Geisteswissenschaft, dafi, wenn man sie aufschlieik, die Fabrik, um
zur Arbeit zu gehen, man den Geist hineintrage, damit jede Maschi-
ne durchgeistigt ist von dem, was auch die Weltanschauung in die
hochsten Hdhen des Erkennens, des Unsterblichen hinauftragt.
Nicht Zeit iibrig lassen fur den Geist mochte die Geisteswissen-
schaft, sondern alle Zeit durchtranken von dem, was der Mensch als
den Inhalt seines Geistes finden kann.
Nun, die Menschen schreien heute vielfach nach Geist. Eben ist
ein Buch iiber den Sozialismus erschienen - es gibt allerlei gefuhl-
volle und auch manchmal verstandige Anschauungen - von Robert
Wilbrandt, dem Tubinger Universitatsprofessor. Es tont aus: Ja,
aber wir kommen mit dem Sozialismus doch nicht weiter, wenn wir
nicht den neuen Geist, die neue Seele finden. Auf den letzten Seiten
des Buches also der Schrei nach dem Geist, nach der Seele! Fiihrt
man einen solchen Mann, eine solche Personlichkeit jedoch dahin,
wo dem Geiste Inhalt gegeben werden soli, wo man nicht nur in
abstracto nach dem Geiste und der Seele deutet, wo man von
geistigen und Seeleninhalten spricht, wie sonst die Naturwissen-
schaft von naturlichen Inhalten spricht, da driickt sich die betref-
fende Personlichkeit hinweg, da hat sie nicht den Mut, zum wirkli-
chen inhaltsvollen Geiste sich zu bekennen. Und so sehen wir das
bei vielen. Sie schreien nach dem Geiste. Aber wenn dann der Geist
einen wirklichen Inhalt sucht, dann finden sie sich nicht ein. Sie
bleiben beim blofien Hinweisen auf ein abstraktes Zusammen-
schliefien der Menschenseelen mit dem Geistigen. Das ist dasjenige,
was anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft als Weg
sucht: den Weg zum wirklichen geistigen Inhalte, zu einer wirkli-
chen geistigen Welt, aus unseren eigenen organischen Erkenntnis-
kraften heraus als Ziel sucht: sich die blofi unorganisch in uns
zusammengefugten zwei Stromungen, den Orientalismus und den
Okzidentalismus, zu einem Streben auszubilden, das aus unserem
eigenen Streben den Weg wie hinunter in den Mechanismus, so
hinauf in die hochste Spiritualitat findet.
Den weiteren Ausfiihrungen dieses Themas, die ich morgen und
iibermorgen geben werde, wo auch manches wird breiter charakteri-
siert werden konnen, als ich das heute in der Einleitung tun konnte,
will ich zum Schlusse heute nur das Folgende noch vorausschicken.
Der Ruf nach einer neuen Geistigkeit, er geht heute durch viele
Herzen, durch viele Gemiiter, und in einer gewissen Weise ahnt
man schon, dafi unser Ungliick, das sich so furchtbar, so schrecklich
geoffenbart hat in den letzten funf Jahren, in der aufieren Welt
zusammenhangt damit, dafi unser Geist in eine Sackgasse geraten
ist. Dafi durchbrochen werden miisse eine Wand, um vorwartszu-
kommen im Geiste. Geahnt wird, dafi wir im Sozialen, im Politi-
schen, im aufierlich Technischen nicht weiterkommen ohne einen
neuen Geist. Ein Mann, der vielleicht nicht immer eine ganz vorteil-
hafte, aber doch vielleicht eine gescheitere Rolle als mancher seiner
Kollegen unter den «Staatsmannern» - ich sage das in Anfuhrungs-
zeichen, wenn ich von Staatsmannern heute spreche - in den letzten
Jahren gespielt hat, der hat nun auch - Staatsmanner und Generale
schreiben ja heute Kriegserinnerungen -, der hat nun auch seine
Kriegserinnerungen geschrieben. Sie endigen mit den folgenden
Worten:
«Der Krieg geht weiter, wenn auch in veranderter Form. Ich
glaube, dafi die kommenden Generationen das grofie Drama, wel-
ches seit funf Jahren die Welt beherrscht, gar nicht den Weltkrieg
nennen werden, sondern die Weltrevolution...»
Das sagt Czernin, der osterreichische Staatsmann. Also wenig-
stens einer sieht schon Dinge ein, wie sie zusammenhangen, wenn
auch noch in sehr beschranktem Mafie. Und er fahrt fort:
«... und wissen werden, dafi diese Weltrevolution nur mit dem
Weltkrieg begonnen hat. Weder Versailles noch Saint Germain
werden ein dauerndes Werk schaffen. In diesem Frieden liegt der
zersetzende Keim des Todes. Die Krampfe, die Europa schutteln,
sind noch nicht im Abnehmen. So wie bei einem gewaltigen Erdbe-
ben dauert das unterirdische Grollen an. Immer wieder wird sich
bald hier, bald dort die Erde offnen und Feuer gegen den Himmel
schleudern, immer wieder werden Ereignisse elementaren Charak-
ters und elementarer Gewalt verheerend iiber die Lander sturmen.
Bis alles das hinweggefegt ist, was an den Wahnsinn dieses Krieges
und die franzosischen Frieden erinnert.
Langsam, unter unsaglichen Qualen, wird eine neue Welt gebo-
ren werden. Die kommenden Generationen werden zuriickblicken
auf unsere Zeit wie auf einen langen bosen Traum, aber der schwar-
zesten Nacht folgt einmal der Tag. Generationen sind in das Grab
gesunken, ermordet, verhungert, der Krankheit erlegen. Millionen
sind gestorben in dem Bestreben, zu vernichten und zu zerstoren,
Hafi und Mord im Herzen.
Aber andere Generationen erstehen und mit ihnen ein neuer
Geist. Sie werden aufbauen, was Krieg und Revolution zerstort
haben. Jedem Winter folgt der Friihling. Auch das ist ein ewiges
Gesetz im Kreislauf des Lebens, dafi dem Tod die Auferstehung
folgt.
Wohl denen, die berufen sein werden, als Soldaten der Arbeit die
neue Welt mitaufzubauen.»
Auch hier aus einem beschrankten staatsmannischen Geist der
alten Zeit heraus der Ruf nach dem neuen Geiste. Nun ja, dieser Ruf
nach dem neuen Geiste mufi nur begriffen werden und wahr und
ernst genug in den Menschenseelen Wurzeln fassen. Denn auch das
Aufierlichste im Leben hangt mit dem Innerlichsten, die aufierlich-
sten materiellen Ereignisse mit den innerlichsten geistigen Erleb-
nissen zusammen. Und wenn wir anschauen, was sich als der Geist,
der im Beginn des 20. Jahrhunderts seinen Hohepunkt erreicht hat,
ausgelebt hat in den Ereignissen der letzten Jahre, dann werden wir
verstehen, dafi der Ruf eintreten mufi nach einem neuen Geistes-
leben. Mit diesem neuen Geistesleben mochte ihre Wege und Ziele
die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft zum Aufbau
der Welt ebenso verbunden haben, wie diejenigen geistigen Bestre-
bungen, die sie bekampfen, ersichtlich verbunden sind mit den
furchtbaren Ereignissen der letzten Jahre.
Ich habe noch in diesen Tagen einen merkwiirdigen Vortrag
gelesen, der im Baltenlande gehalten worden ist - merken Sie auf das
Datum - am 1. Mai 1918. Da klingt der Vortrag eines Physikers, am
1. Mai 1918, aus in die Worte: Der Weltkrieg hat doch gezeigt, da£
noch zu isoliert dastehen die geistigen Bestrebungen der Gegen-
wart, die wissenschaftlichen Arbeiten der Gegenwart. Der Welt-
krieg - so ungefahr sagt dieser Physiker - hat uns gelehrt, dafi
zukiinftig dasjenige, was in den wissenschaftlichen Laboratorien
gearbeitet wird, in innerem organischem Zusammenhange, in fort-
wahrendem innerem Ideenaustausch mit dem stehen mufi, was in
den Generalstaben gearbeitet wird. Es mufi ein innigstes Biindnis
angestrebt werden - so sagt dieser Physiker - zwischen der Wissen-
schaft und dem Generalstab. Darin sieht er das Heil der Zukunft!
Man sieht, die Wissenschaft der Vergangenheit kann Biindnisse,
die zwischen ihr und den zerstorendsten Kraften der Menschheit
geschlossen werden, sogar als Ideal ansehen. Anthroposophisch
orientierte Geisteswissenschaft mochte das Biindnis zwischen ih-
rem geistigen Streben und alien wahrhaft aufbauenden Kraften der
Menschheitszivilisation schliefien.
DIE GEISTESWISSENSCHAFTLICHEN GRUNDLAGEN
DER LEIBLICHEN UND SEELISCHEN GESUNDHEIT
Zweiter Vortrag, Basel, 6. Januar 1920
Bevor ich anschliefiend an die gestrigen einleitenden Ausfuhrungen
iiber Wege und Ziele der Geisteswissenschaft morgen zu jenen
wichtigen, insbesondere das Interesse der Gegenwart unmittelbar
beriihrenden Konsequenzen dieser Geisteswissenschaft schreiten
werde, welche den geisteswissenschaftlichen Gesichtspunkt fur die-
sittlichen, sozialen und religiosen Krafte des Menschenwesens be-
handeln, mochte ich heute eine Betrachtung einfiigen iiber dasjeni-
ge, was Geisteswissenschaft zu sagen hat iiber leibliche und seelische
Gesundheit des Menschen. Gerechtfertigt wird eine solche Betrach-
tung wie die heutige ja auch deshalb sein, weil schliefilich der
Mensch sich nur dann menschenwerte und menschenwiirdige sittli-
che Ziele setzen, soziale Aufgaben stellen und ein entsprechend
religioses Leben aus den Untergriinden seiner Seele wird hervor-
bringen konnen, wenn zugrunde liegt diesen seinen Zielsetzungen
und Hervorbringungen das, was man nennen kann seine auf leib-
licher, seelischer und geistiger Gesundheit ruhende Tiichtigkeit.
Sie werden von vornherein voraussetzen, dafi, wenn im geistes-
wissenschaftlich-anthroposophischen Sinne iiber die Grundlage des
Gesundseins gesprochen werden soli, dann gerade die geistigen und
seelischen Faktoren, die dabei in Betracht kommen, besonders
beriihrt werden. Nun stofit man aber mit einer solchen Betrachtung
sofort auf eine der altesten und zu gleicher Zeit, man darf sagen,
strittigsten Fragen menschlicher Weltanschauung: auf die Frage
nach dem Zusammenhange des Seelisch-Geistigen in der Men-
schenwesenheit mit dem Leiblich-Physischen uberhaupt. Vieles ist
nachgedacht, vieles ist nachgeforscht worden mit den Mitteln ver-
schiedener wisseiiscliaftlicher Gebiete iiber diese Frage: Wie verhalt
sich eigentlich das Geistig-Seelische des Menschen zum Leiblich-
Physischen?
Die hier eemeinte Geisteswissenschaft iv.x\il sich auf den Stand-
o
punkt stellen, dafi sie diese Frage so, wie sie gewohnlich gestellt
wird, nicht von vornherein schon als eine richtig gestellte ansehen
kann. Man fragt gewohnlich: Wie verhalt sich des Menschen Geist
oder Seele zu seinem Leib, zu seiner physischen Organisation? Man
beriicksichtigt dabei nicht, ob das, was wir die unter die Willkiir
gestellte Seelenverfassung und Seelentiichtigkeit des Menschen nen-
nen konnen, nicht vielleicht in verschiedener Weise bei verschie-
denen Menschen ein besonderes Verhaltnis begriindet zwischen
Geist und Leib, ob nicht eingreifen konnte durch gewisse Verhalt-
nisse der Mensch gerade durch diese Krafte, die er in seiner Seele
entwickelt, in seine leibliche Organisation. Und diese Frage kann
eigentlich nur eine geisteswissenschaftliche Betrachtung behandeln,
wie diejenige ist, die ich mir erlaubte gestern vor Ihnen anzustellen.
Denn gerade wenn wir das in Betracht ziehen, was die Wissenschaft
des Abendlandes in dem Sinne, wie sie gestern charakterisiert
worden ist, zu ihren Triumphen gefiihrt hat, so miissen wir sagen: es
ist dies nicht ein Element, das zum Menschen hinfiihrt, sondern es
ist ein Element, das in einer gewissen Beziehung eigentlich vom
Menschen entfernt.
Was strebt der Wissenschafter, welcher die Grundsatze der letz-
ten drei bis vier Jahrhunderte angenommen hat, fur seine Wissen-
schaft besonders an? Er strebt besonders an, solche Vorstellungen
tiber die aufieren Dinge und auch iiber den Menschen zu gewinnen,
in die sich moglichst wenig, ja womoglich gar nicht einmischen die
menschlichen Gefuhle und Willensimpulse. Je mehr man alles das,
was man das Subjektiv-Personliche nennen kann, auseinanderzu-
halten vermag von wissenschaftlicher Betrachtung, um so mehr
glaubt man das Ideal dieser wissenschaftlichen Betrachtung erfiillt.
Der Physiker, der Biologe glaubt heute seiner Aufgabe nicht mehr
nachkommen zu konnen, wenn er irgend etwas, was nur innerlich in
der Seele erfafit werden kann, in seine Feststellungen einmischt.
Wenn ich erinnern darf an dasjenige, was ich als ein allerdings
einer weiten Vergangenheit angehoriges Ideal orientalischer Weltbe-
trachtung gestern charakterisierte, so mufi gesagt werden: da dort
der ganze Mensch herangezogen wurde zu jener Umwandlung, zu
jener Entwickelung der Menschennatur, die im Orient die Grundla-
ge zu einer Weltanschauung bildeten, so war diese Methode das
vollige Gegenbild von dem, was uns heute als wissenschaftliches
Ideal erscheint.
Nun mufi man, wenn man sich solchen Dingen hingibt, heute gar
viele Vorurteile abstreifen, die da gelten, ich mochte sagen, als
Selbstverstandlichkeit, die aber in kurzer Zeit keine Selbstverstand-
lichkeiten mehr sein werden, sondern Vorurteile, die durch die
Menschheitserziehung der letzten drei bis vier Jahrhunderte bedingt
sind.
Wenn man wirklich eingeht auf den Grundcharakter desjenigen,
was all unser durch die Wissenschaft impragniertes Denken kenn-
zeichnet, so findet man, dafi eigentlich vor diesem Denken heute nur
ein Teil, ein Glied der ganzen Menschennatur Gnade findet: dasjeni-
ge, was man nennen kann das intellektualistische Element, das
Element, das zu den gefuhls- und willensfreien Gedanken aufsteigt,
das nichts hinzutun will aus der eigenen, subjektiven Menschenna-
tur zu diesem Vorstellen. Dadurch aber nimmt gerade an der
wichtigsten wissenschaftlichen Arbeit der ganze Mensch als solcher
nicht teil, sondern nur dasjenige vom Menschen, was eben der
Trager des intellektualistischen Seelenlebens ist.
Was ich gestern charakterisierte als das wahrhaft abendlandische
Streben nach einer geisteswissenschaftlichen Weltanschauung, das
will wieder, ohne etwa zuriickzukehren zu orientalischen Idealen,
aus der ganzen Menschennatur heraus die Seelenkrafte entwickeln,
die eine Weltanschauung produzieren. Daher mufite ich gestern
etwa in der folgenden Weise die Erkenntniswege charakterisieren,
die zu einer solchen anthroposophisch orientierten geisteswissen-
schaftlichen Weltanschauung fuhren. Wahrend der Mensch, der
blofi wissenschaftlich ist, mit seinen Experimenten oder mit seiner
Naturbeobachtung zusammen das intellektualistische Vorstellen
entwickelt, mufi derjenige, der zu einer geisteswissenschaftlichen
Anschauung aufsteigen will, aus den Tiefen seines Seelenlebens
heraufholen gelauterte Gefuhle, gelauterte Willensimpulse. Er mufi
sich allerdings versenken in eine Gedankenweit. Er mufi ebenso
intellektualistisch arbeiten konnen wie nur der exakteste Wissen-
schafter. Aber er steht mit seinem Menschen in anderer Weise als
dieser exakte Wissenschafter zur Intellektualitat. Er versenkt sich in
Ideenwelten, er versenkt sich in dasjenige, was sonst nur der blasse,
schattenhafte Gedanke liefert. Aber so, wie man sonst nur an den
Ereignissen des aufieren Lebens mit seinen Sympathien und Antipa-
thien, mit seiner ganzen Gefuhlswelt teilnimmt, wie man sonst nur
an den Forderungen des Lebens mit seinen Willensimpulsen teil-
nimmt, so begleiten bei demjenigen, der den Weg in die geistige
Welt hinein suchen will im Sinne dieser Geisteswissenschaft, das
Fiihlen, das Wollen, die Sympathien und Antipathien den Gedan-
ken, die Ideen. Mit der Art und Weise, wie die Ideen wirken, wie sie
sich zueinander stellen, verbindet man ein innerliches Sympathie-
und Antipathie-Element, ein innerliches Wollen, das man sonst nur
etwa dem Menschen von Fleisch und Blut oder der Natur in
geringerem Sinne entgegenbringt oder das man entwickelt, wenn
man Hunger oder Durst hat, oder wenn andere Aufgaben des
gewohnlichen Lebens gestellt sind. So innerlich lebendig wie im
Wollen unter dem Einflusse von Hunger und Durst, wie in den
Gefuhlen, die man zu geliebten oder gehafiten Menschen entwik-
kelt, so innerlich lebendig ist man bei den Methoden, die zur
geisteswissenschaftlichen Einsicht fuhren sollen. Der ganze Mensch
mit seinem Fiihlen und Wollen nimmt teil an diesen Methoden.
Das entwickelt eben andere Erkenntnisse, andere Verhaltnisse zur
Aufienwelt und auch zu den anderen Menschen als blofi das intel-
lektualistische Treiben.
Wenn nun diejenigen Erkenntnisse, die auf diese Weise Inhalt der
Geisteswissenschaft werden - die ja aller dings fur die weitesten
Kreise der gegenwartigen Menschheit ein Buch mit sieben Siegeln
sind, nicht etwa, weil die Geisteswissenschafter dieses Buch mit
sieben Siegeln versiegeln, sondern weil diejenigen, die herangehen
sollten an diese Geisteswissenschaft, damit sie nicht heranzugehen
brauchen, erst mit den sieben Siegeln ihrer Vorurteile und ihres
Hohnes und Spottes es versiegeln wenn dieser Inhalt der Geistes-
wissenschaft dann von den Menschen aufgenommen wird, wenn
sich die Seele des Menschen mit ihm vereint, so wirkt er daher auch
anders als der Inhalt des blofi intellektualistischen Wissens. Er
ergreift unmittelbar die ganze Seele des Menschen. Er giefk Ener-
gien, Krafte in diese ganze Seele des Menschen. Und wenn der Inhalt
der Geisteswissenschaft so gewonnen ist, dafi er entspricht den
grofien weltgesetzlichen Zusammenhangen, dann gielk er gewisser-
mafien dieselben Krafte in die menschliche Seele, aus denen der
menschliche Organismus aufgebaut ist. Denn der menschliche Or-
ganismus ist aus den Kraften der Welt heraus aufgebaut. Das
geisteswissenschaftliche Erkennen geht wiederum zuriick zu diesen
Kraften der Welt. Also mufi es ein innerliches Zusammenstimmen
zwischen demjenigen geben, was aus der Weltgesetzlichkeit heraus
erkannt wird durch Geisteswissenschaft, und dem, was bei der
Organisation des Menschenwesens entsteht als der Mensch selbst,
indem der Mensch aus den Grundlagen der Weltenordnung heraus
seine eigene Organisation empfangt.
Das aber hat zur Folge, dafi ein ganz anderes Verhaltnis besteht
zwischen dem, was man als Inhalt der Geisteswissenschaft auf-
nimmt, und der ganzen Entwickelung des Menschen, als zwischen
dem, was nur den Intellekt beschaftigt, wie die Naturwissenschaft
oder wie heute die Sozialwissenschaft und ahnliches, und diesem
Menschen selbst. Aber es gibt etwas, was dieses Verhaltnis verhullt.
Dadurch ist es schwierig fiir den, der noch nicht in den eigentlichen
Sinn der Geisteswissenschaft eingedrungen ist, sich iiber solche
Dinge genaue Vorstellungen zu machen. Durchaus mufi gesagt
werden: Wie die gesunde Natur des Menschen in gesunder Art aus
der Welt heraus organisiert ist, so wird in gesunder Art das gewon-
nen, was Inhalt der Geisteswissenschaft ist, und kann daher, da es
den ganzen Menschen begreift, nicht nur auf den Intellekt, sondern
wiederum auf den ganzen Menschen zuriickwirken. Wenn man das
sagt, so wird heute derjenige, der der Geisteswissenschaft gegeniiber
Laie ist, etwa folgenden Schlufi ziehen. Er wird sagen: Gewifi, ich
will dir zunachst hypothetisch zugeben, du ziehst als Geisteswissen-
schafter gesunde Gedanken aus deiner Weltbetrachtung. Gedanken,
die intellektualistisch schattenhaft sind, die wirken nicht auf den
menschlichen Organismus; die deinigen sind unter der Inanspruch-
nahme der ganzen Menschennatur gefafit, sie wirken also auf den
menschlichen Organismus, also wird man sie brauchen konnen,
nehmen wir hypothetisch an, im Sinne der gesunden Menschenna-
tur. Sagen wir also: diejenigen Gedanken, die du durch deine
Geisteswissenschaft als gesunde Gedanken entwickelst, werden wir
so anwenden, dafi wir uns mit ihnen erfullen, sie auf uns wirken
lassen, dann werden sie wie eine Arznei eben gegen Abirrungen der
menschlichen Natur von der Gesundheit wirken konnen.
So naheliegend diese Hypothese ware, und soviel Glauben sie
auch bei gewissen aberglaubischen Menschen gefunden hat, so
wenig entspricht sie so, wie ich sie jetzt eben ausgesprochen habe,
der Wirklichkeit. Und hier ist es notig, gerade, ich mochte sagen, das
Fundament zu beriihren, das gelegt werden mufi, damit man in der
richtigen Art das Zusammenwirken zwischen gesundem Geistig-
Seelischen und gesunder Leiblichkeit einsehen kann. Wenn der
Mensch durch die Geburt oder durch die Empfangnis aus geistigen
Welten in das physische Dasein tritt, indem er sich umkleidet mit
einem physischen Leib, so sehen wir ja, wie dasjenige, was geistig-
seelisch sich mit diesem physischen Leib umkleidet, Zeit braucht,
um sich auszuwirken. Das Kind kommt mit seinen Anlagen in der
physischen Welt an. Aber es mufi heranwachsen. Wir konnen
verfolgen, wie von Monat zu Monat, von Jahr zu Jahr, von Jahr-
zehnt zu Jahrzehnt in der physischen Organisation erst dasjenige
herauskommt, was geistig-seelisch im Menschen veranlagt ist. Wer
sich durch die hier gemeinte Geisteswissenschaft die Moglichkeit
erwirbt, einzudringen in den wirklichen Zusammenhang zwischen
Geistig-Seelischem und Leiblich-Physischem, der kommt nun nicht
durch irgendeine logische Phantasie, sondern durch eine eindring-
liche, ganz gewissenhafte und durch lange Zeiten fortgesetzte Beob-
achtung des Lebens zu folgender Erkenntnis:
So wie die Gesamtnatur des Menschen Zeit braucht, um sich als
Geistig-Seelisches einzugliedern der physischen Organisation, so
bedarf alles das, was wir geistig-seelisch auf nehmen, erst der Zeit,
um sich einzugliedern in die physisch-leibliche Organisation. Wenn
ich also als achtjahriges Kind oder als zwanzigjahriger oder erst als
fiinfzigjahriger Mensch irgend etwas aufnehme von geistig-seeli-
schem Inhalt, wenn irgend etwas meine Seele ergreift von solchem
Inhalte, dann ist dieser Inhalt im Verhaltnis zu meiner leiblichen
Organisation da, wo er in meine Seele eintritt, so jung wie die
Seele eines Kindes in bezug auf die leibliche Organisation, und es
braucht ein soldier seelischer Inhalt Zeit, urn sich im Leibe aus-
zuwirken. Man kann daher nicht hoffen, dafi man nach Art ameri-
kanischer Gedankenheilungskunst Gedanken erfinden kann, die
dem Menschen wie eine fliissige Medizin eingegeben werden und
die unmittelbar wirken. Nein, zu jener Umwandlung, die der gei-
stig-seelische Inhalt erfahrt dadurch, daft er immer mehr und mehr
das Leiblich-Physische durchdringt, bedarf es Zeit. Der eine gei-
stig-seelische Inhalt braucht weniger, der andere mehr Zeit, aber
Zeit mufi verfliefien zwischen dem Augenblick, wo ein geistig-
seelischer Inhalt abstrakt aufgenommen wird, wo wir ihn er-
kenntnismaftig durchdringen, und dem Zustande, wo er uns durch-
organisiert hat.
Was ich Ihnen hier erzahle, das ist nicht irgendeine Idee, die man
leichtfertig ankniipft an die Lebenserscheinungen, sondern das ist
etwas, was in so gewissenhafter Weise gefunden wird wie nur
irgendein Laboratorium- oder Klinik-Ergebnis, ja viel gewissen-
hafter. Man geht bei solchen Untersuchungen zunachst aus von den
Wegen, die das gewohnliche alltagliche geistige Aufnehmen im
Menschen durchmacht, indem der Mensch erinnerungsmafiig dasje-
nige spater wieder aus seinen Seelentiefen hervorzaubern kann, was
er einmal in diese Seele hinein aufgenommen hat. An den Wegen, die
das Seelenleben mit Bezug auf die Erinnerung macht, gehen ja die
allermeisten Menschen im Leben einfach vorbei; sie beobachten
nicht, wie es ganz anders sich erlebt, wenn wir uns an etwas
erinnern, was wir vor Jahrzehnten erlebt haben, und an etwas, was
wir vor drei Tagen erlebt haben. Das eine und das andere holen wir
aus den Seelentiefen herauf, gewift. Das aber, was wir vor drei Tagen
oder selbst noeh vor drei jahren erlebt haben, das erweist sich vor
dem, der Beobachtungsverrnogen hat fur seiche Dinge, als etwas,
was, ich mochte sagen, aus geringen Tiefen des Seelenlebens herauf-
geholt wird, was noch durchaus seelischer Inhalt ist. Dasjenige, an
das man sich vielleicht als alterer Mensch als an die Erlebnisse seiner
Kindheit erinnert, das holt man aus Seelentiefen herauf. Beobachtet
man den Vorgang, so schaut man, wie das schon innig verflochten ist
mit der ganzen Leiblichkeit, wie es wie ein seelisches Blut unsere
Leiblichkeit durchdringt, wie es stark den Charakter angenommen
hat, den die Krafte haben, die das Gewohnheitsmafiige in uns
bezeichnen.
Das ist freilich nur der Anfang jener ausfiihrlichen Methode,
durch die beobachtet wird, wie im Laufe der Zeit erst dasjenige, was
wir als geistig-seelischen Inhalt aufnehmen, sich vereint mit dem
Leiblich-Physischen. Daraus aber werden Sie einsehen, wie Gei-
steswissenschaft verlangen mufi, dafi ihre Art, leibliche, seelische
Gesundheit zu pflegen, nicht nur unter die augenblicklich wirken-
den Kiinste gerechnet werde, sondern wie sie appelliert an dasjenige,
was erstens Kindererziehung ist, zweitens was Volkserziehung und
Volksleben ist. Denn mit Voraussicht, ich mochte sagen, mit einem
prophetischen Gesichte mufi Geisteswissenschaft in bezug auf das
Gesundsein des Menschen wirken.
Durchschaut man das, was ich hier beriihre, dann merkt man erst,
was es bedeutet, wenn in die Erziehungsmethode geisteswissen-
schaftliche Impulse aufgenommen werden, wenn tatsachlich unsere
Kinder so erzogen werden, dafi die Erziehungsantriebe in geistes-
wissenschaftlichem Sinne gehalten werden; und dann werden die
Dinge, die man den Kindern beibringt, durchdrungen, nicht etwa
mit geisteswissenschaftlichen Theorien - davor braucht die Welt
keine Angst zu haben -, aber mit geisteswissenschaftlicher Gesin-
nung, mit geisteswissenschaftlicher Seelenverfassung, vor alien Din-
gen mit geisteswissenschaftlichem padagogischem Feuer. Dadurch
wird schon in das Kindergemiit das gesenkt, was sich dann verbin-
den soil mit der seelischen und physischen Organisation, was
heranwachst und was, weil es gesund ist, in gesunder Weise ver-
wachst mit der menschlichen Organisation und sie gesund und stark
macht, widerstandsfahig macht gegen aufiere Einfliisse.
Wenn die Welt einmal die voile Bedeutung dessen, was hier
Geisteswissenschaft leisten kann, einsehen wird, dann werden all-
mahlich nicht verschwinden, aber von geringerer Bedeutung wer-
den alle die schonen - ich sage das nicht ironisch, sondern durchaus
im ernsten Sinne -, all die schonen Theorien von Infektionskrank-
heiten und dergleichen, die heute nur in einseitiger Weise betrachtet
werden. Es wird viel mehr als auf die Art, wie die Bazillen und
Bakterien einziehen in unseren Organismus, darauf gesehen wer-
den, wie stark wir von der Seele und vom Geiste geworden sind, um
diesen Invasionen zu widerstehen. Diese Starke wird in der mensch-
lichen Natur kein aufieres Heilmittel bedingen, aber das Heilmittel,
das innerlich den Menschen starkt vom Geiste und von der Seele aus
durch einen gesunden geisteswissenschaftlichen Inhalt. Damit wird
allerdings offentliche Gesundheitspflege gerade durch Geisteswis-
senschaft auf eine wesentlich andere Grundlage gestellt, als die sich
traumen lassen, die glauben, daft nur im Fortgange der gegenwar-
tigen Ansichten das Heil der menschlichen Entwickelung liegen
konne.
Ich mochte unter vielem nur auf eines aufmerksam machen, auf
das ich von anderen Gesichtspunkten aus auch hier in dieser Stadt
schon einige Personlichkeiten aufmerksam gemacht habe. Heute
legt man zum Beispiel in der Erziehung, im Unterricht einen
ungeheuren Wert auf die sogenannte Anschauung, mit Recht, denn
innerhalb gewisser Grenzen ist es gut, wenn man das Kind unmit-
telbar hinfuhrt vor das aufterlich oder innerlich Anschaubare und
seine Vorstellungen, seine Begriffe sich ihm einbilden laftt so, daft es
sie selbst abzieht. Aber nicht alles kann in dieser Weise an das Kind
herangebracht werden, wessen es bedarf zu seiner Entwickelung fur
ein menschenwurdiges Dasein. Und so muft in das Kind vieles
einziehen bloft dadurch, daft es hinaufsieht zu seinem Erzieher, zu
seinem Unterrichter als zu seiner Autoritat, zu dem, der ein gewis-
ses Feuer im Erziehen, im Unterrichten entwickelt, der Impondera-
bilien mit seinem Feuer von sich in das Kind hiniiberleitet. Da wird
es dann manches geben konnen, was das Kind aufnimmt in dem
Glauben, die Autoritat glaube an das; es versteht es aber noch nicht.
Dann konnen die Zeiten eintreten vielleicht nach fiinfzehn, zwanzig
Jahren, nachdem das Kind die Schule verlassen hat, wo es sich
erinnert: das hast du dazumal gelernt und nicht verstanden, jetzt bist
du reif geworden, jetzt hoist du es rein gedachtnismafiig aus deinem
Seelenquell herauf. Jetzt verstehst du es. Wer das Seelenleben des
Menschen kennt, der weifi, dafi ein solches durch spateres Reifwer-
den vermitteltes Verstehen desjenigen, was man schon Jahre, viel-
leicht Jahrzehnte in der Seele getragen hat, Krafte entwickelt, die
innerlich den Menschen erstarken; es giefit in den Willen nichts eine
solche Energie hinein vom Innersten der Seele aus wie das Verstehen-
lernen von etwas durch seine eigene Reifekraft, von etwas, was man
vor Jahren auf Autoritat, auf Mitteilung hin aufgenommen hat.
So kann verbunden werden Padagogik mit ideeller, mit spirituel-
ler Hygiene. Wenn einmal wirklich unsere offentliche Gesundheits-
pflege durchzogen werden wird mit solchen weitgehenden An-
schauungen, dann wird erst das Geistige, das in der Menschheit
wurzelt, seine fur die Menschheit so heilsamen Energien wirklich
entfalten konnen. Wahrend all das, was wir nur aufnehmen durch
den Intellekt und seine Ausbildung, gewissermafien vom Menschen
losgelost ist und daher auch nicht auf den Menschen zuriickwirken
kann, wird das, was aus der ganzen Menschennatur herausgeholt ist,
das Geisteswissenschaftliche, auch zuriickwirken konnen auf diese
ganze Menschennatur. Und wir haben, wenn wir auch in der
Medizin nicht blofi auf Augenblickserfolge, sondern auf eine Ge-
sundheitspflege sehen, die mit den Weltgesetzen, also auch mit den
Zeitgesetzen rechnet, wir haben die Moglichkeit, ungeheuer Giinsti-
ges in dieser Richtung zu wirken. Nur ist leider die gegenwartige
Menschheit so geartet, daft sie gar nicht gern hinschaut auf dasjeni-
ge, was sich dem Augenblick entzieht und was mit seiner Wirkung,
ich mochte sagen, ins Grofie geht. Der gegenwartige Mensch moch-
te sich am liebsten von den Weltgesetzen die Erlaubnis nehmen,
krank zu werden, wenn es ihm beliebt - Sie verstehen, daft ich das
nicht in ganz wortlichem Sinne meine, aber es ist so etwas unter den
Neigungen der Menschennatur - und dann mochte er wiederum im
Augenblicke geheilt werden konnen. Auf was aber gesehen werden
mufi, das ist, daft die innerliche starke Energie entwickelt werde in
einzelnen Volkserziehungen, ja durch das ganze Leben hindurch in
den Menschen die gesundenden, die Heilkrafte von der Seele, vom
Geiste aus wirklich zur Entfaltung zu bringen. Von diesem Ge-
sichtspunkt aus wird man einsehen, daft leibliche und seelische
Gesundheit gar sehr davon abhangt, daft ein so starkes, ein so
energisches Seelenleben in den Menschen heranentwickelt werde,
daft dieses starke, energische Seelenleben wirklich auch in das
leibliche Wesen eingreifen kann.
Dazu ist wiederum die Ausdehnung der Betrachtungsweise iiber
groftere Zeitraume notwendig. Dasjenige, was auf unsern Intellekt
wirkt, wirkt nicht zu gleicher Zeit auf unsern Willen. Und wir
konnen uns allerdings, wenn wir niemals auf unsern Willen gewirkt
haben, in irgendeinem Lebensalter mit noch so gesunden Ideen und
Gedanken anstrengen, um vom Intellekt aus auf unsere Seele zu
wirken, wir werden keinen Erfolg haben. Denn vom Intellekt aus
greift nicht unmittelbar irgendein geistig-seelischer Inhalt in die
Menschennatur ein. Wir miissen auch auf den Willen einwirken.
Auf den Willen wirken wir ein durch alles das, was unser Interesse
an der Welt erregt, was unsern Anteil, unsere liebevolle Teilnahme
an der Welt erregt. Menschen gehen oftmals durch die Welt, ich
mochte sagen, mit einem gewissen Schwachsinn. Gewift, es gibt
auch tiefer liegende Ursachen, aber eine der Ursachen des Schwach-
sinns ist, daft man nicht verstanden hat bei solchen Menschen, als sie
noch Kinder waren, weitgehende, tiefeingreifende Interessen fiir
alles, was in ihrer Umgebung wirkt und lebt, zu entfalten, denn
dieses Interesse-Entfalten, das wirkt auf den Willen. Und nur, wenn
der Wille in dieser Weise gestarkt wird, kann spater dasjenige, was
auf den Intellekt wirkt, auch wiederum auf den ganzen Menschen
Einfluft gewinnen. Das Schlimmste, was dem Menschen in bezug
auf seine leibliche und seelische Gesundheit passieren kann, ist, daft
seine leiblich-physische Organisation sich abtrennt von seinem
seelisch-geistigen Wesen. Geradezu experimentell wird diese Ab-
trennung der physischen Organisation des Menschen von seinem
seelisch-geistigen Wesen beim Mediumismus herbeigefiihrt. Da
sehen wir, dafi das geistig-seelische Wesen geradezu gelahmt, einge-
schlafert wird fur eine gewisse Zeit, damit das Leiblich-Physische,
mit dem aber auch Geistiges immer verbunden ist, wie automatisch
wirkt. Von einem richtigen Gesichtspunkt aus angesehen ist das
mediale Wesen nichts anderes als eine wirkliche Krankheit, ein
wirklicher Mifiklang zwischen dem ganz unenergisch gewordenen
Geistig-Seelischen und dem daher die Oberhand gewinnenden
Leiblich-Physischen. Daher ist auch immer Mediumismus, wenn er
radikal ausgedehnt wird, verbunden mit der Willenslahmung, mit
der ganzen Seelenlahmung des betreffenden Mediums. Und da das
Moralische nur aus der seelischen Energie erquellen kann, so ist in
der Regel auch ein gewisses moralisches Herabkommen mit dem
Mediumismus verbunden. Gerade aus der Einsicht in den Zusam-
menhang zwischen geistig-seelischer Gesundheit und physisch-leib-
licher Gesundheit kann alles, was Schattenseite des Mediumismus
ist, auch wirklich eingesehen werden.
Wenn diejenigen, die ohne Kenntnis des eigentlichen Wesens der
Geisteswissenschaft iiber diese urteilen, nur nicht allzu oft diese
Geisteswissenschaft zusammenwerfen wiirden mit all den Verir-
rungen des Zeitgeistes oder iiberhaupt der neueren Zeit, auf die ich
hier hinweise! Es ist allerdings leichter, zu appellieren an den
geistlosen Mediumismus, um etwas zu erfahren iiber die geistige
Welt, als zu appellieren an die Geisteswissenschaft, die Anstren-
gungen fordert. Wenn man an den Mediumismus appelliert, so lafit
man sich iiber den Geist berichten von einem Medium, bei dem man
erst den Geist ausschaltet. Es ist eine bequeme Methode, zum Geiste
zu kommen. Geisteswissenschaft verlangt allerdings, dafi man nicht
bei einem anderen den Geist ausschalte, um iiber den Geist etwas zu
erfahren, sondern dafi man den Geist in sich selber zur hoheren
Entfaltung und Entwickelung bringe, damit er seine Krafte hineinge-
leiten kann in die geistige Welt, dafi sie dort die Eigentiimlichkeiten
der geistigen Welt erfahren. Wollte man vorurteilslos die Geistes-
wissenschaft betrachten, so wiirde man geradezu sehen, wie sie das
Universalheilmittel ist gegen solche Verirrungen, wie diejenigen
sind, auf die ich jetzt mit ein paar Worten hingedeutet habe.
So kann man sagen: Gesundheitspflege ist eine notwendige Kon-
sequenz desjenigen, was Geisteswissenschaft hineintragen will in
die Menschheitsentwickelung. Aber selbstverstandlich ist die Men-
schennatur mannigfaltigen Einfliissen unterworfen. Niemand darf
dasjenige, was ich bisher besprochen habe, so deuten, als ob ich
meinen wollte, daft durch die Pflege der Geisteswissenschaft etwa
einmal alle Krankheiten aus der Welt geschafft werden sollten. Das
meine ich durchaus nicht. Krankheiten haben ihre Ursachen. Wich-
tiger als die Erkenntnis ihrer Ursachen ist der Prozefi ihrer Heilung.
Und hier handelt es sich darum, dafi allerdings die Geisteswissen-
schaft auch etwas zu sagen hat nicht nur iiber jene Gesundheits-
pflege, die geisteswissenschaftliche Grundlagen hat, sondern dafi
sie, wie iiber alle Lebenspraxis, so auch iiber die Medizin selber
etwas zu sagen hat. Es ist eine zwar von vielen geleugnete, weil sie
sich in diesem Punkt den wahren Tatbestand nicht gestehen wollen,
aber doch eben bestehende Tatsache, daft viele wirklich griindlich
denkende Menschen, die durch das medizinische Studium heute
gegangen sind, wenn sie sich dann losgelassen fiihlen auf die leiden-
de Menschheit, von den herbsten Seelenqualen befallen werden,
weil ihnen dann vor Augen tritt, welche Anforderungen der mensch-
liche Organismus, wenn er vom Gesunden abirrt in das Kranke
hinein, an die menschliche Einsicht stellt, und wie wenig gerade aus
den Erkenntnismitteln und Erkenntnismethoden der rein naturwis-
senschaftlichen Betrachtungsweise fur dieses medizinische Wirken
gewonnen werden kann. Gerade an der Medizin zeigt sich so recht
die Schattenseite der blofien naturwissenschaftlichen Betrachtung,
die iibrigens mit Bezug auf die Anschauung iiber die blofie aufiere
Natur auch eine Lichtseite hat. In der Medizin ist die Schattenseite
da, Denn man mufi nur das Folgende beachten: Diese Naturwissen-
schaft, noch einmal sei es gesagt, legt ihren Hauptwert darauf, den
Menschen ganz auszuschalten, indem sie intellektualistisch die Welt
betrachtet und inteiiektualistisch mit den Experimenten zusammen
ihre Naturgesetze sucht. Man lernt das, was man aus der Beobach-
tung iernen kann von der Wirksamkeit dieser oder jener Heilmittel
auf den kranken Menschen, von der Wirksamkeit iiberhauot dieses
oder jenes Naturprodukts auf den Menschen. Aber es fehlt einem
das innere Anschauen von dem Zusammenhange erstens der ganzen
Menschennatur, zweitens aber von dem Zusammenhange zwischen
dem, was drauften in der Natur hervorgebracht wird, sei es als
Nahrung, sei es als Heilmittel, und der menschlichen Wesenheit
selber. Und man merkt erst, wenn man in solch unbefangener Weise
von der bloften Naturwissenschaft zur Medizin fortschreiten moch-
te, was es heiftt, den Menschen ausschalten von der Betrachtungs-
weise, und nachher das, was man durch eine solche Betrachtungs-
weise gewonnen hat, auf die Natur des Menschen anwenden. Das
racht sich, daft Naturwissenschaft alles, was in der Menschennatur
aufsprieften kann, ausschaltet, um, wie sie sagt, zur rechten Objekti-
vitat zu kommen. Da kommt sie zur Objektivitat. Allein in dieser
Objektivitat ist der Mensch nicht drinnen. Der Mensch schaltet erst
sich selbst aus. Kein Wunder, daft er in der Wissenschaft, die er nun
ausbildet, den Menschen nicht drinnen hat. Nun soil man anwenden
diese Wissenschaft auf den Menschen. Man kann es nicht, weil man
auf den Menschen keine Riicksicht genommen hat.
Das voile Gegenteil findet statt bei dem, was anthroposophisch
orientierte Geisteswissenschaft anstrebt. Da wird der ganze Mensch
aufgerufen, um iiber den Menschen und iiber die Welt Urteile zu
gewinnen. Da allerdings werden die Erkenntnisse auch anders
fundiert. Um mich in diesem Punkte klarzumachen, mochte ich
auch heute daran erinnern, wie die Geisteswissenschaft, die hier
gemeint ist, im Grunde genommen nur eine Ausgestaltung desjeni-
gen ist, was in dem ersten Elemente wie eine neue Erkenntnis der
Natur begriindet worden ist durch den vielverkannten Naturfor-
scher, nicht den Dichter Goethe. Gerade deshalb nennen wir ja
unseren Bau drauften auf dem Dornacher Hiigel das Goetheanum,
weil wir Goetheanismus treiben wollen, allerdings nicht Goetheanis-
mus, wie ihn die Goethe-Forscher treiben, die glauben, der Goethe-
sche Geist habe 1832 aufgehort, und man miisse studieren, was
dieser Goethesche Geist hervorgebracht hat, um Goethe- Wissen-
schaft zu treiben. Nein, wir treiben einen Goetheanismus, der nicht
zuriickgeht auf 1832, sondern der ein Goetheanismus ist durch den
fortwirkenden Goethe-Geist heute vom Jahre 1920. Aber was bei
Goethe noch ganz elementar auftritt, kann heute eben in einer
hoheren Ausbildung vom Entwickelungsgang der Menschheit er-
griffen werden.
Nun will ich etwas scheinbar recht Fernliegendes erwahnen, an
dem ich aber werde anschaulich machen konnen, wie man vom
Goetheanismus ausgehend zu den hochsten Hohen der Geisteswis-
senschaft kommt. Goethe ging nach den Ahnlichkeiten, den Ver-
wandtschaften namentlich in der Natur der Lebewesen. Ihm ist es
klar geworden, wie die ganze Pflanze nur ein kompliziertes Blatt ist
und ein einzelnes Pflanzenblatt eine ganze Pflanze, nur einfach
gestaltet. So sah Goethe in jedem Gliede eines Organismus die
Metamorphose, die Umwandlungsform des anderen Gliedes. So hat
er gesucht, woher die ratselvollen, fur den unbefangenen Beobach-
ter namlich ratselvollen, Formen der menschlichen Schadelknochen
herkommen. Als er, er erzahlt es selbst, einmal auf den Juden-
kirchhof in Venedig ging, da fand er einen besonders gliicklich
gespaltenen Schafschadel liegen. Die Knochen waren so auseinan-
dergefallen, da£ ihre Form unmittelbar auf Goethes Seele wirkte.
Und so, wie er diese Form anschaute, da sagte er sich: Ja, diese
Schadelknochen sind nichts anderes als umgestaltete, metamorpho-
sierte Rxickgratsknochen. Wenn sich die einfachen fast ringformi-
gen Riickenwirbelknochen - so ist Goethes Ansicht - so umwan-
deln, daft gewisse Fortsetzungen starker anwachsen, gewisse Wulste
sich abflachen, so entsteht durch ein umgebildetes Wachstum des
einfachen Riickenwirbels der Schadelknochen. Dadurch konnte
Goethe zum ersten Mai dasjenige aussprechen, was mit einer gewis-
sen Modifikation ein Ergebnis auch unserer heutigen menschlichen
Anatomie ist, dafi die Schadelknochen umgewandelte Riicken-
markwirbel sind, Ich darf im Zusammenhange damit, weil es ja auch
die Sache, die ich meine, erlautern wird, eine Art personlichen
Eriebnisses erzahien. Mir lagen ja diese Goctheschen Anschauun-
gen seit dem Ende der siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts beson-
ders nahe. Nun, ich ha be bereits dazumal begonnen zu schreiben
uber die Goethesche naturwissenschaftiiche Weltanschauung. Auch
diese Anschairang von der Umwandlung der Schadeiknochen, der
Wirbelknochen in Schadeiknochen bildete ein Bestandstiick desje-
nigen, was ich fiir die Goethesche Weltanschauung naher ausarbei-
tete. Aber ich sagte mir, wie konnte es einem so universellen Geiste
wie Goethe entgangen sein, dafi man ja, wenn man von der Umbil-
dung der Wirbelknochen in Schadeiknochen spricht, fortschreiten
miisse zu der Anschauung von der Umbildung des einfachen Ner-
vengebildes im Riickenmark in den komplizierten Bau des Gehirns,
so dafi man auch anschauen miisse das Gehirn als eine Umwandlung
des einfachen Nervengebildes, das eben im Riickenmarkwirbel
drinnensitzt. Und als ich dann am Ende der achtziger Jahre des
vorigen Jahrhunderts nach Weimar berufen wurde, um mitzuar-
beiten am Goethe- und Schiller- Archiv fiir die Neuherausgabe oder
iiberhaupt erste Herausgabe der noch unveroffentlichten Goethe-
schen Schriften, da war es mir selbstverstandlich eine liebe Aufgabe,
nun zu untersuchen, ob vielleicht irgendwo etwas zu finden sei von
einer Spur, dafi Goethe auch diese Anschauung von der Formum-
wandlung des Gehirns aus einfachen Nervenganglien schon hatte.
Und siehe da, als ich ein Notizbuch mit schlecht geschriebenen
Bleistiftstrichen aus den neunziger Jahren des 18. Jahrhunderts in
die Hand bekam, da stand von Goethe aufnotiert diese Anschauung
iiber das menschliche Gehirn ganz so, wie ich es vermutet hatte!
Ich weise Sie dabei hin auf eine andere Anschauungsweise - bei
Goethe tritt sie allerdings noch elementar nur zutage -, auf eine
andere Anschauungsweise, als die die Naturgesetze blofi intellektua-
listisch beobachtende ist. Ich weise Sie auf eine Betrachtungsweise
hin, wie sie instinktiv in Goethe sitzt, die den ganzen Menschen zu
Hilfe nimmt. In der Art von zergliedernder analytischer Experimen-
tiermethode, die heute in der Naturwissenschaft iiblich ist, kommt
man nicht darauf, solche Umwandlungen richtig zu sehen, denn
man mufi da alles beriicksichtigen, nicht blofi dasjenige, was man
messen und zahlen kann. Man mufi auch dasjenige beriicksichtigen,
was man nur seiner Intensitat, seiner Qualitat nach beobachten
kann. In der Geisteswissenschaft mufi man noch weiter vorriicken.
Da mufi man die Dinge tatsachlich beobachten nach Eigenschaften,
die ihnen der Geist der Welt, das Seelische der Welt aufpragt, die
man bei der aufterlichen wissenschaftlichen Methode eben nicht
findet.
Dann kommt mail zu solchen Resultaten wie demjenigen, von
dem man glauben konnte, daft es vielleicht nur ein Apercu sei, das
aber kein Apergu ist, sondern das Ergebnis einer geisteswissenschaft-
lichen Arbeit, von der ich sagen darf, dafi ich mehr als dreifiig Jahre
an ihr gearbeitet habe, jenes Ergebnis, das den Menschen gliedert in
drei, ich mochte sagen, Unterglieder seiner Natur. Gewohnlich
nimmt man an, daft das, was im Menschen geistig ist, Seelisches ist,
an sein Sinnes-Nervensystem gebunden sei. Das ist ja die heutige
einseitige Anschauung - derjenige, der die Entwickelung der Wis-
senschaft kennt, der begreift, da£ das hat so kommen miissen -, dafi
der Mensch heute glaubt, das geistig-seelische Leben hange einzig
und allein an dem Nervensystem. Sie konnen nachlesen, was ich
iiber diesen Punkt zu sagen habe aus geisteswissenschaftlichen
Untersuchungen heraus, in meinem vor zwei Jahren erschienenen
Buch «Von Seelenratseln». Da versuchte ich zu zeigen, dafi an das
Sinnes-Nervensystem als sein Werkzeug in der menschlichen Natur
nur gebunden ist das intellektualistisch-sinnliche Leben, dasjenige,
was sinnlich die Gegenstande beobachtet und sie intellektuell verar-
beitet. Dagegen ist das Gefiihlsleben des Menschen gebunden unmit-
telbar, nicht bloE mittelbar, an das rhythmische Leben im Men-
schen, jenes rhythmische Leben, welches einschliefk das Atmungs-
system, das damit zusammenhangende Blutzirkulationssystem, und
das mit dem Trager des intellektualistischen Systems in einer eigen-
tiimlichen Art zusammenhangt, und zwar so: Wir haben in uns als
wichtigsten Bestandteil unseres Gehirns das sogenannte Gehirn-
wasser. Unser Gehirn ist allerdings zunachst ein Nervenorgan, das
weiterzuverarbeiten hat dasjenige, was durch die Sinne vermittelt
wird. Aber dieses Gehirn schwimmt im Gehirnwasser. Und dieses
Gehirnwasser, das ausfiillt unsere fiaupteshohle, unsere Riicken-
markshohle, es hat eine besondere Aufgabe. Atmen wir aus, senkt
sich das Gehirnwasser von oben nach unten. Das Zwerchfell steigt
in die Hdhe, das Gehirnwasser steigt dadurch nach unten; umge-
kehrt beim Einatmen. So dalS wir in einem fortwahrenden Rhyth-
mus des auf- und absteigenden Gehirnwassers drinnen sind.
Dieser Rhythmus des auf- und absteigenden Gehirnwassers ist
der aufiere Trager des Gefuhlslebens im Menschen. Und durch die
Wechselwirkung desjenigen, was die Gehirnnerven erleben, mit
dem, was als solcher Rhythmus erfolgt durch das Gehirnwasser,
entsteht das, was Austausch zwischen den Gefuhlen und den Ge-
danken ist.
Hier liegt ein Punkt, wo anthroposophisch orientierte Erkenntnis
der Menschenwesenheit einen weiten Weg wird durchzumachen
haben, wenn der Mensch richtig in seiner seelisch-geistigen und
seiner physischen Wesenheit verstanden werden soli. Nur dann,
wenn man jene Erkenntnismethoden in sich entwickelt, welche
charakterisiert sind in meinem Buche «Wie erlangt man Erkennt-
nisse der hoheren Welten?», in meiner «Geheimwissenschaft», in
anderen meiner Schriften, dann lernt man wirklich erkennen -
indem man ein innerliches Seelenerleben hat, das solches zu durch-
schauen vermag wie sich abtrennen lafit Gefiihlsleben von intel-
lektuellem Leben. Sonst vermischen sie sich. Und der Mensch mit
der gewohnlichen Wissenschaft lernt gar nicht erkennen, daft das
Gehirn, dafi der Nerven-Sinnes-Apparat nur Trager des Intellek-
tuellen ist, wahrend das Rhythmische im Menschen Trager des
Gefuhlslebens ist.
Und ebenso ist Trager des Willenslebens der Stoffwechsel, iiber-
all, wo er vorkommt, der Stoffwechsel; auch der Stoffwechsel im
Gehirn ist Trager des Willenslebens. Aber mit der Nerven-Sinnesta-
tigkeit, mit der rhythmischen Tatigkeit, mit der Stoffwechseltatig-
keit ist das Wesen des Menschen in bezug auf seine Funktionen
erschopft. Das ist der ganze Mensch. Diesen ganzen Menschen
sucht aus den Erkenntniskraften wiederum des ganzen Menschen
anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft zu erfassen. Da-
her, weil sie zu Hilfe nimmt alles dasjenige, was nicht blofi aus dem
Intellekt, was aus dem Gefiihlsleben und was aus seinem Trager, aus
der rhythmischen Tatigkeit des Menschen kommt, weil sie auch aus
dem, was geistig im Stoffwechsel webt und lebt, ihre Erkenntnisse
hervorholt, kann sie den ganzen Menschen erfassen. Dadurch lernt
sie eigentlich erst erkennen, was Lunge, was Leber, was Milz, was
die anderen Organe im Menschen bedeuten; denn das lafit sich nur
auf dem Weg erkennen, der zu Hilfe nimmt die geistige Impre-
gnation der Dinge.
Dadurch erlangt man eine intuitive Menschenerkenntnis, und
man schafft den Weg zu einer intuitiven Medizin. Dadurch, dafi
man den Menschen betrachtet wie einen Mechanismus, lernt man
ihn nicht erkennen. Man lernt nur das Mechanische an ihm erken-
nen. Dadurch, dafi man den Menschen so erfalk, dafi man die
Goethesche Anschauungsweise, die intuitiv ist, noch weiter aus-
dehnt, noch weiter vergeistigt, dadurch werden einem erst die
einzelnen Organe des Menschen in ihren Metamorphosen durch-
schaubar. Dann aber, wenn man kennengelernt hat, was diese
einzelnen Metamorphosen des menschlichen Organismus bedeu-
ten, dann kann man den Menschen, den man jetzt erfafit hat, in die
Natur wiederum hineinstellen. Wenn man die Natur erst so er-
kennt, dafi man den Menschen ausschaltet, dann kann man den
Menschen auch nicht wiederum in die Natur hineinstellen. Lernt
man den Menschen so, wie ich ihn geschildert habe, wirklich
kennen, so kann man ihn auch wieder in die Natur hineinstellen.
Man studiert seine Organologie, und man lernt erkennen die tiefe
Verwandtschaft, die zwischen dem Menschen und dem Kosmos
besteht. Dann geht einem der Zusammenhang auf zwischen dem
Nahrungsmittel, das aus der aufieren Natur genommen wird, und
der menschlichen Organisation. Dann geht einem aber auch der
Zusammenhang auf zwischen dem Heilmittel, das aus der aufieren
Natur oder auch aus dem seelischen bei der geistigen Heilung
genommen wird, und der ganzen Menschennatur.
Nur skizzieren konnte ich diese Anschauunesweise iiber den
Menschen. Aber was ich da skizziert habe, das ist der Weg aus der
anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft lieraus in eine
intuitive Medizin, in diejenige Medizin, nach der, ich mdchte
sagen, sich heute so viele sehnen, die vorurteilslos den Gang des
medizmischen Studiums durcheemacht haben und dann auf die
leidende Menschheit sich losgelassen fuhlen. Sie vermissen in demje-
nigen, was auf sie gewirkt hat in Menschenerkenntnis und Men-
schenheilungskunst, das intuitive, das geistige Element. Gerade in
der Medizin zeigt sich am intensivsten, wozu es eine Wissenschaft
bringt, welche den Menschen ausschlielk bei ihren Methoden.
Oh, ich weifi, dafi ich mit dem, was ich also ausspreche, noch vor
einer Mauer von Vorurteilen in der Gegenwart stehe. Aber diese
Mauer von Vorurteilen, sie mufi wieder und wiederum angespro-
chen werden. Es wird lange dauern, bis man den hier skizzierten
Weg von einer grofieren Anzahl von Menschen wird versucht
finden, weil er allerdings weniger bequem ist als derjenige Weg, der
heute eingeschlagen wird. Denn so, wie die ganze Pflanze schon im
Goetheschen Sinne ein kompliziertes Blatt ist, so ist der ganze
Mensch gewissermafien aus drei Menschen zusammengesetzt: aus
dem denkenden und durch die Sinne aufnehmenden Menschen, aus
dem rhythmischen Menschen, aus dem Stoffwechselmenschen. Jeder
stellt in einer gewissen Weise einen Menschen dar, und man mull aus
den drei Menschen sich die Gesamtnatur des Menschen aufbauen.
Und jedes Glied des Menschen steht in einer anderen Beziehung zur
aufieren Natur. Das aber, was jener geheimnisvolle Zusammenhang
zwischen Heilmittel und Krankheit ist, das kann nur der hier
gekennzeichneten intuitiven Medizin aufgehen.
Ich weifi auch, da£ es viele Menschen heute noch als eine Anma-
fiung der hier gemeinten Geisteswissenschaft empfinden, daft sie
neben manchem anderen nun auch noch an die Reform der Medizin
denke. Sie mujR daran denken aus einer heiligen Verpflichtung
gegeniiber dem Menschheitsfortschritt. Denn sie mufi einsehen, wie
niemals der Weg, den die Naturwissenschaft zum Segen auf so
vielen Gebieten in den letzten drei bis vier Jahrhunderten gegangen
ist, ein heilsamer werden kann fur die Behandlung des kranken
Menschen. So, wie der Kiinstler selber kein wirklicher Kiinstler sein
kann, wenn er nur intellektuell die asthetischen Gesetze kennt, so
kann der Arzt kein Heiler sein, wenn er nur dasjenige kennt, was
heute Naturgesetze sind. Er muft sich mit seinem ganzen Menschen
einleben konnen in das Weben und Wesen der Natur selber. Er mufi
untertauchen konnen in die schaffende und webende Natur. Dann
wird er mit innigem Anteil verfolgen konnen auch jene Wege,
welche die Natur einschlagt beim Kranksein. Dann wird ihm
aufgehen aus der Anschauung des gesunden Menschen die Anschau-
ung des kranken Menschen.
Nicht nur dafi Geistes wis sens chaft hinzuweisen hat auf eine
Hygiene, die sie aus geistigen Kraften heraus gewinnt, Geisteswis-
senschaft mufi die Perspektive eroffnen auf eine intuitive Medizin.
Wer sich einlafit auf diese Geisteswissenschaft, der wird vernehmen,
wie ich heute nur in grofien Strichen und im allgemeinen, im
Abstrakten einen Weg charakterisiert habe zu einer intuitiven Medi-
zin, wie aber manches von dem, was ich hier skizziert habe, schon
ausgebaut ist, wie manches nur wartet auf den Moment, an dem die
offiziellen Vertreter medizinischen Wissens kommen und sich die
Einsicht aneignen, dafi es aufgenommen werden musse. So in bezug
auf physische Krankheiten des Leibes, so in bezug auf Erkran-
kungen der Seele selber. Man mufi heute schon wie unbescheiden
erscheinen, wenn man auf das hinweisen will, was aus guten Er-
kenntnisgrundlagen heraus fur Menschenheil und Menschenwesen
Geisteswissenschaft glaubt leisten zu konnen.
Ich mochte den Ubergang zu dem, was ich morgen werde ausein-
anderzusetzen haben iiber die sittliche, die religiose und soziale
Natur des Menschen, dadurch gewinnen, dafi ich jetzt zum Schlusse
hinweise darauf, wie gerade auf einem solchen Gebiet, wie dem
einer wirklichen intuitiven Medizin, es das Ideal des Geisteswissen-
schafters ware, einmal sich aussprechen zu konnen vor denjenigen,
die ganz sachverstandig sind. Wiirden sie sich einfinden und wiirden
sie ihre Sachverstandigkeit vorurteilslos sprechen lass en, dann wiir-
den sie sehen, welche Befruchtung gerade diese Sachverstandigkeit
erfahren konnte von seiten der Geisteswissenschaft. Geisteswissen-
schaft furchtet die Kritik der Sachverstandigen nicht. Geisteswissen-
schaft ist kein laienhafter Dilettantisrnus. Geisteswissenschaft ver-
sucht zu schopfen aus tieferen wissenschaftiichen Grundlagen her-
aus, ais die gewohnliche heutige au£ere Wissenschaft ist. Geisteswis-
senschaft wei& y dafi laienhafter Sinn, nicht Sachverstandigkeit dasje-
nige ist, vor dem sie sich vielleicht fiirchten konnte, wenn sie sich
nicht das Fiirchten langst abgewohnt hatte aus leicht begreiflichen
Griinden. Vor Sachverstandigkeit, vor Vorurteilslosigkeit hat Gei-
steswissenschaft keine Scheu zu tragen, sich nicht zu fiirchten. Sie
weifi: je sachverstandiger man ihre Ergebnisse betrachten wird,
desto mehr wird man im positiven Sinne auf sie eingehen. Gerade an
dem, was einem als Perspektive einer intuitiven Medizin vor-
schweben kann, mochte man erinnern an ein altes Wort, dessen
Universalwert ich heute nicht untersuchen mochte, das aber in
einem gewissen eingeschrankten Sinne ganz gewifi fur diejenige
Anschauungsweise gelten mufi, die sich willig zeigt, ihre Anwen-
dung zu finden in der Behandlungskunst des kranken Menschen.
Alte Weise haben gesagt: Gleiches werde nur von Gleichem er-
kannt. Um den Menschen zu heilen, mufi man ihn erst erkennen.
Was vom Menschen heute in der Wissenschaft sich betatigt, ist nicht
der ganze Mensch, darum nicht der Mensch, darum nicht ein dem
Menschen Gleiches. Wenn der ganze Mensch aufgerufen wird zur
Erkenntnis des Menschen, dann wird Gleiches - der Mensch - von
Gleichem - von dem Menschen - erkannt werden. Und dann wird
eine Menschenerkenntnis und eine Menschenbehandlungskunst
entstehen, welche auf der einen Seite des Menschen Gesundheit
erhalten wird im sozialen Zusammenleben, soviel sie nur erhalten
werden kann, und welche auf der anderen Seite die Krankheit so
behandeln wird, wie sie nur aus der Zusammennahme aller wirkli-
chen Heilfaktoren heraus behandelt werden kann.
DIE SITTLICHEN UND RELIGIOSEN KRAFTE
IM SINNE DER GEISTESWISSENSCHAFT
Dritter Vortrag, Basel, 7. Januar 1920
Eine Anschauung von der Welt, wie sie ja auch die geisteswissen-
schaftliche sein will, mufi sich dadurch bewahren, dafi sie dem
Menschen eine Stiitze gibt fur dasjenige, was er im Leben braucht.
Stiitze fiir das Leben mufi das sein, was wir nennen konnen morali-
sche Tiichtigkeit, moralische Kraft. Stiitze fiir das Leben mufi aber
auch unter anderem dasjenige sein, was wir nennen konnen die
innere Seelenverfassung, die dem Menschen werden kann dadurch,
dafi er sich in dem grofien Weltenganzen als ein Glied fiihlt, dafi er
sich so eingegliedert fiihlt in das Weltenganze, wie es entspricht
dem, was man nennen kann sein religioses Bediirfnis. Was nun
zunachst die innere moralische Kraft des Menschen betrifft, so hat
Schopenhauer ein treffliches Wort gesprochen, wenn auch die weite-
ren Ausfiihrungen, die er an diese Worte in seiner Art geknupft hat,
recht anfechtbar erscheinen. Er sagte: Moral predigen ist leicht,
Moral begriinden ist schwierig. - Dies ist tatsachlich ein wahres
Lebenswort. Denn einsehen im allgemeinen, was das Gute ist, was
das moralische Leben von uns fordert, das ist als eine Sache des
Intellektes verhaltnismafiig leicht. Dagegen heraufholen aus den
Urkraften der Seele diejenigen Antriebe, die im Menschen notwen-
dig sind, damit er sich in das Lebensgefiige als ein moralisch
Kraftvoller hineinstellt, das ist schwierig. Das aber heifit erst Moral
begriinden. Moral begriinden heifk nicht blofi sagen, was gut, was
moralisch ist. Moral begriinden heifit an den Menschen solche
Impulse heranbringen, welche, indem er sie in sein Seelenleben
aufnimmt, in ihm eine wirkliche Kraft, eine wirkliche Tiichtigkeit
werden.
Nun steht der Mensch unserer gegenwartigen Zivilisationsstufe
mit Bezug auf sein sittliches Bewufksein in einer ganz eigenartigen
Weise in der Welt drinnen, in einer Weise, die durchaus nicht immer
voll bewufit beobachtet wird, die aber der Grund ist fiir mancherlei
Unsicherheit und Haltlosigkeit, die sich im Leben der Menschen
geltend machen. Wir haben auf der einen Seite unser intellektuali-
stisch orientiertes Wissen, unsere Erkenntnis, die es uns moglich
macht, in die Naturerscheinungen einzudringen, die es uns moglich
macht, das Weltenganze in unser Vorstellen bis zu einem gewissen
Grade aufzunehmen, die es uns moglich macht, in einem allerdings,
wie wir in den zwei letzten Betrachtungen hier gesehen haben, sehr
eingeschrankten Mafie uns auch Vorstellungen iiber das Wesen des
Menschen zu machen.
Neben dem, was da in uns aufleuchtet als unsere Erkenntnisfahig-
keit, als alles dasjenige, was, ich mochte sagen, dirigiert wird von
unserer Menschenlogik, neben all dem macht sich geltend, mufi sich
geltend machen im Menschen ein anderes Element seines Wesens,
dasjenige, aus dem ihm seine sittliche Pflicht, seine sittliche Liebe,
kurz, die Antriebe zum moralischen Handeln quellen. Und man
muft sagen: der moderne Mensch lebt auf der einen Seite in seinen
Erkenntnisfahigkeiten und ihren Ergebnissen, auf der anderen Seite
lebt er in dem, was seine moralischen Antriebe sind. Beides sind
Seeleninhalte. Aber es ist fur diesen modernen Menschen im Grun-
de genommen zunachst wenig Vermittlung zwischen beiden, so
wenig Vermittlung, daft zum Beispiel Kant den Ausspruch tun
konnte: Zweierlei sei ihm das Wertvollste in der Welt, der gestirnte
Himmel iiber ihm, das moralische Gesetz in ihm. - Aber gerade
diese Kantsche Vorstellungsart, die in dem modernen Menschen
west, sie kennt keine Briicke zwischen dem, was zur Erkenntnis der
Welt auf der einen Seite fuhrt, und dem, was moralische Impulse auf
der anderen Seite sind. Wie unvermittelt betrachtet Kant das Er-
kenntnisleben in seiner «Kritik der reinen Vernunft», das morali-
sche Leben in seiner «Kritik der praktischen Vernunft».
Und wir miissen eigentlich sagen, wenn wir vollig ehrlich sind
gegeniiber unserem Zeitbewufttsein, daft hier ein Abgrund liegt
zwischen zweierlei Erlebnissen der Menschennatur. Indem die
heutige Wissenschaft sich Vorstellungen macht iiber den Gang der
Weltenentwickelung in den verschiedensten Wissensgebieten, be-
trachtet sie das Geschehen der Natur von den einfachsten Lebewe-
sen, ja von der unorganischen Natur an bis herauf zum Menschen.
Sie macht sich Vorstellungen dariiber, wie etwa dieses uns unmit-
telbar vorliegende Weltenganze entstanden sei. Sie macht sich auch
Vorstellungen, in welchen Vorgangen das einstmalige Ende dieses
uns zunachst vorliegenden Weltenganzen sich abspielen konnte.
Aber nun quillt aus dem Menschen, der doch eingesponnen ist in
diese Naturordnung, das hervor, was er seine sittlichen Ideale
nennt. Und diese sittlichen Ideale empfindet der Mensch so, dafi er
eigentlich sich selbst nur als wertvoll fiihlen kann, wenn er diesen
Idealen folgt, wenn eine Ubereinstimmung ist zwischen ihm und
diesen Idealen. Der Mensch macht seinen Wert abhangig von diesen
sittlichen Idealen. Aber wenn wir uns vorstellen, dafi einstmals
durch die Naturkrafte, die dem Menschen zuganglich werden durch
seine Erkenntnis, das uns zugangliche Weltenganze seinem Ende
entgegengeht, wo bleibt fur das heutige Zeitbewufitsein dasjenige,
was der Mensch aus seinen sittlichen Idealen, aus seinen morali-
schen Antrieben heraus schafft? Wer ehrlich ist, wer nicht in
Nebuloses einhullt dasjenige, was heutiges Zeitbewufitsein ist, der
mufi sich sagen: Diese sittlichen Ideale sind vor der gegenwartigen
naturwissenschaftlichen Anschauung etwas, wonach sich der
Mensch im Leben zwar richten mufi, wodurch aber nichts entsteht,
was einstmals triumphieren konnte, wenn die Erde mit dem Men-
schen selbst ihrem Untergang entgegengeht.
Es ist fur das heutige Zeitbewulksein, das mufi man sich nur
gestehen, keine Briicke zwischen den Erkenntnisfahigkeiten, die
zum Naturwissen fuhren, und den Fahigkeiten, welche uns beherr-
schen, indem wir sittliche Wesen sind. Dem Menschen wird nicht
alles bewufk, was in den Tiefen seiner Seele vorgeht. Vieles bleibt
unbewufk. Aber was da unten unbewufit rumort, das macht sich
geltend im Leben durch Disharmonien, durch seelische oder sogar
leibliche Krankheitserscheinungen. Und wer nur unbefangen sehen
will in dasjenige, was heute vorgeht, der wird sich sagen miissen: da
wogt unser Leben, und da sind die Menschen in diesem Leben
driimen mit alien moglichen seelischen und leiblichen Zwiespaken.
Und das, was da wogt, das wogt auf aus einer Tiefe herauf, in der
allerdings so etwas tatig ist wie jene schwachen Menschheitskrafte,
die keine Briicke bauen konnen zwischen dem moralischen Leben
und dem Naturerkennen. Anthroposophisch orientierte Geisteswis-
senschaft stellt sich zu diesen Fragen in der folgenden Art. Sie muE
verlassen alles dasjenige, was auf der einen Seite nur theoretische
Anschauung der aufieren Wirklichkeit ist. Sie mufi also alles das
erkennen - das habe ich in den beiden letzten Vortragen hier
ausgefiihrt -, was den Menschen gewissermafien bei dieser An-
schauung von der Natur ausschalten mochte, damit nur ja eine
rechte Objektivitat entstehen konne.
Was ich als Weg in die geistige Welt charakterisierte, das stellt sich
ja — ich mochte zusammenfassend das noch einmal sagen - etwa in
der folgenden Art dar: Zunachst mufi sich derjenige, der diesen Weg
in die geistige Welt hinein gehen will, einer gewissen inneren
seelisch-geistigen Arbeit hingeben. In meinen Biichern habe ich
zusammenfassend dieses innere Uben, dieses innere geistig-seeli-
sche Arbeiten eine Meditations-, eine Konzentrationsarbeit ge-
nannt. Diese Arbeit bringt den Menschen in die Lage, sich seinem
Vorstellungsleben anders gegenuberzustellen, als das im gewohn-
lichen Leben geschieht, wenn wir die Naturerscheinungen oder
auch das soziale Leben verfolgen. Es ist ein vollstandiges Zusam-
mensein mit den Vorstellungen, die sonst nur schattenhaft die
aufieren Emdriicke begleiten. Wie wir sonst, so sagte ich, mit
unserem Gefiihl, mit unseren Sympathien und Antipathien Men-
schen oder der Natur oder sonst etwas im physischen Leben
gegeniiberstehen, wie wir Tatsachen gegeniiberstehen mit unseren
Willensemotionen, so stehen wir als einer, der den Weg in die
geistige Welt sucht, den blofien Vorstellungen gegeniiber. Wie
Vorstellungen auftreten, das regt uns auf, das fordert unsere Sympa-
thie und Antipathie heraus, das regt unsere ganze Lebenskraft an.
Das wird fur uns ein Schicksal. Wir machen, wahrend wir aufierlich
ganz ruhig sind, innerlich etwas durch, was durchaus nicht schwa-
cher ist als dasjenige, was wir sonst als Lebensschicksal in der
aufieren Welt durchmachen. Wir verdoppeln gewissermafien unser
Leben. Wahrend wir sonst in Aufregung geraten, Sympathie und
Antipathie entwickeln, Willensimpulse geltend machen nur im
aufieren Leben, aufieren Ereignissen gegeniiber, tragen wir das, was
uns sonst nur in dieser aufieren materiellen Welt beschaftigt, hinein
in unser inneres Gedankenleben. Konnen wir dies - und jeder
Mensch kann es, wenn er in der Art sich iibt, wie ich es beschrieben
habe in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren
Welten?» oder in meiner «Geheimwissenschaft» -, kommt der
Mensch dazu, dies wirklich auszufiihren, so tritt fur ihn zuletzt ein
Augenbiick ein, in dem er Bilder der Welt nicht nur hat, wenn er
seine Sinne offnet, wenn er hort oder sieht, sondern wo er Bilder hat
rein aus dem Vorstellungsleben heraus, so vollinhaltliche Bilder -
wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf -, so vollsaftige Bilder, wie
sie sonst nur durch die Sinneswahrnehmung uns kommen. Die
kommen durch dieses also verstarkte und verscharfte Vorstellungs-
leben. Ohne das Sinneswahrnehmen zu haben, leben wir in einer
Welt von Bildern, wie sie uns sonst nur werden durch die Sinnes-
wahrnehmung.
Damit ist aber ein anderes bedeutsames Erlebnis verkniipft - diese
Dinge konnen nur als Erlebnisse verstanden werden, abstrakte
Logik, sogenannte Beweisfuhrung fuhrt nicht an sie hera*n -, ein
anderes Erlebnis ist damit verbunden: Wir lernen wissen durch
solches Uben, was es heifit, eine geistig-seelische Tatigkeit unabhan-
gig von der leiblichen Tatigkeit zu entwickeln. Es tritt der Augen-
biick fur den Menschen ein, wo er sich - wenn ich mich so
ausdriicken darf - mit Recht gestehen darf, ein Materialist zu sein, so
sonderbar und paradox das klingt. Er darf in diesem Augenbiick
sagen: jawohl, im gewohnlichen Leben sind wir ganz abhangig von
dem Werkzeug unseres Leibes. Da denken wir durch das Werkzeug
unseres Nervensy stems. Aber das ist eben gerade das Charakteri-
stische dieses aufieren Lebens, daft wir es durchmessen, indem wir
das Geistig-Seelische nur dann entwickeln konnen, wenn es sich der
leiblichen Werkzeuge bedient. Aber dieses Geistig-Seelische ist
nicht angewiesen darauf, sich blo£ der leiblichen Werkzeuge zu
bedienen. Es kann sich durch die geschilderten Anstrengungen
loslosen von dem leiblichen Werkzeug, kann leibfrei werden. Man
kann noch soviel spekulieren und philosophieren mit dem Materia-
lismus. Wenn man nur das gegen ihn ins Feld fiihrt, was man wissen
kann aus dem gewohnlichen Leben, wird man ihn nie widerlegen,
denn fiir das gewohnliche Leben hat der Materialismus Recht.
Widerlegen kann man den Materialismus nur durch die spirituelle
Praxis, dadurch, dafi man im unmittelbaren Erleben loslost das
Seelisch-Geistige von dem Leiblichen. Man stellt in Bildern vor - ich
nannte es in den genannten Biichern imaginatives Vorstellen oder
Imagination -, man stellt in Bildern vor, aber aufierhalb des Leibes,
wobei das «aufierhalb» selbstverstandlich nicht raumlich, sondern
unabhangig vom Leibe vorzustellen ist. Das ist die eine Seite
desjenigen, was man kennenlernen mufi innerhalb der anthroposo-
phisch orientierten Geisteswissenschaft, um die Briicke, die auf die
Art nicht geschlagen werden kann, wie wir es geschildert haben,
wirklich zu schlagen. Was man auf diese Art erlangt als Inhalt der
imaginativen Erkenntnis, das ist nicht im Menschenleibe, das ist
aufierhalb des Menschenleibes und gibt die praktische Erklarung,
dafi unser innerstes Wesen, bevor es sich mit diesem Leibe umklei-
det hat, in der geistig-seelischen Welt war. Denn man ist nicht nur
aufierhalb des Leibes, man ist aufterhalb der Zeit, in der man mit
dem Leibe lebt. Man erlebt auf diese Art wirklich das Vorgeburtli-
che, oder sagen wir, das vor der physischen Empfangnis Liegende
im Menschen. Wie ein Licht von aufierhalb in das Zimmer herein-
scheint, so scheint unser vorgeburtliches Leben in dieser Imagina-
tion in unser gegenwartiges Leben herein.
Was da hereinscheint, das sind jetzt nicht blofi Gedanken, das hat
einen lebendigen Inhalt. Dieser lebendige Inhalt enthiillt sich als
etwas ganz Besonderes. Er enthiillt sich als ein gewisser, ich mochte
sagen, Intelligenzinhalt. Wahrend wir also auf die Art, wie ich es
geschildert habe, das Vorstellungsleben pflegen, scharfen, erkraften,
kommen wir aus uns selber heraus in einen Willensinhalt hinein, der
aber zu gleicher Zeit etwas Lebendiges hat. Es ist der Willensinhalt,
der dasjenige in uns schafft, was sich mit dem physischen Leib
umkleidet, was wir nicht durch Vererbung, was wir uberhaupt nicht
aus der physischen Welt haben.
Zur Erkenntnis der Unsterblichkeit gelangt die anthroposo-
phisch orientierte Geisteswissenschaft nicht durch spekulatives Ver-
arbeiten des gewohnlichen Lebens, sondern durch die Kultivierung
einer Erkenntnisfahigkeit, die zunachst im gewohnlichen Leben
nicht da ist. Was heute fur uns besonders wichtig ist, ist aber, dafi
wir Menschen auf diese Weise aufterhalb unseres physischen Leibes
gelangen, sogar aufierhalb der Zeit, in der unser physischer Leib
lebt. Man gelangt da zu Ideen, die fur den grofiten Teil der gegenwar-
tigen Menschen noch schwer vorstellbar sind, die aber ein wichtiges
Glied in der Entwickelung der Menschheit nach der Zukunft zu
werden bilden miissen.
Und jetzt stellt sich etwas sehr Merkwiirdiges heraus, wenn man
nicht nur nach der einen Seite hin, nach der des Vorstellungslebens
Ubungen macht, sondern wenn man auch nach der Seite des Willens-
lebens Ubungen macht. Wir Menschen leben, ich mochte sagen, so,
wie Faust das Leben durchmacht, der da sagt: Ich bin nur durch die
Welt gerannt. - Wir rennen durch die Welt. Gewifi, wir machen
eine Entwickelung durch zwischen Geburt und Tod, von Monat zu
Monat, von Jahr zu Jahr, von Jahrzehnt zu Jahrzehnt; aber wir
machen diese Entwickelung durch, indem wir uns gewissermalSen
der aufieren Objektivitat iiberlassen: Hand aufs Herz, wie viele
Menschen tun es denn anders, als sich vom Leben, sei es vom
Kindesleben, wo die Erwachsenen sie erziehen, sei es von dem
spateren Leben und seinem Schicksal tragen lassen? Sie werden
vollkommener, weil die Welt sie vollkommener macht. Aber was
tun denn die meisten Menschen anderes, als daf$ sie sich eben dem
Strom des Lebens iiberlassen? Mit diesem Sich-Uberlassen dem
Strom des Lebens kommt man allerdings nicht auf den hier gemein-
ten geisteswissenschaftlichen Weg. Da ist notwendig, dafi man in
Selbsttatigkeit seine Selbstzucht ubernimmt, dafi man tatsachlich an
sich so arbeitet, da£ man nicht nur durch das Leben, das an einen
durch das Schicksal herantritt, sich weiterentwickelt, sondern daft
man sich weiterentwickelt dadurch, daft man sich vornimmt: du
wilist dir diese oder jene Gesinnungsrichtung einpflanzen. Jetzt
arbeitet man daran, diese Gesinnungsrichtung sich einzupflanzen.
Man kann im kleinen, man kann im grofien so etwas unternehmen.
Aber es ist ein grofier Unterschied, ob man irgend etwas an sich
selbst, in der Zucht seines eigenen Wesens nur ausfiihrt, indem man
sich dem Leben iiberlafit, oder ob man diese Zucht des eigenen
Selbst wiederum durch das eigene Selbst in die Hand nimmt. Man
lernt durch dieses In-die-Hand-Nehmen den Willen in seiner Wirk-
samkeit kennen; denn man lernt erkennen, was fur Widerstande
diesem Willen entgegenstehen, wenn man ihn nun in Selbstzucht
kultivieren will. Oh, man lernt auf diese Weise allerlei kennen, man
verstarkt vor alien Dingen die eigenen Krafte des Geistig-Seeli-
schen, und man wird sehr bald bemerken, wenn man solche Ubun-
gen in Selbstzucht ausiibt - aber man mufi sie jahrelang ausiiben -,
dafi einem dann innere Krafte zuwachsen. Diese inneren Krafte, die
sind von solcher Art, daft wir sie nicht in der aufieren Natur finden.
Sie sind von solcher Art, daft wir sie auch nicht in dem gewohnlichen
Seelenleben finden, das wir vor unseren Ubungen in uns getragen
hab.en. Diese Krafte entdecken wir erst, wenn wir eben eine solche
innere Ubung mit uns anstellen. Diese Krafte sind zu etwas ganz
Bestimmtem imstande: Sie sind imstande, die moralischen Antriebe,
die sonst wie instinktiv, wie unbestimmt und getrennt von den
Erkenntnisfahigkeiten aufquellen in der Seele, in unser eigenes
Selbst viel bewufiter aufzunehmen, Aber verstehen Sie mich recht,
nicht in das Selbst, das wir entwickeln in unserem Leibe, sondern in
dasjenige Selbst, das wir entwickeln, wenn wir auf die vorhin
geschilderte Weise aus unserem Leibe heraustreten mit unserer
Imagination. Nicht konnen wir die wahre Gestalt der moralischen
Antriebe in unseren sinnlichen Leib, in unser sinnliches Erkennen
hereinbekommen; aber wir bekommen das, was so isoliert dasteht,
dafi Kant es ganz isoliert als kategorischen Imperativ hinstellte, wir
bekommen das herein in unser Selbst, das sich vom Leibe getrennt
hat.
Und dann wird das, was ich vorhin geschildert habe als Imagina-
tion, als' Bildvorstellungen, durchtrankt von dem, was man nennen
kann die objektive Kraft der sittlichen Impulse; es wird durchtrankt
von der sittlichen Inspiration. Wir erkennen jetzt, dafi dasjenige,
was in uns als sittliche Imperative, als sittliche Ideale aufquillt, nicht
blofi in uns wurzelt, dafi es im Weltenganzen wurzelt. Wir lernen,
indem wir auflerhalb unseres physischen Menschen sind, erkennen,
dafi dasjenige, was in seiner wahren Gestalt nicht innerhalb der
physischen Organisation erscheint, in dieser seiner wahren Gestalt,
in der wir es erkennen durch imaginatives Anschauen, objektive
Krafte der Welt sind.
Solch eine Anschauung kann dem Menschen aufgehen, der richtig
mit seinem gesunden Menschenverstand das aufnimmt, was der
Geistesforscher zu sagen vermag aus seiner Anschauung der geisti-
gen Welt heraus. Wer sich mit solcher Anschauung durchdringt, der
fiihlt gegeniiber dem, was heute populare offentliche Vortrage sind,
etwas ganz besonderes. Es klingt vielleicht sonderbar, wenn ich das
ausspreche, aber ich mochte sagen: Wer dieses Inspirierte in der
Imagination, das sich deckt mit den sittlichen Kraften, die im
Menschenleben sind, unbefangen aufnimmt und sich vorstellt, wie
in der Gegenwart durch Geist-Erkenntnis so etwas durchschaut
werden kann, der mochte sich am liebsten denken: wenn doch solch
eine Erkenntnis die Menschen ergreifen konnte, nur so stark wenig-
stens, wie sie ergriffen werden, wenn sie horen, die Rontgenstrahlen
oder die drahtlose Telegraphie sind gefunden worden! Man mochte
angesichts desjenigen, was sich da in die Seele eines Geistesforschers
senkt, sagen: es ist sehr notwendig fur die Zivilisation der Gegen-
wart, dafi die Menschen dahin kommen, das auf geistigem Wege an
Kraften fur Menschenerstarkung zu Findende ebenso zu schatzen
wie das, was niitzlich und forderlich sein kann im aufieren Leben.
Damit haben wir, wie ich glaube, an eine wichtige Zivilisations-
forderung der Gegenwart geriihrt. Die geisteswissenschaftlichen Er-
kenntnisse sind, ich sage es noch einmal, keine Spekulation, sie sind
Erlebnisse, Und dafi sie von so wenigen heute noch angenommen
werden, das beruht darauf, da£ die meisten sich blenden lassen von
den materiaiistischen naturwissenschaftlichen Anschauungen, sich
ihre Vorurteile selber in den Weg werfen, ihren gesunden Men-
schenverstand nicht anwenden, daher nicht in der richtigen Weise
pni ten. konnen, was der Geisteswissenschafter sagt. Sie sagen im-
mer: wir konnen das ja nicht selber sehen, was der Geistesforscher
sagt. Ich mochte wissen, wie viele Leute, die an die Venus-Durch-
gange glauben, jemals einen Venus-Durchgang gesehen haben! Ich
mochte wissen, wie viele Leute, die da sagen, das Wasser besteht aus
Wasserstoff und Sauerstoff, jemals in einem Laboratorium beobach-
tet haben, wie man feststellt, dafi Wasser aus Wasserstoff und
Sauerstoff besteht und so weiter. Es gibt doch eine Logik des
gesunden Menschenyerstands. Durch sie kann man priifen, was der
Geistesforscher sagt. Ich kann gewifi vor denjenigen, die ihren
gesunden Mens chen vers tand gebrauchen, keine Illusionen hinma-
len, keine Phantastereien vor sie hinschwatzen, denn sie konnen
achtgeben durch ihren gesunden Menschenverstand, ob ich rede wie
ein Schwarmer oder ob ich in logischen Zusammenhangen rede, ob
ich rede wie jemand, der Idee auf Idee stellt, wie man das auch in der
exaktesten Wissenschaft tut. Wer sich eine solche gesunde Men-
schenerkenntnis und Menschenanschauung erwirbt, der wird unter-
scheiden konnen, ob er einen Phantasten vor sich hat oder einen
Menschen, der dadurch, dafi er seine Anschauung in gesunde
logische Formen zu kleiden weifi und auch sonst nicht den Eindruck
eines Schwarmers macht, ernst zu nehmen ist. Vieles im Leben
miissen wir auf diese Art entscheiden; warum sollten wir dasjenige,
was zum Wichtigsten gehort: die Einsicht in die Weltenordnung,
nicht so entscheiden? Auf eine andere Art lafit sich zunachst fur den,
der nicht selbst Geistesforscher werden kann - bis zu einem gewis-
sen Grade kann aber jeder ein Geistesforscher werden, wie ich es in
den genannten Biichern dargestellt habe -, auf eine andere Art lafit
sich das nicht feststellen; denn Geisteswissenschaft ist etwas Erleb-
tes, etwas, was erfahren werden mufi, nicht etwas, was nur durch
logische Schlufifolgerungen erreicht wird.
Lernt man also die Weltanschauungen durch, ich mochte sagen,
die Kombination zwischen Imagination und inspirierter Sittlichkeit
kennen, dann lernt man noch etwas anderes kennen, dann lernt man
erkennen, was es mit dem Widerspruche fur ein Bewenden hat
zwischen der sogenannten Naturkausalitat, der Naturnotwendig-
keit, und dem Elemente, in dem der Mensch als in seiner Freiheit
lebt. Denn nur in dem Elemente der Freiheit konnen wir mit
unseren sittlichen Impulsen leben. Wir sehen hinaus in die aufiere
Natur. Uberwaltigend wirkt auf die Naturanschauung, die sich in
den letzten drei bis vier Jahrhunderten herausgebildet hat, dasjeni-
ge, was man den notwendigen Zusarnmenhang des Folgenden mit
dem Vorhergehenden, was man die allgemeine Ursachlichkeit
nennt. So stellt sich die Natur einschliefilich der Menschenwesen-
heit dar, als ob alles von einer Naturnotwendigkeit ergriffen ware.
Dann stiinde es aber schlimm mit unserer Freiheit; dann konnten
wir nicht anders handeln, als die Naturnotwendigkeit in uns das
Handeln erzwingt. Freiheit ware eine Unmoglichkeit, wenn die
Welt so beschaffen ware, wie die in den letzten drei bis vier
Jahrhunderten beliebt gewordene naturwissenschaftliche Anschau-
ung will.
Aber wenn man den Standpunkt errungen hat, den ich eben
geschildert habe, den Standpunkt der Beobachtung aufterhalb des
menschlichen Leibes, dann stellt sich einem alles dasjenige, was von
Notwendigkeit durchdrungen ist, gewissermafien als eine Art Na-
turleib dar. Und dieser Naturleib treibt an alien moglichen Stellen
eine Naturseele, einen Naturgeist hervor. Der Naturleib ist gleich-
sam dasjenige, was ausgeworfen und abgeworfen hat die werdende
Welt; der Naturgeist, die Naturseele ist dasjenige, was in die
Zukunft hinuberwachst.
So wie, wenn ich einen Leichnam vor mir sehe, dieser Leichnam
keine Moglichkeit mehr hat, etwas anderem zu folgen als den
Notwendigkeiten, die veranlagt hat das Geistig-Seelische, das in
ihm gewohnt hat, so hat dasjenige, was leichenhaft ist an der aufieren
Natur, nichts in sich von Antrieben als Notwendigkeiten. Aber an
jeder Stelle spriefit hervor, was in die Zukunft hinuberwachst.
Unsere Naturwissenschaft ist nur gewohnt worden, den Natur-
leichnam zu beobachten, sieht daher iiberall nur die Notwendigkeit.
Geisteswissenschaft mu£ dazukommen. Die wild das iiberall sprie-
Eende, sprossende Leben sehen.
Dam it aber ist der Mensch auf der einen Seite in die Naturkausa-
litat hineingestellt, auf der anderen Seite hineingestellt in dasjenige,
was auch da ist, aber keine Kausalitat enthalt, sondern etwas enthalt,
was gleich ist mit dem innerlich erlebten Elemente der Freiheit.
Dieses Element der Freiheit erleben wir so, wie ich es dargestellt
habe in meiner «Philosophie der Freiheit», wenn wir uns erheben
zum innerlich durchsichtigen, reinen Denken, das aber eigentlich
ein Ausflufi unserer Willenstatigkeit ist. Das Genauere finden Sie in
dieser meiner «Philosophie der Freiheit».
So tragt uns dasjenige, was wir uns erringen, indem wir uns eine
Erkenntnismoglichkeit schaffen aufierhalb des menschlichen Lei-
bes, hinein in eine Welt, wo der Gegensatz erklarlich wird zwischen
Naturnotwendigkeit und Freiheit. Wir lernen die Freiheit selber in
der Welt kennen. Wir lernen uns fiihlen in einer Welt, in welcher die
Freiheit west,
Wenn ich Ihnen so etwas schildere, dann schildere ich es Ihnen
nicht, um Ihnen gewissermafien nur den Inhalt desjenigen, was ich
schildere, zu zeigen, sondern ich mochte Ihnen das, was ich schilde-
re, aus dem Grunde darstellen, weil ich daran zeigen mochte, wie
der Mensch in eine gewisse Seelenverfassung kommt, indem er sich
mit Erkenntnissen, die aus solchen Regionen herausgeholt sind,
durchdringt, indem er sich belebt mit solchen Erkenntnissen.
Wie wir, wenn wir meinetwillen ein aufierordentlich freudiges
Ereignis erleben, von Freude durchdrungen werden, wie manche
Menschen, wenn sie so und soviel Mosel getrunken haben, von jener
Stimmung ganz durchdrungen werden, die eben vom Moselwein
kommt, so kann auch die ganze Seelenverfassung des Menschen
ergriffen werden von etwas so Real-Spirituellem, das den Menschen
durchdringt. Wann ist seine Seelenverfassung von etwas ergriffen
worden, von dem sie zunachst nur im aufieren Leben, dann aber
schattenhaft ergriffen ist? Wenn gegeniiber den sittlichen Verpflich-
tungen der kategorische Imperativ oder das Gewissen sich regt.
Aber der Inhalt dieses Gewissens wird jetzt hell, und er wird auch
eine andere Gefuhlsnuance annehmen. Denn was ist eigentlich
geschehen - ob der Mensch nun selber ein Geistesforscher ist, ob er
das, was der Geistesforscher bringt, durch seinen gesunden Men-
schenverstand aufnimmt und als Erkenntnisse seiner Seele einver-
leibt was ist denn mit dem Menschen geschehen? Er ist mit etwas
zusammengegangen, hat sich mit etwas zusammengeschlossen, mit
dem man nur zusammenkommt, wenn man aus sich herausgeht,
wenn man sich seiner selbst entfremdet. Sie finden keine bessere,
realistischere Definition der Liebe und des Liebesgefuhls als dasjeni-
ge, was man schildern kann als die Seelenverfassung, die einen
iiberkommt, wenn man leibfrei hineindringt in die Wesenhaftigkeit
der aufieren Welt. Wirken die sittlichen Imperative sonst wie ein
Zwang, so konnen sie in eine solche Form gegossen werden, dafi sie
durchdrungen erscheinen von derselben Stimmung, von der die
geisteswissenschaftlichen Erkenntnisse durchdrungen sein mussen.
Diese sittlichen Aritriebe, diese moralischen Imperative konnen
lernen von dem, was man als Seelenstimmung bekommt im Auf-
nehmen von Geisteswissenschaft; diese Moral kann durchwarmt
werden von dem, was in Geisteswissenschaft leben mufi im hoch-
sten Sinne: von Liebe.
Das versuchte ich wiederum zu zeigen in meiner «Philosophie der
Freiheit», dafi des Menschen wurdigster Antrieb fur das sittliche
Handeln die Liebe ist. Innerhalb der modernen Geistesentwicke-
lung war von diesen Dingen schon einmal, mehr instinktiv die Rede,
als es heute schon sein kann, wo wir eben in der Geisteswissen-
schaft, wenn wir wollen, vorgeschritten sein konnen. Kant sprach
einstmals von der zwingenden Pflicht, von dem, ich mochte sagen,
den Menschen bandigenden kategorischen Imperativ, der nichts
gestattet von Einmischung irgendeiner Sympathie. Was man tut aus
sittlicher Pflicht, tut man, weil man es mufi. Kant sagt deshalb:
Pflicht, du erhabener, grofier Name, der du nichts bei dir fiihrest,
was Einschmeichelung oder dergleichen bedeutet, sondern nur
strengste Unterwerfung. - Schiller fand dieses sklavische Unter-
werfen unter die Pflicht nicht menschenwiirdig. Und er setzte
entgegen dieser Kantschen Ausfiihrung das, was er so schon, so
gro&artig ausgedriickt hat in seinen «Briefen iiber die asthetische
Erziehung des Menschen».
Aber wir brauchen nur ein kleines Epigramm zu nehmen, das
Schiller gepragt hat gegen diesen Kantschen rigoristischen, starren
Pflichtbegriff, so haben wir einen wichtigen menschlichen Gegen-
satz in bezug auf das sittliche Leben: «Gerne dien' ich den Freun-
den» - sagt Schiller - «doch tu ich es leider mit Neigung. Und so
wurmt es mich oft, dafi ich nicht tugendhaft bin.» Er meint, im
Kantschen Sinne miiflte man nicht gerne den Freunden dienen,
sondern sich gehorchend der Pflicht unterwerfen. Das aber, was das
Menschenleben erst menschenwert machen kann, das ist, wenn
erfullt wird, was Goethe in ein paar Worten ganz monumental sagt:
Pflicht, wo man liebt, was man sich selbst befiehlt. - Aber die
Stimmung, zu lieben, was man sich selbst befiehlt, sie kann nur
angefeuert werden aus jener Verfassung der menschlichen Seele, die
im Erwerben der Geisteswissenschaft zustande kommt.
So ist, wenn man sich in die Geisteswissenschaft vertieft, nicht
etwas neben dem Leben herlaufend, wie Moral predigen, sondern es
ist darinnen eine Kraftentwickelung, welche das sittliche Wollen
unmittelbar ergreift. Es ist ein Begriinden der Moral da. Es ist
dasjenige da, was in den Menschen hineingiefit die sittliche Liebe.
Geisteswissenschaft predigt nicht blofi Moral, Geisteswissenschaft,
wenn sie in ihrem vollen Ernst, in ihrer vollen Kraft genommen
wird, begriindet die Moral, doch indem sie nicht Worte der Mo-
ral gibt, sondern Kraft zur tugendlichen Liebe, zur liebenden
Tugend gibt.
Geisteswissenschaft ist eben nicht blofi Theorie, sie ist Leben.
Und wenn man Geisteswissenschaft sich aneignet, so ist es nicht
blofi ein Nachdenken, so ist es etwas wie ein Aufnehmen des Lebens
wie beim Atmen selber. Das ist es, was diese Geisteswissenschaft der
modernen Zivilisation auf sittlichem Gebiete leisten mochte, was sie
ihr leisten mufi. Denn in alten Zeiten, ich habe das vorgestern
angedeutet, hatte man * auch eine Geisteswissenschaft, aber eine
instinktive. Woher kam die Geisteswissenschaft der alten, vor
Jahrtausenden sich entwickelnden orientalischen Weisheit? Es war
ein dumpfes, traumhaftes Sich-Verbildlichen der Welt. Es kam
herauf aus den menschlichen Instinkten, aus dem menschlichen
Triebleben. Instinktiv war diese Geisteswissenschaft. Die Men-
schen sahen hinein durch eine Art Hellsehen in die Natur. Und
dieses Hellsehen war verbunden mit ihrem Blute, war verbunden
mit lhrer aufieren Leiblichkeit. Mit diesem Blute, mit dieser aufieren
Leiblichkeit waren aber auch verbunden die damaligen sittlichen
Antriebe. Beides kam aus einer Quelle. Die Menschheit - ich habe es
gerade in diesen Tagen immer wieder gesagt - macht eine Entwik-
kelung durch und glaubt, wir konnten so sein wie die Menschen vor
Jahrtausenden; das kommt dem gleich, zu glauben, der erwachsene
Mann konnte gleich sein dem Kinde. Wir konnen nicht mehr auf
dem Standpunkt der primitiven hellseherischen Kunste des alten
Orients oder des alten Agyptens stehen. Wir sind vorgeriickt zum
Galileismus, zum Kopernikanismus. Wir sind vorgeriickt zu demje-
nigen Anschauen, das im Intellekt aufgeht. In jenen alten orientali-
schen Anschauungen war der Intellekt noch nicht entwickelt. Dafur
miissen wir aber auch aus dem Geiste heraus, nicht aus dem
Instinkte heraus die Impulse unseres sittlichen Handelns holen.
Das ist heute das Schlimmste, daft die Menschen, indem sie von
Idealen oder Lebensimpulsen reden, immer alles verabsolutieren.
Wenn heute irgendein Parteimensch oder ein schwarmerischer
Theoretiker, der das tausendjahrige Reich herbeifiihren mochte,
auftritt, da sagen sie: dies oder jenes will ich fur die Menschheit -
und sie denken sich dabei, das, was sie da aussprechen, sei gut fur die
Menschheit in alle folgenden Zeiten hinein und iiber die ganze Erde
hin. Das sei im absolutesten Sinne gut. Wer wirklich hineinschaut in
das Leben der sich entwickelnden Menschheit, der weifi, dafi dasje-
nige, was gut ist, was giiltig ist fur die Weltanschauung, immer nur
fur ein gewisses Zeitalter entsprechend ist, dafi man die Natur dieses
Zeitalters kennen mul Ich habe bei friiheren Vortragen hier ofter
gesagt: Geisteswissenschaft, anthroposophisch orientiert, wie ich
sie hier ausspreche, bildet sich nicht ein, etwas Absolutes zu sein. Sie
glaubt aber, dafi sie aus dem Herzen der Gegenwart und der
nachsten Zukunft heraus so redet, daft sie fur Menschenseelen das
sagt, was diese Menschenseelen in der Gegenwart und in der
nachsten Zukunft brauchen. Sie weifi aber sehr gut, diese Geistes-
wissenschaft: wenn in fiinfhundert Jahren wiederum jemand spre-
chen wird von den grofien Weltenratseln und von den Menschheits-
angelegenheiten, so wird er an anderen Tonen, in anderer Art
sprechen, denn es gibt nichts Absolutes in diesem Sinne, nichts ewig
Dauerndes.
Gerade dadurch wirken wir im Leben, dafi wir es in seiner
Lebendigkeit, in seiner Metamorphose auch da, wo wir drinnen-
stehen, entsprechend aufzufassen vermogen. Leichter ist es, in
Abstraktionen absolute Ideale aufzustellen, als erst sein Zeitalter
kennenzulernen und aus dem Wesen dieses Zeitakers neraus das zu
sprechen, was ihm angemessen ist. Dann, wenn aus dem Aufneh-
men der geisfceswissenschaftlichen Impulse der Mensch sich so, wie
das angeftihrt worden ist, durchdringt mit dem, was ihm vom Geiste
kommt, dann wird er wissen, dafi er als Mensch Geist ist, Seele ist,
dann wird er wissen, dafi er lebt durch die Welt als Geist und Seele.
Und dann wird er jeden anderen Menschen als Geist und Seele
ansprechen. Ein Ungeheures, mochte man sagen, wird hervorgehen,
wenn das zur Geisteswissenschaft wird im Menschenleben, zu
dieses Menschenleben durchtrankender Gesinnung wird so, dafi
man mit vollem Bewufitsein dem anderen Menschen entgegentritt
wie einem Ratsel, das man zu losen hat, weil man mit jedem
Menschen in ein Unendliches,, in geistige Untergriinde und Abgriin-
de hineinblickt.
Was sich da bildet aus diesem wirklichen Anschauen des Mitmen-
schen als Geist und Seele, das wird sozial-sitdiche Kr'afte geben,
welche die Grundlage werden bilden miissen fiir eine wirkliche
Behandlung der so brennenden sozialen Prage in unserer Zeit. Ich
kann mir nicht anders vorstellen, als daf daejenigen geradezu gewis-
se Seelenqualen leiden, die das ganze Wesen der sozialen Frage
durchschauen und zu gleicher Zeit die heutige Menschheitsverfas-
sung auf sich wirken lassen. Wir leben in einer Zeit, wo die soziale
Frage gelost sein will in einer bestimmten Weise. Wir leben zugleich
in einer Zeit, in der die Forderer der sozialen Ordnung dureh-
seelt sind von den antisozialsten Trieben, wo einem die Forderung
nach sozialer Gestaltung des Lebens wie der Widerpart erscheint
zu dem, was in den Menschenseelen als antisoziale Triebe lebt. Man
mag die schonsten Programme aufstellen, man mag sich noch so
schonen Vorstellungen hingeben iiber das, was werden soil zur Lo-
sung der sozialen Frage, ein Weg zur Losung kann sich nur fin-
den, wenn Geist geschaut, gefiihlt, empfuncjen wird unter den
Menschen, wenn die Menschen so einander gegeniibertreten, dafi
sie in ihren Mitmenschen achten, schutzen, ehren, lieben Geist
und Seele, nicht blofi dasjenige, was man heute im Mitmenschen
neben sich hat.
Darum habe ich in meinem Buch «Die Kernpunkte der sozialen
Frage» die Absonderung des Geisteslebens von dem ubrigen sozia-
len Leben gefordert, damit dieses Geistesleben nur auf seine eigenen
Untergriinde gestellt werden kann, unabhangig vom Staatlichen
und unabhangig von wirtschaftlichen Impulsen rein der Menschen-
natur folgen kann. Nur ein solches freies Geistesleben wird wirklich
auch soziale Triebe, soziale Auffassungen und Gesinnungen unter
die Menschen verbreiten. Auch die soziale Sittlichkeit hangt daran,
dafi die Menschen in ihre Seelenverfassung das aufnehmen, was
ihnen werden kann im Verfolge dessen, was man zu sagen hat aus
den Forschungen der Geisteswissenschaft heraus.
Und das, worin der Mensch als in einem werten und wiirdigen
Ganzen ruhen mufi, damit er sich nicht als blofier einsamer Welten-
wanderer fiihle, sondern als ein Glied des Weltenganzen, das religio-
se Element, es kann in dem Sinne, wie das der moderne Mensch
braucht, wohl auch nur angefacht und angefeuert werden durch
dasjenige, was als Stimmung errungen wird im Verfolgen der Gei-
steswissenschaft.
Diejenigen Ereignisse der Weltenordnung oder der menschlichen
Entwickelung, auf die die religiosen Empfindungen hinschauen, sie
stehen als Tatsache da. Als Tatsache steht da zum Beispiel das
Mysterium von Golgatha. Als Tatsache steht da, was im Beginn
unserer Zeitrechnung in Palastina sich abgespielt hat als die
Menschwerdung des Christus in dem Jesus. Man mu6 unterschei-
dcn diese Tatsache, diesc objektive Tatsache, von der Art und
Weise, wie der Mensch sich nahert dem Verstehen, dem Anschauen
einer solchen Tatsache. In den Zeiten, in denen das Christentum
sich zuerst ausgebreitet hat, da konnte es stromen innerhalb der
Menschheitsgesinnungen, die noch heriibergekommen sind aus
dem alten Orient, man verstand das, was in Palastina als das Ereignis
von Golgatha geschehen ist, mit den Vorstellungen, die in gewisser
Weise aus alten Zeiten, aus urtumlichen Menschheitsanschauungen
stammten. Durch die Jahrhunderte hindurch waren die Menschen,
die es sein konnten, ehrlich und aufrichtig, indem sie das Ereignis
von Golgatha verstanden durch solche Vorstellungen. Dann kam
aber die Zeit, in welcher der Galileismus auftauchte, in welcher
Giordano Bruno in einer so merkwurdigen Weise fur die mensch-
liche Anschauung den Raum uberwand, indem er zeigte, dafi, was
da oben blaues Firmament ist, nur dasjenige ist, was in uns selber
lebt, die Grenzen, die wir selber setzen, wahrend in einem weit
ausgedehnten Raumesmeere die Sterne sind in einer Unendlichkeit.
Es kam alles dasjenige, was Kopernikus brachte, was gebracht
wurde in die neuere Weltanschauung des Aufierlichen durch die
Geister, die gelebt haben bis heute. In dieser Zeit haben die Men-
schen innerlich sich gewohnt an ein anderes Anschauen der Welt, als
dasjenige war, durch das zuerst das Christentum begriffen worden
ist. In dieser Zeit mufi auch ein neues Verhaltnis gewonnen werden
zu den religiosen Grundlagen der Menschheitsentwickelung. Nicht
handelt es sich darum, etwas zu erschuttern an den Tatsachen, die
der religiosen Entwickelung der Menschheit zugrunde liegen. Es
handelt sich aber darum, heute an das moderne Menschengewissen
so zu appellieren, dafi der Mensch der heutigen Zeit aus seiner
Seelenverfassung heraus so, wie er es mufi, das Christus-Ereignis
verstehen konne.
Die meinen es mit der Religion am ehrlichsten und am ehrerbietig-
sten, die da sagen: ein neuer Weg muE auch zu den alten Tatsachen
auf religiosem Boden gesucht werden. Geisteswissenschaft, anthro-
posophisch orientiert, wird die beste Vorbereitung, in der moder-
nen Art das Christentum oder andere religiose Inhalte zu verstehen.
Diejenigen meinen es nicht ehrlich mit dem religiosen Leben, die das
nicht zugeben, denn sie wollen Wege bewahren zu den Grundlagen
des religiosen Lebens, denen heute der Mensch, wenn er sonst den
Anschauungen seiner Zeit huldigt, nicht huldigen kann.
Wir haben es in der neueren Zeit zum Materialismus gebracht.
Gewift, verschiedene Arten von Menschen sind die Veranlasser des
Materialismus geworden; aber unter diesen Menschen sind auch die,
welche bewahrt haben gewisse alte Lebensgewohnheiten in der
Menschheitsentwickelung, Lebensgewohnheiten, die dahin gingen,
daft man den Bekenntnissen ein Monopol gegeben hat auf alles das,
was iiber Geist und Seele zu sagen ist. Dadurch, daft die Bekennt-
nisse allein das Recht hatten, zu entscheiden, was man glauben
miisse iiber Geist und Seele, dadurch kam es, daft die Naturfor-
schung ohne Geist forschte. Die Naturforschung glaubt heute, sie
habe ihre Gestalt dadurch angenommen, daft es eben so sein miisse
beim Naturforschen, daft man ausschalten miisse den Geist. O nein,
die Naturforschung ist so geworden, weil in friiheren Zeiten es
verboten war, iiber die Natur mit Geist zu forschen, denn iiber den
Geist und iiber die Seele hatte die Kirche zu entscheiden. Und heute
setzt man die Gewohnheiten fort und posaunt sie noch dazu aus als
vorurteilsloses wissenschaftliches Urteil.
Man sehe nur einmal nach bei solchen Forschern, die im Sinne
von materialistischer Forschung aufs hochste gelobt werden miis-
sen, wie zum Beispiel bei dem Jesuitenpater und Ameisenforscher
Wasmann, dem ausgezeichneten materialistischen Forscher auf dem
Gebiete der Naturforschung, ein Forscher, der aber auch nicht ein
Quentchen Geist hineinflieften laftt von demjenigen, was das Dog-
ma ist. Da mufi Geist und Seele herausbleiben. Deshalb: auftere
Wissenschaft materialistisch. Nicht zum geringsten Teile sind die
Trager der Bekenntnisreligionen die Begriinder des modernen Mate-
rialismus. So paradox das heute klingt, es ist so: weil die Kirche in
die Naturbetrachtung den Geist hineinzutragen nicht erlaubte,
deshalb ist die Naturwissenschaft geistlos geworden. Die anderen
haben sich das nur als Gewohnheit angeeignet. Anthroposophisch
orientierte Geisteswissenschaft mufi in die Naturforschung wieder
den Geist hineintragen. Noch einmal mochte ich sagen: Nicht steht
diese Geisteswissenschaft auf dem Boden, daft der Geist nur wie
beim Materialismus zuweilen Logierbesuche oder kurze voriiberge-
hende Besuche machen soil, damit der Mensch sich iiberzeugen
kann, dafi es einen Geist gibt - nein, diese Geisteswissenschaft will
zeigen, dafi im Kleinen und Grofien, in allem Materiellen immer und
iiberall Geist ist, daft man immer und iiberall den Geist verfolgen
kann. Dadurch aber, daft anthroposophisch orientierte Geisteswis-
senschaft immer und iiberall im Materiellsten den Geist erforscht,
darlegt, dafi es ein Materielles neben dem Geist ebensowenig als
Selbstandiges gibt, wie es Eis in dem Wasser als Selbstandiges gibt -
Eis ist verwandeltes Wasser, ist Wasser abgekuhlt, Materie ist Geist,
verfestigt. Man mufi es im einzelnen nur in der richtigen Weise
erklaren. Indem anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft
zeigt, wie iiberall, wo Materie ist, wo aufieres Leben ist, Geist waltet
und den Menschen dazu bringt, sich mit dem waltenden Geiste zu
verbinden, liefert sie auch heute die Antriebe zu einer wirklichen
religiosen Vertiefung.
Aber man erlebt ja auf diesem Felde gar mancherlei. Sehen Sie, ein
Erlebnis von einem sogar gutwilligen Manne ist das Folgende. Da
sagt jemand: die Geisteswissenschaft, wie sie der Steiner gibt, ich
kann sie nicht priifen; sie mag Wahrheiten enthalten, aber man soil
sie ganz fernhalten von jeglichem religiosen Leben, denn das religio-
se Leben, das mufi fern von aller Kenntnis ein unmittelbares Ver-
haltnis, eine unmittelbare Einheit des Menschen mit Gott darstellen.
Und nun sagt der Betreffende sehr merkwiirdig: wir haben in
unserer Zeit zu viel von religiosem Interesse, von religiosem Erie-
ben, die Menschen wollen nur immer etwas Religioses erleben. Sie
wollen religioses Interesse haben. Das braucht man alles nicht in der
Religion. In der Religion braucht man nur unmittelbare Einheit des
Menschen mit Gott. Weg, sagt der betreffende Kirchenmann, mit
allem religiosen Interesse, mit allem religiosen Erleben.
Nun, ein vorurteilsloser Mensch mufi heute sagen, wenn die
Menschen heute auch noch nach einem unklaren religiosen Erleben
lechzen, wenn sie auch noch ein unklares religioses Interesse in sich
erwecken, so ist das eben der Anfang zu jener Sehnsucht, wirklich
einen Weg, wie ich ihn Ihnen jetzt geschildert habe, in das religiose
Element hinein zu finden. Wer es ehrlich und aufrichtig mit dem
religiosen Leben meint, der sollte ergreifen jenen Trieb des religio-
sen Interesses, des religiosen Erlebens. Statt dessen verpont der
Kirchenmann religioses Erleben, religioses Interesse. Man fragt
heute, wo wirkliches religioses Verstandnis ist, bei denen, die so
sprechen, oder bei denjenigen, die versuchen, so zu sprechen, wie
ich heute zu Ihnen gesprochen habe. Allerdings, man mufi auch da
an ihren Friichten die Leute erkennen.
Ein Mann, der auch ein Kirchenmann, aber allerdings daneben
auch noch Universitatsprofessor ist, versuchte in einem Vortrag vor
kurzem eine Widerlegung der anthroposophisch orientierten Gei-
steswissenschaft. Zwei junge Freunde von mir waren in diesem
Vortrag, und sie konnten nachher in der Diskussion sprechen. Weil
der Zusammenhang es ergab, so brachten diese beiden jungen Leute,
die aber gut aufgenommen hatten die Impulse der Geisteswissen-
schaft, Worte der Bibel vor, um zu beweisen, wie iibereinstimme
das, was in der Bibel steht, wenn es richtig verstanden wird, mit
demjenigen, was auf diesem Gebiete anthroposophisch orientierte
Geisteswissenschaft zu sagen hat. Und da wufke sich der Vorsit-
zende, der ein richtiger Kirchenmann war, nicht anders zu helfen,
als dafi er sagte an einer Stelle: Hier irrt Christus! Es konnte ihm
erwidert werden: Also du glaubst an einen Gott, der irrt! Schone
religiose Gesinnung. Sie treibt sonderbare Bliiten heute. Religiose
Gesinnung ist nur echt, wenn sie ins wirklich moralische Leben
iibertritt. Da macht man allerdings sonderbare Erfahrungen. So
ziemlich das Allergemeinste, was gesagt werden kann, finde ich jetzt
durch eine ganze Reihe deutscher Zeitungen iiber dasjenige, was als
soziale Konsequenz auftritt in dieser anthroposophisch orientierten
Geisteswissenschaft, vom Anfang bis zum Ende erlogen. Aber die
Menschen finden es mit einer Moral heute vereinbar, allerdings in
einer Zeit, in der das Folgeride als Moralkortsequenz religidser
Praxis, sagen wir, geschehen kann. Vor kurzem hat auch in einer
Stadt ein Domkapitular, also ein Kirchenmann von der katholischen
Art s einen Vortrag gehalten iiber diese hier vertretene Geisteswis-
senschaft, und am Schlusse hat er gesagt: iiberzeugen Sie sich aus
den gegnerischen Schriften, was der Mann fur eine Weltanschauung
vertritt, denn seine eigenen Schriften und die seiner Anhanger
diirfen Sie nicht lesen. Die hat namlich zum Lesen fiir Katholiken
der Papst verboten.
Die Empfehlung, etwas kennenzulernen aus dem Ubelgewollten,
aus den iibelwollendsten gegnerischen Schriften, das ist moralische
Konsequenz mancher religiosen Praxis der Gegenwart. Kein Wun-
der, dafi aus solchen Untergriinden des Lebens iiber die Welt hin
sich das ergossen hat, was wir in den letzten funf Jahren erlebt
haben. Oder war es nicht ein An-die-Oberflache-Treiben von Luge
und Menschenhafi und vielem anderen, was aber wurzelte und heute
noch wurzelt in den Tiefen der Menschenseelen? Sollte die Tatsa-
che, die man erlebt hat, nicht Veranlassung geben, ganz ernstlich mit
sich zu Rate zu gehen, ob nicht ein griindliches Umlernen notwen-
dig sei? Ist nicht an die Oberflache des Welthistorischen in der
Gegenwart so etwas wie welthistorische Unmoral gekommen?
Oder ist es religiose Gesinnung, die sich in den letzten funf Jahren in
der Welt ausgelebt hat? Die Gesinnungen, die nicht Jahrhunderte,
die Jahrtausende Zeit gehabt hatten, an der Verbesserung der
Menschheit zu arbeiten, Sie sehen heute ihre Friichte! Die Theologie
des 19. Jahrhunderts weifi nichts mehr von der Geistigkeit des
Ereignisses von Golgatha. Diese Geistigkeit, dieser gottliche Chri-
stus in dem Menschen Jesus, auf dem Wege anthroposophisch
orientierter Geisteswissenschaft wird er wieder gefunden werden.
Von da aus wird er wiederum in die Menschenseelen einziehen, um
sie zu veranlassen, dafi sie nicht blofi predigen von Moral, sondern
dafi in ihnen begriindet werde das richtige Triebhafte, das richtige
Impulsive des moralischen Wirkens und Arbeitens in der Welt. Ist
nicht eine Erneuerung, ein Aufbau augenscheinlich notwendig?
Stellt sich diese Notwendigkeit nicht heraus, wenn man die Ereignis-
se der letzten funf bis sechs Jahre betrachtet, sieht man nicht da die
Friichte desjenigen, was jahrhundertelang unter der Oberflache
gelebt hat und jetzt herauf gekommen ist? Sollte das nicht Beweis
sein, dalS griindliche religios-moralische Arbeit notwendig ist?
An dieser Arbeit, deren Notwendigkeit jeder Unbefangene heute
zugeben mufi, wenn er nicht mit seiner Seele schlaft innerhalb der
grofien Ereignisse der Zeit, mochte die anthroposophisch orien-
tierte Geisteswissenschaft mitarbeiten. Und wer sie kritisieren, wer
sie verdammen will, der sollte erst die griindliche Frage aufwerfen:
will sie ehrlich mitarbeiten an dem wirklichen Fortschritt der
Menschheit? - Und wenn er sich gewissenhaft davon unterrichtet
hat, so dafi er ein Urteil dariiber hat gewinnen konnen, dann wird
sich erst zeigen, inwiefern diese anthroposophisch orientierte Gei-
steswissenschaft ein Recht hat, mitzuarbeiten. Denn sie mochte
ehrlich und aufrichtig an dem notwendigen Fortschritt, an dem
notwendigen Umdenken und Umlernen der Menschheit mit-
arbeiten.
UNGEIST UND GEIST
IN DER GEGENWART UND FUR DIE ZUKUNFT
Erster Vortrag, Zurich, 17. M'drz 1920
Unter den irgendwie mafigeblichen Urteilen, die in der Gegenwart
abgegeben worden sind uber die heutige so chaotische Weltlage, ist
zweifellos eines der allerbedeutsamsten dasjenige des Englanders
John Maynard Keynes, der in seinem Buch «Die wirtschaftlichen
Folgen des Versailler Friedensschlusses» eine solche Beurteilung der
gegenwartigen allgemeinen Weltenlage gebracht hat. Keynes ist
ganz zweifellos auch durch seine aufieren Verhaltnisse zu einem
solchen Urteil berufen. Er war wahrend der Kriegszeit zugeteilt
dem englischen Schatzamt, war in der Lage, selbstverstandlich aus
den sich ihm da ergebenden Untergriinden heraus, sich eine Grund-
lage fur ein entsprechendes Urteil zu bilden. Auf der anderen Seite
war er unter den Abgesandten, unter den Mitarbeitern des Versailler
Friedensschlusses selbst. Allerdings trat er schon im Juni 1919 von
dieser Stellung zuriick. Und dieser Riicktritt wie auch die Schliisse,
zu denen er in seinem Buch uber die wirtschaftlichen Folgen des
Friedensschlusses kommt, sie sind gerade dasjenige, was ein bedeu-
tungsvolles Licht wirft auf die Art und Weise, wie sich diese
Personlichkeit zu der Weltlage der Gegenwart stellt. Auch Keynes
gehorte ja zu denjenigen, welche zunachst wahrscheinlich wohl
noch bei ihrem Gang nach Versailles in der von Amerika heriiberge-
kommenen, mit so grofier Glorie empfangenen Personlichkeit
Woodrow Wilson etwas wie einen Propheten und Ordner der
gegenwartigen Weltlage sahen. Er ist griindlich von diesem Urteil
abgekommen. Und derjenige, der wie ich, auch in den Zeiten, in
denen Woodrow Wilson von einer ungeheueren Menschenmenge
geradezu zu einem Weltbefreier erklart worden ist, der - auch von
dieser Stelle aus habe ich das getan - hier in der Schweiz unumwun-
den sein Urteil dahin abgegeben hat, dafi die inhaltsleeren und
abstrakten Auseinandersetzungen Woodrow Wilsons und seine
Manifeste zu einem wirklichen Neubau der zerstorten Zivilisation
nichts beitragen konnen, der darf wohl hinweisen heute auf ein
solches mafigebendes Urteil. Keynes schildert in seinem Buche
geradezu, was die Persdnlichkeit anbelangt, mit einer intensiven
Plastik - mochte man sagen. Er schildert, wie Woodrow Wilson in
Versailles ankommt, wie er an den Versammlungen teilnimmt, wie
sein Denken ein langsames ist, wie er gewissermafien iiberall hinten-
nach hinkte. Wahrend die anderen schon weit vorne sind mit ihrer
Beurteilung der Dinge, ist er noch weit zuriick bei irgend etwas, das
man vor funf, sechs oder vor zehn Satzen gesprochen hat, geradezu
ein Mann, der an der Langsamkeit seines Denkens leidet. Vieles
andere wird plastisch geschildert in bezug auf die Personlichkeit
dieses angeblichen Weltenbefreiers.
Aber auch auf die anderen fiihrenden Personlichkeiten, die bei
diesem Friedensschlusse tatig waren, kommt Keynes zu sprechen,
eindringlich zu sprechen. Er schildert, wie Clemenceau ein Mann
ist, der eigentlich die ganze Entwickelung der europaischen
Menschheit seit den siebziger Jahren verschlafen hat, der eigentlich
nichts anderes wollte bei diesem Friedensschlusse, als in einem
gewissen Sinne die Welt wiederum zunickschrauben zu dem, was in
den siebziger Jahren innerhalb Europas vorhanden war. Und er
schildert dann nicht minder anschaulich und plastisch, wie Lloyd
George eigentlich alien iiberlegen ist, wie er einen gewissen Instinkt
hat, um zu erfuhlen dasjenige, was bei den Personlichkeiten seiner
Umgebung gedacht und getan und gewollt wird. Und man sieht
aber aus alledem, wie schwer es heute selbst einem scharfsinnigen
Beschreiber wie Keynes wird, sich nach und nach durch die Gewalt
der Tatsachen ein Urteil zu verschaffen. Das ist es ja, was immer
mehr und mehr beitragt zu dem Chaotischwerden unserer gegen-
wartigen Weltenlage, daft gerade die fiihrenden Personlichkeiten,
die * die Angelegenheiten, die das offentliche Leben der letzten
Jahrzehnte an die Oberflache gebracht hat, dafi die so gar nicht
gewachsen sind den grofien Anforderungen, welche die heutige Zeit
stellt. Gerade das geht aus dem angezeigten Buche und seinem
Urteil hervor. Man sieht daraus, dafi alles dasjenige, was an zersto-
renden Machten in der Welt wirkt, durchaus nicht in irgendeine
Urteilsordnung gebracht werden kann von denjenigen, die eben
durch das offentliche Leben zur Fiihrerschaft berufen worden sind.
Und da Keynes sah, dafi nichts irgendwie bei dieser Konferenz
herauskommen konne, was zu einer heilsamen und gedeihlichen
Weiterentwickelung der europaischen Zivilisation fuhrt, so legte er
eben sein Amt nieder gleich in den Anfangen der Verhandlungen.
Und wie er nun sein Urteil aufbaut, das ist aufierordentlich bedeut-
sam. Und eigentlich hat man in der Gegenwart nur notig, auf
Urteile, die auf solchen Unterlagen ruhen, etwas Wirkliches zu
bilden. Das Urteil von Keynes ist, ich mochte sagen, errechnet. Nur
diejenigen Personlichkeiten konnen eigentlich in der Gegenwart
mitsprechen, die einen gewissen Sinn und Instinkt haben, aus noch
vorhandenen Kraften in einer gewissen Weise die Zukunft mit aller
Nuchternheit zu errechnen. Auf sie zu horen hat man deshalb
besondere Veranlassung, weil ja weitaus die grofite Zahl der heuti-
gen Urteile abgegeben wird aus irgendwelchen volkisch-chauvinisti-
schen oder sonstigen Vorurteilen heraus, wahrend die Zahl derjeni-
gen gering ist, die in objektiver Weise aus der Sprache der Tatsachen
selber heraus sich ihr Urteil diktieren lassen. Zu ihnen gehort
Keynes. Er halt Umschau iiber dasjenige, was vor alien Dingen in
bezug auf Okonomisches aus dem hervorgehen konne, was die drei
genannten fiihrenden Personlichkeiten in Versailles gebraut haben,
was wirklich gerade im wirtschaftlichen Leben der europaischen
Zivilisation nach und nach erfolgen miisse, wenn nichts anderes
eintritt, als dafi die Krafte wirken, die dazumal in Versailles zur
Geltung gebracht worden sind. Und Keynes errechnet - ich sage
ausdriicklich und ich betone es sehr stark -, Keynes errechnet, dafi
aus diesem Friedensschlusse nichts anderes folgen konne, als der
wirtschaftliche Ruin Europas. Selbstverstandlich mufi mit dem
wirtschaftlichen Ruin Europas verbunden sein der geistige und der
politische Ruin.
So ist das Buch iiber die wirtschaftlichen Folgen des Versailler
Friedensschlusses schon durch diesen seinen Inhalt interessant ge-
nug. Aber in gewisser Beziehung wird es noch interessanter durch
seinen Schlufi. In diesem Schlufi gesteht Keynes ganz unverhohlen,
dafi er eigentlich keine Ahnung habe von demjenigen, was zu tun
oder zu wollen sei, um aus dem Chaos, in das wir hineintreten,
herauszukommen. Und er sagt, indem er dieses Gestandnis macht,
etwas eigentlich aufierordentlich Bedeutungsvolles, in einen einzi-
gen Satz fafit er dieses bedeutungsvoll zusammen. Er sagt, man
konne nur erhoffen, dafi irgendein Heil fur die europaische Civili-
sation erfolge aus dem Zusammennehmen aller in Betracht kom-
menden Krafte zu einer neuen Seelenverfassung und zu neuen
Imaginationen.
Meine sehr verehrten Anwesenden, das sagt ein Mann, der drin-
nengestanden hat in den Verhaltnissen, der berufen war mitzutun,
der durch seine Auseinandersetzung zeigt, dafi er ein Mensch ist, der
im weitesten Umfange michtern rechnen kann. Eine neue Seelenver-
fassung, ein Zusammennehmen aller Krafte zu einer neuen An-
schauung der im offentlichen Leben der Menschheit tatigen Gewal-
ten, wo sind diese zu finden? Wie ist zu diesen zu kommen?
Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, es bedarf wohl nur
einiger Unbefangenheit, so wird man zugeben miissen, daf$ dazu der
erste Schritt sein miisse der: in voller Vorurteilslosigkeit das Wesent-
liche im offentlichen Leben der Gegenwart zu erforschen; sich zu
fragen: Welches sind denn eigentlich die wirksamen Krafte in
diesem offentlichen Leben der Gegenwart? In friiheren Vortragen,
die ich hier zu halten die Ehre hatte, habe ich darauf hingewiesen,
welcher Art von geschichtlichen Betrachtungen es verdankt werden
soil, auf wirklich wirksame Krafte im Leben der Menschheit zu
kommen. Da mufi man vor alien Dingen auf gewisse Symptome
sehen, durch die anschaulich wird dasjenige, was in den Tiefen der
Menschheitsentwickelung wirkt. Und deshalb mochte ich, um et-
was, was vielleicht zum Hervorragendsten gehort unter den Kraf-
ten, die mit am Zerstorungswerk gearbeitet haben, mochte ich
hinweisen gerade auf die Weltanschauungsgrundlage der Gegen-
wart, allerdings so, wie sie sich herausgebildet hat im Laufe der
letzten drei bis vier Jahrhunderte. Nicht als ob ich die Meinung
erwecken wollte, als ob eine Weltanschauung, die begriindet wird in
einsamer Denkerstube, nun etwa hingehen wiirde und wirkte auf
jede einzelne Seele, und dafi die offentlichen Angelegenheiten gewis-
sermafien aus einer solchen Weltanschauung heraus zustande ka-
men. Das ist ja ganz gewifi nicht der Fall. Aber so wie dasjenige, was
offentliche Angelegenheiten sind, herauswachst aus dem Wollen,
aus dem Empfinden, aus dem Gemiitsleben, aus den Gedanken der
Gesamtverfassung des Menschen, so wachst eben auch die Weltan-
schauung heraus aus dieser Gesamtverfassung des menschlichen
Lebens, namentlich der menschlichen Seele. Und man kann sehen
wie an einem Symptom, wie die Menschen eines Zeitalters beschaf-
fen sind in ihrem ganzen Wirken, in ihrem ganzen Tun, wenn man
gewissermafien das Symptom der Weltanschauung ins Auge fafit,
insofern man auf die gerade in der Gegenwart mafigebenden, zur
Geltung gekommenen Weltanschauungen hinweisen will. Dieses
Mafigebende charakterisiert sich ja insbesondere dadurch, dafi alles
dasjenige, was nicht durch Tradition von alten Zeiten in unsere
Weltanschauung hineingekommen ist, sich herausentwickelt hat aus
dem Boden der Naturwissenschaft, die auf aufiere materielle Beob-
achtung allein ihre Erkenntnisse bauen will. Was zeigt denn, tiefer
betrachtet, diese naturwissenschaftliche Weltanschauung?
Derjenige kann sie vielleicht allein richtig beurteilen, der sie
bewundern kann. Und in friiheren Vortragen habe ich diese meine
Bewunderung fur die naturwissenschaftliche Weltanschauung ge-
wifi stark genug zum Ausdruck gebracht. Nicht von irgendeiner
Bekampfung dieser naturwissenschaftlichen Weltanschauung, die
auf ihrem Gebiete gewifi aufierordentlich berechtigt ist, sollen diese
Ausfiihrungen, die ich hier entwickele, getragen werden. Diese
naturwissenschaftliche Anschauung hat namentlich in ihren techni-
schen und wirtschaftlichen Konsequenzen zu grofiartigen Zivilisa-
tionsfriichten fur die Menschheit gefiihrt. Aber nehmen wir an, es
gabe heute irgendeinen Geist - er ist schon kaum mehr moglich
erstens bei dem grofien Gebiete naturwissenschaftlicher Erkennt-
nis, zweitens bei ihrer Spezialisierung -, aber nehmen wir an, es gabe
heute einen Geist, welcher den ganzen Umschwung der naturwis-
senschaftlichen Anschauung von der Mathematik und von der
Mechanik bis herauf in die Biologie und bis herauf in dasjenige, was
iiber die Biologie fur die menschliche Seelenkunde gewonnen wer-
den kann, umspannte: ein solcher Geist, er wiirde in gewissen
Gebieten des Naturschaffens und Naturseins ganz zweifellos be-
deutsame Einblicke gewinnen konnen. Allein, wenn ein solcher
Geist mit volliger Klarheit sich die umfassende grofie Menschheits-
frage stellte: Was ist eigentlich der Mensch in seinem eigenen Wesen
und in seinem ganzen Verhaltnis zur Welt? - dann rniiike gerade
derjenige, der auf dem Boden der Naturwissenschaft ganz fest steht,
der die Tragweite der naturwissenschaftlichen Erkenntnis gerade
richtig zu beurteilen vermag, er miifite sagen: fur die Beantwortung
dieser Fragen nach dem Menschenwesen und nach dem Verhaltnis
des Menschen zu dem tibrigen Kosmos vermag die naturwissen-
schaftliche Weltanschauung nichts zu sagen. Diese Frage bleibt
gerade von der neusten physischen naturwissenschaftlichen Er-
kenntnis unbeantwortet. Wie der Mensch hervorgegangen ist in
aufierlicher physischer Entwickelung von niederen, tierahnlichen
Formen, zu seiner heutigen Menschengestalt, dariiber sind schon
grofiartige Erkenntnisansatze vorhanden. Was der Mensch ist in
seinem Verhaltnis zu geistigen Welten, davon haben gerade diese
Erkenntnisansatze den Menschen weit abgefiihrt. Wer sich das nicht
unbefangen eingestehen kann, der wird auch kein Urteil dariiber
gewinnen konnen, aus welchen inneren Impulsen heraus die gegen-
wartige Menschheit wirkt, indem sie die offentlichen Angelegen-
heiten organisiert oder auch offentliche Organisationen zerstort.
Denn mogen wir uns auch nicht immer bewufit sein wie aus dem,
was wir iiber das Wesen des Menschen und seine Stellung zur Welt
bewufit denken, mogen wir uns auch nicht immer bewufit sein,
welche Gedanken wir in dieser Stellung hegen, diese Gedanken, so
unbewufit, so instinktiv sie sein mogen, sie wirken in unseren
Empfindungen, in unseren Willensentschlussen. Sie werden daher
doch die Schopfer des ganzen offentlichen, geistigen, politischen
und wirtschaftlichen Lebens. Wer nur die Dinge richtig ansehen
will, der wird gewahr werden, wie auch die wirtschaftlichen Zu-
sammenhange, da sie doch von Menschen gemacht werden, Men-
schen aber wiederum aus ihren Seelenimpulsen heraus hand ein. wie
auch die wirtschaftlichen Zusammenhange der Welt durchaus ein
Abbild desjenigen darstellen, was der Mensch iiber sich zu empfin-
den vermag und iiber sein Verhaltnis zur Welt. Nun miissen wir
sagen: grofi ist geworden die naturwissenschaftliche Weltan-
schauung iiber alles dasjenige, was aufiermenschlich ist. Uber den
Menschen selber vermag sie keine Antwort zu geben. Grofi ist sie,
wenn iiber die Reiche, die untermenschlich sind, Auskunft verlangt
wird. Wie aber verhalten sich die Auskiinfte, die wir uns erobern als
Menschen zu dem, was wir aus unseren Ideen, aus unseren inneren
Seelenimpulsen einfliefien lassen sollen in das soziale Leben, iiber-
haupt in das Zusammenleben von Mensch zu Mensch und in
Menschengruppen? Kann man denn irgendwelche Antriebe emp-
fangen von denjenigen Gebieten, die aufierhalb des Menschen
liegen, fur das menschliche Wirken, fur das menschliche Zusam-
menleben? Das zeigt sich am besten, dafi man das nicht kann, wenn
man das Verhaltnis des Menschen zur Sprache beobachtet.
In der Sprache lebt im Grunde genommen doch alles dasjenige,
was Mensch zu Mensch fiihrt. Durch die Sprache beherrschen wir
auch das wirtschaftliche Leben. Durch die Sprache inaugurieren wir
die aufieren politischen und geistigen Verhaltnisse. Nun gibt es ein
hochst Merkwiirdiges, das nur leider nicht oft genug griindlich
betrachtet wird. Wenn wir versuchen, unsere Sprache anzuwenden
fur die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse, so konnen wir eigent-
lich niemals etwas anderes tun, als die Worte, die Redewendungen,
auch alles dasjenige, wodurch wir Naturgesetze ausdriicken, jene
Naturgesetze, die wir heute so bewundern als den grofien Fort-
schritt der neueren Menschheit, wir konnen nichts anderes als
dasjenige, was wir uns gebildet haben in den Worten als Ausdruck
fur innere Seelenverhaltnisse oder fur Verhaltnisse am Menschen,
auf die Natur hinaus auszudehnen. So feinsinnige Geister wie
Goethe , die bemerkten das. Deshalb sagte Goethe: Der Mensch
begreift gar nicht, wie anthropomorphistisch er ist. - Wenn wir
sagen: eine elastische Kugel stofit die andere und wir daraus
die Gesetze des eiastischen' Stofies in der Physik ableiten, so gehen
wir im Grunde genommen aus von dem, was wir in der Wortbedeu-
tung fiir den Stofi haben, den wir in unserem eigenen Organis-
mus ausfiihren. Und derjenige, der nur richtig nachforschen will,
wird sehen, dafi alles dasjenige, was nur iiberhaupt von der Spra-
che angewendet werden kann auf die Naturwissenschaft, die das
Aufiermenschliche behandelt, vom Menschen her genommen wer-
den mui
Wie ist denn unsere Sprache zu einem Inhalte gekommen? - Sie
ware zu einem sehr geringen Inhalte gekommen, wenn wir nur das
Muhen der Kuh und andere tierische Laute nachahmen konnten.
Wie ist denn unsere Sprache zu einem Inhalte gekommen? Wer
unbefangen den Entwickelungsgang der Menschheit betrachten
kann, der findet, dafi aller Inhalt der Sprache davon herkommt, daft
die Menschheit in Zeiten, die allerdings hinter unserer Zivilisation
zuriickliegen, eine gewisse instinktiv-geistige Erkenntnis hatte, ich
sage: eine instinktiv-geistige Erkenntnis hatte mit den natiirlichen
elementaren Nachempfindungen, die in der menschlichen Seele
aufsteigen. Mit den Willensimpulsen, mit dem bildhaften Vorstel-
len, die sich im Mythus, in Mythologie auslebten, kamen dem
Menschen geistige Anschauungen, und aus diesen geistigen An-
schauungen heraus bildete er sich den Seeleninhalt, der dann zum
Inhalt seiner Sprache wurde in der neueren Zeit, die grofi ist
dadurch, daft sie in einer gewissen Weise verachtungsvoll hinsah auf
dasjenige, was instinktive geistige Fahigkeiten dem Menschen einer
friiheren Zeit gegeben haben. In dieser neueren Zeit, in der man
vorzugsweise grofi geworden ist in bezug auf die Naturwissen-
schaft, in dieser neueren Zeit haben unsere Worte keinen neuen
Inhalt bekommen. Und eines ist geschichtlich bedeutsam gerade in
den letzten zwei bis vier Jahrhunderten: Unsere Sprache, alle
Sprachen unserer zivilisierten Welt haben ihren alten Inhalt verlo-
ren. Kein neuer Inhalt konnte in sie ereossen werden, weil dasieniee,
was einen solchen Inhalt nicht geben kann, die blofte Naturer-
kenntnis, dasjenige ist, was gerade in dieser Zeit grofi geworden ist.
Und in der Zeit, die wir in anderer Beziehung so bewundern
miissen, spielte sich das ab, was man nennen kann Entleerung der
ziviiisierten Sprachen von ihren alten geistigen Inhalten.
Was wurden die zivilisierten Sprachen dadurch, dafi sie ihren
alten Instinktinhalt verloren haben und ihnen die Naturwissen-
schaft keinen neuen geben konnte? - Sie wurden dasjenige, was nun
in der Gegenwart bis zu einem gewissen Hohepunkt gestiegen ist.
Sie wurden dasjenige, was sich ausbildete zur Phrase, und wahrhaf-
tig nichts, was nur in einem eingeschrankten Gebiete einen Sinn
hatte, sondern man nennt dasjenige, was heute Weltherrschaft
ausiibt, wenn man heute von Phrase spricht. Und die vier bis fiinf
Schreckensjahre, die wir hinter uns haben, sie haben die Weltherr-
schaft der Phrase auf ihrem Hohepunkt gezeigt. Wir leben heute
geradezu unter der Weltherrschaft der Phrase. Was gibt es gegen
diese Weltherrschaft der Phrase fiir ein Heilmittel? Einzig und allein
die Gewinnung eines neuen geistigen Inhaltes, eines bewufiten
geistigen Inhaltes. Der alte, durch die friihere Menschheit auf
instinktivem Wege gewonnene geistige Inhalt, der die Sprache zur
Summe von Worten, nicht von Phrasen gemacht hat, er ist dahin, an
ihn kann die wirklich an der Gegenwart hangende Menschheit nicht
mehr glauben. Ein neuer bewufiter geistiger Inhalt mufi erobert
werden.
Das, meine sehr verehrten Anwesenden, ist es, was die anthropo-
sophisch orientierte Geisteswissenschaft, die ihren Reprasentanten
in dem Dornacher Bau hat, in ganz bewufiter Weise anstrebt:
bewulke geistige Erkenntnis zu dem naturwissenschaftlichen Er-
kennen, das iiber alles Aufiermenschliche so grofiartige Aufschliisse
gibt, hinzuzuerobern mit derselben Gedankenklarheit, logischen
Strenge, mit derselben wissenschaftlichen Gewissenhaftigkeit hin-
zuzuerobern geistige Erkenntnis, die nun Auskunft geben kann
iiber die grofie Frage nach dem Wesen des Menschen und nach der
Stellung des Menschen zum ubrigen Kosmos. Allerdings, gestehen
mufi man sich, bevor man zu einer solchen Erkenntnis vorschreiten
kann, dafi eben die aufiere naturwissenschaftliche Methode zwar in
ihrer Gewissenhaftigkeit nachgeahmt werden mufi heute von jeder
Erkenntnis, dafi sie aber selbst nicht zur Geist-Erkenntnis fiihren
kann. Um zur Geisteserkenntnis zu kommen ist notwendig, dafi der
heutige Mensch vor alien Dingen diejenigen inneren Fahigkeiten
zur Geltung bringt, welche gerade auf dem Boden der hier gemein-
ten anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft erwachsen
sollen. Ich habe dargestellt, wie der Mensch durch sein eigenes
Seelenleben zu solchen Erkenntnissen kommen kann, zum Beispiel
in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren
Welten?» und im zweiten Teil meiner «Geheimwissenschaft». Al-
lerdings dann ist eines notwendig - ich habe es ja auch hier schon des
ofteren hervorgehoben -, eines ist notwendig fur den Menschen,
dem er sich heute nur hdchst widerwillig ergibt. Es ist dasjenige
notwendig, was ich nennen mochte intellektuelle Bescheidenheit.
Auf seine intellektuelle Entwickelung ist ja der heutige Mensch so
stolz. Intellektuelle Bescheidenheit, sie macht sich erst dann gel-
tend, wenn man sich zum Beispiel sagt: Angenommen, man gebe
einem funfjahrigen Kind einen Band von Goethes Lyrik in die
Hand. Was wird das Kind mit dem Band Goethes lyrischer Gedich-
te anfangen? Es wird ihn wahrscheinlich zerreifien oder es wird
spielen damit. Es wird ganz gewifi nicht dasjenige von dem Band
Goethes lyrischer Gedichte haben, was der Erwachsene haben
kann, und was eigentlich das ist, wozu der Band Goethescher Lyrik
bestimmt ist. Es miissen in dem Kinde erst nach und nach die
Fahigkeiten heranerzogen werden, welche es bestimmen konnen,
welche ihm moglich machen konnen, den Band Goethescher Lyrik
in der rechten Weise auf sich wirken zu lassen. Fur diese Entwik-
kelung der kindlichen Fahigkeiten gibt man einiges zu im Menschen-
leben heute. Dafi aber der Mensch etwa, wenn er erwachsen ist und
nur ausgeriistet ist mit den Fahigkeiten, die man eben im normalen
aufieren sinnlichen Menschenleben heute sich aneignen kann, ciafi er
dann vor der Welt selber so stehen konnte, wie das funfjahrige Kind
vor dem Band Goethes lyrischer Gedichte, dafi er durch das eigene
In-die-Hand-Nehmen seiner Seelenfahigkeiten sich erst entwickeln
miisse, um aus dem, was ihm in der Welt vorliegt, etwas herauszu-
ziehen, was sich vergleichen la£t mit dem, was das Kind erst, wenn
es erwachsen ist, aus dem Band Goethes lyrischer Gedichte heraus-
zieht s also, was es mit dem Band Goethes lyrischer Gedichte mit
fiinfundzwanzig Jahren anfangt - ja, das zuzugeben, dazu will sich
der Mensch der Gegenwart in seinem intellektuellen Hochmut nicht
bequemen. Das aber mulS vor alien Dingen geltend gemacht werden,
dafi zur wirklichen Menschenerkenntnis, zum endlichen Erfullen
des apollinischen Ausspruches «Erkenne dich selbst» notwendig ist
ein In-die-Hand-Nehmen der menschlichen Seelenfahigkeiten. Wie
das im einzelnen moglich ist, das wird Gegenstand des morgigen
Vortrages sein.
Heute will ich nur im allgemeinen hervorheben, dafi es allerdings
moglich ist, dafi der Mensch durch eine gewisse Behandlung seines
Denkens, die ich dann morgen schildern werde, dieses Denken sich
erkrafte, dafi es nicht mehr passiv an den Erscheinungen dahin geht,
sondern dafi es innerlich wie durch einen Willen ergriffen wird,
aktiv wird, dafi es intensiver wird, dafi es auftritt so, dafi der Mensch
durch innere Erfahrung im unmittelbaren Erleben weifi: jetzt ist das
Denken ein geistig-seelisches Schauen geworden. Wahrend man mit
dem gewohnlichen Denken abhangig ist von seinem Denkapparat,
von seinem Leibe, von dem Nervensystem, und wahrend man
gerade, wenn man das Denken etwas entwickelt, diese Abhangigkeit
genau durchschaut, weifi man auch, dafi wenn das Denken auf den
entsprechenden Wegen, die in den angegebenen Biichern geschil-
dert sind, sich erkraftet, es frei wird vom Leibe, es eine Tatigkeit
wird, die nicht mehr durch das Instrument des Leibes gefiihrt wird.
Gewisse Meditationen, denen man sich hingibt mit derselben Objek-
tivitat, wie man im chemischen Laboratorium ein Experiment
macht oder auf der Sternwarte die Sterne beobachtet, erkraften
dieses Denken und befreien es von dem Werkzeug des Leibes. Es
muE nur dazu kommen, wenn dann dieses Denken gebraucht
werden soil fur ein wirkliches Welts chauen, dafi Selbstzucht des
Willens eintrete. Wenn Selbstzucht des Willens mit innerem Medi-
tieren sich zu einem willensdurchtrankten Denken entwickelt, das
unabhangig vom Leibe ist, dann erst tritt Geist-Erkenntnis ein,
bewufite Geist-Erkenntnis, die nun wiederum dem Menschen das
geben kann, was ihm einstmals eine instinktive Geist-Erkenntnis
gegeben hat: Inhalt fur seine Rede, Inhalt fur die Sprache. Damit der
Mensch in sich den Impuls fuhle, aus sich selbst heraus seiner
Sprache einen Inhalt zu geben, setzte in einer gewissen Beziehung
die Menschheitsentwickelung aus, horte auf das alte instinktive
Geist-Erkennen, trat das auftere Naturerkennen an dessen Stelle,
was der Sprache keinen Inhalt geben kann. Aber der Mensch mufi
aus den Zeichen der Gegenwart heraus erkennen, dafi er durch
bewufites inneres seelisches Arbeiten, durch Entwickelung seines
Denkens zum seelischen Schauen sich wiederum Selbsterkenntnis,
Menschheitserkenntnis erwerben miisse und dadurch allein das
entstehen kann, was unserer Sprache wiederum Inhalt gibt, was
beseitigen kann die Weltherrschaft der Phrase.
Aber sqlch eine Erkenntnis gibt zu gleicher Zeit die Einsicht, dafi
eben die Aufienwelt, indem wir sie mit unseren Sinnen betrachten,
wir hineinwachsen im Verlaufe unseres Lebens zwischen Geburt
und Tod, daft diese aufieren Betrachtungen uns nicht das eigentlich
Geistige geben konnen, dafi dieses, der eigentlich geistige Inhalt,
von uns in die Welt hineingetragen wird, dafi wir ihn selbst mitbrin-
gen, indem wir aus geistigen Welten - wie gesagt, iiber diese Dinge
werden wir morgen genauer sprechen - durch die Geburt herunter-
steigen in diese physische "Welt, dafi wir hinschauen miissen, wenn
wir von dem geistigen Inhalt sprechen, auf dasjenige, was die
Menschen hereintragen, was sie nur durch das Instrument ihres
Leibes nach und nach von Jahr zu Jahr entwickeln. Nicht dasjenige,
was als immer reicherer Welteninhalt in der aufieren Erfahrung an
uns herantritt, das bringt in die Wirklichkeit den Geist, sondern
dasjenige, was wir als Menschenindividualitat durch unsere Geburt
in die Welt hereintragen. Die Menschen furchten sich nur heute vor
demjenigen, was der Mensch selber in die Welt hereintragt. Sie
furchten sich, weil sie glauben, dafi, wenn er es geltend macht, es in
die Phantastik fuhren wiirde. Allein es gibt durchaus Methoden,
diese Phantastik zu vermeiden. Derjenige aber, der durchschaut,
wie im Grunde genommen doch aller geistige Inhalt aus den mensch-
lichen Individuaiitaten kommen mufi, der wird ohne weiteres zuge-
ben, daft eine gedeihliche Entwickelung dieses Geisteslebens nur
kommen konne, wenn dem Menschen die voile menschliche Ent-
wickelungsmoglichkeit gegeben ist, wenn er in seiner geistigen
Entwickelung und in den Darlegungen und Offenbarungen seines
Geistes von keinen aufieren Machten, die nur hier in der physischen
Welt dienen, abhangig ist. Denn mit dem Heraufkommen der reinen
naturwissenschaftlichen Erkenntnis, jener Erkenntnis, die nur
durch das Auftermenschliche Auskunft gibt, ist eben, wie organisch
damit verbunden, auch heraufgekommen die Abhangigkeit des
Geisteslebens jetzt nicht von dem, was der Mensch durch die
Geburt in die Welt hereintragt, sondern von dem, was das aufiere
Staatsleben feststellt, von dem, was das Wirtschaftsleben aus dem
Menschen macht. In derselben Zeit, in der die Naturwissenschaften
grofi geworden sind, haben wir die Omnipotenz des Staates aufs
hochste entwickelt gesehen dadurch, dafi der Staat seine Fangarme
ausstreckt iiber alles dasjenige, was Geistesleben ist; er hat das
Schulleben angefangen zu organisieren, das Wirtschaftsleben ist auf
der anderen Seite mafigebend geworden fur das Einleben derjenigen
Personlichkeiten, die eben in dieses Geistesfeld kommen konnten.
Das aber ist Hand in Hand gegangen damit, dafi der Mensch
verloren hat die Moglichkeit, herauszugebaren aus sich selbst einen
geistigen Inhalt, seinen Worten einen geistigen Inhalt zu geben.
Daher hat sich entwickelt im Zeitalter der Naturwissenschaft die
Abhangigkeit des Geisteslebens von den politischen, von den wirt-
schaftlichen Machten, und es hat sich unter diesem Einflusse ent-
wickelt die Weltherrschaft der Phrase.
Das ist das erste Glied in den nach der Zerstorung hin arbeitenden
gegenwartigen Organisationen: die Weltherrschaft der Phrase, die
inhaltsleere Rede. Wenn der Mensch nicht in der Lage ist, geistige
Substanz, die er unmittelbar aus seiner Verbindung mit der Geistes-
welt schopft, in die Worte hineinzulegen, miissen die Worte zur
Phrase werden, miissen die Worte allmahlich in den Menschen sich
so eingewohnen, dafi der Mensch gewissermafien nur sich forttra-
gen lafit von den Mechanismen der Sprache. Und das sehen wir nur
leider allzu deutlich in der neueren Zeit heraufkommen: dasjenige,
was mit Urgewalt hervorbricht aus dem geistig-seelischen Inneren
des Menschen, was sich gewissermafien nur entladt in der Sprache,
das verschwindet. Das Leben in den Mechanismen der Sprache wird
immer intensiver und intensiver, und es ist an seinem Hohepunkt
angelangt in den letzten Jahren. Weil die Menschen, indem sie
miteinander redeten iiber die zivilisierte Welt hin, redeten unmit-
telbar oder mittelbar durch den Druck eigentlich von nichts y und
indem die Worte nur in ihrem Mechanismus sich abspielten, entwik-
kelte sich dasjenige, was an chaotischen Kraften zur Zerstorung
hintrieb.
Ich weifi sehr gut, dafi in der Gegenwart wenig Neigung dafiir
vorhanden ist, auf diese Intimitaten des menschlichen Lebens einzu-
gehen, wenn von den Ursachen des gegenwartigen Chaos die Rede
sein soli. Aber niemand wird iiber diese Ursachen klare Begriffe und
klare Urteile gewinnen, der nicht auf diese Intimitaten des menschli-
chen Seelenlebens eingehen will. Nicht friiher auch wird in die
offentlichen Angelegenheiten wiederum Harmonie anstelle des
Chaos kommen, nicht friiher, als bis durch geistige Vertiefung,
durch wirkliche Geisteswissenschaft in dem Menschen wiederum
der Drang entsteht, seinen Worten einen vollen Inhalt zu geben.
Denn dasjenige, was allerdings zuerst auf wissenschaftlichem Gebie-
te auftritt, was auf wissenschaftlichem Gebiete geboren wird, es
drangt sich hinein in die iibrigen Lebensgewohnheiten, es wird im
offentlichen Leben zu dem Tonangebenden. Und wer einen Sinn hat
fur Lebensbeobachtung, der sieht, wie im Alltagsleben zuletzt sich
nur die letzten Konsequenzen von dem abspielen, was zum Schlufi
doch als das Charakteristische vorhanden ist da, wo man Weltan-
schauungen macht. Allerdings, die Zusammenhange, die da auftre-
ten, die Menschen wollen sie schon seit langem nicht ordentlich
iiberschauen. Hier in der Schweiz hat einmal ein polternder Geist
gewirkt, ich nenne ihn ausdriicklich einen polternden Geist, damit
Sie sehen, ich iiberschatze ihn nicht, Johannes Scherr. Er hat durch
seinen polternden Ton und sein polterndes Urteil manches sich
verdorben, was allerdings auch an gesunden Gedanken in dem war,
was er offentlich zu sagen hatte. Er hat in den secliziger, siebziger
Jahren des vorigen Jahrhunderts aus einer wirklich eindringlichen
Beobachtung des geschichtlichen, sozialen Lebens her a us ein sehr
bedeutsames Urteil gefallt. Er hat gesagt: Wenn der materialistische
Ungeist, der nurmehr sich stiitzt auf dasjenige, was der Mensch in
der Aufienwelt erschaut und erlebt, wenn der fortherrscht, wird er
einziehen auch in alles dasjenige, was der Mensch in den aufieren
offentlichen Angelegenheiten tut; er wird eingehen in das Wirt-
schafts-, in das finanzielle Leben, und es wird sich eine soziale
Struktur entwickeln, die endlich dazu fiihren wird, dafi man sagen
mufi: Unsinn, du hast gesiegt!
Meine sehr verehrten Anwesenden! Auf solche Leute hort man
nicht gern. Auch dieses Urteil des Johannes Scherr hat man iiber-
hort. Aber jetzt nach fiinfzig Jahren mufi fiir denjenigen, der auf
alles, was mit der sogenannten Weltkriegskatastrophe zusammen-
hangt, hinschaut, gesagt werden: Die Worte dieses Weltenbeobach-
ters Johannes Scherr, die in dem Satze gipfelten: Ihr werdet sagen
miissen: Unsinn, du hast gesiegt, - die Worte haben sich erfiillt!
Denn dieser Johannes Scherr hat gut gesehen, wie sich herausge-
prefit hat allmahlich aus dem menschlichen Leben dasjenige, was
Geist ist, wie an die Stelle des Geistes der materialistische Ungeist
getreten ist, und er hat aus dieser Beobachtung eine wahre Prophetie
machen konnen. Die Welt weifi eben nicht, dafi dasjenige, was
zuerst nur Weltanschauung, nur Theorie ist, dafi das im Grunde
genommen nach zwei Generationen moralisches, offentliches Wir-
ken wird, Tat wird. Oh, man sollte gewisse Zusammenhange in der
Welt viel, viel besser bemerken! Man sollte sich ein viel griind-
licheres Urteil, ein reales Urteil iiber gewisse Dinge verschaffen!
Hier hat auch einmal ein Philosoph gewirkt, Avenarius. Er ist ein
Geistes verwandter von Mach, der wiederum einen Schuier vor ganz
kurzer Zeit hier in Zurich wirken hatte. Diese Leute haben auf dem
Weltanschauungsfelde die Konsequenzen gezogen des gegenwar-
tigen materialistischen Ungeistes - ich nenne ihn Ungeist, weil eben
blofie Naturerkenntnis in unsere Sprache keinen substantiellen
Inhalt hineingiefien kann. Sie haben, die Philosophen, Avenarius
und so weiter, die Weltanschauungskonsequenzen gezogen aus dem
materialistischen Ungeist der Zeit. Die Philosophic, die sie gewon-
nen haben, und die ganze Art und Weise, wie solche Leute wie
Avenarius sich darlebten, ist gut btirgerlich. Niemand wird selbst-
verstandlich diesen Leuten ansehen, daft sie etwas anderes sind, als
brave Staatsbiirger. Aber heute sollte man etwas anderes notifizie-
ren. Heute sollte man einmal aus den Tatsachen heraus die Frage
studieren: Welches ist die Staatsphilosophie des Lenin und Trotzki
geworden? Welches ist die Staatsphilosophie der Bolschewisten? -
Das ist die Avenariussche, die Machsche! Da ist nicht bloft der
zeitliche Zusammenhang, daft eine Anzahl dieser Leute hier in
Ziirich studiert haben, da ist der innere Tatsachenzusammenhang,
daft dasjenige, was in den menschlichen Seelen als Weltanschauungs-
gedanke in einer Generation lebt, in der dritten Generation zu Taten
wird. Und an diesen Taten kann man die Ursachen sehen, wie sie in
der Welt spielen. Aber die heutige Menschheit will nur abstrakt
logische Urteile und begreift nicht, daft etwas, was logisch er-
schlossen ist, noch kein Tatsachenurteil, kein Tatsachenschlufi ist,
daft man mit wirklichem geistigem Schauen hineinblicken mufi in
den realen Zusammenhang, in den Wirklichkeitszusammenhang,
und dann das scheinbar Unahnlichste, die bourgeoise Weltan-
schauung des Avenarius, die aber aus materialistischem Ungeiste
hervorgegangen ist, wieder auflebt tief in demjenigen, was alle
menschliche Gesellschaft von Grund aus zerstort, was zu den
Totengrabern hinfuhrt der ganzen europaischen Zivilisation.
Damit ist zu gleicher Zeit angedeutet, daft allerdings diese Welt-
herrschaft der Phrase nicht etwas ist, was nur auf einem engen
Gebiete gilt. Es ist etwas, was als eine Grundkraft unser ganzes
offentliches Leben, vor alien Dingen auf dem Gebiete des Geistes
durchzieht. Und eher wird kein Heil sein, als bis das Geistesleben
sich emanzipiert von dem, was sich gerade als die Grundlage zu
diesem Phrasentum ergeben hat, bis sich das Geistesleben emanzi-
piert von dem aufieren politischen oder Rechtsleben, von dem
Wirtschaftsleben, und allein auf dasjenige gebaut wird, was der
Geist selber aus sich hervorbringt, das heifit, dasjenige, was der
individuelle Mensch produziert aus dem, was er durch die Geburt
aus der Geistes welt in die sinnliche Welt hereintragt. Zu geistigem
Inhalt zu kommen ist allein der Weg, die Weltherrschaft der Phrase
zu iiberwinden. Und mit der Phrase innig im Bunde ist etwas
anderes. Weil die Phrase nicht den Zusammenhang des Wortes mit
den Inhalten verbindet, so wird das Wort sehr leicht in dem Zeitalter
der Phrase zum Trager der Luge. Und von der Phrase zur Luge fiihrt
ein gerader Weg. Daher auch die Herrschaft, der Siegeszug der Luge
in den letzten vier bis fiinf Jahren, der wiederum so viel Anteil hat an
dem Zerstorungsprozesse, dem wir entgegengehen, wenn nicht
Geist an die Stelle des Ungeistes gerufen wird!
Nun, sehr verehrte Anwesende, das auf dem einen Gebiete des
offentlichen Lebens, auf dem Gebiete des Geisteslebens. Aber es
gibt noch andere Gebiete. Sie alle aber, Sie sind abhangig in einer
gewissen Beziehung von dem Geistesleben. Wird das Geistesleben
beherrscht von der Phrase, von der inhaltslosen Rede, so ist auch
dasjenige, was aus dieser Rede kommt, was namentlich im Zusam-
menhange mit der Rede innerhalb der sozialen Gemeinschaft ge-
lernt werden kann, nicht geeignet, in die Gefuhle, in die Empfin-
dungen hinein sich auszuleben. Dasjenige aber, was in den Gefuhlen
und Empfindungen im sozialen Zusammenleben sich entwickelt,
was sich in dem Wechselverkehr von Mensch zu Mensch entziindet,
indem der eine Mensch mit dem anderen mitfuhlt, das ist Sitte, das
ist dasjenige, was aus der sozialen Gemeinschaft heraus zur Ge-
wohnheitssitte wird. Und nur aus dieser Gewohnheitssitte kann
sich geschichtlich das Recht entwickeln. Aber dieses Recht kann
sich nur entwickeln, wenn in die Empfindungen, die im Wechselver-
kehre zwischen Mensch und Mensch stattfinden, nicht die Phrase
sich hineinlebt, wenn in diese Empfindungen das substanzerfiillte
Wort, die gedankengetragene Rede sich hineingliedern. Und im
Zeitalter der Phrase kann auch die Empfindung zwischen Mensch
und Mensch sich nicht in entsprechender Weise entziinden, kann
sich nur ergeben ein aufieres Verhaltnis von Mensch zu Mensch. Die
Folge ist daher, da!5 in dem Zeitalter, wo sich auf dem Gebiete des
sozialen Geisteslebens die Phrase entwickelt, sich auf dem Gebiete
des sozialen Fiihlens statt des unmittelbar substantiellen Verhalt-
nisses von Mensch zu Mensch die Konventionen entwickeln, das
inhaltlose Verhalten des Menschen zum Menschen, das hochstens
durch aufiere Vertrage geregelt werden kann, dafi man selbst zwi-
schen Volkern schwarmt von Vertragen, weil man zum elementaren
Ausleben desjenigen, was von Mensch zu Mensch enthiillt werden
kann, nicht kommt. Dieses Zeitalter der Konvention, es macht ein
zweites Gebiet unseres offentlichen Lebens so inhaltsleer: Es ver-
odet das menschliche Zusammenleben, wie die Phrase das Geistes-
leben, das Seelenleben verodet.
Das ist es, was hinfiihrt ebenso zum blofien aufieren Menschen,
nicht zu dem aus dem Inneren des Menschen geborenen Recht.
Denn dieses Recht, es kann sich nur entziinden, wenn das gedanken-
getragene Wort vom Kopfe zum Herzen fliefit. Wie das wirkliche
Recht, das im sozialen Leben allein gedeihen kann, zu dem wirkli-
chen Geistesleben, das von substantiellem Geiste erfullt ist, gehort,
so gehort die Konvention zu dem Geistesleben, das in der Phrase
lebt. Damit haben wir zwei Gebiete unseres offentlichen Lebens in
der Gegenwart charakterisiert.
Das dritte Gebiet, aus dem das offentliche Leben hervorgeht, ist
das menschliche Wollen. Zu einem bewulken Wollen, zu einem
Wollen, welches nun den Menschen hineinstellt in die menschliche
Gesellschaft so, dafi dieser Mensch in die Gesellschaft hineintragt
etwas, was aus seiner menschlichen Natur selber fliefit, zu einem
solchen Wollen kann es nicht kommen, wenn dieses Wollen nicht
getrieben werden kann von wirklichen substantiellen, geistigen
Gehalten. Die Phrase ist ungeeignet, ein wirkliches bewufkes Wol-
len hervorzurufen. Wie das Geistesleben zur Phrase wird, wenn es
abhangig wird vom aufieren Staats- oder Rechtsleben, abhangig
vom auEeren Wirtschaftsleben, wie das Rechtsleben selber in der
Konvention aufgeht, wenn es nur gespeist werden kann von der
Phrase, so wird das Gebiet des wirtschaftlichen Lebens, das Gebiet
des aufieren menschlichen Zusammenlebens, statt von wirklicher
Lebenspraxis von blofier Lebensroutine getragen, wenn das Wollen
nicht angetrieben wird vom Geiste. Neben der Phrase, neben der
Konvention sehen wir daher heraufkommen in dem Zeitalter, aus
dem sich unsere Gegenwart entwickelt hat auf dem Gebiete des
Lebens und auf dem Gebiete der aufteren Darstellung des Lebens,
auf dem Gebiete des Wirtschaftslebens liberal! die Routine.
Was damit gemeint ist: unser Wirtschaftsleben ist von der Routi-
ne beherrscht -, es wird vielleicht klar werden dadurch, wenn ich
sage: Einer wirklichkeitsgemaften Betrachtung unseres offentlichen
Lebens hat sich ergeben, daft auf dem Gebiete des Wirtschaftslebens
jenes Chaos aufhoren miisse, das in der Gegenwart herrschend ist,
wo jeder nur aus seinem Egoismus heraus erwerben will und keiner
den Zusammenhang kennt, in den sich sein eigenes Produzieren
hineinstellt gegeniiber dem Produzieren der Gesamtheit. Erst wenn
man durchschaut, daft dieses Wirtschaftsleben, das allmahlich in das
Chaos hineingekommen ist, nur gesunden kann dadurch, daft sich
die verschiedensten Berufs- und Lebensgebiete miteinander assoziie-
ren, daft zusammengehorige Menschen in verschiedenen Berufen
sich wirklich auch ineinandergliedern, so daft Assoziationen entste-
hen von Beruf zu Beruf, daft Assoziationen entstehen zwischen den
Konsumenten eines Berufes mit den Produzenten des Berufes, kurz,
daft unser Wirtschaftsleben eine Struktur erhalte, so daft die Produ-
zenten sich innerlich organisierend mit ihren Konsumenten zusam-
menschlieften, so daft der einzelne, der konsumierend oder produ-
zierend in einem Beruf stent, erschauen kann, wie sich sein Konsu-
mieren und Produzieren in irgendeinen wirtschaftlichen Kreislauf
hineinordnet - nur dann, wenn der Mensch in einer solchen Organi-
sation lebt, wenn unser Wirtschaftsleben auf Assoziation gegriindet
ist, nur dann sieht der einzelne Mensch, wie er beitragt durch
dasjenige, was er produziert oder wie er mitwirkt durch dasjenige,
was er konsumiert, zu dem Wirtschaftsprozeft. Dann weift der
einzelne Mensch nicht nur zu handhaben in irgendeiner Lebens-
routine das oder jenes, dann weift er, daft dasjenige, was er tut,
hineingehort in den Gesamtprozeft des wirtschaftlichen Lebens der
Menschheit. Dann wirkt er aus anderen Antrieben heraus. Dann
wird dasjenige, was er tut, nicht beherrscht von einer oberflachli-
chen Routine, sondern von Lebenspraxis, die nur gegeben ist, wenn
man eine Idee damit verbinden kann, wenn man sich selber wirt-
schaftlich in den Gesamtorganismus der Menschheit hineinstellt.
Dadurch, daft das Leben der Phrase Platz gegriffen hat, daft im
Wechselverkehr der Menschen die Konvention Platz gegriffen hat,
dadurch fanden die Menschen auch nicht die Gelegenheit, sich in
dieser Weise zu assoziieren, dadurch wurden sie hinweggewiesen
von den Aufgaben, in denen sie stehen, wurden sie zu blofien
Routiniers. Und die Routine breitete sich aus von dem einzelnen
mechanischen Tun zum Mechanismus unserer gesamten Organi-
sation und unserer gesamten Finanzwirtschaft. Aus der phraseer-
fullten Zeit wurde die Zeit der Routiniers. Und die Routiniers
fuhrten herbei jene Katastrophe, die an der Oberflache dies oder
jenes zeigt, die aber in ihren Tiefen die Ursachen zeigt, die auf dem
Gebiete liegen, das eben jetzt charakterisiert worden ist.
Wenn wir so unbefangen, ohne Sympathie und Antipathie, dasje-
nige priifen, was das Leben der Gegenwart beherrscht, so mussen
wir sagen: Auf dem Gebiete des Geisteslebens die Phrase, auf dem
Gebiete des Rechtslebens die Konvention, und auf dem Gebiete des
Wirtschaftslebens die Routine. Zum Heile konnen allein die Krafte
fiihren, die ich mir erlauben werde morgen zu schildern, also wenn
an die Stelle der Phrase tritt die von substantiellem Geist, von
angeschautem Geiste erfiillte Rede, die nur kommen kann in einem
auf sich selbst gestellten Geistesleben, das heraustragt, was der
Mensch hereinzutragen hat in das aufiere Leben, das nicht so
beherrschen will dieses Geistesleben wie die Naturgesetze, die
gewonnen werden durch die aufiere Erfahrung. An die Stelle der
Konvention desjenigen, was aufierlich festgesetzt ist, mufi das
lebendige Wechselspiel treten, das entstehen kann, wenn auf streng
demokratischem Boden alle miindig gewordenen Menschen fur
dasjenige, was allgemein menschliche Angelegenheiten sind, was
der Mensch nicht durch seine Geburt hereintragt, sondern was sich
erst im menschlichen Zusammenleben der miindig gewordenen
Menschen entwickeln kann, eintreten. Aus der Routine, die haften
bleibt am verganglichen Wirtschaftsobiekte, kann sich nur die
wahre Lebenspraxis entwickeln, wenn der Mensch aus dem phrasen-
freien, gedankenerfuiiten Worte zu einer solchen Weltanschauung
koinmt, daE er we: is: er muE Assoziationen begriinden, die bezeu-
gen, die offenbaren, dafi dasjenige, was bewirkt wird auf dem Boden
des Wirtschaftslebens, noch mehr ist als dasjenige, was man durch
die Maschine zustande bringt, dafi es ein Glied ist in dem Gesamt-
prozesse der Menschheitsentwickelung auf der Erde. Darinnen
wird man nicht stehen, wenn man als Routinier an seiner Maschine,
in seiner Fabrik, in seiner Bank oder sonst irgendwo steht, darinnen
wird man nur stehen, wenn von einem zu dem anderen Menschen
ausgehen die Faden der Assoziation, wenn der Mensch von dem
anderen Menschen erfahrt, wie er in seinem Konsumieren, in seinem
Produzieren mit der ihm nachstliegenden sozialen Organisation
zusammenhangt. Da wird sich in dem, was diese Menschen zusam-
men wirken, in diesen Assoziationen ergeben, dafi sie in ihrem
Wirtschaftsleben etwas begriinden, was mehr ist als der Mensch im
Wirtschaftsleben haben kann. Der Mensch mufi wirtschaften, aber
er erhebt sich mit seinem ganzen Menschenwesen aus dem Wirt-
schaften heraus aus dem Verganglichen zum Ewigen. Und er wird
erfahren aus seinem Wirtschaftsleben, dafi er gerade, indem er hier
im Leben ein Praktiker wird, an der Praxis eine Schule hat, derea
Ergebnisse er noch durch den Tod hindurchtragen kann.
So ergibt sich gerade aus einer mehr nach dem Geiste hin trach-
tenden Beobachtung iiber das gegenwartige Leben aus den drei
charakteristischsten Herrschaftsgebieten, dem der Phrase, dem der
Konvention, dem der Routine, die Notwendigkeit, zu wirken nach
einer Dreigliederung des sozialen Lebens, nach einer Gesundung
unseres Geisteslebens durch seine Selbstandigkeit, nach einer Ge-
sundung unseres Rechtslebens, das nur befreit werden kann von der
Konvention, wenn die lebendige demokratische Wechselwirkung
eintritt zwischen alien miindig gewordenen Menschen, nach einer
Gesundung des Wirtschaftslebens, indem durch die Selbstandigkeit
des Wirtschaftslebens die Routine aufgehoben wird zugunsten einer
wirklichen Lebenspraxis. Das kann aber nur geschehen, wenn
Mensch mit Mensch sich assoziativ verbindet; denn nur durch
dieses soziale Zusammenwirken entsteht aus dem, was der einzelne
erwirtschaften kann, etwas, was die ganze Menschheit iiber sich
selbst von der blofien Materie zum Geiste hinfuhrt. Phrase bedeutet
tet auf dem Gebiete des Geisteslebens den Ungeist; Konvention
bedeutet auf dem Gebiete des staatlichen, des Rechtslebens den
Ungeist; Routine bedeutet den Ungeist auf dem Gebiet des Wirt-
schaftslebens. An die Stelle des Ungeistes mufi der Geist treten. Dafi
er es konne, mit welchen Kraften er es konne, das will ich mir
erlauben, morgen zu schildern. Denn allein, wenn da tritt an die
Stelle der Phrase wiederum die gedankengetragene Rede, dadurch
aber wiederum der Geist, wahres Geistesleben, nur dadurch, daft an
die Stelle der Konvention das vom menschlichen sozialen Fiihlen
erfullte Rechtsleben tritt, und nur dadurch, daft an die Stelle der
wirtschaftlichen Routine die durchgeistete Wirtschaft, die vom
Geiste geordnete, assoziationendurchtrankte Wirtschaft tritt, da-
durch allein wird unser ganzes offentliches Leben geheilt werden
konnen von dem, woran es krankt in der Gegenwart, man mufi das
sagen: woran es zugrunde gehen miilke, wenn kein Heilungsprozefi
eintreten wiirde.
In der Gegenwart bemerken wir nur leider zuviel die Phrase, die
Konvention, die Routine. Wir sehen das Ergebnis: das Chaos. Fiir
die Zukunft brauchen wir das gedankengetragene Wort, den von
Substanz erfullten Geist, das aus dem Zusammenwirken aller mun-
dig gewordenen Menschen sich ergebende lebendige Recht. Das ist
an dieser Stelle Geist statt des Ungeistes. Auf dem Gebiete des
Wirtschaftslebens brauchen wir die aus dem Geiste hervorgehenden
Assoziationen, brauchen die Ablosung der Routine durch die wah-
re, geistgetragene Wirtschaft. Das bedeutet auf dem Gebiete des
Wirtschaftslebens Ablosung des Ungeistes der Gegenwart durch
den Geist fiir die Zukunft. Und allein dadurch konnen wir aus
pessimistischen Stimmungen, die ja aus der Beobachtung des aufie-
ren Lebens heraus heute nur allzu gerechtfertigt sind, uns erheben
zu gewissen Zukunftshoffnungen, dafi wir gar nicht bauen auf
dasjenige, was uns irgendwo heute zugeworfen werden konnte als
Hoffnung fiir die Zukunft, sondern dafi wir bauen auf den eigenen
menschlichen Willen, der da setzen will aus seiner Kraft, aus seiner
Ausdauer, aus seinem Feuer heraus, aus der Gegenwart heraus fiir
die Zukunft den Sieg des Geistes iiber den Ungeist.
[Es folgt erne kurze Aussprache].
Schluflwort
Es hat zunachst der erste Herr Diskussionsredner seine Ausfiih-
rungen dahin gipfeln lassen, daft er hinwies auf eine Internationale
Sprache als auf ein Verbindendes in der Menschheit. Ich mochte
nicht, weil das nur wirklich durch ausfiihrliche Erorterungen ent-
schieden werden kann, auf das Pro und Kontra eingehen, das man
geltend machen kann gegeniiber einer solchen internationalen Spra-
che. Allein ich will annehmen, dafi diejenigen ein gewisses Recht
haben, die sich bestreben, eine solche internationale Sprache zu
begriinden. Man kennt dasjenige, was nach dieser Richtung ver-
sucht und getan worden ist. Nun ja, mit der vereinsmafiigen Art, in
der eine solche Sprache bisher getrieben worden ist, ist es ja noch
nicht getan, denn eine solche Sprache miifite noch ganz andere Wege
zu den Menschen finden, als sie bisher gefunden hat, wenn sie eine
wirklich praktische Bedeutung haben sollte. Ich will aber durchaus
nicht gerade gegen eine solche Sprache sprechen. Denn sehen Sie,
ich weifi auf der einen Seite, dafi dasjenige, was kunstlich entsteht in
unserer heutigen Zeit, auch die charakteristischen Eigenschaften all
dessen an sich tragt, was unsere heutige Zeit eben hervorbringen
kann, ein gewisses Verstandesmafiiges, ein gewisses Intellektualisti-
sches. Und ich kann nicht umhin zu bekennen, dafi mir doch
scheint, dafi gerade dasjenige, was uns heute heruntergebracht hat,
der Intellektualismus, das Anti-Elementarische, wesentlich auch
beim Aufbau der heutigen versuchten internationalen Sprache tatig
war. Ich kann sehr gut wiirdigen die Anschauung derjenigen, die
sagen: was soli schliefilich aus jener Urspriinglichkeit des menschli-
chen Sich-Offenbarens in der Dichtung, in der Rede, die wirklich im
Innerlichsten mit der Menschenwesenheit zusammenhangt, wer-
den, wenn wir eine abstrakte Sprache uber die ganze Menschheit
ergiefien? Ich habe aber auch auf der anderen Seite wirklich ganz
wunderschone Dichtungen in Esperanto gehort, und ich mufi sagen,
ich habe schon versucht, eine gewisse Objektivitat in dieser Frage zu
gewinnen.
Allein dasjenige, meine sehr verehrten Anwesenden, was ich
heute vorgebracht habe, das wird durchaus nicht beriihrt von der
Frage nach einer solchen Sprache. Denn eben, hypothetisch ange-
nommen, es gliickte, eine solche Sprache in die Menschheit zu
ergiefien, sie wiirde auch nichts anderes in sich enthalten konnen als
Phrasen, wenn wir eben nicht zu einem neuen Aufleben des substan-
tiellen Geistes kamen. Ob wir schliefilich auf Esperanto Phrasen
drechseln oder auf englisch oder auf deutsch oder franzosisch oder
auf russisch, das ist ganz gleich. Dasjenige, worauf es ankommt, ist,
dafi wir die Moglichkeit finden, substantiellen Geist ins Russische,
ins Deutsche, ins Englische, ins Franzosische und ins Esperanto zu
bringen. Und das ist eine der Fragen, die ich heute behandelt habe.
Also wie gesagt, ich will nichts gegen die Bestrebungen derjenigen
sagen, die nach einer solchen abstrakten Sprache gehen. Ich glaube,
dafi vielleicht der eine Gesichtspunkt nicht ganz unfruchtbar sein
konnte, wenn es gelange, fur dasjenige, was nun wirklich im interna-
tionalen Wirtschaftsleben zum Beispiel lebt, eine Internationale
Sprache zu haben, dafi dann vielleicht gerade die Moglichkeit
gegeben ware, fur das eigentliche Geistesleben, das ja doch immer
aus der Individualist hervorgehen mufi, die anderen Sprachen zu
befreien - was nur dann sein kann, wenn sie sich ganz individuell
entwickeln konnen, wie der Geist iiberhaupt sich individuell ent-
wickeln mufi, wenn sie nicht durch irgendwelche Eroberer-Herr-
schaftsgeluste von seiten der politischen Machte in ihrer Entwik-
kelung gestort werden. Ich glaube aber allerdings, dafi die Hoffnun-
gen der Esperantisten und ahnlicher Leute auf einem viel schwa-
cheren Boden noch sind, als die Hoffnungen derjenigen, die glau-
ben, dafi wenn sich nur eine geniigend grofie Anzahl von Menschen
heute zusammenfinden kann, um an einer Erneuerung unseres
Geisteslebens vom wirklichen Geiste aus mitzuwirken, dafi dann
eine bessere Zeit anbrechen konne, selbstverstandlich keine voll-
kommene. Zu dem Erhoffen eines irdischen Paradieses kann derje-
nige nicht gehoren, der die Wirkiichkeit durchschaut. Ich glaube,
dafi die Menschen der letzteren Art doch noch auf einem festeren
Wirklichkeitsboden stehen, als die Erhoffer einer internationalen
Sprache.
Was von seiten des zweiten Diskussionsredners vorgebracht
worden ist, war ja im wesentlichen eine Art Interpretation desjeni-
gen, was ich in einem Teil meiner Ausfuhnmgen gesagt habe, und
ich mochte nur bemerken, dafi nicht vergessen werden darf, wenn
man heute iiber solche Dinge spricht, aus solchen Grundlagen
heraus redet, wie es fur meinen heutigen Vortrag versucht worden
ist, dafi dann notwendig ist, dafi man den Menschen nicht so
auffasse, als ob man einfach an ihn herantreten konne und durch
Belehrung ihn besser machen konne. Ich habe oftmals fur die reine
Lehrmethode im offentlichen Leben das Bild gebraucht: Wenn ich
einen Ofen vor mir habe, dann kann ich sagen: sieh einmal, es ist
deine Ofenpflicht, das Zimmer zu erwarmen, dein kategorischer
Imperativ ist es, das Zimmer zu erwarmen. Ich kann nun fortpre-
digen, mit aller Kantschen Einsicht kann ich fortpredigen, es wird
nicht warm. Wenn ich stumm bleibe und blofi Holz in den Ofen lege
und es anzunde, wird der Ofen ohne alles Predigen das Zimmer
erwarmen. So ist es auch mit Bezug auf den Menschen. Wenn der
ganze Mensch in Frage kommt, wenn nicht nur das in Frage kommt,
was etwa in dem Menschen ein theoretisches Echo liefern kann,
wenn der ganze Mensch in Frage kommt, niitzt Predigen aufieror-
dentlich wenig, denn da hat man es ja zu tun vor alien Dingen mit
dem Drinnenstehen des Menschen in einer sozialen Ganzheit. Und
der Mensch in einer sozialen Ganzheit ist etwas anderes als der
einzelne, individuelle Mensch. Verlangt man von dem einzelnen
individuellen Menschen, er solle durch ein konzentriertes Gedan-
kenleben irgendwie zur Besserung der Menschheit beitragen, dann
mufi es erst moglich sein, dafi ein solches konzentriertes Gedanken-
leben in fruchtbarer Art sich entwickelt. Das ist nur in einem freien
Geistesleben letzten Endes moglich. Weitere Ausfiihrungen finden
Sie in den «Kernpunkten der sozialen Frage». Es handelt sich also
weniger heute darum, dafi man dasjenige untersucht, was dem
einzelnen Menschen frommt, sondern was man herbeifuhren mufi
in dem menschlichen sozialen Organismus, damit der einzelne
wirklich zu seiner Entfaltung kommen konne.
Ich habe in den neunziger Jahren, 1894, meine «Philosophie der
Freiheit» zum ersten Mai veroffentlicht. Darinnen findet sich als
Konsequenz einer geistigen Weltanschauung auch eine gewisse
Ethik, die gerade auf den individuellen Menschen gebaut ist. Aber es
ist da die Voraussetzung gemacht, und diese Voraussetzung mufi
jeder machen, der das Freiheitsproblem in ernstem und wirklich-
keitsgemafSem Sinne erfafit, dafi tatsachlich dann, wenn es moglich
ist, Intuitionen zu haben, die des Menschen wirkliche Freiheit
begriinden, dafi dann aus diesem einzelnen Menschen auch hervor-
kommen konne dasjenige, worauf man bauen konne im sozialen
Zusammenleben. Aber auf dieses soziale Zusammenleben mu£
fortwahrend der Blick gerichtet werden. Daher darf ich sagen, dafi
in gewissem Sinne die Erganzung zu meiner «Philosophie der
Freiheit» meine «Kernpunkte der sozialen Frage» sind. Wie meine
«Philosophie der Freiheit» untersucht, woraus beim einzelnen Men-
schen die Krafte zur Freiheit kommen, so untersuchen meine
«Kernpunkte der sozialen Frage», wie der soziale Organismus
beschaffen sein mufi, damit der einzelne Mensch sich frei entwickeln
kann. Und das sind im Grunde genommen die beiden grofien
Fragen, die uns im offentlichen Leben der Gegenwart beschaftigen
miissen. Eine wirkliche Antwort auf diese Frage wird zu gleicher
Zeit einiges Licht in das Chaos bringen konnen.
Ich mochte bemerken, dafi ich den heutigen und den morgigen
Vortrag so eingerichtet habe, dafi gewissermafien der heutige Vor-
trag mehr eine Zeitkritik sein sollte, auf dasjenige hinweisend, was
bisher ist in der Gegenwart, daft diese Gegenwart so geworden ist,
wie wir sie, in ein Chaos hineintreibend, ausgeriistet mit ungeheue-
ren Zerstorungskraften sehen. Morgen mochte ich gerade dasjenige
ausfuhren, was getan werden soil, damit das Volksleben im weite-
sten Umfange und das Leben der zivilisierten Menschheit iiber-
haupt sich wiederum herauswinden konne aus dem Chaos. Ich
mochte zeigen, wie die Krafte, die schon im Menschen liegen, und
die namentiich im menschKchen Zusammenleben iiegen, entfesselt
werden konnen, wie sie heute aber gefesselt sind. Daher wird das
Positive, auf das der letzte Redner offenbar hinweisen wollte, mehr
in meinem morgigen Vortrage als in meinem heutigen zur Geltung
kommen. Allein es mufite gerade darauf hingewiesen werden, wo-
ran wir kranken, damit aufgebaut werden kann auf dieser Erkennt-
nis der Gegenwart eine Erkenntnis des Willens, die notwendig ist
fiir eine gedeihliche Entwickelung in der Zukunft.
Ich mochte zum Schlusse aber doch das eine noch erwahnen.
Derjenige, der es ernst meint mit den groEen Fragen der Gegenwart,
der darf nicht in einem althergebrachten Sinne ein Anhanger von so
etwas Ahnlichem sein wie einem «Tausendjahrigen Reich» und
dergleichen, der darf nicht der Meinung sein, dafi wir hier ein
Paradies auf Erden begriinden konnen, sondern der mufi der Mei-
nung sein, dafi jede Wirklichkeit nur die ihr gemafien Daseinsbedin-
gungen entfalten kann, dafi man innerhalb des Lebens zwischen
Geburt und Tod nur dann zu einem Ja in diesem Leben kommen
konne, wenn man in der Lage ist, dasjenige, was das Leben im
Physischen an Unvoilkommenheiten hat, standig zu erganzen
durch den Ausblick auf ein geistiges Leben. Einer der grofiten
Fehler unserer Zeit ist der, dafi eine grofie Anzahl von Menschen
allmahlich alles, was das Leben lebenswert macht, beanspruchen
will von dem blofien aufieren Leben. Und geradezu werden so heute
die sozialen Fragen formuliert: Wie mufi das aufiere Leben beschaf-
fen sein, damit es dem Menschen alles dasjenige gibt, was er
ungefahr von einem Paradiese sich vorstellt? Wer die Frage so stellt,
wird niemals zu einer Antwort kommen. Zu einer wahren, echten
Antwort kann man nur kommen, wenn man mit einem Wirklich-
keitssinn erfiillt ist. Und dasjenige, was ein solcher Wirklichkeits-
sinn geben kann als Antwort auf die grofie Frage der Gegenwart,
davon werde ich mir dann erlauben morgen zu sprechen.
DIE GEISTIGEN KRAFTE IN DER
ERZIEHUNGSKUNST UND IM VOLKSLEBEN
Zweiter Vortrag, Zurich, 18. Marz 1920
Gestern erlaubte ich mir auszufiihren, wie in den Niedergangser-
scheinungen unserer Zeit drei zerstorende Machte wirken: die
Weltherrschaft der Phrase, die Weltherrschaft der Konvention, die
Weltherrschaft der Routine. Und ich versuchte gestern schon anzu-
deuten, wie treten miisse an die Stelle der Phrase wiederum die
gedankenerfiillte Rede, der von geistiger Substanz durchdrungene
Gedanke, der sich durch die Sprache ausleben kann im sozialen
Leben der Menschen. Und ich versuchte damit im Zusammenhang
anzudeuten, wie an die Stelle der Konvention treten miisse gerade
durch die Wiederbelebung des Geisteslebens dasjenige, was auch
aus der lebendigen Wechselwirkung der im demokratischen Sinne
miteinander lebenden mundigen Menschen allein entstehen kann.
Und anzudeuten versuchte ich, wie an die Stelle der blofien Routine,
der geistlosen Routine, treten miisse die durchgeistigte Lebens-
praxis.
Wenn man zunachst alle diese Dinge nur von auften her charakte-
risiert, so scheinen sie eigentlich auch Oberflachentatsachen unseres
gegenwartigen Lebens nur zu beriihren. In Wahrheit aber drangen
sie hin gerade zu demjenigen, was auf der einen Seite im Allerin-
timsten der Menschenwesenheit wurzelt, was auf der anderen Seite
aber auch wiederum sich auslebt in den bedeutsamsten, eingrei-
fendsten und fur das Leben mafigebenden sozialen Tatsachen.
Nun habe ich schon gestern angedeutet, wie man an einem
bestimmten Symptom aufsuchen miisse eine der Grundursachen
unserer gegenwartigen, von so vielen Zerstorungskraften durch-
setzten Zivilisation. Ich habe darauf aufmerksam gemacht, da£ seit
drei bis vier Jahrhunderten es im wesentiiclien die naturwissen-
schaftliche Erkenntnis ist, welche die Grundlage unserer Weltan-
schauung abgibt, derjenigen Weltanschauung, die Neues begriinden
will. Was sonst in unserem sozialen Leben vorhanden ist, es sind die
traditionellen Impulse zur Weltanschauung. Was neu fruchtet, was
die Menschen wirklich bewegt seit drei bis vier Jahrhunderten, das
ist die Frage: In welcher Art kann aus den naturwissenschaftlichen
Grundlagen des menschlichen Erkennens eine Weltanschauung
fliefien? Kein Wunder, dafi unter dem Drang, auf diese Weise eine
Weltanschauung zu begriinden, gerade diejenigen Krafte des
menschlichen Seelenlebens sich ausgebildet haben, die geeignet
sind, eine solche Weltanschauung ins Leben zu rufen. Eine ganz
bestimmte Art des Denkens und eine ganz bestimmte Art des
Wollens hat sich in diesen letzten Jahrhunderten herausgebildet und
ist in unserer Gegenwart bis zu einem gewissen Hohepunkt des
Wirkens gekommen. Die Naturforschung betont ja immer wieder
und wiederum, da£ es fur sie, fur ihre gewissenhafte Methode darauf
ankomme, die Welt der Tatsachen zu erforschen, so dafi nichts
einfliefie in dasjenige, was ausgemacht wird iiber die Tatsachen
selbst, dafi da nichts einfliefie von dem, was aus dem Menschen, aus
der menschlichen Personlichkeit selbst kommt. Vergeblich haben
solche Geister wie Goethe, die einsahen, zu welcher Einseitigkeit
blofies Naturerkennen, vom Menschen abgesondertes Naturer-
kennen fuhren miisse, aufmerksam darauf gemacht, wie wirkliches,
zu einer umfassenden Weltanschauung brauchbares Erkennen nicht
abgesondert werden diirfe vom Menschen, wie selbst die aufiere
physikalische Tatsache im Zusammenhange mit dem in der Welt
stehenden Menschen betrachtet werden miisse. Allein auf der ande-
ren Seite kann man doch sagen, daft diese vom Menschen abgeson-
derte Betrachtungsweise wiederum ihre grofien Triumphe gefeiert
hat dadurch, dafi sie die Welt der Technik zu dem gebracht hat, was
diese eben heute ist. Das alles aber konnte nur unter dem Einflusse
einer gewissen Art des Denkens entstehen; jenes Denkens, das sich
hingibt entweder dem, was die Natur durch sich selbst der Beobach-
tung darbietet, oder demjenigen, was wir im Experimente darstellen
konnen. Die Sprache der Tatsachen selber zu verstehen, es ist das
Ideal dieses Denkens.
In dieses Denken fliefit wenig von dem hinein - derjenige, der
gerade neben Geisteswissenschaft auch mit Naturwissenschaft in
gewissenhafter Weise, in methodischer Weise zu tun gehabt hat, der
weifi es, was menschlicher Wille ist, von dem, was uns impulsiert,
indem wir aufierlich im Leben unsere Aufgabe vollziehen, indem wir
mit anderen Menschen in Beriihrung und in Beziehung treten, indem
wir mit anderen Worten ins soziale Wesen uns hineinstellen. Ja, die
groften Triumphe der Naturwissenschaft und der Technik sind nur
moglich geworden dadurch, daft gewissermafien der Mensch denken
gelernt hat in der Weise, dafi dieses Denken so wenig wie moglich von
seinem Wollen beeinflulk ist. Eine Art von Denkgewohnheit, kann
man schon sagen, ist unter dem Einflusse dieser Tatsache im Laufe der
letzten drei bis vier Jahrhunderte entstanden.
Nun kann man mit einem solchen Denken Grofiartiges erkennen
auf dem Gebiete der mineralischen Welt, der pflanzlichen Welt
noch, weniger schon der tierischen Welt und - wie ich gestern schon
angedeutet habe - gar nichts erkennen mit Bezug auf das wahre
Wesen des Menschen. Und dafi man neben diesem, ich mochte
sagen, willensentblofiten Denken kein anderes Denken ausgebildet
hat, das hat seinen Grund in einer gewissen Weise in der Furcht vor
alle dem, was in unser Denken hineinkommt, wenn der Mensch von
sich aus, von seinem Willen, diesem Denken seine Struktur, seine
Organisation gibt. Phantastik, Willkiirlichkeit kann auf diesem
Wege durch das menschliche Wollen in das Denken hineinkommen.
Und immer wieder und wiederum wird darauf hingewiesen, wie
phantastisch die Weltanschauungen gewisser Philosophen sich aus-
nehmen, die allerdings menschliches Wollen in ihr Denken hineinge-
legt haben, gegeniiber den sicheren Ergebnissen, zu denen Naturfor-
scher gekommen sind, die ganz allein sprechen liefien dasjenige, was
die Natur ihnen selbst oder das Experiment sagte.
Man hat eben nicht gewufit, dafi es moglich ist, das Denken des
Menschen mit dem Willen so zu durchdringen, dafi bei diesem
wohlgeschulten, willengetragenen Denken ebenso jede Willkiir
verschwindet, wie sie verschwindet gegeniiber jenem Denken, das
sich nur mit au^eren Tatsachen oder mit Experimenten befaftt. Um
ein solches Denken, das vom Willen durchdrungen ist, aufzufinden,
dazu gehdren allerdings mit Energie, Sorgfalt und Geduld vol!-
brachte innerliche Seeleniibungen. Dazu gehort, dafi der Mensch,
der ein Geistesforscher werden will, der wirklich eindringen will in
die geistige Welt, aus der allein heraus Erkenntnis des Menschen
erfliefien kann, dafi der Mensch sich immer wieder und wiederum
durch lange Zeiten und mit innerlicher Seelenmethodik Gedanken
vorhalt, an denen er nichts anderes entwickelt, als innerliches
Wollen, dafi er an diesen Gedanken ein solches Wollen entwickelt,
wie man es sonst nur in der aufieren Welt entwickelt. In der aufieren
Welt liebt man, hafit man, man nimmt diese oder jene Tatigkeit auf,
weist diese oder jene Tatigkeit ab. Man hat es in der aufieren Welt zu
tun mit etwas, woriiber man bloft Ansichten haben kann. Man hat es
mit dem zu tun, was Krisen in sich enthalt. Dasjenige, was man da in
der aufieren Welt durch seinen Willen erkennt, oder wovon man
bekampft wird, das mufi man hineintragen, wenn man Geistesfor-
scher werden will, in die Welt seiner Gedanken, und man wird nach
und nach bemerken, dafi diese Gedanken wirklich willengetragene
Machte werden, von innerer Gesetzmafiigkeit durchtrankt. Sie
miissen nur das, was ich jetzt eben in scheinbarer Abstraktheit
gesagt habe, so hinnehmen, dafi die Arbeit, die damit charakterisiert
wird, die innere Seelenarbeit, eine solche ist, die lange Zeit in
Anspruch nimmt, die wahrhaftig nicht weniger methodisch, wenn
auch auf geistigem Felde, durchgefuhrt wird, als alies dasjenige, was
wir mit den exaktesten Prazisionsinstrumenten fur unsere chemi-
schen oder physikalischen Experimente durchfiihren. Wie der Che-
miker oder der Physiker exakt seine Experimente durchfuhrt, so
fuhrt der Geistesforscher dasjenige durch, was Abwagen des einen
Gedankens an dem anderen ist, Wirkung des einen Gedankens auf
den anderen. Er kommt dadurch dazu, dafi das abstrakte Denken,
das gerade unter dem Einflufi des naturwissenschaftlichen For-
schens im Laufe der drei bis vier letzten Jahrhunderte sich herausge-
bildet hat, zu einem innerlich lebendigen Denken aufsteigt, zu
einem Denken, das mehr ein Bildanschauen geistiger Art ist als das
gewohnliche abstrakte Denken. Das ist die eine Seite, die ausgebil-
det werden raufi zu wirklicher Menschenerkenntnis, weil es unmog-
lich ist, jenes abstrakte Denken zu gebrauchen fur diese Menschen-
erkenntnis, die eine Geist-Erkenntnis sein mufi, eine Geistan-
schauung, das in der Naturwissenschaft seine grofien Triumphe
feiert. Allein dieses Denken, das in der Naturwissenschaft voll am
Platze ist, dieses Denken hat insbesondere im sozialen Leben im
weitesten Sinne gewisse, ich mochte sagen, unmogliche Ergebnisse.
Je abstrakter unser Denken wird, desto rechthaberischer im einzel-
nen Menschen wird es. Gewifi, man wird sehr kritisch, man wird
gewissenhaft, man wird methodisch, wenn man das in den letzten
drei bis vier Jahrhunderten grofigezogene Denken anwendet. Aber
man wird doch in bezug auf seine soziale Eingliederung in die ganze
Menschheit oder in einen Teil der Menschheit rechthaberisch. Man
forsche nur einmal nach und man wird sehen, wenn man sich an das
Denken halt, das die Naturwissenschaft groE gemacht hat: Man
gewohnt sich daran, immer recht zu haben - und der andere hat auch
recht! Und die Menschen, das wiirde das Extrem sein, konnten sich
im Grunde genommen eigentlich gar nichts mehr mitteilen.
Leben wir nicht mitten in diesem Zustande? Findet nicht heute
derjenige, der durch eine priifungsreiche Lebenserfahrung gegangen
ist und durch Jahrzehnte gerungen hat mit den Problemen, der
genotigt ist, aus der heutigen Menschheitserziehung heraus diese
Probleme in den gangbaren gebrauchlichen Formen der geisteswis-
senschaftlichen Begriffe darzustellen, findet er nicht tiberall die
jiingsten Leute, die kommen und sagen mit ihrer anderthalb Jahr-
zehnte hochstens dauernden Erfahrung: Das ist mein Standpunkt,
das denke ich, das setze ich entgegen den reichen Lebenserfahrun-
gen. Und schliefilich, abstrakt genommen, kann man diesen Lebens-
anfangern, die ebensogut logisch denken konnen wie die lebenser-
fahrenen Greise, man kann ihnen nicht einmal unrecht geben, denn
dasjenige, was den Nerv ausmacht unseres gegenwartigen wissen-
schaftlichen Erkennens, das ist im Grunde nicht gebunden an
menschliche Entwickelungen, das ist etwas, was man erreicht,
wohinein man sich findet* und was man schliefilich, wenn man einen
gewissen Grad von Erwachsenheit erreicht hat, eben erlangt. Und
so kann man sagen: Dieses abstrakte Denken, dieser Intellektua-
lismus, der es heute zu einemn liohen Grade an Vollkommenheit
gebracht hat, der gibt jedem etwas, was er eigentlich jedem anderen
mitteilen mochte, aber was der andere schon von sich selber aus
weifi. Man mochte sich mitteilen im sozialen Leben. Man kann sich
nicht mitteilen, weil der andere nicht geneigt ist, die Mitteilung zu
empfangen, sondern hochstens ihr seinen Standpunkt entgegenzu-
stemmen.
Was die Naturwissenschaft grofi macht, das ist unanwendbar im
sozialen Leben, denn der Mensch gibt dadurch etwas, mochte etwas
geben, was kein anderer eigentlich empfangen will, weil er es schon
zu haben glaubt. Wer nur richtig durchdenkt dasjenige, was die
wirkliche Grundrichtung unseres ganzen heutigen Seelenlebens ist,
der wird vieles von dem, was heute in unserem sozialen Leben an
Zerstorungskraften vorhanden ist, was die Menschen auseinander-
treibt, statt sie zusammenzufuhren, er wird es zum Teil in dem
sehen miissen, was ich jetzt als eine Eigentiimlichkeit und soziale
Konsequenz des abstrakten, gerade fur die Naturwissenschaft taug-
lichen Denkens charakterisiert habe.
Uber dieses Denken hinaus wird Geisteswissenschaft fuhren,
weil sie kultiviert dasjenige, was unbewufit bleibt in dem heute
gebrauchlichen Denken, weil sie das Wollen - das ist es eben, was
unbewufit bleibt - in dieses Denken hineindrangt, weil sie willentli-
ches Denken entwickelt. Und aus dem willentlichen Denken heraus
kann wirkliche Menschenkenntnis erfolgen. Aber das ist nur das
eine Element.
Das andere ist, dafi gerade unter dem EinflufS dieser Denkweise,
wie sie in der naturwissenschaftlichen Weltanschauung hervorge-
treten ist, der Mensch auch dazu gekommen ist, gegeniiberzustellen
dem willensentblolken Denken das gedankenentblofite Wollen.
Aus dieser Zweiheit besteht im Grunde genommen der heutige
Mensch, aus jenem Seelenelemente, das man nicht anders bezeich-
nen kann, als willensentblofites Denken, und aus dem anderen
Seelenelemente, das man bezeichnen mufi als gedankenentblolkes
Wollen. Geisteswissenschaftliche Erkenntnis, sie sucht ebenso, wie
sie den Willen hineinzuschieben versucht in das Denken, den
Menschen, der ein Geistesforscher werden will, dazu zu bringen,
seinen eigenen Handlungen, seinen eigenen Willensergebnissen mit
einer solchen Objektivitat gegeniiberzustehen, wie man sonst nur
gegeniibersteht aufteren Tatsachen. Der Mensch mufi werden, wenn
er sich auf den Weg des Geistesforschens begibt, ein treuer Beobach-
ter dessen, was er selber tut, was er selber will. Gewissermaften mufi
er sich ideell zunachst herausheben und mufi wie in einem Hoheren
von sich selbst neben sich einhergehen. Und dieses Hohere neben
sich selbst mufi den Menschen so beobachten in allem, was er tut,
wie man sonst nur beobachtet, wenn man aufiere Naturtatsachen
oder das Experiment beobachtet. Denn dann lernt man an etwas
Gedanken entwickeln, was gerade in den letzten drei bis vier
Jahrhunderten am allermeisten, besonders bei gewissen radikalen
extremen Kreisen, nur beherrscht und impulsiert wird von den
personlichsten Emotionen. Man lernt erkennen dasjenige in Gedan-
ken, worauf man sonst eigentlich gar nicht sieht, dessen Gedanken
sonst vollig im Unbewufken bleiben.
Und deshalb, weil der Mensch in diese beiden Elemente zerfallt,
sehen wir auch heute auseinandergerissen auf der einen Seite die
abstrakt naturwissenschaftliche Erkenntnis, die nur auf das Aufter-
menschliche geht, und die soziaien Impulse blofi als personliche
Instinkte wirksam. Wir sehen, wie die Naturwissenschaft auf gewis-
se Hohen gestiegen ist, wie man aus der Erziehung, die man aus
diesem naturwissenschaftlichen Denken gewonnen hat, jetzt zum
Beispiel im Osten - und es wird nicht beim Osten verbleiben, leider
- Grundsatze daraus gewinnen will fur das soziale Zusammenleben
der Menschen, wie sich aber in diesem Osten zeigt, daft man mit
naturwissenschaftlicher Sozialpolitik nichts anderes kann, als wiiste-
ste menschliche Instinkte organisieren, organisieren so, dafi die
Organisation die Menschheit in den Untergang hineintreiben mufi.
Diese Dinge hangen zusammen mit dem, was in den letzten
Jahrhunderten groft geworden ist, und man muE sie in diesem
Zusammenhange betrachten. Erst dann, wenn man den Willen
kultiviert im Denken, wie ich es angedeutet habe, dann das Denken
im Wollen kultiviert - die genaue Beschreibung konnen Sie in
meinen Biichern «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Wei-
ten?» und im zweiten Teile meiner «Geheimwissenschaft>>, und in
ahnlichen Biichern finden -, erst dann, wenn man eine solche
Geisteswissenschaft auf diese Art begriindet, die in das wirkliche
Wesen des Menschen eindringen kann, wird eine solche Wissen-
schaft nicht machtlos gegeniiberstehen der ganzen menschlichen
Personlichkeit. Ja, unsere gegenwartige Wissenschaft, sie steht der
ganzen menschlichen Personlichkeit machtlos gegeniiber, denn das-
jenige Denken, in das nicht der Wille hineinpulsiert, es ist eine
Beschaftigung blofi des menschlichen Kopfes, es ist Intellektua-
lismus, der keine mitteilende Kraft fur das Leben hat. Geistige
Erkenntnis, wie sie nach und nach zu einer Weltanschauung sich
formt aus solchen Grundlagen heraus, wie ich sie jetzt nur andeuten
konnte, Geisteswissenschaft ist etwas, was nicht nur die menschli-
chen Gedanken, den menschlichen Intellekt, sondern was die ganze
menschliche Personlichkeit ergreift. Weil sie aus dem Willen hervor-
gegangen ist, aus dem willengetragenen Denken, stellt sie dieses
menschliche Denken hinein in die soziale Gemeinschaft, und weil
sie den Gedanken hineintragt in das Wollen, kann sie auch Gedan-
ken im Menschen anregen, welche wahrhaftige Lebenspraxis her-
vorbringen, nicht blofi Routine, sondern Lebenspraxis, die eben nur
beruhen kann auf Ideen, auf geistgetragenem Wollen.
Solche geisteswissenschaftliche Weltanschauung, wir brauchen
sie heute vor alien Dingen auf dem Boden desjenigen Geisteslebens,
das fiir die Offentlichkeit das Allerwichtigste ist, wir brauchen sie
auf dem Boden der Erziehungskunst. Und gerade in der Erzie-
hungskunst kann man die innere Wahrheit desjenigen erforschen,
was ich als Prinzipien einer Geisteswissenschaft eben charakterisiert
habe. In der schon erwahnten « Waldorf schule», die unter der Agide
unseres Freundes, des Herrn Molt in Stuttgart errichtet worden ist,
ist versucht worden, auf geisteswissenschaftlicher Grundlage Pad-
agogik als Erziehungskunst zu begninden. Diese Waldorfschule
will nicht eine Weltanschauungsschule sein. Diejenigen Menschen
sagen die Unwahrheit, welche sagen, sie will eine Schule sein, in die
anstelle alter Weltanschauungen anthroposophisch orientierte Gei-
steswissenschaft schon in das Kind hineingetragen wird. Darum
handelt es sich gerade bei dieser Schule nicht, sondern darum
handelt es sich, dafi das, was als Geisteswissenschaft hier gemeint ist,
eben den Willen des Menschen erfassen kann, sein Handeln durch-
dringen kann und dafi dasjenige, was in anderen Weltanschauungen
nur Gedanke, Idee bleibt, bei der anthroposophisch orientierten
geisteswissenschaftlichen Weltanschauung methodisch gefafk wer-
den kann. Daher handelt es sich bei der Waldorf schule in Stuttgart
nicht darum, was man inhaltlich an die Kinder heranbringen will,
sondern es handelt sich darum, dafi unsere Geisteswissenschaft in
ihr Methode wird, wird dasjenige, was die Grundlage abgibt zu der
Verrichtung im Lehren, im Erziehen, zum Handeln, zum Wollen
des Lehrers.
Dazu gehort aber allerdings, dafi diese Padagogik, diese Erzie-
hungskunst gebaut werde auf wirkliche Menschenkenntnis. Wirkli-
che Menschenkenntnis ergibt sich nur mit den Methoden, die ich
heute andeutend charakterisiert habe. Da lernt man erkennen, wie
aus dem inneren Seelisch-Geistigen heraus vor alien Dingen gewisse
Epochen sich unterscheiden lassen in dem werdenden Menschen.
Diese Epochen, sie sind dasjenige in der menschlichen Wesenheit,
woriiber man heute oftmals selbst in der Wissenschaft, die sich sehr
exakt diinkt, oberflachlich hinweggeht. Man sieht ja in dem Kinde
gewisse Vorgange, wenn um das siebente Jahr herum der Zahn-
wechsel eintritt. Aber derjenige, der tiefer hineinschaut in die
menschliche Natur, der sieht auch, wie in dieser Zeit des Zahnwech-
sels im Kinde eine vollstandige Metamorphose des ganzen Seelenle-
bens vor sich geht. Wahrend in der ersten Zeit, von der Geburt bis
zum siebenten Jahre, alles, was das Kind treibt, wozu das Kind sich
geneigt, befahigt fuhlt, herausstammt aus dem Prinzip der Imita-
tion, der Nachahmung, aus einem Sich-Hineinfuhlen in alles dasje-
nige, was die Umgebung tut, beginnt mit dem Zahnwechsel unge-
fahr gegen das siebente Jahr beim Kinde die Epoche, wo es durch
seine inneren Fahigkeiten auf Autoritat hm angelegt ist. Wie durch
das selbstverstandliche elementarische Leben wird das Kind bis zum
siebenten Jahr hin selbst in seinen Handbewegungen, in der For-
mung seiner Sprache dasjenige tun, was die Erwachsenen seiner
Umgebung tun. Es wird sich ganz hineinverweben in dasjenige, was
ausstromt selbst von den Imponderabilien der Gedanken- und
Vorstellungsrichtungen der Umgebung. Vom siebenten Jahr an
braucht das Kind in seiner Umgebung den, von dem es glauben
kann: der weifi in gewissem Sinne das Richtige; es braucht die
Autoritat. Man mag heute noch so sehr gegen Autoritat wettern,
man sollte beriicksichtigen, dafi Autoritat vom siebenten Jahr an
ungefahr bis zu dem Jahre, wo die Geschlechtsreife eintritt, etwas
ist, unter dessen Einflufi der Mensch stehen mufi, wenn er sich
gesund entwickeln will. Denn eine zweite Epoche in der mensch-
lichen Kindheit ist diese vom Zahnwechsel bis zu der Geschlechts-
reife, bis zum vierzehnten Jahre ungefahr. Ungefahr, sage ich; hier
ist nicht irgendein Zahlenspiel in Frage kommend, sondern es sind
die wichtigen Abschnitte, die Umanderungen der Lebensmetamor-
phosen sind es, die in Frage kommen. Mit diesem vierzehnten Jahre
ungefahr wird der Mensch geschlechtsreif. Da tritt eine vollstandige
Umwandlung seines Seelenlebens ein, da tritt dasjenige ein, was ihn
innerlich befahigt, selbstandig zu urteilen, der Welt sich entgegenzu-
stellen mit dem, was als Urteil in seinem Inneren entsteht, wahrend
er vom siebenten bis vierzehnten Jahr recht gedeiht, wenn er neben
sich die Autoritat haben kann, zu der er aufschaut.
Nun sind es gerade die Jahre vom Zahnwechsel bis zu der
Geschlechtsreife, in denen man das Kind zu betreuen hat in Unter-
richt und Erziehung wahrend seiner sogenannten Volksschulzeit.
Aber auch in dieser Zeit kann man noch gewisse Epochen, Unter-
epochen unterscheiden. Dasjenige, was als Nachahmungstrieb aus
der innersten Wesenheit des Menschen heraus bis zum siebenten
Jahre waltet, es erstreckt sich noch in seiner Abschwachung, aber
deutlich sich offenbarend, iiber das siebente Jahre hinaus bis ins
neunte Lebensjahr hinein. Und derjenige, der sich aneignet durch
Geisteswissenschaft einen lebendigen Sinn, wie in jedem einzelnen
Kinde zum Vorschein kommt dieses Zusammenspielen von Nachah-
mungsfahigkeit, von Autoritatsbedurfnis in allem Lernen und ge-
geniiber aller Erziehung, der wird in jedem Kinde, selbst wenn er die
grofke Klasse vor sich hat, ein eigenes Erziehungsproblem sehen
konnen. Denn ein solcher Mensch als Erzieher und Lehrer wird
nicht hingegeben sein konnen irgendeiner Normpadagogik, nicht
einer Padagogik, die wiederum abstrakte Grundsatze etwa aufstellt
aus dem Intellektualismus heraus: so mufi man erziehen, oder so
mufi man erziehen - nein, derjenige, der durch Geisteswissenschaft
zum Lehrer geworden ist, der sieht in dem werdenden Kinde etwas,
was der Kiinstler in jedem einzelnen, das er schafft, sieht: immer
wieder ein Neues und ein Neues. Da gibt es nicht abstrakte padago-
gische Grundsatze, da gibt es ein lebendiges Sich-Hineinfinden in
das Kind, ein Herausschaffen aus dem Kinde selbst, ein Ratsellosen
desjenigen, was im Kinde verborgen ist, was durch die Leiblichkeit
als ein Geistig-Seelisches heraus will. Denn das ist das Eigentumli-
che beim Geist-Erkennen, das vor alien Dingen in der Erziehungs-
kunst zur Anwendung kommen mufi, dafi dieses Geist-Erkennen
den Menschen zuruckfuhrt zur unmittelbaren Lebendigkeit. Das ist
beim Intellektualismus, beim abstrakten Erkennen nicht der Fall.
Wenn ich abstrakt irgend etwas aufgefafit habe, nun, da habe ich es
aufgefafit, da trage ich es dann weiter ins Leben fort. Da erinnere ich
mich hochstens an dasjenige, was ich schon gelernt habe. So ist es bei
der Geist-Erkenntnis nicht. Derjenige, der nur einige Schritte in
dieser Geist-Erkenntnis gemacht hat, der weifi, dafi diese Geist-Er-
kenntnis nichts gibt, woran man sich blofi erinnern kann. Ebensowe-
nig gibt Geist-Erkenntnis etwas, woran man sich blofi erinnern kann,
wie dasjenige, was ich heute gegessen und getrunken habe, mir etwas
geben kann, woran ich mich morgen und die folgenden Tage blofi
erinnern kann; man ist nicht zufrieden als Mensch, wenn man sich nur
erinnern soil an dasjenige, was man gegessen hat vor vier Wochen.
Aber man ist zufrieden als Mensch, der eine abstrakte Erkenntnis
aufgenommen hat, wenn man sich an das erinnert, was man vor vier
Wochen eelernt hat oder sich aneeeienet hat. Mit Geist-Erkenntnis ist
es nicht so. Geist-Erkenntnis verwebt sich dem menschlichen Wesen,
geht hinunter, wird verdaut und mufi immer neu belebt werden, geht
so hinein in die Erscheinungen des Lebens.
Wenn irgend jemand ein grofier Geistesforscher ware in seinem
vierzigsten Lebensjahre und er wiirde nicht fortpflegen immerfort
den lebendigen Umgang mit dem, was zu erkennen ist, er wiirde
gegeniiber dem seelisch-geistigen Inhalt so verhungern, wie jemand
verhungern wiirde, der mit seinem vierzigsten Jahre zu essen aufhor-
te. Abstrakte Erkenntnis, wie sie die Naturwissenschaft grofi ge-
macht hat, die kann zufrieden sein mit Erscheinungen. Die ist
einmal abgeschlossen. Geist-Erkenntnis bringt den Menschen in
lebendigen Zusammenhang mit seiner Umgebung, mufi immerfort
erneuert werden, wenn sie nicht absterben soil, wird im Leben
ahnlich, wie auf einem niedrigeren Gebiete Essen und Trinken.
Indem man so etwas ausspricht, sollte die Welt erkennen, wie
radikal verschieden diese Geist-Erkenntnis von derjenigen ist, von
der man heute glaubt, dafi sie die einzig mogliche ist. Aber stellen Sie
sich vor, diese Geist-Erkenntnis durchdringend alles dasjenige, was
der Erzieher und der Unterrichter tun will, so durchdringend seine
Handlungen, seine Gedanken, wenn er das Schulzimmer betritt, wie
das Eisen unser Blut belebt - stellen Sie sich vor eine Gesinnung, die
aus einer Geist-Erkenntnis kommt und die weifi: du mufit jedes
einzelne Individuum besonders anfassen, du kannst dir nichts mer-
ken, du mufit jedem Kinde als einem neuen Ratsel gegeniiberstehen
- das gibt erst eine wirkliche Padagogik, eine lebensvolle Padagogik.
Man redet heute viel davon, man soil die Individualist erziehen.
Man gibt auch allerlei schone abstrakte Grundsatze dariiber -
dadurch wird man nichts erreichen. Erreichen fur unsere Leben
fordernde Zeit wird man nur dadurch etwas, dafi man eine Padago-
gik als Kunst begriindet. Diese Padagogik als Kunst, die hinein-
schaut jederzeit aufs neue in den Menschen, sie vergifit die Erkennt-
niswissenschaft, wie der Kiinstler alle Asthetik und alles wegwirft,
wenn er positiv schaffen will. Was niitzen uns alle Grundsatze iiber
das Schone, wenn wir den Ton formen wollen! Derjenige, der weifi,
was kunstlerisch Schaffen ist, der gibt mir recht darin. Was niitzen
uns alle padagogischen Regeln, wenn wir dasjenige, was als See-
lisch-Geistiges im Kinde ist, zu entratseln beginnen und entwickeln
sollen? Da handelt es sich darum, dafi wir als Padagogen zu
Kiinstlern werden. Das konnen wir werden, wenn in unsere Zivilisa-
tion Geisteswissenschaft als ein lebendiger Bestandteil eindringt.
Dann werden wir aber auch sehen, wie wir in der Zeit, wo zwischen
dem siebenten und neunten Jahre der Nachahmungssinn mit dem
Autoritatssinn sich die Waage halt, wie wir da gerade den Willen
ausbilden miissen, wie wir da nicht auf den Intellekt des Kindes zu
grofie Bedeutung legen durfen. Da diirfen wir vor alien Dingen
nicht unkiinstlerisch an das Kind heranbringen, was durch mensch-
liche Konvention festgelegt ist. Wir diirfen nicht dasjenige,. was blofi
zum Intellekt spricht, als Konvention an das Kind heranbringen.
Das sind auch die Buchstabenformen, das ist auch Schreiben, Lesen.
All das beruht, so wie wir es heute haben, denn wir sind nicht mehr
in der Zeit der alten Bilderschrift, auf menschlicher Konvention.
Wir miissen davon loskommen. Daher wird in der Waldorfschule
versucht, Lesen und Schreiben - zunachst Schreiben - aus dem
Kiinstlerischen hervorzurufen. Es wird versucht, zuerst solche
Formen zu zeichnen, ja auch zu malen, aus denen sich dann
aufbauen lassen die Buchstabenformen; also erst das Kiinstlerische,
daraus dann das Intellektualistische. Damit aber dasjenige, was
eigentlich die Kindesnatur begehrt in diesem Zeitalter, in der richti-
gen Weise aufsprossen kann, mufi alles auf diesen kiinstlerischen
Unterricht angelegt sein. Und jetzt, wo wir erst einige Monate in der
Waldorfschule unseren Unterricht geben, jetzt sehen wir, wie wirk-
lich aus dem Kiinstlerischen sich heraus arbeiten lalk, wie es mog-
lich ist, vor alien Dingen im Musikalischen, im Gesanglichen, im
Eurythmischen, in beseelter Tonkunst - denn das ist fur das Kind
noch die Eurythmie -, wie es moglich ist, in alledem dem Kinde
etwas zu geben, das seine Natur fordert, das seine Natur will, das
aber zu gleicher Zeit den kiinstlerischen Sinn biegsam macht, den
kiinstlerischen Sinn geneigt macht, die ganze Welt in kiinstlerischer
Weise entgegenzunehmen. Dann kann man, wenn das neunte Jahr
herankommt, wo der Mensch sein Verhaltnis setzen kann zwischen
dem Ich und der Aufienwelt, dann kann man experimentell zusteu-
ern auf dasjenige, was Naturbeschreibung ist, dann kann man
Wissenschaft hervorrufen aus dem Kiinstlerischen.
Allerdings muE da darauf Riicksicht genommen werden immer -
so sonderbar, so trivial es klingt, es rnuE gesagt werden -, dafc der
Mensch Mensch ist. Nicht Riicksicht darauf, dafi der Mensch
Mensch ist, nimmt die Einrichtung, wie wir sie heute vielfach haben,
des sogenannten Stundenplanes. Nichts Unpadagogischeres gibt es,
als dem Kinde beizubringen Dreiviertelstunden das, nachher gleich
Dreiviertelstunden etwas ganz Entgegengesetztes. Dreiviertel-
stunden Religion, Dreiviertelstunden Rechnen, Dreiviertelstunden
Schreiben und so weiter. Wir suchen in der Waldorfschule alles
hervorzuholen aus den Gesetzen, die im Seelisch-Geistigen des
Kindes sich selber aussprechen. Da ist allerdings notig, dafi man
irgend etwas, zum Beispiel Rechnen, durch drei, vier, fiinf bis sechs
Wochen einzig und allein treibt, ohne Stundenplan, und erst wenn
man ein bestimmtes Pensum aufgearbeitet hat, geht man zu etwas
anderem iiber. Das wird Konzentration des Unterrichtes. Es kann
dann am Ende des Schuljahres durch Wiederholungen alles, was in
Betracht kommt, zusammengefafit werden. Aber der Stundenplan,
der ist eigentlich der Feind jeder wirklichen Erziehungskunst.
Und auf diese Weise gelangt man dazu, nicht nur in bezug auf die
erzieherische und unterrichtende Fiihrung des Kindes etwas zu
erringen, sondern man gelangt dazu, aus der Entwickelung des
Kindes selber die Notwendigkeiten des Lehrplanes abzulesen. Als
ich fur die Lehrer der Waldorfschule den padagogischen Kursus
abgehalten habe, der sie vorbereitet hat zu ihrer Aufgabe, da war ich
vor alien Dingen darauf bedacht, einen Lehrplan auszuarbeiten, der
eigentlich das blofie Ergebnis desjenigen ist, was das Kind verlangt
vom sechsten, siebenten bis zum achten, neunten Jahre, vom neun-
ten Jahre bis zum zwolften Jahre, vom zwolften Jahre bis zur
Geschlechtsreife. Ablesen aus dem, was elementar die Menschen-
natur entwickelt, dasjenige, was getan werden soil, man kann es,
wenn man Sinn und Verstandnis fur das Menschenwesen durch
Geisteswissenschaft hat, von Jahr zu Jahr, und man kann es, wenn
man das Schulzimmer betritt, mit tiefem padagogischen Sinn able-
sen dem, was einem die Gesichter der Kinder sagen, die vor einem
sitzen. So wird versucht - ich kann es Ihnen nur skizzieren, kann
selbstverstandlich nicht diese Dinge bis in alle Einzelheiten schil-
dern -, durch Geisteswissenschaft unmittelbares Leben hineinzu-
bringen in eines der wichtigsten sozialen Gebiete, in die Erziehungs-
kunst.
Alle Abstraktionen, alles dasjenige, was die Technik grofi macht,
das ist nicht fruchtbar da, wo es sich darum handelt, die Menschen
zusammenzubringen. Wirkliche Erziehungskunst, sie wird ihre
Quellen suchen miissen in der Geisteswissenschaft. Sie wird es nur
konnen, wenn im Sinne der Dreigliederung des sozialen Organis-
mus das geistige Leben befreit ist vom staatlichen, befreit ist vom
wirtschaftlichen Leben. Eigentlich nur dadurch, daft das Wiirttem-
bergische Schulgesetz noch ein Loch hat, in das man hineinschlup-
fen konnte, war es moglich, die Waldorfschule in dieses Loch
hineinzubringen als eine freie Schule, in der wirklich verfahren
werden kann nach padagogisch-kiinstlerischen Prinzipien. Um die
Geisteswissenschaft anzunehmen, braucht man nicht Geistesfor-
scher zu werden. So wie man die moderne Astronomie oder die
moderne Chemie annehmen kann und man nicht Astronom oder
Chemiker zu werden braucht, wie man dazu nur den gesunden
Menschenverstand notig hat, so hat man auch nur den gesunden
Menschenverstand notig, wenn man sich nur nicht von Vorurteilen
beeinflussen lafk, um dasjenige aufzunehmen, was der geisteswis-
senschaftliche Forscher aus den Tiefen der Seele an die Oberflache
fordert. Aber wenn man sich durchdringt mit dem, was aus willen-
getragenen Gedanken, aus gedankengetragenem Wollen heraus
erkannt wird, dann bekommt man auch die notige Lebensbegei-
sterung, die der heutigen schlafenden Menschheit fehlt und die
kommen muE, wenn es besser werden soli.
Bevor nicht von einer geniigend grofien Anzahl von Menschen
energisch verlangt wird dasjenige, was notwendig ist zu einem
Neuaufbau, wird es nicht aus irgendwelcher Ecke von selbst heraus
kommen. Die heutige Menschheitsentwickelung ist dazu veranlagt,
aus dem Wollen, aus dem bewuftten Wollen heraus die groften
Lebensziele zu fordern. jene Politik hah en wir lange genug getrie-
ben, die imrner diplomatisch hinschaut auf dasjenige, was dort
[Liicke] und nach der man sagt: es wird sich schon wieder geben.
Heute sehen die Menschen, wie es taglich schlechter wird; jeden Tag
von neuem glauben sie, es bleibe bei dem, was gerade eingetreten ist.
Man hat nicht den geringsten Sinn dafiir, dafi erkannt werden mufi
im Niedergange die Kraft des Aufganges. Und so wird man, wie in
der Erziehungskunst, auch im Volksleben suchen miissen selbst
diejenigen Krafte, die zum Neuaufbau fiihren konnen. Es konnen
auch da nur jene Krafte sein, welche da kommen aus dem Geiste, aus
der Erkenntnis des Geistes, aus dem Anschauen des Geistes. Wie
stehen sich doch jene zwei Seelenelemente in unserem sozialen
Leben, in unserem Volksleben heute gegeniiber, auf die ich hinge-
deutet habe! Das abstrakte Denken, das eigentlich jeder Mensch hat
- es ist ja ganz gleichgiiltig, ob man herausgewachsen ist aus der
Schusterwerkstatte, der Sohn des Schusters ist oder [Liicke], wenn
man es bis zu einer Stufe des Denkens gebracht hat. Dieses Denken,
es ist unabhangig vom Personlichen, von diesem Denken aus hat
man seinen Standpunkt. Aber diese Standpunkte sind ja alle eigent-
lich nicht notwendig, denn jeder Mensch hat eigentlich das Recht
fur seinen eigenen Standpunkt, und er konnte eigentlich mit diesem
Standpunkt als ein Einsamer durch die Welt ziehen. Man braucht
gar nicht miteinander zu leben, wenn jeder «seinen Standpunkt»
hat, wenn keiner dem anderen etwas zu sagen hat.
Das aber ist das Eigentiimliche bei der Geist-Erkenntnis, daf$ sie
von diesen «Standpunkten», von diesem Stehen auf Standpunkten
ganz loskommt, dafi sie eigentlich wird etwas, was Menschen
empfanglich macht fur das Leben, fiir eine wahre Schule. Derjenige,
der sich mit Geisteswissenschaft in dem Sinne, wie sie hier als
anthroposophisch orientierte gemeint ist, wie sie durch den Dorna-
cher Bau reprasentiert wird, bekannt macht, fiir den wird jeder
einzelne Mensch, dem er im Leben begegnet, ein interessantes
Problem. Das Kind selbst, das ist ja wichtig gerade fiir die Erzie-
hungskunst; das Kind wird ein interessantes Problem. Und so wie
man im physischen Leben Hunger fiihlt gegeniiber der aufieren
Natur, wie man sich verbinden mufi mit der aufieren Natur, so fiihlt
man als Geisteswissenschafter das Bediirfnis, sich immer und immer
mit dem auseinanderzusetzen, was andere Menschen meinen, was
andere Menschen denken, empfinden und wollen. Geisteswissen-
schaft bringt uns im weitesten Umfange mit den Menschen zu-
sammen.
Heute kann der Geisteswissenschafter vor alien Dingen sagen:
wenn er andere Weltanschauungen liest, oh, er lafit sie anders auf
sich wirken als andere Menschen. Er fragt weniger nach dem, was
Irrtum oder Wahrheit ist, denn das ist ja zumeist nur der eigene
Standpunkt, der dariiber entscheidet, und iiber diesen Standpunkt
habe ich mich ja gerade ausgesprochen. Aber wie grofi auch der
vermeintliche Irrtum sein mag, der von dem oder jenem hervorge-
bracht wird denkend oder handelnd, dasjenige, was der Mensch uns
darlebt, es ist die Erganzung unseres eigenen Wesens, wenn wir uns
von Geisteswissenschaft durchdringen. So wie der Naturforscher
das Bedurfnis hat, sich mit dem Experiment auseinanderzusetzen,
so hat der Geistesforscher das Bedurfnis, sich mit allem Menschli-
chen auseinanderzusetzen. Begriindet er eine Weltanschauung, so
wird sie zu einem sozialen Impuls, weil sie die Menschen nicht
auseinanderbringt, weil sie die Menschen zusammenfiihrt; weil sie
wiederum individuelles Leben hineinbringt in dasjenige, was sonst
nur abstrakter Standpunkt ist, den jeder jedem gegeniiber haben
kann. Der Geistesforscher, er tritt dem kleinen Kinde gegeniiber,
das vielleicht nur lallen kann, vielleicht nicht einmal lallen kann, das
aus elementaren Blicken heraus ihm Geheimnisse durch das noch
ganz kindliche Auge enthiillen kann. Er empfangt Offenbarungen
von allem Menschlichen. Dadurch wird dasjenige, was Geisteswis-
senschaft zu sagen hat, wenn man es nur einmal aufnehmen wird in
das menschliche Leben, zum Impuls fur soziales Zusammensein der
Menschen. So wie die naturwissenschaftliche Erkenntnis herausge-
holt hat aus der menschlichen Sprache den Gedankeninhalt, so wie
sie die Phrase geschaffen hat, so wird Geisteswissenschaft in unsere
Snrache hineineeheimnissen lebendiee eeistiee Substantiality, und
unsere Sprache wird dadurch, dafi Geisteswissenschaft den Men-
schen zum Menschen fuhrt, zu dem wichtigsten sozialen Besse-
rungsmittel fiir die kommende Zeit werden.
Und gerade dadurch, da£ die Erkenntnis auf der einen Seite so
abstrakt geworden ist, ist der Wille abhangig geworden von den
blofien Emotionen, von den bloften personlichen Instinkten, wie ich
heute auch ausgefiihrt habe. Dadurch, dafi Geisteswissenschaft
herausschafft ihre Inhalte aus dem gedankengetragenen Willen,
dadurch ist das, was sie dem Menschen geben kann, die Grundlage
fur weitergehende Interessen, als sie das blofi personliche Fiihlen,
der blofi personliche Egoismus geben kann. Was ist denn zum
Schlufi in den letzten drei bis vier Jahrhunderten im sozialen Leben
das Ausschlaggebende geworden? Das Ausschlaggebende ist der
Egoismus geworden. Wenn man sich nicht erheben kann durch die
Erkenntnis, [Liicke] zu dem Menschlichen, wenn das Menschliche
uns nicht durchdringen kann, dann konnen wir im sozialen Leben
nur den Egoismus geltend machen. In dem Augenblicke aber, wo
wir das Geistesleben in seiner Selbstandigkeit haben, und dadurch
jene Selbstandigkeit begriinden konnen in der Erziehungskunst, die
ich heute skizziert habe, und in dem Augenblick, wo wir unser
Wollen von Ideen durchdringen, konnen wir in unserem Wirt-
schaftsleben den Weg finden von Mensch zu Mensch, konnen aus
den Berufsstanden, konnen aus dem Zusammenfugen von Konsu-
menten und Produzenten Assoziationen bilden, konnen bilden eine
Wirtschaftsstruktur im sozialen Organismus, die aufgebaut ist gera-
de auf demjenigen, was ein Mensch vom anderen lernen kann, was
ein Mensch vom anderen erfahren kann. Lebensroutine wird sich
verwandeln dadurch in Lebenspraxis. Je innerlicher man betrachtet
das Menschenleben, je mehr man auf das Menschenleben selbst
hinsieht, desto mehr drangt sich aus jeder Ecke die Notwendigkeit
der Dreigliederung des sozialen Organismus heraus. Und wie auf
der einen Seite das Wirtschaftsleben befruchtet wird durch ein von
Ideen durchdrungenem Wollen, auf der anderen Seite das Geistes-
leben [Liicke], so wird dasjenige, was zwischen Mensch zu Mensch
sich abspielt - in der heutigen Zeit spielt es sich eigentlich nur als
Konvention ab, und zwar so sehr, dafi man Konvention auch will in
Form des Volkerbundes zwischen den Volkern -, zum lebendigen
Elemente im staatlichen Rechtsleben, das als ein selbstandiges Glied
im dreigliedrigen sozialen Organismus den anderen selbstandigen
Gliedern, dem selbstandigen Geistesleben, dem selbstandigen Wirt-
schaftsleben gegeniiberstehen soil. Aber Sie sehen zugleich gerade
an dem Beispiel der Erziehungskunst, wie in das Volksleben, in
das soziale Leben hereingreift die Geisteswissenschaft, wie diese
Geisteswissenschaft es sein mufi, auf deren Grundlagen auf-
gebaut werden mufi die Struktur des dreigliedrigen sozialen Orga-
nismus. Oh, zu was allem ist man gekommen in der neuesten Zeit
unter dem Einflusse der zwei geschilderten Seelenelemente! Da
haben wir auf der einen Seite das, ich mochte sagen, iiber alle
menschliche Individuality hinausgreifende abstrakte Denken,
das gleich ist bei alien Menschen, die es zu der Fahigkeit dieses
logisch abstrakten intellektualistischen Denkens gebracht haben.
Weil das gleich ist, deshalb ist auch notwendig, dafi dasjenige, was
der Mensch doch nicht als abstrakter Mensch erlangen kann, was er
erwerben will in der sozialen Gemeinschaft, dafi sich das auf das
Untermenschliche, auf die blofien Instinkte, auf die egoistischen
Instinkte aufbaut. Und so sehen wir, wie in der Zeit des Darwi-
nismus, wo man bemerkt hat im Tierreiche den allerdings auch da
nur eingeschrankt geltenden Kampf urns Dasein, wie es gekommen
ist, dafi Naturforscher Sozialpolitiker, Sozialwissenschafter werden
wollten, und nun auch im Menschenleben den Kampf urns Dasein
statuieren wollten als das Selbstverstandliche. Ja, es ist sogar wahr,
dafi der Kampf urns Dasein im Menschenleben wiiten wiirde, wenn
nur die Instinkte des Egoismus im sozialen Leben tatig sein konn-
ten. Und [diesen Kampf urns Dasein wollen] auch Lenin und
Trotzki statuieren; sie werden nur den Egoismus organisieren. Das
weifi jeder, der das Menschenleben heute durchschauen kann. Alles
ubrige wird eine Maske sein. Wir sehen schon heute die innere
Unwahrheit des Leninismus, der den Leuten goldene Berge ver-
spricht, kurze Arbeitszeit, und jetzt bereits dabei angekommen ist,
zwolfstiindiee Arbeitszeit zu statuieren, weil sich das als eine
Notwendigkeit herausstellt innerhalb des Mechanismus, den man
da einfiihren will.
Aber niemals wird im Menschenleben das, was in ihm als abstrak-
tes Denken vorhanden ist, was bei alien Menschen gleich ist, Ja
sagen konnen zu diesem Kampf urns Dasein, das wird immer
unzufrieden sein mit diesem Kampf urns Dasein, das wird immer
nach Harmonie, nach Uberwindung des Kampfes urns Dasein
hinstreben. Wenn wir aber nicht dazu gelangen, hineinzugiefien
wirkliche Geistigkeit in den abstrakten Intellektualismus, so wird
die Welt der Abstraktion zu schwach sein, um aus dem sozialen
Leben den Egoismus herauszubringen. Und auf der anderen Seite
wird der Egoismus brutal bleiben, wenn in ihn nicht hineingegossen
wird dasjenige, was nur Geist-Erkenntnis, Geistesschau iiber den
Menschen bringen kann. Dasjenige, was im Menschen heute duali-
stisch auftritt, auf der einen Seite der abstrakte Intellektualismus,
auf der anderen Seite das blofie Waken der Instinkte, es kann nur
seinen Ausgleich finden dadurch, dafi beides durchdrungen werden
kann vom Geiste. Werden die Gedanken vergeistigt, dann werden
sie an den individuellen Menschen herangebracht und machen
diesen individuellen Menschen zu dem, der nicht nur recht haben
will, der nicht nur dasjenige geben kann, was die anderen nicht
wollen, sondern der sich mit den anderen Menschen fortwahrend
auseinandersetzen mufi, fortwahrend mit den anderen Menschen
gewissermafien anstelle der Phrasensprache die Gedankensprache
fiihren mufi. Die wird aber nur gefiihrt aus einem Geistesleben
heraus, das nicht blofi auf die Erinnerung gebaut ist, sondern das wie
Hunger und Durst auf die tagliche Erneuerung, auf die Metamor-
phose des Lebens gebaut ist, das immerfort sich erneuern mufi,
wenn es auch bis zum Hochsten schon gediehen ware. Das kann nur
geschehen, wenn die Instinkte durchdrungen werden von denjeni-
gen Gedanken, die auf die Art entstehen, wie ich das heute geschil-
dert habe. Dann wird der Mensch innerhalb seiner wirtschaftlichen
Assoziationen dasjenige wollen konnen, was iiber den einzelnen
Menschen hinausgeht. Dann wird das Wirtschaftsleben durchgei-
stigt sein konnen. Es ist schon so, wo man die Welt auch anfafit
heute, wo man hineinschaut ins wirklichkeitsgemafie Leben, da
ergibt sich die Notwendigkeit zu dem, was man als Dreigliederung
des sozialen Organismus fordern kann. Das ist nicht eine Utopie.
Als Utopie bezeichnen die Dreigliederung nur diejenigen Men-
schen, die keinen Wirklichkeitssinn haben, die selber Utopisten
sind, und die daher alles dasjenige, was ihnen in ihre Utopien nicht
hineinpafit, zur Utopie erklaren.
Dasjenige, was der Welt entgegengehalten wird als der Impuls der
Dreigliederung des sozialen Organismus, es ist aus dem vollen
Leben herausgegriffen. Es zeigt aber auch, dafi dieses voile Leben
heute fordert eine Durchdringung mit dem, was lebendig in Geistes-
schau ergriffen werden kann. Diese Geistesschau ist dem Menschen
notwendig. Und ehe man nicht erkannt, dafi der Mensch nicht ein
blofies Naturwesen ist, ehedem wird man nicht zu einer Losung der
heute so drangenden sozialen Probleme kommen konnen. Vor
Jahren, als der theoretische Materialismus in seiner Bliite stand, da
haben sich die Leute ereifert, die schon durchschauen konnten, dafi
dieser theoretische Materialismus auch zum praktischen Materia-
lismus fuhren miisse, sie haben sich ereifert gegen diesen Materia-
lismus. Aber man kann doch nicht umhin zu sagen, dafi schliefilich
die Menschen, die theoretische Materialisten geworden sind, wie
Haeckel und ahnliche, nicht auch gescheite Menschen gewesen sind.
Man steht da der eigentumlichen Erscheinung gegeniiber, dafi
wahrhaft helle Kopfe Materialisten geworden sind. Warum? Sie sind
Materialisten geworden, weil das Denken, das sich im Laufe der
letzten drei bis vier Jahrhunderte als das abstrakte Denken entwik-
kelt hat - gerade fur den Geistesforscher wird das klar — , materiali-
stisch erklart werden mufi. Dasjenige Denken, das die Naturwissen-
schaft grofi macht, das ist an das Werkzeug des Gehirns, an das
Werkzeug des menschlichen Leibes gebunden. Das Denken hort
mit dem Tode auf. Allein wenn wir den Willen hineingiefien in
unsere Gedankenoperationen, wenn wir uns nicht nur leiten lassen
von Naturbeobachtung und Experiment, wenn wir das Denken
durchgiefien mit demjenigen, was aus dem Willen aufsteigt, dann
ergibt sich etwas, was leibfrei werden kann, was wirklich seelisch-
geistig ist. Der Materialismus hatte recht fur dasjenige Denken, das
gerade in den letzten drei bis vier jahrhunderten grofi geworden und
auf seinen Hohepunkt gekommen ist in die Gegenwart herein. Das
mull man materialistisch erklaren. Daher sind die gescheitesten
Menschen in der zweiten Halfte des 19. Jahrhunderts Materialisten
geworden, weil ihnen schlieftlich nur vorlag das grofte Ratsel: Wie
ist es mit dem gewohnlichen Denken, das gerade in der Naturwis-
senschaft zu solcher Hohe kommt? Das mufi materialistisch erklart
werden. Der Materialismus auf seine Art ist in vollem Recht, und
keiner kann im Sinne anthroposophisch orientierter Geisteswissen-
schaft Spiritualist sein, der nicht weifi, daft der Materialismus auf
seinem eingeschrankten Gebiete sein Recht hat. Wer nun die Frage
stellt: Entweder Materialismus oder Spiritualismus? - der ist auf
dem Holzwege. Denn der Materialismus hat sein Gebiet, und man
mufi sich klar dariiber sein, dafi der Mensch, will er das Seelisch-Gei-
stige retten, auch iiber das Denken hinauskommen mufi, auf das er
heute so stolz ist. Und ebenso wird niemals eine wirkliche soziale
wiinschenswerte Ordnung eintreten konnen, wenn der Mensch nur
aus den gewohnlichen egoistischen Emotionen heraus diese sozialen
Ordnungen begriinden will, denn die konnen nur den Kampf urns
Dasein begriinden, nicht einen Leninschen sozialen Traum. Eine
wirkliche soziale Ordnung kann der Mensch nur begriinden, wenn
er das Geistig-Seelische, wie es heute geschildert ist, und wie es
angeregt in ihm wird durch jene Weltanschauung, die aus der
Geistesschau kommt, in dieses soziale Leben hineingiefit. Dann
wird der Mensch erkennen und durch das Leben bewahrheiten
konnen, was Goethe vorschwebte, als er seinen Blick richtete auf
das Wesen des Menschen und sich fragte: Wie steht eigentlich der
Mensch zur Natur? - Goethe sagte sich: Wenn wir alles das
uberblicken, von den wunderbaren Sternen oben bis zu all dem, was
sich in den verschiedenen Reichen darbietet als Natur um uns
herum, mussen wir den Menschen anschauen, gegeniiberstehend
dieser Natur, wie er diese Natur in sich aufnimmt, wie er sie
umformt, wie er sie als etwas Neues in sich schaffend erstehen lafit,
eine hdhere Natur durch den Menschen im Menschen schaffend,
eine hohere Natur, die geist-seelisch, seelisch-geistig ist. Das driickt
Goethe so schon aus, indem er sagt:
«Indem der Mensch auf den Gipfel der Natur gestellt ist, so sieht
er sich wieder als eine ganze Natur an, die in sich abermals einen
Gipfel hervorzubringen hat. Dazu steigert er sich, indem er sich mit
alien Vollkommenheiten und Tugenden durchdringt, Wahl, Ord-
nung, Harmonie und Bedeutung aufruft, und sich endlich bis zur
Produktion des Kunstwerkes erhebt, das neben seinen iibrigen
Taten und Werken einen glanzenden Platz einnimmt.» Und wie die
Erganzung zu diesem Gedanken ist der andere, der in dem Buche
liber Winckelmann steht, in dem auch der eben genannte zu finden
ist, wenn Goethe sagt: «Wenn die gesunde Natur des Menschen als
ein Ganzes wirkt, wenn er sich in der Welt als in einem grofien,
schonen, wiirdigen und werten Ganzen fiihlt, wenn das harmoni-
sche Behagen ihm ein reines freies Entziicken gewahrt; dann wiirde
das Weltall, wenn es sich selbst empfinden konnte, als an sein Ziel
gelangt aufjauchzen und den Gipfel des eigenen Werdens und
Wesens bewundern. Denn wozu dient all der Aufwand von Sonnen
und Planeten und Monden, von Sternen und Milchstrafien, von
Kometen und Nebelflecken, von gewordenen und werdenden Wel-
ten, wenn sich nicht zuletzt ein gliicklicher Mensch unbewuftt
seines Daseins erfreut?»
Aus solcher Gesinnung heraus, die den Menschen durch die
Natur, liber die Natur zu sich selbst, zum Seelisch-Geistigen fuhrt,
aus solcher Gesinnung heraus kann nur dasjenige entstehen, was
unser soziales Leben aufbauen soli. Aber es wird nur entstehen,
wenn der Mensch durch seinen Willen seine Blicke hinlenkt auf
dasjenige, was ihm die Erforschung des Geisteslebens selber geben
kann.
Daher mufi gesagt werden: Nicht in aufieren Institutionen und in
ihrer Umgestaltung sollen wir dasjenige sehen, was uns weiterfuh-
ren kann. Wie wir auch aufiere Institutionen umgestalten mogen, es
wird doch zu keinem Neuaufbau fiihren. Zu einem solchen kann
nur fiihren, wenn der Mensch dasjenige, was in ihm gegenwartig zur
Zerstorung neigt, in s einem eigenen Inneren selber aufsucht. Denn
alles Auftere, was im Leben des Menschen entsteht, wird von dem
Menschen selbst, von dem innersten Wesen des Menschen gemacht.
Nur durch Umiernen, nur durch Umdenken konnen wir vorwarts-
kommen. Daher kann es nicht friiher besser werden, als bis eine
geniigend gro£e Anzahl von Menschen den Mut aufbnngt zum
Umdenken, zum Umlernen. Und schliefilich wird dasjenige, was
einstmals wiederum als aufbauende Krafte iiber die Menschheit
kommen kann, hervorgehen miissen aus dem Mute zur Erhebung
zum wirklichen Geiste, damit dieser, wie ich schon gestern am
Schlusse sagte, nach und nach, aber wirksam den Ungeist beseitigen
konne.
[Es folgt eine Aussprache.]
Schluflwort
Meine sehr verehrten Anwesenden! Ich habe eigentlich keinen
besonderen Anhaltspunkt aus den Ausfiihrungen des Herrn B.
heraus, um irgend etwas Erhebliches in diesem Schlufiwort zu
sagen, denn er hat das Beispiel erbracht, wie man aus dem abstrakten
Denken der Gegenwart heraus dasjenige beurteilt, was eben aus
dem geistbefruchteten Denken heraus gern gesagt sein mochte. Und
daher mochte ich fur diejenigen der verehrten Zuhorer, welche etwa
auch, aber vielleicht doch berechtigt, mifiverstanden haben konnten
dasjenige, was ich iiber den Lehrplan gesagt habe, einige Worte hier
anbringen.
Was ich iiber den Lehrplan gesagt habe, das ist das, dafi er auf
Konzentration hinarbeiten sollte. Ich habe nicht gesagt, dafi keine
Abwechslung da sein sollte. Abgesehen davon, dafi man ja streiten
konnte, ob diese Abwechslung nach drei bis fiinf Wochen geschaf-
fen werden soil fur das Rechnen, oder ob das besser ist oder das, das
ist eine rein didaktische Frage, die sich nicht agitatorisch behandeln
lafk, sondern nur sachlich. Aber abgesehen davon: man hat auf
Konzentration im Unterricht zu arbeiten, daft man also ein gewisses
Pensum so aufzuarbeiten hat, dafi einen der Stundenplan dabei nicht
geniert, dafi man wirklich drei bis sechs Wochen, so lange es
notwendig ist, ein Pensum durcharbeitet, ohne durch etwas anderes
unterbrochen zu sein. Selbstverstandlich wird dabei der Wesenheit
des Kindes voll Rechnung getragen. Damit Sie mich nicht mifiver-
stehen, mochte ich Ihnen ausfiihren, wie es etwa in irgendeiner
Klasse der Waldorfschule zugeht. Nehmen wir die funfte Volks-
schulklasse. Ich konnte ebensogut die erste anfiihren. Da beginnt
der Unterricht einige Minuten nach acht Uhr morgens. Da wird
zunachst in den ersten zwei Stunden eben auf diese Konzentration
in dem hingewirkt, was sonst in den gewdhnlichen Schulgegen-
standen durch den Stundenplan dekonzentriert, ohne alle Konzen-
tration verteilt wird auf kurze Zeit. So dafi also in diesen zwei ersten
Stunden bis etwa ein paar Minuten nach zehn Uhr in konzentrierter
Weise auf das hingearbeitet wird, was man sonst als Inhalt der
Schulgegenstande anschaut. So dafi also in dieser Zeit, sagen wir,
durch eine geniigend grofie Anzahl von Wochen, Rechnen getrieben
wird, dann wieder Spracnlehre durch eine Anzahl von Wochen und
so weiter. Dann kommt anschliefiend dasjenige, was eine Konzen-
tration dadurch moglich macht, daft man es in einer gewissen Weise
treibt; schon bei den kleinsten Kindern wird bei uns fremdsprach-
licher Unterricht getrieben, franzosischer und englischer Unter-
richt, so dafi schon die ersten Klassen fremdsprachlichen Unterricht
bekommen. Und es iibt einen grofien Eindruck aus, wenn man die
kleinen Sputze kommen sieht in ihre Stunden und sieht, wie sie
tatsachlich mit einer grofien Freude Fortschritte in den wenigen
Wochen schon gemacht haben im fremdsprachlichen Unterricht.
Da wird mit ihnen tatsachlich auf das Gebrauchen der Sprache hin
gearbeitet. Also fiinf bis sechs Wochen ist es bei der ersten Klasse
schon so der Fall; da wird dann bis elf Uhr Franzosisch, bis zwolf
Uhr Englisch getrieben. Dann gehen die Kinder nach Hause. Und
an einigen Nachmittagen - die Kinder haben genug frei, das gehort
auch zur Abwechslung, dafi sie nun wieder hinauskommen -, an
einigen Nachmittagen, wenn sie nun wieder kommen, haben sie
Gesang, Musik und Eurythmie, beseeltes Turnen, beseelte Bewe-
gungskunst. In dieser beseelten Bewegungskunst haben die Kinder
nicht blofi physioiogisches Turnen, das auch getrieben wird, son-
dern durcligeistigte Bewegung. Sie haben gleichsam eine stumrne
Sprache in der Eurythmie gegeben. In das finden sich die Kinder
aufterordenthch gut hmem. Und wenn after einmal an soichen
Tagen, wo die Kinder zu besonderen Festlichkeiten zusammenge-
rufen werden, dann Eurythmieauffuhrungen sind, dann drangen
sich die Kinder dazu, dann sieht man, wie das alles lebt. So dafi also
davon gar keine Rede sein kann, dafi keine Abwechslung sei oder
keine Riicksicht auf dasjenige, was der Natur des Kindes entspricht,
genommen werde. Wenn nun aber gesagt wird: Wenn es den
Kindern zu langweilig wird, mufi etwas anderes kommen - ja, meine
sehr verehrten Anwesenden, das ist gerade die Aufgabe, da$ es
niemals den Kindern zu langweilig wird! Die Kinder werden hoch-
stens einmal ungezogen, weil sie irgend etwas sticht, aber aus
Langweiligkeit - dafiir mufi Sorge getragen werden - wollen sie
niemals, dafi der Unterricht irgendwie aufhore. Und ich konnte
mich schon in dieser kurzen Zeit, da ich ja zweimal durch langere
Zeit die Schule besucht habe und den Unterricht eigentlich immer in
meiner Hand habe, ich konnte mich iiberzeugen, wie auf diese
Weise tatsachlich Leben in den ganzen Unterricht hineingebracht
wird.
Meine sehr verehrten Anwesenden, wenn man nicht durch
Schwatzen, sondern durch die Tat dasjenige begriinden will, was
gleiches Recht fur alle ist, so muE man sich wirklich nicht in
geschwatziger Weise iiber den Unterschied zwischen Unternehmer
und Arbeitern aufregen, der da heute trotz alien Geschwatzes doch
noch vorhanden ist; er ist einfach als eine Tatsache da, und wenn
man heute redet, so kann man nun wahrhaftig diesen Unterschied
vorlaufig nicht hinwegwischen. Es handelt sich darum bei der
Waldorf schule, dafi in der Tat das Proletarierkind sitzt neben dem
Unternehmerkind. Die Kinder werden in vollstandiger Einheit
erzogen, und da wird durch die Tat gleiches Recht fur alle begrun-
det! Wahrend mit allem Geschwatz und allem agitatorischen Her-
umreden: es miissen nicht «Unternehmer» und «Arbeiter» da sein,
man noch nichts erreichen wird, sondern sie miissen gleiches Recht
haben. Kurz, mit Schwatzen lafit sich die Frage nicht losen, einzig
und allein dadurch, dafi man Ziele schafft, und vor alien Dingen die
wirkliche Losung der sozialen Frage ins Auge fafit. Dadurch, dafi
man immer dann, wenn es sich um die Tat handelt, hineinschwatzt
mit agitatorischen Phrasen, dadurch kann doch nicht ein einziger
Schritt zur Besserung jemals gemacht werden! Das ist es, worauf es
heute ankommt, zu unterscheiden zwischen Tat und Schwatzen.
Wenn man diesen Unterschied nicht machen wird zwischen den
Schwatzern und denjenigen, die etwas tun wollen, wird man nicht
auf einen griinen Zweig kommen, sondern es werden die Schwatzer
alle soziale Ordnung geradezu totreden. Mit schonem Geschwatz
ist in unserer heutigen Zeit nichts zu erreichen, wenn dieses Ge-
schwatz noch so sehr von Gleichberechtigung ausgeht. Gleichbe-
rechtigtheit mufi begriindet werden, von Gleichberechtigtheit blofi
zu schwatzen, damit ist gar nichts erreicht.
Eine andere Frage, meine sehr verehrten Anwesenden: Mufi
heute dem wirtschaftlich Bedriickten nicht die materielle Vorbedin-
gung geschaffen sein, damit ihm die Moglichkeit geboten wird,
Geistiges aufzunehmen? Ich habe gerade in der letzten oder in der
vorletzten Nummer der Zeitschrift fur «Dreigliederung des sozialen
Organismus», die in Stuttgart erscheint, einen Artikel geschrieben:
«Ideen und Brot» um entgegenzutreten dem landlaufigen Vorur-
teil, dafi, wenn von seiten der Gesattigten und auch heute noch
Sich-sattigen-Konnenden immer wieder und wieder darauf hinge-
wiesen wird: Es braucht ja nichts anderes getan zu werden, um die
soziale Frage zu losen, als dafi die Leute arbeiten. Das ist leicht
gesagt! Es handelt sich darum, dafi die Leute ein Ziel sehen, einen
Sinn in ihrer Arbeit! Aber auf der anderen Seite ist auch nichts damit
getan, wenn immer gesagt wird von der anderen Seite: Erst mufi den
Leuten Brot geschaffen werden, dann werden sie geistig hochkom-
men, oder dann kann man dafiir sorgen, dafi sie geistig hochkom-
men. Geistige Arbeit ist es ja, welche dazu fuhrt, dafi das Brot
erarbeitet werde. Man mufi organisieren, man mufi in einer gewissen
Weise dasjenige, was gearbeitet wird, in irgendeine Struktur brin-
gen, in eine soziale, sonst kann das Brot nicht entstehen. Wenn jetzt
iiber Mitteieuropa eine furchtbare Hungersnotweile sich ausbreitet,
so ist ja diese Hungersnotweile - wenn es auch vorher selbstver-
standlich nicht gut war, dariiber wollen wir uns jetzt nicht unter-
halten - nicht gekommen dadurch, dafi plotzlich das Brot sich
entzogen hat dem Menschen, sondern dafi die Menschen in eine
soziale Ordnung hineingekommen sind durch die Kriegskata-
strophe, innerhalb welcher kein Brot erarbeitet wird, innerhalb
welcher keine Ideen wirken, die das Brot erarbeiten lassen. Die
Ideen, die bis 1914 von den Leuten angebetet worden sind, die die
Fiihrenden waren, die sind ad absurdum gefiihrt durch die letzten
fiinf bis sechs Jahre, die sind abgetan. Wir brauchen neue Ideen!
Und wenn man sich nicht entschlielk, sich zu sagen: Wir brauchen
neue Ideen -, durch diese neuen Ideen wird die soziale Ordnung
organisiert, dadurch wird das notige Brot geschaffen; wenn man
sich nicht entschlielk dazu, dann kommen wir doch in keiner
heilsamen Weise zur Weiterentwickelung in die Zukunft hinein.
Es ist sehr merkwiirdig, wie sich, ich mochte sagen, im einzelnen
Falle zeigt, dafi die Menschen sich nicht eingestehen wollen, wie
eigentlich die Wahrheit liegt und lauft. Einer der Radikalsten war
gewifi bis zum Jahr 1914 der Furst Krapotkin. Als er wieder nach
Rufiland gegangen war, da horte man bald danach: Ja, wenn wir nur
von dem Westen Brot bekommen, dann wird es schon besser gehen!
- Und daneben horte man, daft er eine «Ethik» schreibt. Sehen Sie,
das ist dasjenige, was uns zugrunde gerichtet hat, dafi die Leute auf
der einen Seite das materielle Leben haben, auf der anderen Seite ein
abstraktes Geistesleben, und daft von dem abstrakten Geistesleben
nichts hereinspielt in das wirklich materielle Leben. Der Geist zeigt
sich nicht dadurch, dafi man ihn anbetet, der Geist zeigt sich
dadurch, dafi er fahig wird, auch die Materie zu beherrschen und zu
organisieren. Das ist gerade das Schlimme, dafi unsere Bekenntnisse
es dahin gebracht haben, dem Menschen einen schonen Inhalt blofi
geben zu wollen, wenn er aufgehort hat zu arbeiten, oder hochstens
eine Direktive auf der ersten weifien Seite des Hauptbuches, wo
steht: «Mit Gott» - wenn auch das, was da in Soil und Haben
verarbeitet wird, durchaus nicht immer rechtfertigt, da£ da steht:
«Mit Gott»! Aber darinnen zeigen sich die Niedergangserschei-
nungen unserer Zeit, dafi wir die Macht verloren haben, iiber das,
wozu wir uns geistig bekennen, den Ubergang zu finden zum
materiellen Leben, daft geradezu die Gesinnung herrschend wird,
die da sagt: Ach ja nicht verkniipfen das materielle Leben mit dem
Geist! Der Geist ist etwas ganz Erhabenes, den mufi man frei halten
vom materiellen Leben! - Nein, nicht dazu ist der Geist da, dafi man
ihn freihalt vom materiellen Leben, dafi man ihn, wenn man aus der
Fabrik herausgeht, ihn als Sonntag-Nachmittag-Sensation nur ha-
ben kann, wenn auch noch so edler Art, sondern dazu ist der Geist
da, daft man ihn durch das Tor der Fabrik hineintragt, dafi die
Maschinen nach dem Geiste gehen, daft die Arbeiter nach dem
Geiste organisiert sind. Dazu ist der Geist da, dafi er das materielle
Leben durchdringe! Und daran sind wir zugrunde gegangen, dafi
das nicht der Fall ist, dafi wir ein abstraktes Geistesleben neben
einem geistlosen, von blofien Routiniers beherrschten materiellen
Leben haben. Eher wird es nicht besser, bis der Geist so machtig
wird, dafi er die Materie beherrschen kann. Nicht der der Materie
fremde, weltenfremde Geist ist es, zu dem Geisteswissenschaft
fiihren will, sondern der Geist, der die Menschen beherrschen kann,
den man nicht nur findet, wenn man froh ist, dafi man aus der Fabrik
hinausgehen kann, sondern den man froh und freudig in die Fabrik
hineintragt, damit jeder einzelne Handgriff im Lichte dieses Geistes-
lebens geschehe.
Diejenigen, die in dem Sinne, wie es hier gemeint ist, den Geist
wollen, die wollen wahrhaftig nicht einen unpraktischen Geist, die
wollen den Geist, der in der Welt wirklich nicht nur etwas zu
schwatzen hat, nicht nur etwas zu sagen hat, was einen in freien
Stunden erfreuen kann, sondern einen Geist, der dadurch, dafi er die
Materie beherrscht, das Leben durchorganisiert, mit dem Leben
sich innig verbinden kann. Von diesem Geiste beziehungsweise von
seiner Annahme wird es abhangen, ob wir, wenn wir ihn verleug-
nen, immer tiefer und tiefer in das Ungliick hineinsegeln wollen
oder nicht. Zwischen diesem «Entweder-Oder» mufi man heute
entscheiden. Je mehr Menschen entscheiden werden dahin, daE sie
sich zu diesem tatigen Geist aufraffen, desto besser wird es fur die
Zukunft der Menschheit sein.
Das ist dasjenige, was ich zu meinen heutigen Worten noch
hinzufiigen wollte.
DREIGLIEDERUNG UND GEGENWARTIGE WELTLAGE
Zurich, 19. Mdrz 1920
Was man soziale Programme oder dergleichen nennen konnte,
schwirrt heute in endloser Zahl durch die Luft, herausgefordert
wahrhaftig mehr als zu irgendeiner anderen Zeit, durch alles das,
was in der Gegenwart an Kraften wirkt, die in die Zerstorung
hineinfiikren. An Vorschlagen, wie sich aus dieser Zerstorung
heraus etwa ein Neuaufbau entwickeln soil, fehlt es eigentlich nicht.
Wenn dennoch das, was man nennen kann die Idee von der Dreiglie-
derung des sozialen Organismus, sich, durch die Not der Zeit
gedrangt, Geltung verschaffen will unter diesen mancherlei Vor-
schlagen, so geschieht es zunachst hauptsachlich aus der Anschau-
ung heraus, dafi mit dieser Idee der Dreigliederung des sozialen
Organismus etwas gegeben ist, was, wenn man es seiner inneren
Wesenheit nach erfafit, nicht irgendwie gleichgestellt werden kann
mit programmartigen Vorschlagen oder sozialen Idealen in abstrak-
tem Sinne. Was ich Ihnen hier darbieten mochte, soil durchaus
durchdrungen sein von der Erkenntnis, dafi ja heute die grofie
Gefahr fur all dergleichen Dinge vorliegt, in das Utopistische zu
verfallen. Man braucht nur daran zu denken, wie im Grunde
genommen, wenn es auch da oder dort in der europaischen Welt
noch nicht hinlanglich bemerkt wird, alles, wovon man geglaubt
hat, daft es feststehe in der hergebrachten wirtschaftlichen, juristi-
schen, geistigen Ordnung, einem gewissen Zerstorungsprozefi un-
terliegt und wie sich dieser Zerstorungsprozefi im Laufe der letzten
vier bis fiinf Schreckens^dhre der europaischen Zivilisation nur allzu
deutlich gezeigt hat.
In einer solchen Zeit kann man nicht auf das oder jenes, was schon
da ist, was seine Wirklichkeit bewahrt hat, aufbauen. Es haben sich
ja sozusagen die festgeschraubtesten Institutionen durch die letzten
Jahre ad absurdum gefiihrt. Und da liegt es selbstverstandlich nahe,
gewissermafien aus einem ganz neuen Fundament heraus zu bauen.
Das kann dann der Mensch nur, indein ier aus dem Gedankenfunda-
ment heraus baut, und da zeigt es sich denn alsbald, daft die
Grundlagen nicht leicht zu finden sind, die einen gediegenen Auf-
bau moglich machen. Denn man hat zunachst scheinbar gar keinen
Anhaltspimkt, ob das, was man aus den Gedanken heraus in die
Wirklichkeit umsetzen will, auch irgendwie in dieser Wirklichkeit
sich begriinden lafit. Und alles das, was nicht von vornherein durch
seinen Inhalt selbst zeigt und erweisen kann, daft es sich voll in die
Wirklichkeit hineinstellen kann, ist ja utopistisch.
Gerade der Gefahr des Utopistischen mochte nun die Idee der
Dreigliederung des sozialen Organismus entgehen, und sie mochte
ihr dadurch entgehen, daft sie im Grunde genommen gar nicht etwas
aufstellt, was man eine soziale Lebensauffassung, was man ein
soziales Programm nennt, sondern daft sie hinweisen will auf eine
besondere Art, wie Menschen im offentlichen Leben zusammen-
wirken konnen, damit den Kraften der Zerstorung Krafte des
Neubaus, der Neuentwickelung entgegengestellt werden konnen.
Ich mochte sagen, dasjenige, wovon die anderen angeben, daft es
geschehen soil, das soil der Idee der Dreigliederung nach erst
entstehen, wenn ein solches Zusammenarbeiten von Menschen und
Menschengruppen einmal stattfinden kann, von dem die Idee der
Dreigliederung des sozialen Organismus sprechen will. Man steht
nicht, wenn man auf diesem Boden steht, auf dem Standpunkt, daft
man irgendwie allwissend ist, daft man Prophet ist, der angeben
kann, wie sich diese oder jene Institution in der Zukunft zum Heil
der Menschheit ausnehmen soli, sondern man will nur das Urteil der
Menschen, die etwas zu sagen haben, in einer Weise aufrufen, daft
durch das Zusammenarbeiten der Menschen dieses Urteil auch
sachliche Wirklichkeit werden kann.
Der Anlaft zu dieser Idee von der Dreigliederung des sozialen
Organismus liegt eigentlich bei demjenigen, der sich erlaubt, zu
Ihnen zu sprechen, weit zuriick. Er ist zu suchen in jahrzehntelan-
gen Lebenserfahrungen, die sich auf die sozialen Verhaltnisse der
verschiedensten Gegenden Europas beziehen, narnentlich aber Mit-
teleuropas und der Teile Mitteieuropas, die gerade an ihrern Schick-
sal in der letzten grofien Kriegskatastrophe zeigen, wie das, was
bisher soziale Struktur der Menschheit, der zivilisierten Menschheit
Europas war, aus sich selbst nach etwas Neuem hintendiert, wie es
den Kraften nicht gewachsen ist, die, ich mochte sagen, aus den
Tiefen der Menschheit sich heute an die Oberflache bewegen wol-
len. Man kann, wenn man unbefangen das geschichtliche Leben
betrachtet, namentlich in dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts,
in den Jahren des 20. Jahrhunderts, die 1914 vorangegangen sind,
durchaus sehen, wie dasjenige, an dem man so dogmatisch festhalt,
das man heute noch, wenn es auch in vielen Gebieten Europas
erschiittert ist, doch noch immer als etwas betrachtet, an dem man
nicht riitteln soil, wie der Einheitsstaat, der alle Gebiete des offentli-
chen Lebens seit drei bis vier Jahrhunderten allmahlich erfafit hat,
eigentlich seiner Aufgabe gegenuber gewissen grofien Menschheits-
forderungen nicht mehr gewachsen ist, wie er nicht fahig ist, zu
gleicher Zeit zu umfassen das geistige Leben, das staatlich-politische
oder Rechtsleben im engeren oder auch im weiteren Sinne, und das
Wirtschaftsleben. Daher entstand fur diejenigen, die sich mit der
Idee von der Dreigliederung zuletzt befafiten, der Gedanke, gerade
da einzusetzen und die Frage aufzuwerfen: Welche Gestalt mufi der
bisher als eine notwendige Einheit angesehene Staat annehmen
gegenuber den drei hauptsachlichsten Lebensgebieten der Mensch-
heit, gegenuber dem geistigen Gebiet, gegenuber dem rechtlich-poli-
tischen Gebiet und gegenuber dem wirtschaftlichen Gebiet? Und
nun will ich, bevor ich zu einer Art Begriindung iibergehe, mir
zuerst erlauben, Ihnen in einer kurzen Skizze darzulegen, wie das
Zusammenarbeiten der Menschen gedacht werden soli, damit nun
wirklich aus der sozialen Struktur heraus die Aufgaben bewaltigt
werden konnen, die den Menschen aus diesen drei hauptsachlich-
sten Lebensgebieten erwachsen.
Zusammengefafit ist im Grunde genommen erst in den letzten
drei bis vier Jahrhunderten das Leben dieser drei Gebiete. Sie
brauchen sich nur zu erinnern - um eines anzufiihren -, wie mit der
Entwickelung der mittelalterlichen Verhaltnisse in die neuzeitlichen
herauf Schulen, bis in die Universitaten herauf, nicht Griindungen
des Staates waren, sondern Griindungen waren von Kirchengemein-
schaften oder anderen Gemeinschaften, die ihre Entwickelung ne-
ben den Ansatzen zum staatlichen Leben gehabt haben. Erst im
Laufe der drei bis vier letzten Jahrhunderte entstand die Anschau-
ung, dafi der Einheitsstaat seine Macht auch ausdehnen musse zum
Beispiel iiber Schulen, iiber Universitaten und dergleichen. Ebenso
kann man sagen: auch das Wirtschaftsleben war getragen von unter
wirtschaftlichen Impulsen gefafiten Korporationen, es war gefuhrt
von denjenigen Personlichkeiten, die Vereinigungen gebildet haben
nur aus wirtschaftlichen Antrieben heraus. Und erst wiederum im
Laufe der drei bis vier letzten Jahrhunderte hat der Staat auch iiber
das Wirtschaftsleben seine Macht ausgedehnt, so dafi diese Zusam-
menfassung von Geistesleben, Rechtsleben und Wirtschaftsleben
eigentlich etwas ist, was erst in der neueren Zeit in seiner vollen
Bedeutung heraufgezogen ist, wenn es auch seine Ansatze selbstver-
standlich, weil ja alles im geschichtlichen Leben der Menschen sich
voraus ankiindigt, schon friiher da und dort gezeigt hat.
Demgegeniiber mochte die Idee von der Dreigliederung des
sozialen Organismus jedes dieser drei Gebiete auf seinen selbstan-
digen Boden stellen. Sie geht davon aus, dafi ein gewisser Impuls mit
einer inneren Notwendigkeit im Laufe der neuesten Geschichte, ich
mochte wieder sagen, aus den Tiefen des menschlichen Fiihlens und
Empfindens heraufgezogen ist an die Oberflache des geschichtli-
chen Werdens. Und das ist - man kann es, ich glaube, selbst wenn
man noch so befangen ist, nicht leugnen -, dafi im offentlichen
Leben trotz allem, was heute hervortritt, der machtigste Impuls der
ist nach der Demokratie. Dieser Impuls tritt wie etwas Elementares
auf in der Menschheitsentwickelung. Man kann sagen: Wie in dem
einzelnen Menschen einer bestimmten Epoche seines Lebens, sagen
wir, die Geschlechtsreife auftritt, so tritt in der Entwickelung der
europaischen Menschheit, sich vorbereitend seit dem 15. Jahrhun-
dert, die Tendenz nach der Demokratie hervor.
V ersucht man in den verschiedenen Formen, die fur das dcmokra-
tische Zusammenleben der Menschen gefordert werden, das Wesent-
lichste herauszufinden, so ist es zum Schlusse doch dieses - wenig-
stens ergibt sich dies als das einzig Vernunftmogliche ds.il die
Angelegenheiten des Staates besorgt werden sollen aus dem Zusam-
menarbeiten und Zusammenurteilen aller mundig gewordenen
Menschen, die in diesem Zusammenarbeiten, in diesem Zusammen-
urteilen als Gleiche angesehen werden, so dafi jeder als ein Gleicher
dem anderen gegeniibersteht, gleichberechtigt in seinem Urteil,
gleichberechtigt in dem Beitrag, den er zum sozialen Leben zu
leisten hat, auch gleich in allem, was er von diesem sozialen Leben
zu fordern hat. Dies ist zunachst die abstrakte demokratische
Forderung. Sie wird konkret dadurch, dafi wichtigste Empfin-
dungen und Gefuhlsimpulse mit ihr im neueren geschichtlichen
Leben der Menschheit sich verbinden. Man kann auch sagen, dafi
diese demokratische Tendenz in die Staatsgebilde Europas eingezo-
gen ist in der verschiedensten Weise kampfend gegen dasjenige, was
aus feudalen, aus anderen Gesellschaftsordnungen heraufgezogen
ist. Es hat sich der demokratische Zug mehr oder weniger hineinge-
schoben in die altgebliebenen Formen. Aber der Drang dazu pragte
sich ganz deutlich in der neueren Geschichte aus. Indem so die
Staaten nicht umhin konnten, zu ihren fruheren Kraften die demo-
kratische Kraft irgendwie hinzuzufugen, wenn es auch manche, ich
mochte sagen, nur schandenhalber getan haben, so dehnten sie
dieses demokratische Prinzip auch iiber die Gebiete des Geistes-
lebens und des Wirtschaftslebens aus.
Nun aber kam dadurch herauf in der Entwickelung der neueren
Menschheit ein bedeutsamer Widerspruch im ganzen offentlichen
Leben. Gerade derjenige, der es ernst und ehrlich meint mit der
Verwirklichung des demokratischen Triebes, der mufi eigentlich
diesen inneren Widerspruch im modernen offentlichen Leben be-
merken. Es ist der Widerspruch, den ich in der folgenden Weise
charakterisieren mochte: Das Geistesleben kann sich bis in seinen
wichtigsten Teil, in das Schulleben hinein, nicht aus etwas anderem
herausentwickeln als aus den Fahigkeiten der Menschen, die durch-
aus individuell voneinander verschieden sind. In dem Augenblick,
wo man das nivellierende Demokratische ausdehnen will iiber
dasjenige, was einzeln in individueller Gestalt erwachsen will zum
Bliihen und Gedeihen des Geisteslebens, in dem Augenblick mufi
immer das Geistesleben in irgendeiner Weise leiden, mufi immer in
irgendeiner Weise sich gedriickt fuhlen. Deshalb glaube ich: derjeni-
ge gerade, der es ehrlich meint mit der demokratischen Tendenz, so
dafi er sagt, iiberall da, wo nur im offentlichen Leben Demokratie
sein kann, mufi sie sein, der mufi sagen: Dann mufi man von all dem,
woriiber alle miindig gewordenen Menschen entscheiden als Glei-
che, dasjenige ausscheiden, woriiber wahrhaftig nicht alle miindig
gewordenen Menschen als Gleiche ein sachgemafies Urteil haben
konnen. Indem dieser Gedanke bis in seine aufiersten Konsequen-
zen verfolgt wird, indem man sich auch priift, ob man wirklich alles
beriicksichtigt, was dabei in Betracht kommt, kommt man doch
dazu, sich zu sagen: gerade wenn man Demokratisierung des mo-
dernen Staatslebens anstrebt, mufi man herausschalen das ganze
Geistesleben aus diesem Staatsleben, aus dem politisch-juristischen
Leben.
Das Geistesleben mufi auf seinen eigenen Boden gestellt werden.
Es mufi so stark auf seinen eigenen Boden gestellt werden, dafi
diejenigen, die zum Beispiel unterrichten, von der untersten Schule
bis zu den hochsten Stufen des Unterrichts hinauf zu gleicher Zeit
die Verwalter des Erziehungs- und Unterrichtswesens sind, dafi
zusammenhangt Verwaltung des Erziehungs- und Unterrichts-
wesens mit dem gesamten irgendwie gearteten Geistesleben eines
zusammengehorigen sozialen Organismus. Nur wenn man - ich
mochte konkret sprechen - demjenigen, der in der Schule steht und
unterrichtet, zu gleicher Zeit nur soviel zu seiner Aufgabe macht,
dafi im ubrigen zugleich Zeit bleibt, daneben Verwalter des Unter-
richtswesens zu sein von der untersten Stufe bis zu der obersten
Stufe, nur dann, wenn man solche Institutionen schafft, dafi derjeni-
ge, der im Geistesleben zu wirken hat, insbesondere unterrichtet
und erzieht, mit nichts anderem zu tun hat als wiederum mit
Unterrichtenden und Erziehenden, wenn der ganze geistige Orga-
nismus cine selbstandige Emheit, auf sich selbst aufgebaut, ist,
konnen alle Krafte, die in der Menschheit veranlagt sind, auf dem
Gebiet des geistigen Lebens wirklich entfesselt werden, dann kann
das Geistesleben sich in seiner vollen Fruchtbarkeit entwickeln. Das
scheint doch wohl zunachst wenigstens in einer Art abstrakten
Form auf die Notwendigkeit hinzuweisen, das Geistesleben, das
auf seine eigenen Prinzipien, auf seine eigenen Impulse aufgebaut
werden mufi, abzugliedern von all dem, was im Demokratischen
aufgeht.
Ebenso aber mufi, wie das Geistesleben abgegliedert werden mufi
von dem blofien Staatsleben, auf der anderen Seite von diesem
abgegliedert werden auch das Wirtschaftsleben. Da betritt man
allerdings ein Gebiet, auf dem man heute weniger Gegner findet als
beim Geistesleben. Beim Geistesleben, insbesondere beim Schulwe-
sen, ist es in den letzten drei bis vier Jahrhunderten iiblich gewor-
den, denjenigen allein als einen aufgeklarten Kopf zu betrachten, der
die Macht des Staates iiber das Schulwesen als das Richtige betrach-
tet, der sich gar nicht denken kann, daft man ohne in Klerikalismus
oder dergleichen zu verfallen, wiederum zuriickgehen konnte zur
Selbstandigkeit des Geisteslebens.
Beim Wirtschaftsleben liegen im Grunde die Dinge ahnlich.
Wahrend das Geistesleben es zu tun hat mit demjenigen, was als
Fahigkeit im Menschen veranlagt ist, was in freier Weise entfaltet
werden mufi, was gewissermaften der Mensch durch seine Geburt
hier ins physische Dasein hereintragt, hat es das Wirtschaftsleben zu
tun mit dem, was auf der Erfahrung aufgebaut sein mufi, was
aufgebaut sein mufi aus dem, wohinein man wachst, indem man in
einem bestimmten Wirtschafts gebiet mit seiner Berufstatigkeit auf-
geht. Daher kann im Wirtschaftsleben wiederum das nicht mafige-
bend sein, was aus dem demokratischen Leben stammt, sondern nur
dasjenige, was aus fachlichen und sachlichen Untergriinden heraus ist.
Wie lassen sich diese fachlichen und sachlichen Untergriinde dem
Wirtschaftsleben geben? Eigentlich alle nicht durch eine Art von
Korporation, durch eine Art von Organisation, die man heute so
sehr liebt, sondern einzig und allein durch dasjenige, was ich nennen
mochte Assoziationen. So daft sich aus den Menschen, die sich in die
Berufe hineinleben, die wirklich sach- und fachkundig auf dem
Gebiet des Wirtschaftslebens werden, Assoziationen bilden. Nicht
daft man die Menschen organisiert, sondern daft sie sich zusammen-
schliefien nach sachlichen Gesichtspunkten, wie sie sich ergeben aus
den einzelnen Wirtschaftszweigen heraus, aus dem Verhaltnis von
Produzenten und Konsumenten, aus dem Verhaltnis der Berufs-
zweige und Wirtschaftszweige. Da ergibt sich - das konnen Sie in
meinen Schriften deutlicher nachlesen in seinen Einzelheiten - sogar
ein gewisses Gesetz, wie grofi solche Assoziationen sein diirfen, wie
sie sich zu gestalten haben, wodurch sie schadlich werden, wenn sie
zu grofi werden, wodurch sie schadlich werden, wenn sie zu klein
werden. Man kann durchaus dadurch ein Wirtschaftsleben begriin-
den, dafi man es auf solche Assoziationen aufbaut, indem man alles
das, was innerhalb solcher Assoziationen aus rein wirtschaftlichem
Impuls heraus in der sozialen Struktur bewirkt wird, eben nur auf
das Sachliche und Fachliche stellt. Es weift gewissermafien jeder, an
wen er sich zu wenden hat mit dem oder jenem, wenn er weifi, er ist
so oder so durch die soziale Struktur der Assoziationen mit dem
anderen zusammengekettet, er hat sein Produkt in einer solchen
Weise durch eine Kette von Assoziationen zu leiten und derglei-
chen.
Ich kann naturlich hier, da ich kurz sprechen mufi, nur die
Prinzipien der Sache skizzieren. Und so, mochte ich sagen,-mufi sich
das geistige Leben selbstandig ausbauen aus seinen eigenen Kraften
heraus, indem diejenigen, die es leisten, zu gleicher Zeit die Verwal-
ter sind; ebenso das Wirtschaftsleben aus seinen eigenen Gesichts-
punkten heraus, indem diejenigen, die im Wirtschaftsleben tatig
sind, sich zusammenschliefien nach Grundsatzen des Wirtschaftsle-
bens. Ist das Wirtschaftsleben selbstandig, dann wird sich dasjenige,
was nur beruhen kann auf dem gleichen Urteil aller mundig gewor-
denen Menschen, als der Inhalt des dritten Gliedes des sozialen
Organismus, der eigentlichen staatlichen Gemeinschaft, ergeben.
Ich weifi sehr eut, dafi viele Menschen einen wahren Schrecken
bekommen, wenn man ihnen von dieser Dreigliederung des sozialen
Organismus, die sich als notwendig erweisen soil fiir die Zukunft,
spricht. Aber das geschieht nur aus dem Grunde, weil man gewohn-
lich glaubtj nun soil der Staat auseinandergesplittert werden in drei
Teile: Wie sollen diese drei Telle dann zusammenwirken? — In
Wahrheit wird gerade dadurch, dafi diese drei Teile zu ihrer vollen
Entfaltung gebracht werden auf die Art, wie ich es allerdings nur
skizzieren konnte, die Einheit aufrecht erhalten, denn der Mensch
als Einheit steht ja in alien drei Gliedern darinnen. Er wirkt mit in
irgendeiner Weise an dem geistigen Organismus. Wenn er Kinder
hat, so ist er interessiert an dem geistigen Organismus durch die
Schule. Mit seinen geistigen Interessen ist er irgendwie verstrickt in
den geistigen Organismus. Er tragt das, was er aus dem geistigen
Organismus hat, da er mitwirkend ist als mundig gewordener
Mensch im demokratischen Staatswesen, in seinen Taten, in seinem
Leben auch in dieses demokratische Staatswesen hinein. Das aber,
was offentliches Recht, was offentliche Sicherheit, offentliche Wohl-
fahrt und so weiter ist, was angeht jeden mundig gewordenen
Menschen, das wird auf dem Boden des einheitlichen Staatswesens
entwickelt. Und mit den Verfassungen der Seele, die man da entwik-
kelt im unmittelbaren Wechselverhaltnis von Mensch zu Mensch,
tritt man wieder ein im Wirtschaftsleben in sein spezielles Gebiet, in
dem man verkettet ist durch verschiedene Assoziationen, in denen
man tatig ist. Man tragt das, was man aus dem Geistesleben, aus dem
Staatsleben hat, in dieses Wirtschaftsleben hinein, befruchtet es
durch das, halt es aufrecht, bringt Recht und bringt geistige Befruch-
tung hinein in dieses Wirtschaftsleben. Der Mensch selbst bildet die
Einheit zwischen dem, was nicht Gliederung in Stande ist.
Man hat mir vielfach eingewendet, da wiirde man wiederum
zuriickgehen auf dasjenige, was im alten Griechenland Nahrstand,
Wehrstand, Lehrstand umfafit hat. Ein solcher Einwand bezeugt
nur, wie sehr oberflachlich man heute oftmals solche Dinge betrach-
tet. Denn nicht um eine Gliederung der Menschen selber, nicht um
eine Einteilung in Stande, sondern darum handelt es sich, dafi das
aufiere Leben in seinen Einrichtungen dreigegliedert wird. Gerade
dadurch, dafi der Mensch sich drinnen befindet in einem solchen
dreigegliederten sozialen Organismus, ist es moglich, dafi alle Stan-
de aufhoren, dafi wirkliche Demokratie eintritt. Darauf weist, ich
mochte sagen, fur jeden Unbefangenen mit einer inneren Notwen-
digkeit gerade die Entwickelung der modernen Staaten.
Sehen wir denn nicht, dafi sie auf der einen Seite dem notwendi-
gen Impuls nach Demokratie Redlining tragen miissen, aber dann
die Demokratie wiederum verderben lassen dadurch, dafi selbstver-
standlich aus dem Geistesleben heraus der Fahige im demokrati-
schen Staatsleben immer mehr Gewicht haben wird als der weniger
Fahige? In den Dingen, wo es auf die Fahigkeit ankommt, ist das
ganz gerechtfertigt, zum Beispiel im geistigen Gebiet. Dagegen mufi
das eigentlich demokratische Staatswesen frei und rein gehalten
werden von solchen ubermachtigen Einfliissen besonders befahigter
Personlichkeiten, denn es mufi eben ein Gebiet geben nach der
Grundforderung der modernen Menschheit, in dem sich nur gel-
tend macht dasjenige, was alien Menschen, die miindig geworden
sind, in gleicher Weise zukommt.
Das wirtschaftliche Gebiet zeigt im besonderen Mafie, wie un-
moglich es ist, das einwirken zu lassen, was der Mensch durch seine
besondere Artung sich als Fahigkeit im Wirtschaftsleben erwirbt. Er
erwirbt sich dadurch vielleicht eine wirtschaftliche Ubermacht. Sie
darf aber nicht zu einer sozialen Ubermacht werden. Sie wird es nur
dadurch nicht, dafi dasjenige, was wirtschaftliche Macht ist, was
innerhalb des Wirtschaftslebens verbleibt, unmoglich zu einer poli-
tischen, zu einer rechtlichen Ubermacht werden kann. Alles dasjeni-
ge, was heute gerade zur Karikatur der sogenannten sozialen Frage
gefuhrt hat, das wiirde iiberwunden werden, wenn man sich einlas-
sen wollte darauf, dafi das Wirtschaftsleben auf seinen eigenen
Boden gestellt wiirde und das demokratische Staatsleben gerade
dadurch ehrlich und aufrichtig wiederum auf seinen eigenen Boden
sich stellen konnte. Die neueren Staaten lehren durch ihre Entwicke-
lung, wie notwendig die Hinwendung der Menschheit zu solchen
Prinzipien ist. Und daher gestatten Sie mir, dafi ich Ihnen neben den
geschichtlichen Impulsen, die man aufnehmen mufi, um hinge-
wiesen zu werden auf diese Idee der Dreigliederung des sozialen
Organismus, zunachst einmal, ich mochte sagen, die zwei subjek-
tiven Quellen noch etwas charakterisiere, aus denen seit langen
jahren sich mir dieser Impuls von der Dreigliederung des sozialen
Organismus ergeben hat.
Die eine Quelle ist die, dafi man mit geisteswissenschaftlichen
Erkenntnissen, die ich mir ja als meine Lebensauffassung zu vertre-
ten erwahlt habe, iiber gewisse Entwickelungsbedingungen der
Menschheit sich anders unterrichten kann, als aus der heute gang
und gaben materialistisch-naturwissenschaftlichen Weltanschau-
ung heraus. Diese heute gang und gabe materialistisch-naturwissen-
schaftliche Weltanschauung kann eigentlich zu einer wirklichen
Erkenntnis des geschichtlichen Werdens der Menschheit nicht
kommen, denn das, was wir heute «Geschichte» nennen, ist im
Grunde genommen mehr oder weniger eine Fable convenue. Wir
treiben heute so Geschichte - und wollen dann fiir die sozialen, fur
die politischen Aufgaben der Gegenwart aus dieser Geschichte
etwas lernen -, dafi wir uns vorstellen, das Folgende im Menschen-
werden ist immer die. Wirkung des Vorhergehenden, dieses Vorher-
gehende wiederum die Wirkung eines Weitervorhergehenden und
so weiter. Eirie wirklich sachgemafie, nicht bloft auf Analogien
beruhende Vergleichung des ganzen Werdens der Menschheit mit
dem Werden des einzelnen Menschen konnte einen heilen von
diesem Irrtum.
Wenn ich den einzelnen Menschen sich entwickeln sehe, dann
muE ich sagen: Was bei ihm auftritt in den ersten Lebensjahren, in
den mittleren Lebensjahren, am Ende des Lebens, das stellt sich
nicht blofi so dar, dafi ich von Ursache und Wirkung sprechen kann.
Ich kann wahrhaftig nicht sagen, dafi der Mensch, der fiinfund-
dreifiig Jahre alt wird, organisch nur dasjenige erlebt, was die
Wirkung ist dessen, was er mit zwanzig oder fiinfundzwanzig
Jahren erlebt hat, sondern wir sehen, indem der Mensch sich
entwickelt, wie aus seinem Organismus heraus, aus seinem ganzen
orga.nischen Sein und Wesen heraus gewisse Entwickelungsimpul-
se, Entwickelungskrafte aufsteigen, die sich zu bestimmten Zeit-
epochen ganz besonders wirksam zeigen.
So mufS man fiir den einzelnen Menschen sagen, es gibt fiir ihn
Lebensepochen: Wenn der Zahnwechsel eintritt ungefahr um das
siebente Jahr herum, da finden wir, wenn wir nur ein Organ haben,
die Sache zu beobachten, dafi das ganze Seelenleben des Kindes
anders wird, daft das Kind von einem nachahmenden Wesen zu
einem solchen wird, das Bediirfnis hat, unter eine gewisse Autoritat
zu kommen, nach Urteilen von Menschen sich zu richten, wahrend
es friiher nachahmte. Wiederum bei der Geschlechtsreife setzt auch
deutlich eine Umwandlung des Seelenlebens ein. Man kann auch fur
spatere Epochen diese Umwandlung des Seelenlebens bemerken,
wenn man nur ein Organ dafur hat.
Wie fiir den einzelnen Menschen nicht blofi Ursache und Wir-
kung dastehen, sondern wie aus den Tiefen seines Wesens die
Entwickelungskrafte aufschiefien, so ist es der Fall mit der ganzen
Menschheit. Und studiert man Geschichte wirklich sachgemafi,
dann findet man - um nur eines anzufuhren - so um die Mitte des
14., 15. Jahrhunderts solch einen Einschnitt in der Entwickelung der
ganzen zivilisierten neueren Menschheit. Da findet man gerade
jenen Ubergang, der aus elementarer Notwendigkeit der Entwik-
kelung heraus die neuere Menschheit mit ihren Forderungen eigent-
lich erst hat entstehen lassen. Oh, es ist ein grofier Unterschied
zwischen dem, was der Mensch als das Richtige fiir sich ansieht zu
einem menschenwurdigen Dasein seit diesem 15. Jahrhundert, und
dem, was der Mensch des Mittelalters dafur angesehen hat.
Seelengeschichte - wir haben sie eigentlich gar nicht getrieben -,
wie sie aus der Geisteswissenschaft hervorgehen kann, deren Repra-
sentant unser Bau in Dornach ist, die fiihrt einen dazu, dasjenige,
was ich das demokratische Prinzip genannt habe, als etwas in der
neueren Menschheit so Auftretendes anzusehen, wie man die Eigen-
schaften ansieht, die auftreten im einzelnen Menschen, sagen wir im
Alter der Geschlechtsreife. Durch dieses Hinblicken auf die Tatsa-
che, dafi die neuere Menschheit eben eine ganz andere ist, und dafi
auch bei der ganzen Menschheit wie beim einzelnen Menschen
Rechnung getragen werden mufi seinen Entwickelungsprinzipien,
dadurch ergibt sich die Starke der Uberzeugung, da£ Demokratie
etwas ist, wogegen man sich nicht steminen kann, dafi man aber,
weil Demokratie etwas ist, was aus dem elementarsten Menschen-
wesen heraufspriefit, gerade deshalb den sozialen Organismus drei-
gliedern mufi, damit dasjenige, was demokratisch geordnet werden
kann, eben in der Entwickehmg der Menschheit zu seinem Recht
kommt. Das ist das eine, dieses geisteswissenschaftliche Hinblicken
auf die Entwickelungsimpulse der Menschheit. Das andere ist die
Beobachtung der Tatsachen des Voikerlebens.
Da kann ich Ihnen alJerdings nur einzelne Beispiele angeben.
Aber es ist immerhin interessant, an einzelnen Beispielen die Un-
moglichkeit zu sehen, dafi die neueren Einheitsstaatsgebilde aus
ihrer Einheit heraus zu einer wirklich lebensfahigen sozialen Struk-
tur kommen. Es ist nur notwendig, um das zu zeigen, eben auf
einzelne Beispiele hinzuweisen. Sie werden es begreiflich finden,
da£ ich als Nicht-Schweizer nicht gerade die Schweiz als nahelie-
gendes Beispiel anfuhre. Ich brauche nur zu erwahnen, dafi, was bei
einzelnen Staatsgebilden Europas in so hohem Mafie schon einge-
treten ist, auch bei den anderen nach und nach eintreten wird, und
dafi es recht grofie Kurzsichtigkeit ist, wenn man immer wiederum
darauf baut: Ach, bei uns ist es noch anders, wir brauchen uns nicht
um das zu kummern, was sonstwo geschieht.
Nun wahle ich vielleicht als ein Beispiel den Osten Europas,
Rutland, nicht blofi deshalb, weil Rufiland durch sein heutiges
tragisches Schicksal besonders bedeutsam ist fur die Menschenbe-
trachtung, sondern weil Rutland nach den praktischen politischen
Urteilen der fiihrenden englischen Politiker auch das Land ist, an
dem sich am alleranschaulichsten, ich mochte sagen, wie an einem
im Volkerleben sich abspielenden Experiment zeigen mufi, was fur
Bediirfnisse und was fur Unmoglichkeiten im modernen Volker-
leben walten. Nur einiges aus diesem russischen Volkswesen lassen
Sie mich Ihnen hervorheben.
Da tritt uns, mitten hineingestellt in den Ihnen ja sattsam bekann-
ten russischen Absolutismus in den sechziger Jahren, die merk-
wiirdige Einrichtung der Semstwos entgegen. Landschaftsversamm-
lungen, wo sich die Vertreter des landschaftlichen Lebens, diejeni-
gen Menschen, die im Wirtschaftsleben oder in sonstigen Lebensge-
bieten in einzelnen Landschaften drinnenstehen, in gewissen Ver-
sammlungen zusammenfinden, um, ich mochte sagen, nach Art
eines Rates oder dergleichen, eines Kantonsrates, iiber diese Angele-
genheiten zu beraten. Rutland ist von den sechziger Jahren an mit
solchen Semstwos erfullt. Sie leisten eigentlich eine fruchtbare
Arbeit; sie arbeiten zusammen mit etwas anderem, was Altherge-
brachtes in Rufiland ist: den Mir-Organisationen der einzelnen
Dorfgemeinden, eine Art Zwangsorganisation zum wirtschaftli-
chen Leben des Dorfes. Da haben wir drinnenstehend erstens
altdemokratische Gebrauche in der russischen Bauernorganisation,
wir haben aber in dem Auftreten der Semstwos etwas Neueres, was
durchaus nach dem Demokratischen hintendiert. Aber etwas hochst
Merkwiirdiges zeigt sich. Und dieses Merkwiirdige wird noch
auffalliger, wenn wir eine andere Erscheinung betrachten, wie sie
sich ergeben hat in Rutland, bevor die Weltkatastrophe das alles
vernichtet oder in ein anderes Licht gestellt hat.
In Rufiland hat sich ergeben, dafi sich die Menschen der verschie-
densten einzelnen Berufe untereinander assoziiert haben, und wie-
derum, dafi Assoziationen entstanden sind von Beruf zu Beruf -
Bankkassenbeamte, Bankkassenaustrager haben Assoziationen ge-
bildet. Diese Assoziationen haben sich wiederum zu umfassenderen
Assoziationen zusammengetan. Wer nach Rufiland gekommen ist,
hat eigentlich seine Begegnungen gehalten nicht mit einzelnen
Menschen, sondern er stiefi iiberall, wo er mit irgend etwas zu tun
hatte, auf solche Assoziationen.
Das alles schob sich hinein in das sonstige Staatsleben des Absolu-
tismus. Nun, wenn man diese Semstwos, wenn man die Assozia-
tionen, wenn man selbst die Mir- Organisation studiert, so bemerkt
man eines. Gewifi, diese Organisationen erstrecken sich auch auf
manche andere Gebiete des Lebens, Schuleinrichtungen und derglei-
chen, aber da leisten sie nichts Besonderes. Wer sich auf ein
unbefangenes Studium dieser Assoziationen einlafit - denn schliefi-
lich gestalteten sich die Semstwos auch nicht zu Korporationen,
sondern eigentlich zu Assoziationen, die Landwirte verbanden sich
mit denen, die im Aufgange des industrieiien Lebens standen und so
weiter -, wenn das auch alles einen solchen Charakter bekam, der
wie eine offentliche Einrichtung aussah, in Wirklichkeit hatte man
es mit Assoziationen zu tun, und sie alle leisteten Gutes. Aber was
sie leisteten, leisteten sie eigentlich nur auf dem Boden des Wirt-
schaftslebens. Und wir konnen sagen: In diesem Rufiland zeigt sich
das Merkwiirdige, dafi ein auf Assoziationswesen begriindetes orga-
nisches System entsteht. Es erweist sich weiter, dafi der russische
Staat unfahig ist, irgend etwas mit dem anzufangen, was da im
Werden ist. So dafi wir sagen konnen: Indem die Notwendigkeit der
fruhkapitalistischen Entwickelung, wie sie in Rufiland auftritt, zu
wirtschaftlichen Organisationen fiihrt, mxissen sich diese aus einer
inneren Notwendigkeit heraus neben die politischen Institutionen
hinstellen.
Nun, etwas anderes Eigentumliches tritt in Rufiland auf im 19.
und im Beginn des 20. Jahrhunderts. Ja, gewifi, der Absolutismus
griindet seine Schulen; aber diese Schulen sind nichts anderes als, ich
mochte sagen, ein Spiegelbild fur die Bedxirfnisse des absolutisti-
schen staatlichen Lebens. Nun, ein Geistesleben entwickelt sich in
Rufiland, ein intensiveres Geistesleben, als der Westen Europas
annimmt. Aber wie mufi dieses Geistesleben sich entwickeln?
Durchaus in Opposition, ja in revolutionarem Aufruhr gegen alles,
was russisches Staatswesen ist. Man sieht, dieser stramm einheitlich
organisierte Staat splittert sich auseinander in drei Glieder, aber will
sich eigentlich blofi auseinandersplittern. Er kann es aber nicht. Er
zeigt uns gerade an dem, was er erlebt, wie unmoglich es ist, mit dem
Einheitsstaat diese drei vorziiglichsten Lebensgebiete der Menschen
zus ammenzupres sen.
Ich kann Ihnen das auch nur skizzieren. Wenn man im einzelnen
studiert, wie sich diese drei Glieder im russischen Staatsleben dann
hineinentwickeln in den Weltkrieg, wie sich aus dem Weltkrieg
herausentwickelt zuerst die wirklich wesenlose Herrschaft Milju-
kows, wie sich dann aber unter Kerenski etwas herausentwickelt,
was man nennen kann die Umwandlung des Absolutismus in ein
demokratisches Staatswesen, aber noch durchaus mit dem Glauben
an die Allmacht des Einheitsstaates, dann kann man gerade an dem
sehen, woran nach kurzer Regierungszeit Kerenski scheitern mufi,
wie dieser demokratisch werden wollende russische Staat in die
Unmoglichkeit versetzt ist, die wichtigsten Fragen, eine wirtschaft-
liche Frage, die Agrarfrage eigentlich nur anzufassen, weil in der
Agrarfrage die Assoziationen des russischen Lebens so sind, dafi an
ihnen das, was an Demokratie versucht wird aus dem alten Absolu-
tismus heraus, zerbricht.
Gewifi, es zeigt sich alles eben auch in einer bestimmten konkre-
ten Weise. Man kann nicht alles gleich darin sehen. Aber wer es
unbefangen iiberblickt, dieses Werden Rufilands, sein Hinein-
steuern in eine unmogliche sozialdemokratische Struktur, weil eben
zersplittert ist der Einheitsstaat an der Unmoglichkeit, die drei
Lebensgebiete zusammenzufassen, der wird sehen, da$ gerade die-
ses Beispiel von Osteuropa ein sehr bedeutungs voiles ist und dafi die
weitblickenden englischen Politiker wohl recht haben, die gerade
Rufiland betrachten als dasjenige Feld, auf dem sich wie in einem
Weltexperiment zeigt der Hergang der Entwickelung der Mensch-
heit.
Man konnte ganz Europa iiberschauen von solchen Gesichts-
punkten, man wiirde iiberall sehen, wie der Einheitsstaat allmahlich
sich auflost. Wenn er auch in manchen Gegenden noch festgefiigt
erscheint, er wird sich auflosen, weil er nicht bewaltigen kann das
richtige Zusammenwirken der drei menschlichen Lebensgebiete.
Sehen Sie nur, wie in der neueren Zeit da, wo zum Beispiel der
politische Sinn, die politische Gesinnung ganz das innerste Wesen
des Menschen erfiillt, wie da die politische Gesinnung nicht Herr
werden kann iiber das wirtschaftliche Leben.
In dieser Beziehung bildet ein gutes Beispiel Frankreich. Frank -
reich hat sich aus seiner Revolution im 18. Jahrhundert heraus das
gerettet, was nun wirklicher innerer demokratischer Sinn ist, wenn
auch dieser demokratische Sinn mit einem grofien Konservatismus
in bezug auf das Familienleben gepaart ist. Wenn auch vieles
zwi sehen dem Demokratischer. an philistroses Patriarchates erin-
nert, so ist doch im tiefsten Wesen der Gesinnung des Franzosen die
Tendenz nach der Demokratie vielleicht, wenn auch nicht am
reinsten, so doch am starksten unter der europaischen Menschheit
ausgesprochen. Dieser demokratische Sinn suchte sich zunachst im
Staatsleben auszugestalten. Gerade durch diese Ausgcstaltung des
demokratischen Sinns im franzosischen Staatsleben ist dieses auf der
einen Seite abstrakt zergliedert worden in seine Departements; aber
diese Departements sind wiederum in eine Einheit zusammengefafit
worden. Das alles als Frucht der Franzosischen Revolution.
Man braucht nur eines zu betrachten in dieser Struktur des
franzosischen Staates: die Stellung des Departementsprafekten, und
man wird sehen, in welch unorganischer Weise verkniipft ist das
politisch-rechtliche, das staatliche Element mit dem wirtschaftli-
chen Element. Der Prafekt ist eigentlich nichts anderes von einer
gewissen Seite her als das ausfuhrende Organ der Pariser Regierung.
Die Pariser Regierung hat, ich mochte sagen, wie zu ihren vielen
Handen die verschiedenen Departementsprafekten. Aber der De-
partementsprafekt wiederum muE in Verbindung stehen mit den
wirtschaftlichen Interessengruppen seines Departements. So dafi,
wenn eine Wahl in Frankreich ist, gewifi der Prafekt diese Wahl
leiten wird, aber sie wird doch nicht anders ausfallen, als sie
ausfallen kann aus dem, was der Prafekt den wirtschaftlichen Inter-
essengruppen zugesteht.
So sehen wir, wie in Frankreich Parteien vorhanden sind, Parteien
unter Parteidevisen, unter Parteischlagworten wohl auch, wie aber
diese Parteischlagworte viel weniger Reales bedeuten als dasjenige,
was herauswachst aus den wirtschaftlichen Interessen des Departe-
ments. In dieser Beziehung ist das Studium der einzelnen Tatsachen
des franzosischen Lebens aufierordentlich interessant. Gerade an
Frankreich sieht man, wie ein richtiges Zusammenwirken des recht-
lich-staatlichen Wesens und des wirtschaftlichen Wesens zu einer
gewissen offentlichen Wahrheit sich nicht umgestalten kann, weil
das staatliche Element das wirtschaftliche nicht bewaltigen kann.
Ich selbst habe, ich mochte sagen, jahrzehntelang aus unmittel-
barer Anschauung das studiert, was da notwendig fiihren muftte
zum Untergang, sagen wir Osterreichs. Dieses Osterreich konnte
gar nicht anders als auf irgendeine Weise zugrundegehen. Denn als
das neuere demokratische Leben heraufzog, da mulke es auch so
etwas wie Demokratie in sein Staatsleben hereinbringen, in dieses
Staatsleben, das vor alien Dingen seine geistige Struktur hatte von
einer solchen Vielgestaltetheit in den Volkerschaften, dafi eigentlich
dreizehn offizielle Sprachen in Osterreich vorhanden waren, das auf
der anderen Seite ein kompliziertes Wirtschaftsleben hatte, an den
Orient auf der einen Seite hin angelehnt, an Deutschland und an den
Westen Europas auf der anderen Seite, an Italien und so weiter. Als
nun auch etwas Demokratisches hineingebracht werden sollte in
dieses dsterreichische Staatsleben, da wurde es so gebildet, dafi man
einen Reichsrat gestaltete. In diesen Reichsrat wurden gewahlt vier
verschiedene Sektionen: Die Kurie der Handelskammern, die Kurie
der Grofigrundbesitzer, die Kurie der Stadte, Markte und Indu-
strialorte und die Kurie der Landgemeinden. Geht man genauer auf
den Grund: lauter Vertreter wirtschaftlicher Interessen, die wurden
in das osterreichische Parlament gewahlt, da sollten sie den Staat
gestalten. Sie brachten selbstverstandlich nichts zustande, als daft sie
die wirtschaftlichen Interessen metamorphosierten in staatliche
Interessen, und es entstand uberhaupt nichts von wirklichem Staate,
sondern es entstand ein Konglomerat von wirtschaftlichen Interes-
sen, gegen das sich dann aufbaumte das geistige Leben der verschie-
denen Nationen, etwas, was notwendig aus inneren Griinden seiner
Zersplitterung entgegengehen muftte.
Etwas anderes noch konnen wir beobachten, was aber viel interna-
tionaler und universell ist, und wir werden daran sehen, wie alles,
was unbefangen betrachtet wird im neueren Leben der Menschheit,
nach dieser Dreigliederung hintendiert. Denn nehmen Sie das Auf-
falligste, was heraufgezogen ist, nehmen Sie, ich sage ausdriicklich
nicht die soziale, ich sage die sozialdemokratische Frage. In Rut-
land hat sich ja, weil das alte Staatsleben, als es sich demokratisieren
wollte, zersplittert an der Unmoglichkeit, die drei Lebensgebiete so
einheitlich zusammenzufassen, wie man es aus demokratischer
Staatsauffassunj? heraus will, in Rutland hat sich ig er^eben- daft
etwas vollig Fremdes wie dariibergestiilpt wurde iiber das russische
Volkstum, und daft das, was nun heute in Rutland entfaltet wird,
selbstverstandlich nichts anderes ist als etwas, was notwendiger-
weise das soziale Leben, das es trifft, in den Untergang hineinfiihren
muft. Was praktisch die Sozialdemokratie, die auf den Marxismus
schworende sozialistische Richtung leisten kann, vor alien Dingen
fur die wahrhaftig doch von dem innersten Menschen geforderte
Demokratie, das zeigt sich gerade an dem traurigen Zustand des
heutigen Rutland, von dem schon berichtet werden kann, dafi die
Ideale der gutglaubigen Arbeiter so erfiillt werden, dafi man jetzt
unter der Notwendigkeit der Verhaltnisse genotigt ist, den Acht-
stundentag in den Zwolfstundentag zu verwandeln, dafi man anstel-
le der gewohnlichen Organisation, in der der Arbeiter vermeint
seine Freiheit zu finden, ein Militar-Arbeitsregiment einrichtet, das
viel tyrannischer zu werden verspricht, als jemals das preufiische
Militarregiment tyrannisch war. Das sind die Friichte des Leninis-
mus, des Trotzkismus!
Sie konnen auch nicht anders sein. Sie zeigen nur an dem radikal-
sten Auswuchs, wie sich aus dem Proletariat heraus - denn die
heutige russische Herrschaft gegeniiber den vielen Millionen des
russischen Volks umfafk ja nur ein paar Millionen von Industriear-
beitern, und im Grunde genommen ist dort heute eine Tyrannei der
wenigen Millionen Industriearbeiter vorhanden -, wie sich eben die
sozialdemokratische Stromung entwickelt hat. Wodurch hat sie sich
entwickelt? Ja, wir konnen sagen: diese Sozialdemokratie, die sich
besonders dadurch charakterisiert, daft sie alles Leben der Mensch-
heit nur von der wirtschaftlichen Produktion herleitet, dafi sie alles
geistige Leben nur wie eine Ideologic anschaut, wie etwas, was als
ein Rauch aufsteigt aus der wirtschaftlichen Produktion, diese
Sozialdemokratie, wie konnte sie entstehen?
Diese Sozialdemokratie, die unter marxistischem Einflufi steht -
ich meine nicht den gesunden Sozialismus, selbstverstandlich -, ist
eigentlich die Sunde der biirgerlichen Stromungen, die in der neue-
ren Zeit heraufgezogen sind, das Ergebnis der Sunde der biirgerli-
chen Stromungen, konnte ich auch sagen. Denn sieht man iiberall
hin, wurde man so, wie ich es an zwei Beispielen, an Frankreich und
Rufiland gezeigt habe, die ganze zivilisierte Welt durchgehen in
ihrer Entwickelung in der neueren Zeit, wiirde man iiberall sehen:
das Wirtschaftsleben ist ein solches geworden, das durch die Tech-
nik seinen Stempel aufgedriickt erhalten hat, das den Menschen
hinweggeholt hat von seiner friiheren Verbindung mit seinem Be-
ruf, ihn an die abstrakte, gleichgiiltige Maschine, in die gleichgiiltige
Fabrik hineingestellt hat - und das Proletariat, es hat im Grunde
genommen nichts anderes kennengelernt als das Wirtschaftsleben.
In der neueren Zeit hatte man notwendig gehabt, dieses immer
grower und grofier werdende Proletariat hineinzustellen in eine
soziale Struktur. Man konnte nicht aus dem, was die geschichtliche
Entwickelung in der Menschheit heraufgebracht hat, etwas gewin-
nen, wodurch man gewissermafien eine einheitliche Struktur ausge-
dacht hatte iiber diejenigen, die die Fiihrenden sind im Wirtschafts-
leben, im geistigen Leben und so weiter, und diejenigen, die mit der
Hand arbeiten miissen. Man hatte gewissermafien unterlassen, aus
den alten Kraften neue Krafte herauszuentwickeln. Aus den alten
Fiirstenstaaten entstanden nicht wirkliche Einrichtungen, die von
der Demokratie getragen gewesen waren. So mufi man sagen, dafi
eigentlich das, was moderne Sozialdemokratie ist, dadurch entstan-
den ist, dafi von den fiihrenden Standen, von den fiihrenden Leuten
in der neueren Geschichte das nicht bewaltigt werden konnte, was
das Wirtschaftsleben heraufgebracht hat. Man hat die Staaten eben
so organisiert gelassen, daft sie das immer wuchtender und wuchten-
der werdende Wirtschaftsleben nicht umfassen konnten. Und so
zeigt sich gerade an der Nichtbewaltigung dessen, was mit der
Entstehung des Proletarischen in den Menschenseelen heraufge-
zogen ist, die Tatsache, dafi aus dem, was man sich vom Staate
vorstellen konnte, nichts Fruchtbares fur eine mogliche Struktur des
sozialen Organismus hervorgehen konnte.
Und so konnte ich noch vieles anfiihren, es wiirde Ihnen zeigen,
dafi tatsachlich aus dem, was man beobachten kann, die Notwendig-
keit folgt, die drei hauptsachlichsten Lebensgebiete des Menschen
und der Menschheit auf ihren ei^enen Boden zu stellen.
Uber diese Notwendigkeit konnte man wahrhaftig auch spre-
chen, bevor diese furchtbare Katastrophe in der Welt heraufgezogen
ist und die zerstorenden Krafte so klar geoffenbart hat in den letzten
vier bis fiinf Jahren. Aber ich glaube nicht, dafi die Menschheit in der
Zeit vor 1914, wo man nur in Illusionen lebte iiber das, was man als
einen grofien, gewaltigen Aufschwung in der neueren Menschheit
empfand, fiir ein Verstandnis dieser Notwendigkeit irgendwie zu
gewinnen gewesen ware. Jetzt sind Zeiten heraufgezogen, in denen
man nicht blofi theoretisch zu beweisen braucht, dafi eine solche
Notwendigkeit besteht, sondern in denen Staaten, die ganz beson-
ders den Gefahren des Einheitsstaates ausgesetzt waren, hinweg-
gefegt worden sind in ihrer alten Form und vor der Notwendigkeit
stehen, sich ganz neu aufzubauen.
Wir sehen das ostliche ehemalige russische Staatswesen zersplit-
tert, vor der Notwendigkeit, sich neu aufzubauen, aber auch vor der
Ohnmacht, sich in gedeihlicher Weise neu aufzubauen, indem es
sich gefallen lassen mufi, dafi ihm ubergestiilpt wird etwas, was
niemals aus dem eigenen Volkstum heraus erwachst, sondern was
wie eine allgemeine sozialistische Schablone, die auf alles anwend-
bar ist, iiber das Volkstum driibergestiilpt wird. Und wir sehen zum
Beispiel an Deutschland, wo eine verungliickte Revolution, die
Revolution vom November 1918, wirklich viel erkennen lafk, wie
aus den Verhaltnissen heraus sich nur ein Chaos, ein wirkliches
Chaos, ergibt. Und das Auffallendste, ich mochte sagen, eigentlich
Herzzerreifiende, im Leben des heutigen Deutschland ist, dafi die
Menschen iiberall, wo man auf sie trifft und iiber offentliche
Angelegenheiten mit ihnen zu sprechen hat, sich ratios zeigen.
Warum zeigen sie sich ratios? Aus dem einfachen Grunde, weil das
Dogma von dem Einheitsstaate in den Seelen festgewurzelt ist und
weil die furchtbaren Lehren der letzten vier bis fiinf Jahre wahr-
haftig noch nicht hinreichend waren fiir die Menschen, um die-
ses Dogma aus ihnen auszutilgen. Ich habe manchen einzelnen ge-
fragt, woher es denn kommt, dafi man so schlaft, dafi man nie-
manden gewinnen kann zum Aufraffen fiir irgend etwas Positives
nach der Richtung des Aufbaus. Die Leute gestanden ruhig: Ja, wir
waren so und so lange im Schiitzengraben, wir haben nicht gewufit,
ob wir in acht Tagen noch leben, es mufite uns allmahlich gleich-
giiltig werden, ob wir in acht Tagen noch leben; sollte es uns
jetzt nicht gleichgiiltig sein, was fiir soziale Einrichtungen in
acht Tagen gemacht werden? Man fiigt sich in so manche Seelen-
stimmungen hinein. So hat manch einer, wahrhaftig nicht blofi einer
gesagt.
Gewifi, die Zeitverhaltnisse machen manches erklarlich, aber
etwas Grofieres, etwas Bedeutsameres ist die historische, die rein
menschliche Notwendigkeit. Da gibt es nur ein Entweder-Oder.
Und ich glaube, auch hier kdnnte schon eingesehen werden - da die
Zustande wahrlich nicht weit weg sind, die geeignet sind, ihre
Wellen nach ganz Europa hineinzuwerfen -, was eingesehen werden
soli: das ist das Unmogliche, die drei Lebensgebiete, Geistesleben,
Staatsleben, wirtschaftliches Leben in eine Einheit zusammenzu-
bringen. Die Notwendigkeit sollte eingesehen werden, jedes dieser
drei Gebiete auf seinen eigenen Boden zu stellen.
Ich weifi sehr wohl, wieviel sich aus den alten Anschauungen
heraus gegen diese Dreigliederung des sozialen Organismus ein-
wenden lalk. Wer aber die gegenwartige Weltlage, wie ich sie an
einzelnen Beispielen zu schildern versuchte, ins Auge fafit, der wird
sich sagen: von alien anderen, mehr utopistisch gearteten Vor-
schlagen, unterscheidet sich dieser nach der Dreigliederung des
sozialen Organismus dadurch, dafi er nicht ein Programm gibt, dafi
er durchaus nicht auftritt mit der Pretention des Alleswissens,
sondern dafi er sagt : Wenn die Menschen sich sozial so gliedern, dafi
ihr Bestes selbstandig in einem freien emanzipierten Geistesleben,
dasjenige, worinnen alle miindig gewordenen Menschen gleich sind,
in einem selbstandigen demokratischen Staatsleben, dasjenige, wo-
rinnen alles aus wirtschaftlichen Unterlagen heraus sich entwickeln
mufi, in einem selbstandigen Wirtschaftsleben herauskommt, dann
wird dadurch gerade, dafi die Menschen aufgerufen werden zu
einem sozialen Wirken, so etwas wie die Losung der sozialen Frage
zustande kommen.
Denn ich glaube nicht. dafi derienige, der das Leben kennt,
mitgehen kann mit der oberflachlichen Anschauung, als ob die
soziale Frage etwas ware, gestern entstanden, fur die man nur
irgendwelche Ideen zu haben oder irgendwelche Schliisse aus dem
Leben zu ziehen braucht, um ein Programm zu zimmern, und dann
wird die soziale Frage gelost. sein. Solche Mixturen gibt es viele.
Aber auf diesem Boden des Alleswissens steht der Impuls fiir die
Dreigliederung des sozialen Organismus nicht. Er ist durchdrungen
von der Uberzeugung, dafi die soziale Frage allerdings heraufge-
kommen ist, dafi man sie iiberhaupt nicht von heute auf morgen
oder mit irgendeinem Einzelnen losen kann: sie wird immer in der
Zukunft da sein, sie wird unser Leben durchdringen, und die
Losung kann nur darin bestehen, dafi man fortlaufend unter solchen
Einrichtungen steht, dafi die taglich neu kommenden Schwierig-
keiten nach und nach iiberwunden werden. Das ganze Leben in der
Zukunft wird darin bestehen, dafi es eine Art Losung der sozialen
Frage ist.
Von dem, was die einzelnen Menschen wirken werden, indem sie
in naturgemafier Weise in dem dreigegliederten sozialen Organis-
mus arbeiten und urteilen konnen, davon erhofft der Impuls fiir die
Dreigliederung dasjenige, was man eine Losung der sozialen Frage
nennen konnte. Er will nicht die soziale Frage theoretisch losen, er
will den Menschen die Moglichkeit geben, dafi alle im Zusammen-
wirken, Zusammenurteilen die soziale Frage losen. Aber selbst das,
was als Vorschlag gemacht werden kann - ich habe Ihnen heute nur
eine Skizze geben konnen -, diese Charakteristik der drei Gebiete
des sozialen Organismus, selbst das wird keineswegs von den
Tragern dieses Gedankens als etwas betrachtet, was irgendein Dog-
ma sein konnte. Das ist es allein, was ich mochte: dafi es diskutiert
wurde, dafi moglichst viele Menschen durchdrungen waren von
dem, was die Not der heutigen Zeit lehrt, dafi aus den besten Kraften
des Menschenwesens heraus das getan werde, was zu einem Aufbau
fuhren kann.
Wenn so die guten Willen von den verschiedensten Seiten zusam-
menwirken, dann kann eine fruchtbare Diskussion entstehen. Und
auf eine solche fruchtbare Diskussion kommt es eigentlich denen an,
die die Trager des Gedankens von der Dreigliederung des sozialen
Organismus sind. Wenn diese glauben mussen, dafi sie nicht hatten
hervortreten konnen, bevor die Not der Weltkatastrophe einge-
treten ist - einigen Optimismus haben sie jetzt; allerdings, ich
mochte sagen, einen traurigen Optimismus: dafi die sich immer
weiter verbreitende Not die grofte Lehrmeisterin werden mufi, dafi
gerade aus der Not die Menschen werden erkennen miissen, dafi so
etwas, wie es sich heute aussprechen will - ich will nicht sagen schon
in dem Inhalt, den wir zu geben vermogen iiber die Idee der
Dreigliederung des sozialen Organismus, sondern in dem Impuls,
den wir der offentlichen Diskussion geben mochten durch diese
Idee dafi das irgendwie ernst genommen werden mufi. Viel wird
davon abhangen, dafi solche Dinge ernst genommen werden kon-
nen. Noch immer breitet sich aus iiber der europaischen Mensch-
heit, iiberhaupt iiber der modernen zivilisierten Menschheit etwas
wie eine Schlafrigkeit der Seelen, und wenn auch diejenigen, die
heute schon wirken in der Bewegung fur die Dreigliederung des
sozialen Organismus, das eine oder andere aus ihren Uberzeu-
gungen getan haben, sie wissen: das Richtige wird erst kommen,
wenn eine geniigend grofie Anzahl von Menschen sich auf die
Einzelheiten der Sache einlafit.
Wir haben ja schon die Moglichkeit gehabt, in der Waldorfschule
in Stuttgart eine Freie Schule zu begriinden, in der Kinder zwischen
dem sechsten, siebenten und dem vierzehnten und funfzehnten
Lebensjahre in einer achtklassigen Volksschule nach den Grund-
satzen eines freien Geisteslebens unterrichtet werden, so dafi sie
aus einem freien Geistesleben heraus in eine soziale Ordnung
hineinwachsen. Wir haben das Verschiedenste auf diesem Gebiet
versucht, und auch wirtschaftliche Dinge sind in Aussicht genom-
men, wo wir versuchen wollen, die verschiedensten Zweige des
wirtschaftlichen Lebens unter die Gesichtspunkte der Dreigliede-
rung zu stellen, sie zu organisieren, sie zu finanzieren nach diesen
Gesichtspunkten; denn es wird vielleicht ganz besonders notwendig
sein, um iiberzeugend zu wirken, dafi das Vorbild, dafi das Beispiel
dastehe. Aber um dieses Beispiel in geniigendem Mafie zur Wirkung
zu bringen, um es iiberhaupt in die Wirklichkeit hineinzustellen,
ist eben vor alien Dingen notwendig, da£ eine geniigend gro£e
Anzahl von Menschen sich an der Diskussion dariiber beteiligt,
was der Impuls fur die Dreigliederung des sozialen Organismus
eigentlich will.
Zu diesem und nichts anderem mochte ich gern ein wenig ange-
regt haben mit den allerdings ganz skizzenhaften Ausfiihrungen, die
ich in dieser kurzen Zeit am heutigen Abend habe geben konnen.
Es folgt eine Diskussion, in welcher verschiedene Fragen und Einwande
gegeniiber den Ausfiihrungen des Vortrages laut geworden waren.
Schlufiwort
Eigentlich mufi ich gestehen, dafi wirkliche Einwendungen nicht
vorgebracht worden sind. Ich begreife sehr gut, dafi angelehnt an
das, was ich heute abend gesagt habe, die verschiedenartigsten
Fragen gestellt werden konnen, und ich glaube, dafi es unmoglich
ist, in einem einstiindigen Vortrag eine solche Frage so erschopfend
zu behandeln, dafi nicht Hunderte und Tausende und vielleicht
noch mehr Fragen im Anschlufi daran gestellt werden konnen. Ich
mochte deshalb auch nur einiges bemerken, das vielleicht statt einer
Antwort auf die verschiedenen Fragen, die ja wirklich mehrere Tage
dauern miifite, wenigstens einige Andeutungen geben kann.
Zunachst mit Bezug auf dasjenige, was der Herr Vorsitzende
zuletzt gesagt hat, dafi keine klaren Formulierungen vorliegen iiber
das, was die Dreigliederung eigentlich will. Sehen Sie, ich habe
versucht, in meinem Buch «Die Kernpunkte der sozialen Frage», so
gut es geht bei einer solchen Bewegung, die im Grunde genommen
erst am Anfang ihres Wirkens ist, einzelne dieser Probleme zu
besprechen, wie zum Beispiel das schon dargestellte der Zirkulation
der Produktionsmittel, die ich an die Stelle der undurchfiihrbaren
Vergesellschaftung der Produktionsmittel zu setzen habe und so
weiter. Sie werden in den «Kernpunkten der sozialen Frage» mehr
solcher Einzelheiten finden, als vielleicht vermutet wird. Ich mufi
immer wieder betonen: wie ich versuche, diesen Dreigliederungsim-
puls zu fassen, so ist er eigentlich aus dem ganzen, vollen Leben
herausgeschopft, und das ganze, voile Leben hat eigentlich Dimen-
sionen nicht nur nach zwei Richtungen, sondern immer auch
Dimensionen nach den Tiefen, und da sind zuweilen die abstrakten
Formulierungen nicht so einfach mit Konturen zu umschliefien, wie
man das vielleicht wiinschenswert findet, weil natiirlich die einzel-
nen Probleme erst ausgebaut werden miissen. Das bitte ich doch zu
beriicksichtigen, daft die Bewegung am Anfang steht und daft ich am
Schlufi meines heutigen Referates, wenn ich es so nennen darf,
eigentlich aufgefordert habe gerade zu einer Diskussion. Ich glaube,
daft erst aus einer Diskussion das recht Fruchtbare herauskommen
wird.
Nun mochte ich doch auf einzelne Fragen wenigstens andeutend
eingehen. Ein wesentliches Miftverstandnis zwischen Herrn Dr. S.
und mir wird gerade dadurch heraufgekommen sein, daft ich ja gar
nicht spreche, wie der Herr Doktor das aufgefafit hat, von drei
Parlamenten. Ich sehe gerade das Wesentliche dieser Dreigliederung
nicht darin, daft man etwa heute das Einheitsparlament in drei
Parlamente teile, sondern daft man ein Parlament im heutigen Sinn
nur hat fur dasjenige, was demokratisch verwaltet respektive orien-
tiert werden kann, daft aber die beiden anderen Gebiete eben nicht
parlamentarisch verwaltet werden, sondern verwaltet werden aus
dem, was sich aus ihnen selbst heraus ergibt. Es ist mir sehr schwer,
in abstrakten Begriffen diese konkreten Dinge zu besprechen. Ich
mochte daher die Antwort gewissermafien aufbauen.
Ich habe gerade bei dem Einrichten der Waldorfschule mich
wiederum eingehend befassen miissen mit all dem, was sich, ich
mochte sagen, einem wie ein Querschnitt ergibt: das Ergebnis
staatlicher Verwaltung fur das Schulwesen. Nicht wahr, ich hatte
von zwei Seiten her die Waldorfschule zu konstituieren. Das eine
war, dasjenige zugrunde zu legen, was ich glaubte, aus den bloften
Anforderungen des geistigen Lebens selbst als Impuls der Waldorf-
schule zu geben. Auf der anderen Seite durfte ich selbstverstandlich
nicht in die Luft bauen. Das heifit, ich muftte eine Schule schaffen,
bei der es rndglich ist, daft die Schiller, die abgehen, zum Beispiel mit
dem vierzehnten Jahr oder auch meinetwiilen dazwischen abgehen,
sich wiederum anschlieften konnen an das and ere Schulleben. Da
muftte ich selbstverstandlich mich mit den Lehrplanen auseinander-
setzen. Nun, nicht wahr, da stiefi ich zunachst - ich bitte, zu
verzeihen, dafi ich auf ganz Konkretes eingehen mufi, aber ich
glaube mich so am besten zu verstandigen -, da stieft ich auf die
Lehrplane. Die Lehrplane sind staatlich festgesetzte Umschrei-
bungen des Lehrstoffes, des Lehrzieles und so weiter. Etwas anderes
ist es, wenn man als padagogischer und didaktischer Kiinstler rein
aus der Wesenheit des Menschen studieren kann, wie vom siebenten
zum vierzehnten Jahre das ablauft, was an den Menschen da heran-
gebracht werden soil. Ich stehe auf dem Standpunkt der Uberzeu-
gung, dafi durchaus von dem sich entwickelnden Menschen fur
jedes Jahr die Lehrziele abgelesen werden konnen.
Nun mochte ich, dafi derjenige die Lehrziele festsetzt, der im
lebendigen Unterricht drinnensteht, und nicht derjenige, der her-
ausgerissen wird und Staatsbeamter wird, der also iibergeht von
dem lebendigen Lehren zur Demokratie. Ich mochte also, daft das,
was das geistige Leben umfafit, von denen verwaltet wird, die noch
drinnenstehen, die dieses geistige Leben aufbauen. Also es kommt
darauf an, dafi die ganze Struktur der Verwaltung aufgebaut ist auf
dem Gefiige eines Geisteslebens selbst. Nicht wahr, ich mufite zum
Beispiel heute noch die Einteilung treffen, da£ die Kinder, wenn sie
drei Klassen absolviert haben, sich wiederum anschliefien konnen -
um dazwischen Freiheit zu haben nach weiteren drei Jahren, mit
dem zwolften Jahre, wiederum sich anschliefien konnen. Also ich
mufite einem Aufieren gerecht werden.
Das ist das Wesen der Dreigliederung. Sie steht iiberall auf einem
realen Boden, mufi auch aus einem realen Boden heraus arbeiten.
Aber wenn man einen realen Boden hat, hat man nicht irgend etwas
Unbestimmtes. Das Geistesleben ist doch da, es hat doch eine
Verwaltung, einfach dadurch, dafi der eine in der Position, der
andere in einer anderen Position steht. Ich mochte nun in dieser
Loslosung des Geisteskorpers vom Staatskorper einfach, dafi die
Verwaltung sich hierarchisch gestalte, und ich glaube - selbstver-
standlich ist das natiirlich etwas, was jetzt nicht so schnell ausge-
fuhrt werden kann -, dafi die hierarchische Verwaltung alle Unvoll-
kommenheiten haben wird. Ich weifi, was ganz besonders von
Dozenten eingewendet wird, aber vielleicht sind sogar zu solchen
Ubergangen manchmal grofiere Unvollkommenheiten notwendig,
damit man auf etwas Vollkommenes kommt, aber worum es sich
handelt, das ist, dafi sich nach und nach nur aus den rein padagogi-
schen und didaktischen Bedingungen und weiteren Bedingungen
des Geisteslebens eine rein didaktische Korperschaft des Geistes-
lebens bildet, die so verwaltet, wie es im Sachlichen begriindet ist,
nur etwas abstrakt anklingend an die Klopstocksche «Gelehrtenre-
publik», und dafi so etwas auf dem Gebiet des Geisteslebens
tatsachhch moglich ist, wenn man nur den guten Willen hat, es zu
begriinden.
Ich denke mir, daft dann sehr deutlich hervortreten wird - lassen
Sie mich etwas Konkretes erwahnen, ein Beispiel herausgreifen -,
dafi die Padagogik, hochschulmafiig betrieben, zu den schlechtesten
Disziplinen bis jetzt gehort hat, wenigstens in ganz Mitteleuropa. In
der Regel ist sie irgendeinem Padagogen aufgehalst worden, der sie
im Nebenfach betrieben hat. In einer solchen Gelehrtenrepublik
kann derjenige, der sich tuchtig erweist, drei Jahre abgerufen wer-
den, kann Padagogik lehren, dann wiederum zuriickkehren in das
Lehrfach.
Was aber die aufiere Konstitution betrifft, mufi ich sagen, es ging
im kleinen bis jetzt vorziiglich bei unserer Lehrerschaft der Waldorf -
schule in Stuttgart. Da ist gleich eingangs die Frage aufgetaucht:
Wer wird der Direktor sein? - Selbstverstandlich niemand; wir
haben einfach gleichberechtigte Lehrer durch alle Klassen, und einer
aus dieser Lehrerschaft, der etwas weniger Stunden hat als die
anderen, der besorgt die Verwaltungsdinge. Dabei sieht man schon
jetzt, daft die tuchtigen Lehrer auch eine gewisse Autoritat liber die
anderen haben, eine naturgemafie Autoritat, und ein gewisses hierar-
chisches System bildet sich heraus. Das hraucht aber gar kerne
Beantwortung der Frage zu sein, wie der Herr Oberrichter L.
gemeint hat: Wer befiehlt? - sondern das macht sich von selber. Ich
werde mich natiirlich hiiten, Namen zu nennen; aber es bildet sich
dies heraus. Also auf dem Gebiet des Geisteslebens. . .
Wie fragen Sie die Eltern iiber den Lehrstand? Das ist doch Diktatur!
Fachlich-sachlich! Gewift, nennen Sie es meinetwillen Diktatur,
auf den Namen kommt es mir da nicht an. Insofern ist es eine
Diktatur, als nicht der einzelne entscheidet. Da Sie Wissenschafter
sind, werden Sie es leicht verstehen, wenn ich sage: iiber die
Richtigkeit des pythagoraischen Lehrsatzes schadet es nicht, wenn
eine «Diktatur» entscheidet, weil eine gewisse Notwendigkeit in der
Sache liegt.
Und der Religionsunterricht?
Da handelt es sich darum, daft manche theoretischen Fragen
nunmehr iibergehen in didaktische Fragen. Beim Religionsunter-
richt, wie er geordnet ist in der Waldorf schule, wobei ich nicht sagen
will, daft er immer so geordnet wird, weil vielleicht auch da eine
Entwickelung stattfindet, handelt es sich darum, daft es zunachst
meinetwillen opportun oder so etwas ist, daft zum Beispiel dasjeni-
ge, was ich geben konnte als einen padagogischen und didaktischen
Unterrichtskurs, sich nur in der Methodik auftert, nicht in der
Weltanschauung, sondern in der Handhabung des Unterrichts. Die
Waldorfschule soli nach keiner Richtung hin eine Weltanschauungs-
schule sein. Das ist nur dadurch zu erreichen gewesen, daft meine
Einrichtungen sich alle auf das Padagogisch-Didaktische bezogen
und aus dem heraus arbeiten. Die Kinder, die von katholischen
Eltern kommen, haben ihren katholischen Religionsunterricht, die
Kinder, die von evangelischen Eltern kommen, haben ihren evange-
lischen Religionsunterricht von dem jeweiligen katholischen und
evangelischen Pfarrer. Nun, da gab es sich, daft eine grofte Anzahl
Proletarierkinder und auch Anthroposophenkinder da waren und
daft auch verlangt wurde ein freier Religionsunterricht. Und die
Kinder, deren Eltern einen freien Religionsunterricht verlangen, die
bekommen von uns ihren freien, aus unseren Uberzeugungen her-
vorgehenden Religionsunterricht. Also in dieser Frage entscheidet
eine Gefuhlswahrheit, verbunden mit gewissen sozialen Trieb-
kraften.
Die Dinge nehmen sich natiirlich im Werden anders aus als nach
einiger Zeit. Aber gerade an der Praxis zeigt es sich, dafi man
vorwartskommen kann, wenn man fur die geistigen Angelegen-
heiten kein Parlament will. Deshalb kann ich auch nicht mit den
«drei Parlamenten» mitgehen, kann auch nicht die Frage beant-
worten, «wenn der Kerenski drei Parlamente gehabt hatte. . .»; das
ist es eben, dafi er in seinem einen die Agrarfrage hatte losen sollen
und gescheitert ist daran. Ich sehe zum Beispiel keinen Kausalnexus
zwischen Dreigliederung und dem, was vorher war, ich wollte nur
darauf aufmerksam machen, dafi dasjenige, was vorher war, scheiter-
te an den drei Lebensgebieten, die ich nicht als zwei oder vier oder
noch mehr nehmen kann, weil es nur drei sind.
Dr. S.: Den Einwand habe ich auch nicht im Ernst erwogen.
Dr. Steiner: Das habe ich auch nicht anders aufgefafit! Ich frage
mich nun, nachdem der Staat gescheitert ist an der Einrichtung der
drei Parlamente, die er bildete, wie man durch einen neuen Anfang
weiterkommen kann, nicht durch einen Kausalnexus, wobei aber
allerdings dasjenige bestehen bleiben mufi, was Gutes ist. Sie sehen,
die Elemente der Beantwortung Ihrer Fragen liegen in dem, was Sie
sagten. Auch auf wirtschaftlichem Gebiet wiinsche ich kein Parla-
ment; um Gottes willen keine Demokratie auf wirtschaftlichem
Gebiet! Aber eine nun nicht hierarchisch, sondern aus der Sache
selbst hervorgehende Ordnung.
Nun stehen durchaus nicht einfach nebeneinandergeordnet diese
Gebiete, sondern wenn Sie meine «Kernpunkte» nachlesen, so
werden Sie finden, dafi die Zirkulation der Produktionsmittel im
wesentlichen mitbestimmt wird gerade durch das, was im Geistigen
bestimmt wird, so dafi also das Geistige direkt heniberwirkt in das
Wirtschaftliche. Und so wird vieles im wirtschaftlichen Leben in
bezug auf die Stelkmg, die einer hat, bestimmt aus der geistigen
Organisation heriiber. Ich will also sagen, in der geistigen Organi-
sation wird es sich ja auch handeln um die Feststellung, ob ein
Mensch zu dem oder jenem fahig ist und dafiir ausgebildet wird;
davon hangt es ab, in wclche wirtschaftliche Position er hineinge-
steilt werden kann.
Das mulS natiirlich nun gemeinschaftlich geschehen zwischen
dem Wirtschaftlichen und dem Geistigen. Dadurch, dafi er zu
diesem oder jenem befahigt ist, wird er schon einem anderen
iibergeordnet sein, der in einer anderen Position drinnensteht.
Daraus entwickelt sich nichts Hierarchisches, aber in einem gewis-
sen Sinne auch nichts Biirokratisches. Jedes biirokratische Parla-
ment fiir das Wirtschaftswesen fiihrt nur zur Auflosung des Wirt-
schaftswesens. So dafi also das Wesentliche bei mir liegt in der Art
und Weise, wie die drei Glieder organisiert sind, und man kann
nicht sagen: jeder wird in drei Parlamenten drinnenstehen; es ist nur
ein Parlament, in dem jeder drinnenstehen kann, aber nur auf der
Urteilsfahigkeit eines jeden miindig gewordenen Menschen beru-
hend. Also sagen wir, um das wichtigste Gebiet herauszuheben: alle
Rechtsfragen. Die Rechtsfragen sind tatsachlich so, dafi sie zum
mindesten im Interesse jedes miindig gewordenen Menschen liegen,
und ich mochte sagen, selbstverstandlich, jeder miindig gewordene
Mensch ist ja auch nicht idealiter gleich fahig mit jedem anderen
miindig gewordenen Menschen. Dafiir aber ergibt ein gewisses
arithmetisches Mittel doch das Entsprechende in bezug auf die
Rechtsfragen. Da miilke man jetzt auf die Theorie der Rechtsbe-
griindung iiberhaupt zu sprechen kommen. Das Recht beruht
eigentlich nicht auf dem Urteil, sondern auf der Empfindung, auf
den Gewohnheiten, die aus dem Wechselspiel der zusammenwoh-
nenden Menschen entstehen. Dariiber lafit sich urteilen, wenn
zusammengehorige Menschen dariiber urteilen. Ich glaube nicht,
Herr Doktor S., dafi der einzelne Mensch deshalb das richtige Recht
zu finden braucht, aber zusammen werden sie es finden. Das macht
die Demokratie. Ich sehe viel Wichtigeres im Wechselspiel als im
einzelnen. Also ich mochte die miindig gewordenen Menschen im
demokratischen Parlament haben und sie da beschliefien lassen
hauptsachlich iiber Rechtssachen, aber mit Recht auch iiber Wohl-
fahrtseinrichtungen, weil da auch jeder miindig gewordene Mensch
entscheiden kann; selbstverstandlich in viel en Dingen nicht iiber das
Sachliche und Fachliche.
Nun, der Achtstundentag, der ist etwas, was iiberhaupt fiir die
Dreigliederung des sozialen Organismus ernsthaftig doch nicht in
Frage kommen kann, denn was heifit eigentlich Achtstundentag?
Ich mufi gestehen, ich renommiere nicht, aber den grofiten Teil des
Jahres arbeite ich viel mehr als acht Stunden und finde es durchaus
nicht irgendwie iibertrieben, und ich glaube nicht, dafi es moglich
ist, ohne eine Untergrabung unseres wirklichen sozialen Lebens
einen solchen Achtstundentag festzulegen. In meinen «Kern-
punkten der sozialen Frage » finden Sie deshalb ausgefiihrt, dafi alles
das, was sich auf die Zeit der Arbeit bezieht, innerhalb des demokra-
tischen Staatswesens festgesetzt wird, und auf Grundlage dessen
kommen dann die Vertrage zustande iiber die Verteilung der Ertrag-
nisse, nicht Arbeitsvertrage, sondern Vertrage iiber die Verteilung
des Ergebnisses zwischen dem, was ich Arbeitsleiter nenne, und
zwischen dem, was ich eben Arbeiter nennen mufi.
Also das im Rechtsparlament?
Im Rechtsparlament wird die Zeit und die Art der Arbeit be-
stimmt. Da ist der Handarbeiter ganz gleich mit dem geistigen
Arbeiter, denn der geistige Arbeiter kann nicht seine Interessen
geltend machen. Man kann sich gegenseitig verstandigen mit gutem
Willen, aber man kann nicht irgendwelche Anforderungen stellen,
die sich auf das Wirtschaftsleben selbst beziehen, nicht Export und
Import nach parlamentarischen Gesetzen regeln, sondern das mufi
studiert werden aus den wirtschaftlichen Bedingungen heraus, aus
sachlich-fachlichen Vorkenntnissen heraus. Dadurch, dafi ich zwan-
zig Jahre in einem Betrieb stehe, habe ich auch einen anderen
moralischen Kredit bei meinen Mitmenschen, als wenn ich nur ein
Jahr drinnenstehe. Im demokratischen Leben kommt es nicht in
Betracht, ob ich ein frecher junger Dachs mit einundzwanzig Jahren
bin, um iiber irgend etwas zu urteilen. Im Wirtschaftsleben kommt
es einfach darauf an, dafi die Lebenserfahrung in Rechnung gezogen
wird. Das ist einfach notwendie zum Heil der Menschheit.
Ich habe absichdich die Frage des Achtstundentages gestellt. Wenn man nun einen
Vierstundentag hatte, was kann der Leiter machen? Mir liegt an dem Achtstundentag gar
nichts. Ich arbeite auch mehr. Ich meine die Regelung der Arbeitszeh.
Gut. Die Sache ist diese: Wenn das demokratische Parlament
einen Vierstundentag beschliefit, so wird dieser Vierstundentag
innerhalb des Wirtschaftslebens entweder ausreichen, um das Wirt-
schaftsleben zu fiihren, oder er wird nicht ausreichen. Nicht wahr,
dann wird es sich darum handeln, dafi jeder wiederum aus seiner
mundig gewordenen Vernunft einsieht - die Anderung ist namlich
auch notwendig auf demokratischem Weg durchzufiihren -, dafi auf
demokratischem Weg wiederum die Anderung zustande komme,
nicht auf einem anderen Weg, 'nicht dadurch, dafi der wirtschaftlich
Machtigere etwa einen Druck ausxiben kann. Also das, was besteht
als Rechtsverhaltnisse des Wirtschaftslebens, gehort hinein in das
demokratische Parlament. Was aber die wirtschaftliche Frage ist -
nicht wahr, was ist nicht eine wirtschaftliche Frage? Man kann
sagen: Kann man denn das geistige Leben uberhaupt trennen von
dem wirtschaftlichen Leben? - Hier hat man mit Recht die Geldf ra-
ge eingewendet; es kostet etwas. Nun, darum sehe ich im Wirt-
schaftsleben Assoziationen entstehen aus den einzelnen Zweigen
des Wirtschaftslebens, die sich verweben, von verwandten und
nichtverwandten Zweigen, Produktion, Konsumtion und so weiter.
Dies im einzelnen zu schildern, wiirde zu weit fiihren.
Worauf es ankommt, ist das: die verschiedenen Angehorigen des
Geisteslebens, die sind in ihrer Verwaltung des Geisteslebens das,
was ich geschildert habe fur das Geistesleben; als Teilnehmer am
Wirtschaftsleben bilden sie wirtschaftliche Konsumenten und sind
Glieder, Assoziationen, die zum Wirtschaftskorper gehoren. Was
ich trenne, ist das Leben; es ist nicht eine abstrakte Trennung in drei
Korperschaften, sondern es ist das Leben, das gegliedert wird. Nicht
wahr, das geistige Leben wird tatsachlich hierarchisch verwaltet,
aber das wirtschaftliche Leben all der geistig Wirkenden, das steht
im Wirtschaftsleben der Assoziationen drinnen. Also in ihrem
Wirtschaften sind Lehrer und so weiter auch durchaus Wirtschafts-
korper, Wirtschaftsorganisationen. Und so wirken die Verschie-
denen tatsachlich durcheinander. Und das lafit sich ja wirklich nur
im einzelnen verfolgen; wie schlieElich, wenn man Chemie darstel-
len will, in einer Stunde auch nicht alles vorgebracht werden kann,
sondern man muE eben auf das verweisen, was dann im einzelnen
durchzufiihren ist.
Dafi aber, um eine Frage des Herrn Oberrichters L. zu beant-
worten, leichter gewisse Fragen dem einfach miindig gewordenen
Menschen zu behandeln und zu beantworten sind als sachiiche
Fragen, ich meine, das ist doch schliefilich auf der Hand liegend.
Gewisse Sozialisten - sie sind wirklich nicht mehr dutzend-, son-
dern schockweise aufgetreten in der Zeit, nicht wahr, als man
plotzlich in Deutschland driiben sich wieder regen durfte gewisse
Sozialisten haben sich vorgestellt, wie man die einzelnen Zweige
organisieren kann und so weiter, indem sie das, was sie als politische
Agitatoren gelernt haben, daraufgestiilpt haben auf das Wirtschafts-
leben. Das ist ja das grofie Ungliick in der heutigen politischen
Diskussion, dafi eigentlich die Leute eine gewisse Schulung nur
erlangt haben bei dem rein politischen Kampf, bei den Warden und
so weiter, aber nun nicht eingehen konnen auf das Wirtschaftsleben.
Im Grunde genommen haben sozialistische Agitatoren zumeist
keinen Dunst vom Wirtschaftsleben und fur die Bedingungen des
Wirtschaftslebens erst recht nicht. Und so sind die verschiedensten
Utopien aufgestellt worden, wie man nun das oder jenes gliedern
kann. Ich will zum Beispiel erwahnen, wie Industriezweige, die auf
einem feinen, minuziosen Ineinandergreifen von ganz Verschie-
denem beruhen, mit ihrem Export zurechtkommen sollen, wenn sie
nach einer Mollendorffschen Planwirtschaft oder dergleichen orga-
nisiert werden sollen. Es kommt darauf an, gewisse Dinge, die nur
aus einem Wirtschaftsorganismus heraus verwaltet werden konnen,
nicht regierungsmafiig, sondern aus sich selbst heraus zu verwalten.
Charakteristisch ist es zum Beispiel, wenn gesagt wird: Man kann
heute die Schule nicht herausnehmen aus dem Staate, man lafit sich
das nicht gefallen, und in einem sozialistischen Staat ist es nicht
notwendig. - Wer die Verhaltnisse, die in der Menschheit wirklich
sind, nicht die, die m den Kopfen der politischen Agitatoren spuken,
kennt, der mufi sich sagen: im sozialistischen Staate ware es erst
recht notwendig! Da ware vor alien Dingen zum Heile der Men-
schen erst recht notwendig, mindestens die Schule aus dem heraus-
zunehmen, was da im sozialistischen Staat, wie er marxistisch
vorgestellt wird, mit der Menschheit beabsichtigt wird.
Also ich glaube, wenn der gute Wille vorhanden ist, gerade auf das
einzelne einzugehen - mir ist der Einwand von den drei Parlamen-
ten schon wiederholt gemacht worden -, ich will gerade sachlich die
Dreigliederung haben, nicht etwa, urn blofi drei Gruppen von
Menschen zu haben, drei Hauser nebeneinander; es werden wirk-
lich nicht drei Hauser sein. Wenn ich richtig verstanden werde, so
wird man wahrscheinlich finden, dafi man sich schon begegnen
kann in den konkreten Losungen, die ich fur einzelne Fragen schon
gegeben habe, fur andere, wenn ich noch einige Zeit zu leben habe,
noch geben werde - lieber ware es mir, wenn sie andere geben
werden ich glaube, man wird schon durchaus zurechtkommen.
Ich mochte hier wiederum betonen: nicht um ein Alleswissen
kann es sich handeln, sondern es handelt sich darum, dafi versucht
worden ist, einmal ohne Utopie das festzustellen, was bis ins
einzelne geschehen soli, auszugehen davon, dafi die drei Lebensge-
biete ganz verschiedene Lebensbedingungen haben, und dafi dann,
wenn die Menschen so zusammenwirken von den drei Lebensge-
bieten, qualitativ verschieden zusammenwirken, also nicht blofi par-
lamentarisch quantitativ, sondern qualitativ, da$ dann erst die konkre-
ten Feststellungen sich in der richtigen Weise ergeben werden.
Geradeso muft ich sagen: fur mich steht diese Dreigliederung des
sozialen Organismus so fest, dafi ich dieses Feststehen vergleichen
mochte ungefahr, also naturlich cum grano salis, mit dem Feststehen
des pythagoraischen Lehrsatzes. Man kann ihn auch nicht iiberall,
in alien Fallen beweisen, aber man kann beweisen, daft man ihn
brauchen kann. Die Dreigliederung braucht durchaus nicht abstra-
hiert zu sein von allem einzelnen, aber sie ist in alien Einzelheiten
anwendbar, in diesem Falle praktisch anwendbar, indem in dem
drei gliedri gen Organismus eben das Staatsleben, Wirtschaftsleben
und Geistesleben so organisiert wird - es wird eine Praxis erreicht
werden.
Die ja naturlich sehr weitgehenden Fragen des Herrn Oberrich-
ters L. zu beantworten, wiirde, glaube ich, heute abend zu lange
dauern; aber es ist vielleicht doch ersichtlich, da£ es sich hier iiberall
darum handelt, von der konkreten Gestaltung der Wirklichkeit
auszugehen, und daft es daher mit abstrakten Antworten aufieror-
dentlich schwierig ist, weil man eben in der vollen Wirklichkeit
drinnenbleiben will.
Ich mochte nur noch darauf zuriickkommen: ich finde es auch
aufierordentlich interessant, daft innerhalb des franzosischen Volks-
tums gerade der Syndikalismus heraufgekommen ist, und glaube,
dafi man diese Frage am besten lost, wenn man das Vergesellschaften
studiert. Es ist sehr interessant, die verschiedenen Nuancen des
englischen und des franzosischen Sozialismus zu studieren. Der
englische Sozialismus ist im Grunde genommen eine abgeschwachte
kapitalistische Methode. Es ist eigentlich durchaus dasjenige, was
im Kapitalismus wirkt. Also das rein wirtschaftliche Element ist
eigentlich in der englischen Arbeiterfrage im grofien nur eben auf
die Interessen des Arbeiters zugespitzt; aber es ist nicht ganz
herausgegangen, so dafi der englische Sozialismus eine wirtschaft-
lich opportunistische Farbung hat.
Der deutsche Sozialismus hat mit einer militarischen Tiichtigkeit
und mit militarischem Organisationsgeist den Marxismus aufge-
nommen, und er hat eine stramme militarische Organisation be-
kommen. Und wer, wie ich, gewirkt hat in einer Arbeiter-Bildungs-
schule, die ganz aus der Sozialdemokratie herausgewachsen war,
allerdings auch durch seine nichtmarxistische Orthodoxie, also
durch seinen Nicht-Marxismus herausgeworfen worden ist, indem
man gesagt hat: Nicht Freiheit, sondern ein verniinf tiger Zwang -
der kann schon dariiber urteilen. Der deutsche Sozialismus ist im
Grunde genommen etwas, was ganz drinnensteht in demselben
Geist, der den preufiischen Militarismus hervorgebracht hat.
Der franzosische Svndikalismus ist doch das - wirklich ohne
irgendeiner Volksart etwas zugute sagen zu wollen oder ohne dem
Deutschen etwas anzuhangen der franzosische Syndikalismus ist
doch dasjenige, was ich durch seinen assoziativen Charakter als den
besten Anfang gerade zu dem sehen muE, was ich mir als die
Assoziation im Wirtschaftsleben denken mufi. Und serade wenn ich
es vergleiche mit dem englischen und mit dem deutschen Sozialis-
mus, dann sehe ich doch, dafi es hervorgeht aus demselben, was ich
versuchte zu charakterisieren, aus der demokratischen Gesinnung.
Es sind zwei Seiten; die eine Seite hat sich gezeigt bei dem Biirger-
tum, die andere Seite bei den Arbeitern. Und was sich bei dem
Burgertum eben mehr kapitalistisch und rentiermafiig ausgestaltete,
das ist beim Arbeiter die syndikalistische Ausgestaltung. Es ist nur
Avers- und Re vers- Seite.
Also ich glaube, da£ diese drei verschiedenen Nuancen, die
englische, franzosische und die deutsche Nuance des Sozialismus,
zusammenhangen mit den Qualitaten des Volkstums.
Und da kommt man dann auf eine Frage, die ich fur aufieror-
dentlich wichtig hake. Man soil eben auch nicht von einem allge-
meinen Sozialismus ausgehen und soil nicht glauben, dafi es einen
abstrakten Sozialismus gebe, sondern soli fragen : Wie mull ein jedes
Volkstum aus seinen eigenen Entitaten heraus behandelt werden? -
Und derjenige, der von westeuropaischen Beobachtungen kommt,
sie hier in der Schweiz noch bebriitet hat, nach Rutland geht und
dem russischen Volk etwas ganz Fremdes aufdrangt, der zerstort
eigentlich das, was sich aus dem russischen Volk heraus hat bilden
konnen. - Aber, wie gesagt, es konnen heute nicht alle sozialen
Fragen mehr gelost werden.
ANSPRACHE VOR DEM
SCHWEIZER STAATSBURGER-VEREIN
Dornacb, 18. April 1920
Meine sehr verehrten Anwesenden! Auf Ihren Wunsch darf ich
Ihnen heute einiges auseinandersetzen iiber den sozialen Impuls,
der unter dem Namen der Dreigliederung des sozialen Organismus
der Welt gegeniibertreten will - gegeniibertreten will zunachst von
hier aus. Und er darf gerade von hier aus in die Welt getragen
werden aus dem Grunde, weil hier Geisteswissenschaft getrieben
werden soli und eigentlich heute schon weiteste Kreise begreifen
konnten, dafi eine Gesundung der allgemeinen Weltenverhaltnisse
doch nur durch eine geistige Vertiefung kommen kann.
Es erwartet uns nach diesem kurzen Vortrage noch die Besich-
tigung des Baues, und Sie werden daher begreifen, dafi ich mich kurz
fassen will, und Sie nur aphoristisch auf das Wesentlichste des
Dreigliederungsgedankens heute hinweisen kann.
Dieser Dreigliederungsgedanke ist nicht etwa ganz neu, sondern
er ist entsprungen aus einer jahrzehntelangen Beobachtung der
europaischen, namentlich der mitteleuropaischen Verhaltnisse und
namentlich aus der Beobachtung derjenigen Verhaltnisse, welche zu
der Schreckenskatastrophe der letzten fiinf bis sechs Jahre gefuhrt
haben.
Fur denjenigen, der heute zu Ihnen spricht, kamen diese Verhalt-
nisse, unter denen ein grofier Teil der Welt heute furchtbar leidet,
nicht uberraschend. Es war im Fruhling des Jahres 1914, da hielt ich
vor einem kleineren Kreise in Wien - gerade in Wien, Sie wissen ja,
der Weltbrand ist von Wien ausgegangen! - eine Reihe von Vortra-
gen, Innerhalb dieser Vortrage mufite ich sagen, einfach unter der
Verpflichtung, mochte ich sagen, gegeniiber der Zeit heraus, dafi
man sich nicht soli beruhigen dabei, immerfort nur die Grofiartig-
keit der Entwickelung der Gegenwart in alien moglichen Worten zu
preisen, sondern dafi man hinschauen soil auf dasjenige, was sich
vorbereite. Und ich mufite dazumal sagen — also es war im Friih-
friihling des Jahres 1914, viele Wochen vor dem Ausbruche des
Weltkrieges ! : Wer die sozialen Verhaltnisse Europas mit einem
gewissen Kennerblick iiberschaut, der kann gewisse Erscheinungen,
namentlich in unserem Wirtschaftsleben, nur vergleichen mit einer
Art sozialer Krebskrankheit, die in kiirzester Zeit zu einem furcht-
baren Ausbruch kommen miisse.
Sehen Sie, jemanden, der im Friihling des Jahres 1914 so etwas
gesagt hat, den hat man als einen vertraumten Idealisten angesehen,
der pessimistische Ansichten hegt. Und diejenigen, die sich dazumal
«Praktiker» gediinkt haben, die haben gesprochen davon, dafi die
allgemeine politische Lage sich entspanne, daft die besten Bezie-
hungen zwischen den Regierungen Europas seien und so weiter.
Heute darf wohl darauf hingewiesen werden, daft nicht der
Idealist dazumal Unrecht gehabt hat mit seiner Vorhersage, sondern
die zehn bis zwolf Millionen Menschen, die seither durch den
Weltbrand getotet worden sind, und die dreimal soviel, die zu
Kriippeln geschlagen sind innerhalb der zivilisierten Welt, die
liefern wohl den hinlanglichen Beweis dafiir, daft der « Idealist*
dazumal solche Worte sprechen durfte.
Man wird an die Stellung, die dazumal die Leute, die sich
praktisch dunkten, einnahmen, auch heute in einer gewissen Weise
wiederum erinnert. Denn auch heute wird demjenigen kaum voll
geglaubt, der davon spricht, daft wir keineswegs am Ende des
europaischen Niederganges sind, sondern daft wir immer weiter
und weiter hinunter uns bewegen werden auf der schiefen Ebene,
wenn nicht in einer geniigend groften Anzahl von Menschen die
Erkenntnis aufdammert, wie diesem allgemeinen Niedergange ent-
gegenzusteuern sei.
Auch heute wird mancher sagen, man rede pessimistisch, wenn
man eine solche Prognose stellt. Man redet nicht pessimistisch, man
redet nur aus einer Erkenntnis der Verhaltnisse heraus.
Und so wie man heute, gewissermaften durch Geisteswissen-
schaft gestarkt, einen tieferen Blick in die Verhaltnisse tun kann, so
konnte man es seit Jahrzehnten. Man konnte sorgfaltig beobachten,
wie sich die einzelnen Staatenverhaltnisse untereinander in Europa
immer mehr und mehr zu gegensatzlichen entwickelten, wie dasje-
nige, was als Mafinahme getroffen worden ist, durchaus nicht
hinlanglich war, um das, was sich iiberall als Ziindstoff anhaufte, zu
bewaltigen. Und man mufite voraussehen dasjenige, was kommt:
die Schreckensjahre, die wir nun scheinbar hinter uns haben.
Heute darf aber gesagt werden, dafi eben vor diesen furchtbaren
Jahren keine, wenn ich mich so ausdriicken darf, keine Ohren da
waren, um diese Dinge zu horen. Es mufite erst iiber einen grofien
Teil Europas die furchtbare Not kommen, die jetzt da ist. So mufite
man sich sagen dazumal, es waren nicht Ohren da um zu horen, und
man mufi audi heute noch warten damit, ob man wirklich gehort
werde. Dennoch, trotz der Not, trotz der furchtbaren Lehre, die
uns die letzten Jahre gebracht haben, kann man nicht sagen, dafi
gerade die Idee der Dreigliederung, die aus einer sorgfaltigen Beob-
achtung der Verhaltnisse hervorgegangen ist, in entsprechender
Weise heute schon aufgenommen werde. Und da mochte ich Ihnen
denn gleich im Anfange von dem Grund sprechen, warum man sich
so sehr gegen diese Idee von der Dreigliederung stemmt, warum
man sie fur eine Art Utopie, fur eine Art Phantasiegebilde halt.
Sehen Sie, das kommt davon her, weil Verhaltnisse so verwickel-
ter Art, Verhaltnisse, die die Verheerung, das Chaos so ausgebreitet
hatten, eigentlich noch niemals da waren in der ganzen Menschheits-
entwickelung! Die Menschheit hat viel durchgemacht; zu bestimm-
ten Zeiten ist auch iiber Europa viel niedergegangen. Verhaltnisse,
wie sie jetzt sind, waren in der Zeit der geschichtlichen Entwicke-
lung wirklich noch nicht da.
Es haben es die Umstande mit sich gebracht, dafi friiher kleine
Gruppen der Menschheit ergriffen worden sind von Niedergangser-
scheinungen. Selbst als das grofie Romische Reich seinem Nieder-
ffanw pnto-pcr^ncrjno Ao, war Acts im Vpf-hal 1 " 1 * 115 Z 11 d' 3 *" cra^Z* 11 " Erde
doch ein kleines Gebiet. Heute werden durch die Verquickung der
Verhaltnisse, die wir eigentlich iiber die ganze ziviiisierte Erde
ausgebreitet haben, die Niedergangserscheinungen sichtbarer. Kein
Wunder, dafi daher es auch notwendig ist, nun nicht eine kleine
Idee, wie man auf dem oder jenem beschrankten Gebiet, das oder
jenes verbessern kann, heute fruchtbar machen kann, sondern dafi
eine umfassende Idee notig ist, eine Idee, die wirklich auch so tief
eingreift, wie die Verwirrung tief ist. Eine solche Idee mochte die
Dreigliederung des sozialen Organismus sein. Aufier dem, dafi sie
hervorgegangen ist aus der Beobachtung der wirklichen Verhalt-
nisse, ist sie auch hervorgegangen aus der Betrachtung der geschicht-
lichen Zeitpunkte, in denen sich die Menschheit in der Gegenwart
befindet. Und auch deshalb, weil sie eigentlich mit der ganzen
zivilisierten Menschheit der Gegenwart rechnet, diese Dreigliede-
rungsidee, deshalb kommt man ihr so ablehnend entgegen. Man halt
sie fur eine Utopie, man halt sie fur irgend etwas, was ausgedacht ist.
Sie ist aber das Wirklichste, oder will wenigstens sein das Wirklich-
ste, das sich in die gegenwartigen Verhaltnisse hereinzustellen hat.
Wenn wir namlich die Entwickelung der geistigen, der staatli-
chen, der wirtschaftlichen Verhaltnisse in der Gegenwart iiber-
blicken, so miissen wir sie anschliefien an dieselbe Entwickelung der
letzten drei bis vier Jahrhunderte. Was weiter zuriickliegt, das hat
einen ganz anderen Charakter. Die letzten drei bis vier Jahrhun-
derte, und namentlich das 19. Jahrhundert und bis in unsere Tage
herein, haben die Menschheit in einen ganz besonderen Entwicke-
lungszustand hineingebracht. In einzelnen Teilen bemerkt man das
noch nicht. Mit vollem Recht ist hier von der Gesundheit des
Schweizer Volkes gesprochen worden. Auf sie mufi fur die Zukunft
gerechnet werden. Aber es ist dazu auch notwendig, damit diese
Gesundheit bleibe, dafi man sich keinen Illusionen hingibt, dafi etwa
gegeniiber all dem jetzt Zusammenbrechenden ein kleines Gebiet
jetzt isoliert bleiben konnte. Dieses kann nicht sein.
Sehen Sie, es gibt heute in Mittel- und Siidosteuropa grofie
Gebiete, von denen Sie wissen, wie sehr sie unter dem Herab-
kommen der Valuta leiden. Dieses Herabkommen der Valuta, dem
Volkswirtschafter tritt es entgegen, ich mochte sagen, als eine grofie
Erscheinung gegeniiber kleinen Erscheinungen, die es friiher auch
immer gegeben hat. Man wuike, wenn die Valuta auf irgendeinem
Gebiete fallt, dann wird dadurch die Einfuhr in das betreffende
Gebiet etwas untergraben; die Ausfuhr wird dadurch um so mehr
gefordert. Dieses Gesetz, es lafk sich nicht mehr anwenden auf die
Verheerungen der Wirtschaftsverhaltnisse, die in Mittel- und Ost-
europa eingetreten sind.
Aber bis jetzt hat sich bloft gezeigt, welches die Nachteile des
Sinkens der Valuta in gewissen Gebieten sind! Sie werden nicht sehr
lange dazu brauchen, urn einzusehen, wie grofi die Nachteile des
Steigens der Valuta in einem Lande sind! Die werden kommen, und
es wird gar nicht so lange dauern, dann werden die Lander mit
sinkender Valuta, wo die Wirtschaftsverhaltnisse zuriickgehen,
nicht allein stehen in ihrer Sorge, es werden die Lander mit steigen-
der Valuta mit furchtbaren Gefuhlen an ihre hohe Valuta denken.
Diese Dinge, die zeigen dem, der in die Verhaltnisse hinein-
schauen kann, nur, wie dadurch, dafi heute im Grunde das Wirt-
schaftsgebiet der Erde doch eine Einheit bildet, trotz aller Staaten-
gliederungen, wie das Wohl und Wehe eines kleinen Gebietes der
Erde von dem Wohl und Wehe der ganzen Erde abhangt. Daher
kann auch heute nur iiber die sozialen Verhaltnisse in ganz interna-
tionalem Sinne gedacht werden.
Uberblickt man dasjenige, was uns eigentlich in die heutige Lage
hineingebracht hat, so mufi man sagen: Wir sehen, wie weit wir es
gebracht haben - heute sieht man es noch nicht -, aber man konnte
eigentlich sagen, man konnte es sehen an der Mifibildung des
europaischen Ostens, an der Mifibildung von Rufiland. Man mufi
schon sagen: Solche Dinge sind tief bezeichnend, wie wir sie jetzt
zum Beispiel - ich will eine Kleinigkeit erwahnen, aber sie ist tief
bezeichnend -, wie wir sie jetzt aus Rufiland lesen. Sie konnten
lesen, dafi Trotzki die Leute aufgefordert hat, den 1. Mai nicht zu
feiern, sondern am 1. Mai zu arbeiten. Ich bitte Sie, da driiben in
Rutland soli das Ideal der Sozialisten in grofiem Mafistab verwirk-
licht werden - ein Paradies wurde den Leuten versDrochen. Dasieni-
ge, was das Proletariat durch Jahrzehnte hindurch als sein Manifesta-
tionszeichen bezeichnet hat - die Maifeier -, das ist etwas, was da
abgeschafft werden muE. Es ist nur ein Ausdruck fur dasjenige, was
da alles abgeschafft werden muE! Man hat lange Zeit gesprochen
von dem Schlirnmen des Militarismus, eewifi mit Recht davon
gesprochen. In Rufiland wird gegenwartig die Arbeit militarisiert.
In Rufiland wird gegenwartig gesagt, es sei ein Unsinn, dafi der
Mensch hier auf dieser Erde iiber seine eigene Person verfugen solle.
Eine Freiheit des Verfiigens iiber seine eigene Person konne es nicht
geben. - Das zeigt so recht die Friichte in dem extremen Falle, zu
dem es die Entwickelung der letzten drei bis vier Jahrhunderte
gebracht hat. Auf diese Dinge mufi man hinschauen. Man mufi sich
klar dariiber sein, dafi dieser Staat - ich meine jetzt nicht den
einzelnen Staat, sondern den Staat iiberhaupt -, der sich aus ganz
andersartigen Verhaltnissen eben im Laufe dieser letzten drei bis
vier Jahrhunderte entwickelt hat, dafi dieser sich uberladen hat mit
Dingen, die der Staat als solcher nicht besorgen kann. Denn warum?
Sehen Sie, wir miissen, um solche Dinge wirklich niichtern und
klar, ohne Phantastik, zu betrachten, uns schon zu dem Gedanken
aufschwingen, dafi das ganze Leben der Menschheit etwas Ahnli-
ches ist wie das Leben des einzelnen Menschen. Wir konnen nicht
das Leben des einzelnen Menschen so beschreiben, dafi wir immer
sagen: Nun, wenn der Mensch vierzig Jahre alt ist, so ist er mit
vierzig Jahren in der Welt die Wirkung der Ursache, die mit dem
neununddreifiigsten Jahre da war, die im neununddreifiigsten Jahre
sind die Wirkung von dem achtunddreifiigsten Jahre und so weiter.
Das kann man nicht sagen, sondern es ist eine innere gesetzmafiige
Entwickelung im Menschen. Der Mensch bekommt durch eine
innere Gesetzmafiigkeit um das siebente Jahr herum die zweiten
Zahne. Er macht andere Entwickelungsstadien durch in spateren
Jahren. Es lebt im Inneren des Menschen ein gewisser Impuls, der
ihn in einer gewissen Zeit fur etwas reif macht. So ist es auch mit der
ganzen Menschheit. Dasjenige, was in der ganzen Menschheit
heraufgekommen ist im Laufe der letzten drei bis vier Jahrhunderte,
das ist etwas, dem die Menschheit nicht entgehen kann.
Man konnte gar nicht anders innerhalb der Menschheit, als den
Ruf ertonen lassen nach Demokratie. Was man auch fur Ideale
hingestellt hat, im aufieren sozialen Leben, das Ideal der Demokra-
tie, das ist dasjenige, das am allermeisten die Menschheit der Gegen-
wart ergriffen hat, und auch ergreifen mufi. Es mufi dasjenige, was
Staat ist, demokratisch werden, demokratisch werden im weitesten
Umfange. Gerade in der Schweiz sollte man so etwas empfinden, wo
man ja die alte Demokratie hat, aber wo man auch wahrnehmen
wird nach und nach die Notwendigkeit, diese Demokratie von
gewissen Gebieten zu entlasten.
Was heifit denn Demokratie? Demokratie heifit: die Moglichkeit,
dafi die Menschen in bezug auf dasjenige, was fiir alle gleiche
Angelegenheiten sind, was fiir jeden miindig gewordenen Menschen
Angelegenheit des Lebens ist, dafi dariiber die Menschen, sei es
durch Referendum, sei es durch Vertretung, selber entscheiden. Das
ist zuletzt das Ideal der Demokratie, das gleiche unter den Men-
schen in bezug auf die Entscheidungen jetzt alles desjenigen, was
von miindig gewordenen Menschen gleich ist - nach diesem strebte
der Staat. Aber was strebte der Staat, der sich eben im Laufe der
Geschichte entwickelt hat, der aus ganz anderen Verhaltnissen
hervorgegangen ist, blofi an? Zwei Gebiete konnen niemals im
Menschenleben demokratisch entschieden werden: das eine Gebiet
ist dasjenige des Geisteslebens und das andere Gebiet ist dasjenige
des Wirtschaftslebens. Gerade, wer es ehrlich meint mit der Demo-
kratie, der mufi sich klar dariiber sein: Wenn voile Demokratie
werden soil, dann mufi aus dem Gebiete des blofi demokratischen
Staates ausgesondert werden auf der einen Seite das Geistesleben,
auf der anderen Seite das Wirtschaftsleben.
Wer beobachten kann auf diesem Gebiete, der kann an nahelie-
genden Beispielen einsehen, wie unmoglich es ist, in das demokra-
tisch politische Gebiet das Geistesleben als solches hineinzutragen.
Ich will nicht von den hiesigen Verhaltnissen sprechen, das kommt
mir nicht zu; aber es geht ja gar nicht, diese Verhaltnisse nur von
einem kleinen Gesichtspunkte heute ins Auge zu fassen, sondern
man mufi die ganze Welt iiberbiicken, die ganze zivilisierte Welt
wenigstens.
Sehen Sie sich aber den ehemaligen, bis zum Jahre 1914 und
dariiber hinaus scheinbar bestandenen deutschen Reichstag an, so
haben Sie so recht das Beispiel, wie sich der Staat - ob er nun mehr
odcr weniger demokratisch ist, darauf kommt es nicht an m dieseni
Falle - iiberladen hat mit rein geistigen Angelegenheiten. Sie haben
unter den Parteien des deutschen Reichstags eine sehr grofie Partei
gehabt, das sogenannte Zentrum. Es spielt gegenwartig wiederum in
jener Metamorphose des alten Reichstags, die man Nationalver-
sammlung nennt, eine Rolle, das Zentrum. Dieses Zentrum hat
keine anderen Interessen gehabt, als lediglich religiose, das heifit
geistige Angelegenheiten. Kam irgendeine wirtschaftliche, kam eine
politische Frage in Betracht, so wurde sie entschieden durch irgend-
einen Kompromift, den man von dem Zentrum aus mit anderen
Parteien schiofi. Aber es ist ganz selbstverstandlich, dafi dieses
Zentrum immer nur das Interesse hatte, seine eigenen geistigen
Interessen zu fordern. Kurz, fuhrt man den Gedankengang zu
Ende, so zeigt es sich, daft dasjenige, was nur geistige Angelegenheit
ist, nicht hineingehort in das politische Parlament.
Nehmen Sie das Wirtschaftsleben. Sehen Sie, Osterreich, das ist ja
das Land, das so recht zeigt, ich mochte sagen, das ein Schulbeispiel
fur das ist, was sich entwickelt hat unter den neueren Verhaltnissen,
dafiir, dafi eben die Lander zugrundegehen miissen. Nur, Oster-
reich ist das Schulbeispiel fur Zugrundegehendes !
Derjenige, der, wie ich selber, dreifiig Jahre seines Lebens in
Osterreich zugebracht hat, und sehen konnte die Entwickelung im
letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, der konnte alle die Verhaltnisse
heraufkommen sehen, die sich dort entwickelt haben, konnte sehen
alle die neueren sozialen Zustande eintreten. Da dachte man auch in
Osterreich ein Parlament zu machen. Aber wie machte man dieses
Parlament? Man machte vier Kurien: die Kurie der Stadte, die Kurie
der Lander, der Gemeinden, die Kurie der Groftgrundbesitzer -
lauter Wirtschaftskurien, Wirtschaftsassoziationen wurden ge-
macht, und in das politische Parlament hineingewahlt. Die ent-
schieden dann von ihrem wirtschaftlichen Gesichtspunkte aus iiber
dasjenige, was offentliches Recht sein sollte. Da haben Sie das
andere Beispiel! An dem deutschen Reichstag haben Sie das Beispiel,
wie sich eine rein Geistiges erstrebende Partei als ein Storenfried
entpuppt im rein wirtschaftlichen Parlament. In Osterreich haben
Sie ein Parlament aufgebaut auf reinen wirtschaftlichen Kurien, und
wer beobachten konnte die Verhaltnisse, der weifi, dafi dieses
Parlament niemals imstande war, dasjenige zu bewaltigen, was zum
Beispiel gerade in Osterreich notwendig gewesen ware: die geistigen
Verhaltnisse, insoferne sie sich kundgegeben haben in den welt-
lichen Verhaltnissen der Nationalitaten, zu regeln.
In Osterreich konnte man noch etwas anderes sehen. Da war der
Staat nur politisches Gebiet. Dreizehn offizielle Sprachen waren da.
Diese dreizehn offiziellen Sprachen, man konnte sie nicht unter
einen Hut bringen; man konnte sie unter dem Eindrucke nicht unter
einen Hut bringen, denn die Leute mit den verschiedenen Sprachen
hatten in Osterreich die verschiedensten geistigen Interessen. Man
hat versucht, auf privatem Wege manches zu erhalten. Oh, ich war
oft dabei, wie man, wissen Sie, solche langen Strohfaden, die in den
sogenannten Virginia-Zigarren stecken, wie man die amerikanisch
versteigert hat zugunsten der Schulvereine ! Damit wurden die
Schulvereine gegnindet, um aus den geistigen Interessen selber
heraus etwas zu tun, was der Staat als solcher nicht tun konnte. Aber
man war zu sehr versessen in die Einheitsstaat-Idee, als dafi solche
privaten Begriindungen eine groftere, breitere Wirkung erzielen
konnten. Und so konnte ich Ihnen bis morgen friih erzahlen von
der Unmoglichkeit, gewisse Dinge zusammenzuhalten, die der mo-
derne Staat zusammenhalten will.
Die Mittelstaaten Europas und Rufiland, sie haben am eigenen
Leib erfahren miissen, daft dieser Einheitsstaat nicht bestehen kann
so, wie er bisher bestanden hat. Diejenigen, die noch nicht von
diesem Schicksal betroffen sind, die glauben heute noch, es lafit sich
abwenden. Es wird sich nicht abwenden lassen, wenn man nicht
zum Rechtlichen die Idee falk, wie aus dem menschlichen Willen
heraus den Zustanden abgeholfen werden konne. Da ist es doch, wo
wirklich aus reichlicher Beobachtung heraus und aus der Erwagung
der geschichtlichen Verhaltnisse heraus, die Idee der Dreigliederung
einsetzen will. Sie sagt: Imnier ehrlicher und ehrlicher miissen die
Menschen im Streben nach Demokratie werden. Dann aber mufi das
demokratische Prinzip sich beschranken auf das blo&e Staatsprin-
zip, in derm ieder Mensch iiber alles, was alle miindig gewordenen
Menschen angeht, in gleicher Weise zu entscheiden hat. Wie gesagt,
entweder durch Referendum oder durch Vertretung. Dann aber
mufi ausgesondert werden von diesem Staatsgebilde, von dem, was
streng parlamentarisch zu verwalten ist, mufi ausgegliedert werden
auf der einen Seite das gesamte geistige Leben. Dieses gesamte
geistige Leben, es ist ja immer mehr und mehr in den letzten
Jahrhunderten in die Macht des Staates gekommen, und noch heute
betrachten die meisten Menschen das als einen groften Vorzug der
modernen Staatsidee, das Geistesleben, namentlich das Schulwesen,
aufzusaugen. Da kampft man noch sehr gegen die furchtbarsten
Vorurteile. Aber man sieht eben in der Welt die Zusammenhange
nicht.
Wenn Sie sich aber fragen: Woher ist es denn eigentlich gekom-
men, daft wir heute nicht nur vor lauter Klassenkampfen, sondern
vor dem Gutheiften der Klassenkampfe stehen? Daft wir stehen vor
jeglichem Mangel an Verstandnis der Menschen untereinander?
Daft wir es erleben, daft in Ruftland ein paar Hunderttausende von
Menschen heute tyrannisch herrschen iiber Millionen von Men-
schen und vorgeben, demokratisch zu sein, woher ist denn das alles
gekommen? Es hat sich langsam vorbereitet. Man braucht an ein
einziges Wort zu denken - ich habe darauf aufmerksam gemacht in
meinem Buche «Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebens-
notwendigkeiten der Gegenwart» -, um einzusehen, warum aus
dem Irrtum heraus ein grofter Teil der Menschheit heute, derjenige
Teil der Menschheit, der das Proletariat enthalt, aufsteht und glaubt:
Nur aus dem heraus, was Ihnen ja sattsam bekannt ist, irgendeine
Umgestaltung der Verhaltnisse bewirken zu konnen. Das einzige
Wort, das man zu nennen braucht, das ist dasjenige, was man horen
konnte in alien, alien sozialdemokratischen Veranstaltungen durch
Jahrzehnte: es ist das Wort «Ideologie». Und dieses Wort Ideologic,
meine sehr verehrten Anwesenden, das weist hin auf den ganzen
Gang, den die materialistische Weltanschauung in der neueren Zeit
genommen hat.
Man mag iiber die friiheren Verhaltnisse der Menschheit denken
wie man will, wir wollen ganz gewift nicht die friiheren Verhaltnisse
wieder herauffiihren, wollen vorwarts und nicht zuriick; aber man
mufi doch sagen: Man schaue sich den Menschen der Vorzeit an! Er
wulke, dafi in seiner Seele etwas lebt, das eine unmittelbare Verbin-
dung hat mit dem Geistigen, das die Welt durchzieht. Was weift
schliefilich der Mensch seit der Mitte des 15. Jahrhunderts von
diesen Zusammenhangen seines Inneren mit einem Geistigen in der
Welt! Die Sonne, sagt man ihnen, das ist ein gliihender Gasball. Was
wissen die Menschen heute iiber die Sterne, iiber die Sonne! Fragt
man unsere Gelehrten: Wovon ist die Erdenentwickelung ausge-
gangen? — da wird gesagt: Das war einstmals ein Dunstnebel; da
haben sich Sonne und Planeten abgeschniirt im Laufe von Tausen-
den von Jahren. Darein haben sich ja auch die Menschen ergeben,
das einzusehen! Ich habe schon ofter hingewiesen auf die Schilde-
rung von Herman Grimm, der sagte: Kiinftige Menschen werden
grofte Miihe haben, den Wahnsinn zu begreifen, der in dieser
Kant-Laplaceschen Idee von dem Herkommen der Erde aus dem
Urnebel spricht. - Aber heute betrachtet man das als eine grofie
Entwickelung und Wissenschaft.
Dasjenige, was da gepflegt worden ist, das hat dann die mannigfal-
tigsten Stromungen aus sich herausgetrieben, und diese Stromun-
gen, die sind eingeflossen in das Proletariat. Und im Grunde genom-
men ist dasjenige, was heute in Rutland von Trotzki und Lenin
vertreten wird, nur die letzte Konsequenz desjenigen, was unsere
Gelehrten an den Universitaten als Materialismus gelehrt haben.
Hier in der Schweiz war ein Mann, der viel gepoltert hat, schon in
den siebziger Jahren, der aber durchschaut hat, was sich naht. Man
hatte ihn nicht gern, weil er viel gepoltert hat, Johannes Scherr. Aber
neben manchem Poltern hat er auch Wichtiges gesehen. Und er hat
in den siebziger Jahren bereits gesagt: Wenn man hinschaute auf die
wirtschaftliche Entwickelung, wenn man hinschaute auf das geistige
Leben, wie es immer mehr und mehr herunterkommen mufite, so
wird man zuletzt dahm kommen, dafi Europa sich sagen muft:
Unsinn, du hast gesiegt!
In den letzten fiinf bis sechs jahren konnte man es und bis heute
kann man es noch immer sagen: Unsinn, du hast gesiegt!
Ideologic, was heifk es denn? Das heifit nichts anderes als: Alles
geistige Leben ist schlieftlich nur ein Rauch, der aufsteigt aus dem
bloften wirtschaftlichen Leben. Die wirtschaftlichen Verhaltnisse
sind die einzige Realitat, so predigt der Marxismus in alien Tonar-
ten. Und dasjenige, was sich aus den wirtschaftlichen Verhaltnissen
ergibt, ist dasjenige, was der Mensch als seinen Seeleninhalt in sich
tragt. Recht, Sitte, Religion, Wissenschaft, Kunst: alles Ideologic
Das ist die Saat, die aufgegangen ist: Ideologic, Unglaube an das
geistige Leben.
Woher kommt dieser Unglaube? Dieser Unglaube, er kommt von
der Verquickung des geistigen Lebens mk dem Staatsleben in den
letzten Jahrhunderten. Denn das geistige Leben, meine sehr verehr-
ten Anwesenden, kann nur gedeihen, wenn es ganz allein auf seinen
eigenen Boden gestellt ist. Denken Sie sich - ich will nur das
Schulwesen herausgreifen, denn es ist das wichtigste Gebiet des
offentlichen Geisteslebens -, das Schulwesen ist so geordnet, dafi
diejenigen, die lehren, diejenigen, die erziehen, zu gleicher Zeit die
Verwalter des Lehr- und Erziehungswesens sind. Denken Sie sich,
dafi der Lehrer der untersten Schulklasse niemandem anderen zu
gehorchen hat, als wiederum jemandem, dem er nicht gehorcht,
sondern dessen Rat er wiederum befolgt, der selber wieder im
Unterrichts- und Erziehungswesen drinnensteht. Jemand, der so
weit entlastet wird, dafi er zu gleicher Zeit verwalten kann das
Unterrichts- und Erziehungswesen, so dafi niemand hineinspricht
von irgendeinem politischen Departement in das geistige Leben
selbst, da$ das geistige Leben selber auf seinen eigenen Fiifien steht.
Sie konnen das in meinem Buche nachlesen. Ich habe versucht, die
Sache so anschaulich wie moglich zu machen, dafi nur ein solches,
auf sich selbst gestelltes Geistesleben uns von all den schadlichen
Wirkungen befreien kann, die uns in das Ungluck gestiirzt haben.
Aber nur ein solches auch, das unmittelbar aus dem Geistigen
heraus geschopft wird, kann im Grunde wiederum den Glauben an
den Geist, den Zusammenhang mit dem Geist wiederum erzeugen.
Ich mochte anschaulich werden. Wir haben in Stuttgart, weil dort
noch ein Schulgesetz, ich mochte sagen, eine kleine Liicke lafit, die
Waldorfschule gegriindet. Diese Waldorfschule ist eine wirkliche
Einheitsschule, denn es sind die Kinder der Arbeiter der Waldorf-
Astoria-Fabrik neben den Kindern der Fabrikanten und so weiter
alle nebeneinander; es ist eine wirkliche Einheitsschule, eine voll-
standige Volksschule, bis ins vierzehnte, funfzehnte Jahr hinein,
herausgekommen.
Ich habe fur die Lehrer, die ich selber ausgewahlt habe, einen
padagogischen Kursus gehalten, um so die Lehrer fur diese Schule
vorzubereiten, wo nur gelehrt werden soil nach Menschenkenntnis,
nach der Anschauung desjenigen, was aus dem Menschen heraus-
will; wo nicht nach irgendwelchen Vorurteilen gelehrt werden soil,
es miisse so und so sein, sondern aus dem Beobachten desjenigen,
was durch den Menschen hereinkommt in die Welt, was daraus
gelehrt werden soil. Ich habe dariiber in den verschiedensten Zeit-
schriften, auch hier dariiber berichtet, wie die Methoden in der
Waldorfschule eingerichtet worden sind. Dasjenige aber, was ich
Ihnen jetzt erwahnen will, ist dieses: Nicht wahr, wenn man einen
solchen Lehrgang halt fiir die Art und Weise, wie unterrichtet und
erzogen werden soil, dann richtet man sich nach dem, was die
Menschenkenntnis, was die wirkliche Geisteswissenschaft ergibt.
Aber im heutigen Schulwesen gibt es noch etwas anderes. Da gibt es
auch dasjenige, was die Padagogen glauben, daft es das richtige ist
fiir die Erziehung des Kindes. Dann aber ist immer mehr und mehr
etwas anderes gekommen. Ich muftte es mir anschauen, gerade weil
ich ganz praktisch vorgehen muftte, als ich die Waldorfschule mit
Bezug auf ihren geistigen Inhalt begriindete. Da sind aus dem
politischen Leben herauskommend die Verfiigungen: Erste Klasse:
das und das muft durchgenommen werden, das und das ist das
Lehrziel. Zweite Klasse: Das und das mufi durchgenommen wer-
den, das ist das Lehrziel. - Sehen Sie, das kommt vom politischen
Leben heriiber! Ist es nicht mit Handen zu greifen, daft das nicht
hineingehort, daft der, der nicht hineinschaut, der merits vom
Lehren und Erziehen versteht, daft der die Vorschriften geben muft?
Die Vorschriften muft lediglich der geben, der Padagoge ist, und der
soli auch nicht hiniibergerufen werden, als Experte in das Ministe-
Hum, sondern der soli im lebendigen Erziehen und Unterrichten
drinnenstehen. Das geistige Leben muE aus sich selbst heraus auch
auf alien Gebieten des Schulwesens, auf seinen eigenen Boden
gestellt werden. Dann wird der Geist wiederum die Menschen
ergreifen.
So dafi man sagen mufi: Der Staat verwirklicht ehrlich die Demo-
kratie, indem er sich entlastet von dem Geistesleben, das ganz auf
Sachkenntnis und Fachtiichtigkeit gestellt ist, in dem man ja wahr-
haftig nicht durch Majoritaten entscheiden kann, sondern nur nach
dem, was man weifi. Da handelt es sich darum, dafi wirklich nur das
Fachliche und das Sachliche entscheidet, dafi die Entscheidungen
kommen aus der Eigenverwaltung des Schulwesens. Das ist das eine
Gebiet, das ausgeschieden werden mufi aus dem Staatlichen. Das
andere Gebiet ist das wirtschaftliche. Sehen Sie, woher kommt denn
all dasjenige, was heute die Welt immer mehr und mehr hineintreibt
in eine allgemeine Wirtschaftskrise? Woher kommen denn solche
Dinge, wie sie zum Beispiel 1907 in Europa von einzelnen Leuten
sehr gut bemerkt werden konnten? Aber es ging dazumal, wenn
auch nicht ohne Schmerzen, so doch noch ohne grofiere Katastro-
phen fur die Weltwirtschaft voriiber, ich mochte sagen, nur mit dem
Wehtun von einigem voriiber. Dann war wiederum ein Gejubel bei
alien vorhanden liber die grofien wirtschaftlichen Fortschritte und
«wie wir es so herrlich weit gebracht» haben in der neueren Zeit.
Man hat nicht bemerkt, wie sich an ganz charakteristischen Erschei-
nungen dasjenige zeigt, was sich jetzt allmahlich zur allgemeinen
Weltkrisis entwickelt. Diese charakteristischen Erscheinungen . . .
Alle diese Dinge haben sich im kleinen und im grofien uberall
abgespielt. Sie sind im wesentlichen darauf zuruckzufuhren, dafi seit
dem Beginn des 19. Jahrhunderts allmahlich das Geld eigentlich der
Regent geworden ist iiber das gesamte Wirtschaftsleben. Das Geld
als Regent iiber das gesamte Wirtschaftsleben; was bedeutet denn
das? Sehen Sie, ob es sich um Weizen handelt - denn Sie miissen auf
den Geldwert sehen -, er kostet so und so viel Franken. Wenn Sie
Rocke kaufen, wenn Sie blofi auf den Geldwert sehen: Franken.
Kurz, das Geld, das spezifiziert sich nicht, das richtet sich nicht nach
der Konkretheit des Wirtschaftslebens. Das ist etwas, was so dasteht
im aufierwirklichen Leben, wie die abstrakten Begriffe im Geistes-
leben, mit denen man auch keinen Hund hinter dem Ofen hervor-
lockt in Wirklichkeit. Nur, daft die abstrakten, phantastischen
Begriffe nicht so viel Unheil anrichten, wie diese verallgemeinerte
Abstraktheit des Geldes. Man kann gerade darauf hinweisen, wie im
Laufe des 19. Jahrhunderts der Geldleiher allmahlich zum eigentlich
treibenden Motor in unserem Wirtschaftsleben geworden ist. Wah-
rend vorher blofi der wirtschaftliche, okonomische Mensch derjeni-
ge war, auf den es angekommen ist. Es ist allmahlich auch die
Moglichkeit entstanden, daft sich die Staaten in das Wirtschaftliche
hineingestellt haben, so dafi die Staaten selber Wirtschaftende ge-
worden sind.
Wenn man einmal unbefangen die Kriegsursachen untersuchen
wird, wird man feststellen: durch rein wirtschaftliche Verhaltnisse
sind die gekommen, und mufiten kommen, weil sich solche Verhalt-
nisse, wie ich sie angefiihrt habe, herausgebildet haben. Da wieder-
um liefert ein sorgfaltiges Studium Aufschliisse iiber dasjenige, um
was es sich handelt: dafi man zuriickkommen mufi zu einem
Zusammenkommen des Menschen mit dem wirtschaftlich Produ-
zieren selber. Der Mensch mufi wiederum herangefuhrt werden an
dasjenige, was er produziert. Der Mensch mufi wiederum zusam-
menwachsen mit Weizen und mit Roggen und mit dem allem, was er
sonst hervorbringt, und er mufi das Wirtschaftsleben wandeln nach
dem, was er hervorbringt. Und die Menschen diirfen es nicht
erzwingen, dieses Geld rein zu vermehren. Ohne dafi man an diese
Dinge denkt, kommt man nicht weiter. Eine Gesundung des Wirt-
schaftslebens ist nur moglich, wenn der Mensch wieder mit der
Wirtschaft zusammengefiihrt wird, aus dem Bediirfnis der Wirt-
schaft heraus arbeitet.
Das aber kann nur kommen, wenn man nicht vom Staate aus
organisiert. sondern wenn man die Menschen, die in den entspre-
chenden Wirtschaftszweigen drinnen stehen, zu Assoziationen
kommen lafit, wenn man Interessenwirtschaft ledigiich baut auf
Sachkenntnis und Fachkemitnis und Fachtiichtigkek im Wirt-
schaftsleben. Zweierlei ist notwendig: erstens, dafi man dasjenige
kann, was man produzieren will, und zweitens, dafi man das
Vertrauen der Menschen hat. Das aber kann man nur haben, wenn
man in dem entsprechenden Wirtschaftszweig drinnensteht und mit
ihm zusammengewachsen ist.
Dadurch aber ergeben sich die einzelnen Berufe, dadurch ergeben
sich die Gesetzmafiigkeiten der Produktion und Konsumtion. Da-
gegen konnen die einzelnen Wirtschaftsweisen nur dadurch in ein
bestimmtes Verhaltnis zueinander gebracht werden, indem die
einzelnen Assoziationen selbstandig arbeiten, kein Staat und keine
Obrigkeit hineinredet. So wie namentlich das Geistesleben vom
Staatsleben abgesondert auf seine eigenen Fiifte gestellt werden
muft, so das Wirtschaftsleben ebenfalls. Das Geistesleben kann
einzig und allein gedeihen, wenn der einzelne Mensch, der die
Fahigkeiten hat, diese Fahigkeiten auch zum Besten seiner Mit-
menschheit entfalten kann. Das Geistesleben wirkt am idealsten und
am sozialsten dann, wenn die einzelne Individuality, die begabt ist,
wirken kann im Dienste ihrer Mitmenschen. Das Wirtschaftsleben
wirkt am besten da, wenn diejenigen, die auf irgendeinem Gebiete
produzieren, oder wenn die Konsumentenkreise so sich miteinan-
der verbinden, dafi einfach durch das Bestehen der Assoziationen
und Verbindungen ein reales, nicht vom Gelde abhangiges Vertrau-
en da ist, wenn das Kreditwesen ein reales, nicht ein blofi fingiertes
ist, wie es in der abgelaufenen Periode der Fall war, und wenn man
wei&, dafi man irgendeinen Produktionszweig unterstiitzen kann,
weil in diesem Produktionszweige die Leute drinnenstehen, die man
nun kennengelernt hat, und die zusammengewachsen sind mit
ihrem Produktionszweig.
Das ist gewifi in kleinen Verhaltnissen noch der Fall; in den
grollen Verhaltnissen, die den eigentlichen Verderb herbeigefiihrt
haben, ist es nicht der Fall. Sehen Sie, ich konnte Ihnen nur
skizzieren, um was es sich bei der Dreigliederung handelt. Ich
konnte Ihnen nur zeigen, dafi gewissermafien die Menschheitsent-
wickelung bis zu dem Punkt gekommen ist, in dem dasjenige, was
man dem Staate als ein Einheitsgebilde aufgeladen hat, getrennt sein
will in drei selbstandige Gebiete: in das sich selbstandig verwaltende
Geistesleben, in das selbstandig sich verwaltende Staatsleben demo-
kratischer Art, das im besonderen das Rechtsleben sein wird, und in
das selbstandig sich auf eigene Fiifie stellende Wirtschaftsleben, das
wiederum ein gesondertes Gebiet darstellt. Allein das ist das Wesent-
liche: Ablesen an dem, wohin die zivilisierte Welt heme streben
sollte, und eigentlich auch streben will, nur dafi es den Menschen
noch nicht zum Bewufitsein gekommen ist, und dafi die Menschen
festhalten wollen an den alten Verhaltnissen.
Sehen Sie, es ist sehr merkwurdig, wie man gerade am Sozialde-
mokratismus sehen kann, so wie er sich heute entwickelt, das
konservativste Prinzip. Denn, was will denn dieser Sozialdemokra-
tismus? Er will den Staat zu einer einzigen grofien Genossenschaft
machen, durch die er alles militarisieren konnte. So konnte man
heute sagen, wenn man auf Rutland sieht, wo alles militarisiert
wird. Vom Militarisieren der Arbeit spricht man ja schon aus
russischen Verhaltnissen heraus, weil gerade die Sozialdemokratie
marxistischer Farbung sagt: Der Staat ist da. Dem laden wir nun
alles auf, die Erziehung und das Wirtschaftsleben und alles laden wir
ihm auf. - Das ist das Ungesunde! Gerade der sozialistische Gedan-
ke stellt die letzte, ungesundeste Konsequenz desjenigen dar, was
sich in den letzten Jahrhunderten heraufentwickelt hat.
Das Gesunde ist, einzusehen, daft dasjenige, was dem Staate
aufgeladen worden ist, was er aus seinem Demokratischen heraus
nicht entscheiden kann, von ihm losgetrennt und auf eigene Beine
gestellt werden mufi, das Geistesleben und das Wirtschaftsleben.
Man kann ja natiirlich begreifen, dafi sehr viele Menschen heute auf
solche Ideen nicht eingehen konnen, denn es ist dem heutigen
Menschen einmal anerzogen, den Staat als dasjenige zu betrachten,
was am besten durch eine gewisse Allmacht wirkt. Man meint es
eigentlich doch nicht ernsthaft mit dem demokratischen Gedanken,
wenn man dem Staate alles auflialsen will. Man meint es mit dem
demokratischen Gedanken nur dann ernsthaft, wenn man dasjenige
demokratisch behandelt sehen will, was gleich behandelt werden
kann unter alien miindieen Menschen. Wenn es auf den einzelnen
Menschen ankommt, auf seine Fahigkeiten, die er durch seine
Geburt aus anderen Welten in diese Welt hereintragt, dann handelt
es sich darum dafi diese Welt, diese geistige Welt, auch aus diesen
Fahigkeiten heraus organisiert werden mufi. Beim wirtschaftlichen
Leben handelt es sich darum, dafi man nicht iiber alles eine abstrakte
Organisation spannt, was die Geldwirtschaft durch ihre eigene
Wesenheit ist, sondern dafi aus dem konkreten Wirtschaftsleben
heraus gewirtschaftet werden konne. Aus dem konkreten Wirt-
schaftsleben heraus konnen sich aber nur Assoziationen bilden, die
sich zusammenschliefien, und die durch ihr gegenseitiges Verhaltnis
wirklich das erreichen, was ein gesundes Verhaltnis zwischen Kon-
sumierenden und Produzierenden sein kann. Gewifi, ein solcher
Gedanke, der gewissermafien auf alles dasjenige eingeht, was heute
nach dem Niedergange hindrangt, und der einsieht, dafi der Nieder-
gang nicht anders aufgehalten werden kann, als indem man griind-
lich nach einer Neubildung sucht, ein solcher Gedanke kann nicht
gleich verstanden werden. Man sieht ein, dafi er nicht gleich verstan-
den werden kann. Denn die Menschen sind doch eigentlich darauf-
hin organisiert, immer sich zu denken: Ja, jetzt geht es schlecht, aber
es wird schon wieder besser werden. Aus irgendeinem Winkel
heraus, so meinen sie, wird die Besserung kommen. So hat man es
auch gemacht zum Beispiel in Deutschland wahrend des Krieges.
Immer, wenn es schlecht gegangen ist, hat man gewartet, dafi aus
irgendeinem Winkel heraus die Besserung kommen werde. Sie ist
nicht gekommen! So sollte man auch heute nicht warten, dafi von
irgendwoher, man weift nicht woher, zunachst schon wiederum die
Verhaltnisse besser werden! Nein, die Menschheit ist heute — das
bezeugt gerade das Auftreten der Demokratie -, die Menschheit ist
heute in einem gewissen Grade dazu aufgerufen, sich reif zu beneh-
men. Reif ist man aber nur dann, wenn man nicht von irgend etwas
Unbestimmtem erwartet, es wird die Besserung kommen, sondern
wenn man sich sagt: Die Besserung kann nur von dem eigenen
Willen kommen, von einem einsichtigen Willen, der die Wirkung
durchschaut. [Lucke] Wenn doch nur ein Prozent der heutigen
zivilisierten Menschheit sich durchringen konnte zu einer klaren
Erkenntnis der Gefahr fiir die ganze zivilisierte Welt, und sehen
konnte, sehen konnte, wie notig die Zustande nach Dreigliederung
streben! Aber die Dreigliederung wird iiberall mit Fiifien getreten.
Wenn nur ein Prozent der Menschen bis zu einem gewissen Grade
die Dinge einsehen wiirde, so wiirde es besser werden. Denn nur
durch die Menschen kann die Besserung kommen! Das Schlimmste
war fiir die Menschheit immer der Fatalismus.
Aber das Allerschlimmste heme ist eben dieser Fatalismus! Neu-
lich konnten Sie hier in einem Blatte, das in Basel erscheint, einen
Brief eines Deutschen lesen, der da sagt: Wir miissen es in
Deutschland nun einmal hinnehmen, durch den Bolschewismus
durchzugehen. Dann, wenn wir durch den Bolschewismus durchge-
gangen sind, dann wird - man weifi nicht woher! - das Bessere
kommen.
Das ist der furchtbarste Fatalismus. Das ist die Folge davon, dafi
man im Grunde genommen das tiefste Wesen des Christentums
heute noch nicht versteht. Der Christus ist fiir alle Menschen in die
Welt gekommen. Er ist in die Welt gekommen nicht blofi fiir das
eine Volk, aus dem er hervorging; nicht blofi fiir den einen Volks-
gott kampfte er, denn er hat gelehrt: Nicht dieser eine Volksgott,
sondern dasjenige, was der Gott ist fiir alle Menschen, das ist es,
worauf es ankommt. Haben nicht in den letzten fiinf bis sechs
Jahren die Menschen zu dem alten Jehova wieder zunickgeschaut,
haben sie nicht iiberall fiir die Volksgotter gekampft, indem sie diese
Volksgotter mit dem Christus-Namen belegt hatten? War es der
wirkliche, alien Menschen zukommende Christus, von dem sie
gesprochen haben? - Nein, es war nicht der alien Menschen zu-
kommende Christus, von dem gesprochen wurde; es waren die
einzelnen Volksgotter! Und man spricht ja von den einzelnen
Volkern in diesem Sinne heute wie damals als denjenigen, die in sich
verkorpern ihre gesonderten Ideale. Man rau(S das Christentum
wiedemm als ein allgemeincs verstehen; aber nicht bloft mit Wor-
ten, sondern mit reifen Ideen.
Sehen Sie, indem ich so heute nur ein paar skizzenhafte Gedanken
angab in dieser kurzen Zeit, aber indem ich immer wieder und
wiederum zu den Leuten gesprochen habe iiber Dreigliederung, da
traten auch solche Menschen auf, die heute «gute Christen» sind,
das heifit mit Phrasen sind sie aufgetreten. Sie redeten von allem
moglichen; aber man sollte es heute doch sagen, meinten sie, dafi das
Christentum erfullt, der Christus wirklich werden soil. - Ich konnte
nur erwiedern: Es gibt ein Gebot: Du sollst den Namen deines
Gottes, den Namen deines Herrn nicht eitel aussprechen. - 1st man
deshalb ein schlechter Christ, weil man nicht immer den Christus-
namen auf der Zunge fiihrt? Der Christus wo lite nicht immer blofi
angeredet sein mit dem Namen «Herr! Herr!» - sondern er wollte
eine Gesinnung unter die Menschen bringen, die, so ausgestaltet,
konkrete Formen annimmt, die nicht immer sich blofi auf seinen
Namen berufen, sondern die in seinem Sinn soziale Zustande
herbeifuhren, die alle Menschen gleich umfassen.
Es mag mit aufieren Worten scheinbar nicht vom Christentum die
Rede sein in der Dreigliederung, aber diese Dreigliederung des
sozialen Organismus ist im Sinne des echten, wahren, praktischen
Christentums gedacht. Und man wird doch noch einmal einsehen -
das ist meine tiefe Uberzeugung, meine sehr verehrten Anwesen-
den -, dafi die Idealisten, die heute von Dreigliederung sprechen, die
eigentlichen wahren Praktiker sind. Und die anderen, die sagen:
Ach, Schwarmereien! - das sind diejenigen, die heute so sprechen,
na, wie zum Beispiel fast gleichlautend der Aufienminister des
deutschen Reichstags und der osterreichischen Delegation im Mo-
nat Juni 1914 gesprochen haben. Diese beiden praktischen Herren,
die haben etwa das Folgende, fast Gleichlautende in Berlin und
Wien gesagt: Unsere freundnachbarlichen Beziehungen zu Peters-
burg sind die allerbesten, die es gibt. In der politischen Lage ist eine
Entspannung eingetreten; wir gehen friedlichen Zustanden in Euro-
pa entgegen - im Mai, Juni 1914! Mit England schweben Unterhand-
lungen, so sagte man in Berlin von den Praktikern aus, die dem-
nachst zu befriedigenden Resultaten fuhren werden. - Die befriedi-
genden Resultate kamen dann im August 1914! So haben die
«Praktiker» gesprochen, so haben die Praktiker die Dinge vorausge-
sehen.
Man sollte das bedenken, meine sehr verehrten Anwesenden,
wenn man heme in einem solchen Vorschlage, wie sie diese Dreiglie-
derung des sozialen Organismus ist, einen blofien Idealismus einiger
Schwarmer sieht, wahrend man darinnen sehen sollte das Allerprak-
tischeste, das am allermeisten mit der Wirklichkeit Rechnende, das
sich in unsere Zeit hmeinstellen will!
Ich danke Ihnen, meine sehr verehrten Anwesenden, da£ Sie
anhoren wollten, was ich vorzubringen hatte. Ich kann nur um Ihre
Nachsicht bitten, da ich in der kurzen Zeit, die mir zur Verfugung
stand, selbstverstandlich nur einige reine Gedanken ohne die noti-
gen Beweise vor Sie hinstellen konnte, die Sie aber in den entspre-
chenden Biichern und Zeitschriften, die auch hier in der Schweiz zu
haben sind, und die Sie auch in der «Sozialen Zukunft» finden
konnen, die von Dr. Boos herausgegeben wird. Ich konnte Ihnen
nur einige Leitgedanken hinstellen; und ich hoffe nur, dafi diese
Leitgedanken in Ihnen vielleicht doch die Empfindung hervorrufen
konnen, dafi es sich jedenfalls in diesem Impuls von der Dreiglie-
derung des sozialen Organismus nicht um einen zufallig hingewor-
fenen Ideeneinfall handelt, sondern dafi diese Dreigliederung des
sozialen Organismus herausgegriffen ist aus den tiefsten Noten der
heutigen Menschheit, die aber zu gleicher Zeit die heutige Mensch-
heit aus ihren Noten wirklich herausfuhren kann, aus dem Chaos
und dem Niedergang herausfuhren will zu einem wirklichen Neu-
bau, nach dem sich heute so viele Menschen, und zwar mit Recht,
doch sehnen.
[Schlufiwort des Veranstalters.]
DIE GEGENWARTIGE WIRTSCHAFTSKRISIS UND
DIE GESUNDUNG DES WIRTSCHAFTSLEBENS DURCH
DIE DREIGLIEDERUNG DES SOZIALEN ORGANISMUS
Basel, 26. April 1920
Ich konnte mir denken, dafi es den Redaktor eines Witzblattes
reizen konnte, wenn bei einer Veranstaltung einer Mustermesse
iiber die Gesundung des wirtschaftlichen Lebens der Erbauer der
Dornacher Freien Hochschule fiir Geisteswissenschaft, des Goe-
theanum, das Wort ergreift. Denn es ist ja schon einmal im allge-
meinen Zeitbewulksein wohl gelegen, dafi nichts einander ferner
stehen konnte, als dasjenige, was sich die Menschen, die die Sache
oberflachlich kennen, vorstellen unter der nebulosen Mystik des
Dornacher Goetheanum, und was man ansieht als die Lebenspraxis.
Und dennoch, es konnte ja vielleicht noch paradoxer und witziger
erscheinen, dafi gerade in den letzten Zeiten, in den letzten Wochen,
an einem Orte Siiddeutschlands - und die Schweiz wird in allernach-
ster Zeit diesem Muster folgen - an die Griindung gegangen wird,
gerade von derjenigen Geistes- und Weltanschauungsstromung, die
in Dornach vertreten wird, rein wirtschaftlicher Unternehmungen,
einer Aktiengesellschaft zur Forderung wirtschaftlicher und geisti-
ger realer Werte.
Wie gesagt, das konnte noch paradoxer erscheinen. Denn man
sieht eben in einer solchen geistigen Bewegung, wie diese ist, fiir die
der Dornacher Bau als Reprasentant der aufierliche Ausdruck sein
soli, man sieht eben darinnen durchaus etwas Unpraktisches, das
nur dann zu reden hat, wenn man sich mehr oder weniger zur
Sonntagsruhe abzuwenden hat von den wirklichen praktischen
Lebenszielen.
Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, ich will Sie durchaus
nicht etwa lange aufhalten einleitend mit irgendeiner Ausfuhrung
iiber die Aufgaben der durch das Goetheanum reprasentierten
Geistesbewegung. Aber ich mochte nur so viel sagen, dafi diese
Geistesbewegung gerade durch ihre besondere Eigenart sein will die
Grundlage fur diejenige Lebenspraxis, die wir so recht fiir die
Gegenwart brauchen, um herauszukommen aus demjenigen, wohin-
ein uns geritten hat dasjenige, was man immer als so praktisch
angesehen hat, und was sich so ganz besonders praktisch gezeigt hat
an dem Ruinieren der europaischen Zivilisation in den letzten fiinf
bis sechs Jahren!
Gewifi, in jener freien Hochschule fiir Geisteswissenschaft, die
hier gemeint ist, soil der Blick der Menschen nicht nur auf dasjenige
gewendet werden, was in der aufteren materiellen Welt dem Men-
schen entgegentritt, sondern es soli wiederum einmal die Mensch-
heit darauf hingewiesen werden, dafi allem Materiellen Geistiges
zugrunde liegt, und dafi man gerade das Materielle nicht verstehen
kann, wenn man nicht das zugrunde liegende Geistige versteht.
Aber wie die geistige Welt erschlossen werden soil, welche Wege der
einzelne Mensch einzuschlagen hat, um zu dieser wirklichen, realen
Geisteswelt zu kommen, dariiber will ich ja heute nicht sprechen.
Dariiber ist gesprochen in den verschiedenen Biichern, die ja reich-
lich gerade liber diesen Gegenstand erschienen sind. Aber davon
mochte ich sprechen, daft gerade die besondere Art der geistigen
Betatigung, die gepflegt werden mufi, um dasjenige, was man die
Geisteswissenschaft nennt, durch diese besondere Art geistiger
Betatigung und Anstrengung etwas hervorruft im Menschen, was
ihn nun nicht unpraktisch, sondern gerade praktisch macht, indem
sie ihm eroffnet einen gesunden, illusionsfreien Blick auf die Wirk-
lichkeit. So sonderbar es klingt, durch die Dornacher Hochschule
wird nicht angestrebt eine Flucht aus der Wirklichkeit, sondern im
Gegenteil. Durch die Dornacher Hochschule wird angestrebt die
Aneignung eines gesunden Blickes fiir die Wirklichkeit, die Aneig-
nung eines solchen gesunden Blickes, der sehen kann, was auch in
leder Wirklichkeit vor sich seht, die vom Menschen selbst dingiert
werden mufi, vor alien Dingen auch in der wirtschaftlichen Wirk-
lichkeit.
Und um mich noch deutlicher zu dem, was ich eigentlich meine,
auszudriicken, mochte ich durch folgenden Vergleich das, was ich
zu sagen habe, veranschaulichen.
Sehen Sie, meine sehr verehrten Anwesenden, wenn jemand als
Chemiker behaupten wiirde, er habe ein Mittel erfunden, um
Wasche zu bleichen, ein neues Mittel, um Wasche zu bleichen, und
er dann dieses Mittel in Angriff nehmen wiirde, und siehe da, die
Wasche wiirde von diesem Mittel schmutzig braun, man wiirde ihn
wahrscheinlich nicht fiir einen guten Chemiker halten, und man
wiirde sagen: Der versteht eigentlich nichts von der wirklichen
chemischen Wissenschaft. So gilt es heute durchaus auf dem Gebiete
der Technik und des aufieren Lebens, insofern dieses Gebiet abhan-
gig ist vom naturwissenschaftlichen Denken. So gilt es aber durch-
aus nicht, wenn es sich um jene Technik handelt, die im Wirtschafts-
leben, in der Handhabung des Wirtschaftslebens zutage tritt, und
die in irgendeiner Weise abhangig sein soil auch von einem gesunden
wirtschaftlichen Denken, von einer wirklichen, sagen wir National-
oder Sozialokonomie oder dergleichen. Sehen Sie, dafiir ein Beispiel
- aber ich konnte viele anfiihren: Es ist schon eimge Zeit her, da
stritt man viel in der internationalen Welt unter denjenigen Leuten,
die iiber wirtschaftliche Fragen nachdachten, wie man am besten
derjenigen wirtschaftlichen Bewegung Geltung verschaffen konnte,
welche man Freihandelsbewegung nennt. Man untersuchte von
einem gewissen Gesichtspunkte aus, welche Schadigungen das In-
ternationale Wirtschaftsleben dadurch erleidet, dafi an den Grenzen
der Lander Zolle erhoben werden und dergleichen; Zolle, denen die
verschiedensten Absichten zugrunde liegen. Kurz, es gab einmal
Parlamente - jetzt sind sie ja schon lange vorbei die Zeiten -, in
denen man als ein Ideal, als ein wirtschaftliches Ideal, die Freihan-
delsbewegung ansah. Man hat dann nach einem Mittel gesonnen in
gewissen Kreisen, wie man den Freihandel, den Zollfreihandel vor
alien Dingen fordern kann. Da lag man sich in den Haaren, so stark
lag man sich in den Haaren, dafi man sagte: Durch die Liebe und
durch die Schutzzollfrage wird man in der Welt am meisten nar-
risch. Da lagen sich dazumal die Anhanger der Goldwahrung und
die Anhanger des Metallismus, der Gold- und Silberwahrung in den
Haaren. Die Anhanger der vermeintlichen Goldwahrung, das wa-
ren diejenigen Menschen, die da sagten aus ihrer wissenschaftlich-
wirtschaftlichen Einsicht heraus: Indem wir die Goldwahrung for-
dern, fordern wir den Freihandel. - Das war wirtschaftlich-wissen-
schaftliche Uberzeugung.
Was hat dann die Wirklichkeit ergeben? Es hat sich allerdings der
Zufall ereignet, dafi gerade, nachdem diese wissenschaftlich-wirt-
schaftlichen Deklamationen losgelassen waren, dafi da gerade bedeu-
tende Goldfunde in Afrika gemacht worden sind, und diejenigen
Lander, welche wenig hatten gerade von den Gebieten, in denen
Gold gefunden wurde, konnten das Gold in besonders reichlichem
Mafie auspragen. Aber mit solchen Dingen miilke man ja eigentlich
immer rechnen, miifite vor alien Dingen das Analogon des Chemi-
kers rechnen damit, was ich zur Verdeutlichung angefuhrt habe.
Aber in Wirklichkeit, was hat sich ergeben? Es hat sich ergeben, dafi
durch Einfuhrung der Goldwahrung uberall die Schutzzollbewe-
gung in die Wege geleitet worden ist, das heilk, die Wirklichkeit hat
genau das Gegenteil von dem gezeigt, was man theoretisch aus
wirtschaftlichem Denken vorausgesagt hat.
Genau so ist es eingetroffen, wie wenn ein Chemiker mit einem
Mittel, das bleichen soli die Wasche, die Wasche schmutzig braun
machte. Wie gesagt, solche Beispiele konnte man viele anfuhren, wo
aus dem wirtschaftlichen Denken heraus die Wirklichkeit nicht im
allerentferntesten beriihrt wird, wo die Wirklichkeit gerade im
entgegengesetzten Sinne verlauft. Solche Beispiele konnte man viele
anfuhren.
Wer heute die Frage aufwirft: Gibt es eine wirtschaftliche Krise,
eine internationale wirtschaftliche Krise? - der braucht ja wahrhaf-
tig nur auf die Verhaltnisse zu schauen. Diese wirtschaftliche Krise
ist ja uberall vor der Tiire. liber die besondere Gestaltung und iiber
die Ursache denken allerdings die Leute in der verschiedensten
Weise. Aber kann man denn eigentlich hoffen, da£ bei einem so
gearteten Denken gegeniiber der Wirklichkeit ein so kompliziertes
Phanomen, eine so kompiizierte Tatsache, wie die internationale
Wirtschaftskrise, ohne weiteres verstanden werden kann?
Nicht wahr, das kann nicht der Fall sein! Nun werden Sie sagen:
Aha, da ist emer, der behauptet, die wirtschaftlichen Denker seiefi
alle dumm, sie wissen alle nichts; die Wirtschaft lauft, und die
wirtschaftlichen Denker sind alle dumm. Nein, ich behaupte durch-
aus nicht, dafi alle dumm seien, behaupte vielmehr, dafi es unter den
wirtschaftlichen Menschen sehr gescheite Leute gibt, in gewisser
Beziehung viel gescheiter als in alien anderen Berufen des Lebens,
dafi aber dasjenige, was die Monometallisten, die Anhanger der
Goldwahrung waren, geredet haben, und das, was geschehen ist, das
Gegenteil von dem war, was die sehr gescheiten Leute in sehr
gescheiten Satzen und Wendungen und Theorien vertreten haben.
Nein, das behaupte ich durchaus nicht, dafi alle Wirtschafter dumm
sind, sondern ich will gerade ausgehen von der merkwiirdigen
Tatsache, dafi die moderne Zivilisation die eigentiimliche Er-
scheinung heraufgebracht hat, dafi man ein glanzender wirtschaftli-
cher Denker sein kann, und genau das Gegenteil von dem denken
kann, was im wirtschaftlichen Leben Wirklichkeit ist! Das ist eine
auffallige Erscheinung, eine Erscheinung, die sich aber auch darin-
nen noch zeigt, dafi man eigentlich gegeniiber der heutigen euro-
paischen Verwirrung ziemlich hilflos ist gerade in den Kreisen der-
jenigen, die in hergebrachter Weise das wirtschaftliche Denken am
besten gelernt haben.
Und da sehen Sie, da mochte ich eben behaupten, dafi dasjenige,
was man sich einfach als eine Denktechnik angeeignet hat, durch die
gesunde Geisteswissenschaft, welche in derjenigen Bewegung ge-
trieben wird, fiir die Dornach der aufiere Reprasentant ist, durch
diese Denktechnik ist es moglich, die Dinge in der aufieren Wirk-
lichkeit auch zu durchschauen, von denen man eben durch unzahli-
ge Beispiele einfach beweisen kann, dafi sie gerade von denjenigen
nicht durchschaut werden, die man als Fachleute ansieht.
Sehen Sie, vor alien Dingen, wenn von wirtschaftlichen Krisen zu
reden ist - die Leute denken ja dann gewohnlich an dasjenige, was
etwa in den Konstellationen liegt zwischen Konsum und zwischen
Produktion -, man redet davon, eine Wirtschaftskrise tritt dann ein,
wenn eine Uberproduktion da ist, die vom Konsum nicht aufge-
braucht werden kann. Man kann ebensogut beweisen, dafi die
Wirtschaftskrise nicht von der Uberproduktion komme, sondern
vom Unterkonsum kommt, einfach davon, dafi dann die Leute, die
vielleicht auch nicht genug Geld haben, um sich das Produzierte zu
kaufen, also zu wenig einkaufen. Und das Merkwiirdige ist, man
kann das eine und das andere beweisen. Wenn Sie die Wirtschafts-
krisen nur von 1919 durchgehen, finden Sie, die eine hat als Ursache
Uberproduktion, die andere hat als Ursache Unterkonsumtion, die
dritte hat wieder ganz andere Ursachen, wie zum Beispiel ein
falsches Verhaltnis zwischen Kapitalismus und Arbeiterschaft,
oder, was auch wiederum fiir einzelne Falle gilt, dafi die wirtschaftli-
chen Krisen da kommen miissen, wenn man zuviel span in einer
grofien Menschengemeinschaft und so weiter. Nun, alle diese Dinge
beriicksichtigen nicht dasjenige, was gerade fiir das Wirtschafts-
leben der Gegenwart das Allerallerwichtigste ist.
Da darf ich ja wirklich aus einer Art personlicher Erfahrung
heraus sprechen. Es ist jetzt schon lange her, es war Ende der
neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts und im Anfange dieses
Jahrhunderts, da lernte ich griindlich die mitteleuropaische Arbei-
terschaft kennen. Ich war Lehrer an einer Arbeiter-Bildungsschule,
hatte aber dadurch Zusammenhange mit der Arbeiterbewegung
nach alien Seiten hin wirklich bekommen konnen. Und ich lernte
kennen erstens dadurch, dafi sich an die verschiedensten Vortrage,
die ich zu halten hatte, zuweilen sehr lebhafte Diskussionen ange-
schlossen haben, die zeigten, was man in den breitesten Kreisen der
heranwachsenden Arbeiterschaft denkt. Auf der anderen Seite sah
ich mich mit meinen eigenen Vortragen aufgenommen, und konnte
sehen, wie man da in sich aufnehmen kann, was nicht blofi wirt-
schaftlich und so weiter ist. Und derjenige, der, ich mochte sagen,
mit einem gewissen beobachtenden Sinn fiir menschliche Verhalt-
nisse und ohne Vorurteile in so etwas gelebt hat, der weifi zu sagen,
welcher Irrtum es ist, wenn man heute meint, in blofien wirtschaftli-
chen Kategorien, wie Kapital und Lohn und dergleichen, oder
Einfuhr und Ausfuhr, Handel, Finanz, Zahlungsbilanz, Valuta und
anderen Dingen, in diesen Dingen lage mehr als dasjenige, was sich
nur an der Oberflache abspiek. Nein, in diesen Dingen iiegt wirk-
lich fiir die gegenwartige Krise dasjenige, was sich nur an der
Oberflache abspielt. Denn alles dasjenige, was sich im wirtschaft-
lichen Leben abspielt, geht zuletzt doch von dem Menschen aus,
von den Gedanken der Menschen aus, und was die Menschen tun, so
dafi herauskommen Qualifikationen von Kapital- und Lohnverhalt-
nissen, von Einfuhr und Ausfuhr und so weiter, von Valutaschwan-
kungen. Das ist zuletzt abhangig von dem, was aus den Gedanken
der Menschen hervorgeht.
Sehen Sie, ich kann da wirklich unbefangen sprechen, denn ich
war durch funf bis sechs Jahre eben Lehrer unter Arbeitern und
habe es dahin gebracht, dafi zuletzt allerdings eine grofie Anhanger-
schaft da war unter den Arbeitern, dafi aber eines schonen Tages die
Fiihrer dieser Arbeiterschaft merkten, dafi da einer ist, den man
nicht dulden kann, dafi da einer ist, der nicht orthodoxen Marxis-
mus lehrt, dafi da einer ist, der sich bemiiht, ganz anderes in die
Herzen und in die Gemiiter hineinzubringen als die orthodoxe
Lehre ist.
Es wurde eine Sitzung mit meinen Schiilern abgehalten. Dazumal
waren bei der Sitzung Hunderte meiner Schuler anwesend, und
Arbeiterfuhrer, zwar von zweiter Garnitur, aber geschickt von
erster Garnitur, die alles mogliche vorbrachten, so auch: dafi ich
eben in der Arbeiterbewegung eine unmogliche Personlichkeit sei.
Ich sagte: Ja, aber wollen Sie wohl in Zukunft hier etwas pflegen,
was fur die Zukunft taugen soli, und Sie verstehen nicht das
Einfachste, Lehrfreiheit? Da brachte es doch einer der Fiihrer dahin,
das Wort auszusprechen: Lehrfreiheit? Nein, wir kennen nur ver-
niinftigen Zwang! Und trotzdem die Abstimmung mit alien gegen
die vier war, gegen die vier Fiihrer, war meine Tatigkeit ferner
naturlich ganz unmoglich.
Das, sehen Sie, das berechtigt mich, eben aus den Tatsachen
heraus doch mit einiger Unbefangenheit iiber dasjenige zu sprechen,
was heute sich eigentlich hineinstellt ganz im internationalen Euro-
pa in das Wirtschaftsleben.
Aber man muft auch dasjenige wirklich studieren konnen, was aus
dem Menschen selbst herauskommt, und was jene Kategorien, von
denen ich gesprochen habe, die man gewohnlich aufzahlt, eigentlich
erst bewirkt. Man mulS sich zunachst fragen: Was fur Eigentumlich-
keiten hat denn der Glaube, der sich allmahlich ausgebreitet hat in
dem europaischen Proletariat?
Sehen Sie, das charakteristischste Zeichen fiir die Anschauung
von Millionen von Menschen ist, dafi die Leute erstens gegeniiber
dem Geistesleben so denken, daft alles dasjenige, was der Mensch
geistig hervorbringe, auch dasjenige, was er aus seinem Geiste
heraus als Recht, als Sitte, als Religion hervorbringe, als Wissen-
schaft hervorbringe, daft das nichts weiter ist als etwas, was in
abstrakter Art das menschliche Gehirn gebiert, was eine Art von
ideologischem Oberbau ist auf der einzigen Wirklichkeit, dem
Unterbau, der einzigen Wirklichkeit: dem wirtschaftlichen Produk-
tions- und Konsumtionsleben.
Das hat sich festgesetzt bei Millionen und aber Millionen von
Menschen. Ich will jetzt nicht untersuchen, inwieweit das zuriick-
geht auf die Theorie des Marx und Engels, festgesetzt hat sich das in
Millionen und aber Millionen von Menschen: Das ganze geistige
Leben ist eine Ideologies etwas bloft aus dem Wirtschaftsleben
Herausgewachsenes.
Ja, vielleicht wird man doch in den Kreisen derjenigen, die sich
wirtschaftlich sehr gescheit fiihlen, gering denken mit Bezug auf die
gegenwartige wirtschaftliche Krisis im internationalen Leben, iiber
diesen Glauben des Proletariats. Aber das ist gerade der grofte
Fehler, daft man iiber die wichtigsten Dinge heute gering denkt.
Denn man lernt nicht erkennen, woraus die Krise entspringt,
woraus dasjenige entspringt namentlich, was im Unbewuftten der
Menschen lebt, und woraus doch das wirtschaftliche Unheil hervor-
geht, wenn man nicht den Blick auf das Seelenleben der groften
Masse richtet. Man mufi das Seelenleben der groften Masse ins Auge
fassen; denn es laftt sich das glauben, Geistesleben sei nur eine
Ideologic, aber es lalk sich nicht damit leben, und der Mensch
verodet, der Mensch verliert den Halt im Leben.
Und das ist das Eigentumliche: Mit einem Fanatismus ohneglei-
chen hangt die grofie Masse an diesen Lehren, die Masse namentlich,
die heute in gewissen wirtschaftlichen Arbeiterkreisen den Ton
angibt, mit Fanatismus hangt die Masse an diesen Lehren; aber
immer mehr verodet sie dabei.
Wie ist das gekommen? Der Materialismus ist nicht dieser Arbei-
terschaft selbst entsprungen, der Materialismus ist entsprungen in
den letzten vier Jahrhunderten in den fuhrenden Kreisen. Nur, die
fuhrenden Kreise haben sich aus einer gewissen Halbheit heraus die
alten Traditionen bewahrt. Auf der einen Seite haben sie iiber das
aufiere Leben, in dem sie drinnenstehen, materialistisch zu denken
begonnen, auf der anderen Seite haben sie sich die alten Traditionen
als ihre Religion, als ihre Sittlichkeit und so weiter bewahrt, und
fuhren im Grunde genommen eine doppelte Lebensbuchfuhrung.
Das kann der Arbeiter nicht, der hinweggerufen worden ist von
dem, woran er friiher stand, mit dem er zusammengewachsen war:
vom Handwerk, dessen Produkte er lieb hatte, in die er sein Leben
hineinlegte. Er ist hingerufen worden an die abstrakte Maschine, in
die abstrakte Fabrik hineingestellt. Er sucht sein Heil in demjenigen,
das die anderen nur zur Halfte nehmen. Man kann es eben beurtei-
len, wenn man darinnen gestanden hat. Das hat sich nach und nach
heraus ergeben. Und so ist in Europa jenes grofie Nichtverstehen
entstanden.
Das liegt wie ein furchtbares Schicksal heute iiber Europa, dieses
Nichtverstehen. Da sind oben diejenigen, die die Kapitalien zu
verwalten haben, da sind oben diejenigen, die das Wirtschaftsleben
zu leiten haben, die es leiten konnten, wenn sie nur wollten, die auch
den Materialismus umwandeln konnten in eine gesunde Weltan-
schauung, die auch praktisch sein konnten. Da sind diejenigen, die
alles konnten, wenn sie wollten.
Da sind unten diejenigen, die ernst genommen haben dasjenige,
was sich als Materialismus bei diesen fuhrenden Kreisen herausge-
bildet hat, die nichts konnen, die da glauben, indem sie sagen: den
Kapitalismus mufi man bekampfen -, man konne irgend etwas mit
dieser Phrase erreichen; die da nicht wissen, dal? man ja Wirtschafts-
leben ohne Kapitalismus im modernen Sinne des Wortes iiberhaupt
nicht haben kann, daft man ohne Kapitalismus nur in die Barbarei
zuriickkehren kann. Hilflos in seinen Gedanken, hilflos gegeniiber
der Wirklichkeit ist der Arbeiter geworden iiber ganz Europa hin,
der Arbeiter, der an die Maschine gezwangt worden ist, der sich
ausmalt im Ernste diejenigen Theorien, die, ich mochte sagen, als
Nebenprodukte des Lebens bei den anderen abfallen, mit denen
man nicht leben, und wohl auch nicht wirtschaften kann, wie eben
solche Dinge wie der Metallismus und Monometallisrnus und ahnli-
ches zeigen.
Dieses grofie Mifiverstehen, was hat es denn heraufgebracht?
Nun, Sie konnen es sehen an der Entwickelung der europaischen
Verhaltnisse, was es heraufgebracht hat. Sehen Sie sich Rufiland an.
In Rutland hat sich der Volkseigentumlichkeit gemafi etwas erge-
ben, was schwierig zu studieren ist fur den, der unbefangen und
vorurteilsfrei, ohne ein Agitator zu sein, auf diese Dinge hinsieht. Es
waren viele Differenzierungen der sozialistischen und sozialen
Ideale in Rutland da. Was war da in diesem Rutland bis 1914?
Durch den russischen Militarismus niedergehalten, niedergehalten
durch den von so vielen gehafken Zarismus, war dasjenige, was in
den breiten Massen lebte, was gerade in diesen breiten Massen
dasjenige bildete, von dem keine Briicke zu finden war zu dem
anderen, was in den leitenden Kreisen lebte. Man wollte nicht
dasjenige erreichen, was man hatte erreichen mussen: die Briicke zu
bauen, als Fuhrende, als Intellektuelle diese Briicke zu bauen. Wir
sehen heraufkommen den modernen Kapitalismus. Wir sehen her-
aufkommen den modernen Individualismus mit dem Hereinrufen
einer millionenfachen Menschenmenge in Fabriken, an Maschinen.
Was da notwendig gewesen ware, zu einem neuen praktischen
Denken zu greifen, wie es notwendig gewesen ware, auf seiten der
Intellektuellen, sich zum Fiihrer zu machen, Vertrauen zu gewin-
nen, begreiflich zu machen den grofien Massen, dafi man versteht,
die Alliiren des Wirtschaftslebens wirklich auch im Ernste durchzu-
fiihren, man hat nichts von dem getan. Man hat fur sich gelebt, eine
Oberschicht. Man hat die anderen studieren lassen. Studiert hat ja
gerade das Proletariat aufterordentlich viel, einfach einsam fur sich
hingegeben an dasjenige, was Abfallprodukte der Bildung, materiali-
stische Abfallprodukte der Bildung waren.
Heute sind die Frtichte davon in der Wirtschaftskrisis Europas
da. Es ist ein geistig bedingtes, tragisches Schicksal.
Dann kamen aus dem heraus geboren, was niederhielt dasjenige,
was man nicht geistig durchdringen wollte, was man nicht geistig
durchsetzen wollte mit verniinftigen Anschauungen, was man nie-
derhalten wollte durch aufiere physische Gewalt des Militarismus
und desjenigen der absoluten Monarchic oder irgendwelcher ande-
rer Machte, aus dem heraus, was gebraucht wurde, um unschadlich
zu machen dasjenige, was man nicht geistig bezwingen wollte, aus
dem heraus kamen die europaischen Kriegskatastrophen.
Und was entstand dann? Dann entstand fur Rutland der Leninis-
mus, der Trotzkismus. Nicht etwa heraus aus dem russischen
Sozialismus, o nein, am allerwenigsten ist der Leninismus und
Trotzkismus aus dem russischen Sozialismus heraus geboren. Nie-
mals hatte etwas wie der Leninismus und der Totzkismus aus dem
russischen Sozialismus heraus geboren werden konnen. Da ware
etwas ganz anderes heraus gekommen, wenn man Verstandigung
gesucht hatte in verniinftiger Weise von Seiten der Intellektuellen
zur Seite der breiten Masse der Bevolkerung. Nein, Lenin und
Trotzki sind nicht aus der Revolution herausgewachsen! Lenin und
Trotzki sind aus den Kreisen herausgewachsen desjenigen, was der
Krieg als Ergebnis gebracht hat, desjenigen, was durch den Krieg
geworden ist als letzte Konsequenz des Militarismus, daraus sind
Lenin und Trotzki erwachsen. Die Ergebnisse des Krieges sind
eingezogen in Rutland und haben neuerdings dasjenige, was von
unten heraufwollte, mit dem man sich hatte verstandigen sollen,
niedergehalten. Lenin und Trotzki sind keine Helden des Sozia-
lismus; sie sind die Sonne der europaischen Kriegskatastrophe und
sind nur dadurch moglich geworden, daft iiber Rutland sich das
Elend der Kriegsfolgen ausgebreitet hat. Und dasjenige, was im
ubrigen Europa war, lesen Sie das sehr schone Buch - aber man
konnte vieles andere noch verfolgen - von Keynes, «Die okonomi-
schen Folgen des europaischen Friedensschlusses». Dasjenige, was
sich iiber das ubrige Europa ausbreitete - was ist es denn? Ist es etwa
das Bekenntnis des wirtschaftlichen Denkens; ist es das wirtschaft-
liche Streben bis 1914, das uns in die furchtbare Katastrophe
hineingebracht hat? Nein, das ist es nicht, sondern dasjenige, was
wir erleben, einschliefilich aller Valutasorgen einzelner Lander, ist
nicht ein gesundes Zuriickkehren zu gesunden Ansichten, die man
glaubt bekommen zu konnen dadurch, dafi die Krankheit sich ad
absurdum gefiihrt habe durch die Katastrophen. Dasjenige, was wir
erleben, ist Ergebnis des Krieges. Aus einem sehr, sehr kurzsichti-
gen Urteil heraus hat ein deutscher General die Worte gepragt, die
wahrend dieser Kriegskatastrophe vielfach nachgesprochen worden
sind: Der Krieg ist nur die Politik mit anderen Mitteln ausgefuhrt.
Ich habe wahrend des Krieges immer wieder dieses Diktum mit
dem Wort verglichen: Die Scheidung ist nur die Ehe mit anderen
Mitteln fortgefiihrt! Aber mit einer gewissen richtigen Variante
konnte man doch sagen: Dieser Friede ist, insbesondere auf dem
Gebiete des Wrrtschaftslebens, nur die Fortfuhrung des Krieges mit
anderen Mitteln. Das sagt man wahrhaftig nicht wiederum mit einer
agitatorisch oder von irgendeiner Seite her gefarbten Betrachtung
der gegenwartigen wirtschaftlichen Zustande, sondern das sagen
selbst so objektive Urteiler, von derjenigen Seite, die heute am
allermeisten Veranlassung hatte, objektiv zu urteilen, von seiten der
Englander, das sagt eben Keynes in seinem Buche «Die okonomi-
schen Folgen des Friedensschlusses».
Nun, sehen Sie, wenn man diese Dinge wirklich ins Auge fafit,
dann mufi man sagen: Oh, viel, viel tiefer liegen die Ursachen der
gegenwartigen wirtschaftlichen Katastrophen! Und schliefilich, man
braucht ja nur einmal das heutige Wirtschaftsleben, wie es sich
heraufentwickelt hat, zu betrachten. Man braucht sich nicht gefan-
gennehmen zu lassen von den einseitigen Deklamationen iiber
Kapitalismus und Antikapitalismus, sondern man braucht sich nur
den objektiven und gewifi durch die modernen Verhaltnisse berech-
tigten Tatsachen hinzugeben, da£ unser Wirtschaftsleben innig
verquickt ist mit dem, was wir ncnr.cn miissen die Geldwiruschaft.
Nun, ich bin selbstverstandlich weit entfernt von der narrischen
Idee, etwa die Geldwirtschaft bekarnpfen zu wollen. Darum kann es
sich nicht handeln, denn das wiirde ich eben fiir eine narrische Idee
halten, ebenso gut wie ich es fur eine narrische Idee halte, das Geld
irgendwie auch reformieren zu wollen. Nein, sondern dasjenige, um
was es sich handelt, ist, da£ durch die ganzen modernen wirtschaft-
lichen Verhaltnisse dasjenige, was im Gelde vorliegt, innerhalb des
Wirtschaftslebens abstrakt geworden ist.
Ein englischer okonomischer Zeitungsmann sagte mit vollem
Rechte: Welche Funktionen eigentlich das Geld in unserem Wirt-
schaftsleben hat, das ist aufierordentlich verwickelt und eigentlich
gar nicht wirklich auseinander zu schalen fiir eine Betrachtung. - So
ist es ja. Aber ich konnte mich durch einen Vergleich klarmachen.
Sehen Sie, meine sehr verehrten Anwesenden, wenn jemand ein
Denker ist von recht abstrakter Wesenheit, wenn er immer gleich
iibergeht von dem Besonderen zum Allgemeinen, wenn er etwa
draufien auf der Wiese allerlei Blumen mit einem konkreten Namen
sieht, und dann sagt: Pflanzen oder Blumen - und «Blumen»
vergleicht mit Tier und so weiter, so denkt er abstrakt. Er bringt
abstrakte Gedanken, die vieles umfassen, und breitet sie wie einen
Teppich aus iiber die konkreten Teile.
So ist es im wirklichen Wirtschaftsleben mit dem Gelde. Das Geld
bringt in das reale wirtschaftliche Leben, in die Wirklichkeit ein
ganz abstraktes Element hinein. Denken Sie doch, wenn ich der
Besitzer von 50 Franken bin, so bin ich eben der Besitzer dieser 50
Franken, und es ist ganz gleichgiiltig zunachst, wenn ich die 50
Franken im Portemonnaie habe, ob ich mir morgen fiir die 50
Franken einen Hasen oder ob ich mir Mehl oder irgendeine silberne
Uhr kaufe, oder ob ich mir einen Rock kaufen werde oder derglei-
chen. Die Konkretheit des Wirtschaftslebens hort auf gegeniiber der
Abstraktheit des Geldes. Das kommt dann zum Vorschein in dem
Augenblicke, wo Geld gegen Geld stent, wo man Geld kauft. Man
kann das am besten sehen, wie sich, geradeso wie die Abstraktionen
sich verbergen vor der Realitat des Denkens, wie sich die Ab-
straktheit des Geldes verbirgt vor der Realitat. Sehen Sie, wer in den
letzten Wochen die Zeitungen verfolgt hat in Deutschland, der
konnte finden, dafi die Leute eine grofie Freude gehabt haben iiber
das birchen Besserwerden der Valuta. Sie ist ja dann aber zuriickge-
gangen. Und wer die tieferen Zusammenhange kennt, der wird sich
nicht sehr imponieren lassen von zeitweiligem Besserwerden dieser
Valuta. Nun, aber alien moglichen Ursachen wurde die Sache
zugeschoben, wobei aber im Hintergrunde nichts anderes stand, als
dafi in Spanien vorhandene deutsche Noten durch irgendeine beson-
dere Konstellation, durch eine besondere Absicht von Amerikanern
an der Borse gekauft worden sind, und dafi das das bifichen Hinauf-
schnellen der deutschen Valuta bewirkt hat. Das entzog sich den
Blicken aus dem einfachen Grunde, weil immer dann, wenn das
Geld als solches im Handel umlauft, wenn Geld als solches gehan-
delt wird, dann steht das feme dem konkreten Wirtschaftsleben,
und man sieht nicht mehr die Zusammenhange. So wie wenn jemand
eben abstrakt spricht, einem ein Miihlrad im Kopfe herumgeht und
man nicht mehr eine Ahnung davon hat, was er eigentlich mit seiner
Abstraktheit meint, so weifi man nicht mehr bei den Geldmanipula-
tionen, was nun eigentlich im Wirtschaftsleben vor sich geht.
Sehen Sie, in diesen Dingen liegt es im wesentlichen in einem
Fremdwerden des Verkehrsmittels Geld im eigentlichen Wirt-
schaftsleben; und das ist der Grund, dafi wir in eine so furchtbare
Wirtschaftskrise hineingekommen sind. Denn diese Wirtschafts-
krisis war eigentlich schon vor dem Kriege da, und der Krieg war
nur der Ausdruck fur diese Wirtschaftskrise. [Lucke.]
Sehen Sie, es konnte ja einer, sagen wir, im Jahre 1865, die
grolkmoglichen Anlagen gehabt haben fur die Luftschiffahrt, - er
konnte diese Anlagen nicht betatigen, weil es noch keine Luftschiff-
fahrt gab! Es hilft nichts, auf irgendeinem Gebiete des Lebens blofi
gescheit zu sein. Wenn einen die Verhaltnisse hinwegfuhren von
dem unmittelbaren Erleben desjenigen, das erlebt werden soil, dann
hilft einem jeglicher gescheite Gedanke gar nichts. Und dafi man
gerade auf wirtschaftlichem Gebiete, wie auch auf anderen Gebie-
ten, hinweggetrieben worden ist vom wirklichen Leben, das brachte
die ganze modcrne Zivilisation dadurch hervor, daft man die drei
Hauptgebiete des Lebens: Geistesleben, politisches oder Rechts-
ieben und Wirtschaftsleben, immer mehr und mehr zu einem
Einheitsstaat zusammengeschweiflt hat.
Dem Zusammenschweiften in dem Einheitsstaat war die Geld-
wirtschaft giinstig. Wie gesagt, ich bitte, mich durchaus nicht
mifizuverstehen, dafi ich etwa gegen die Geldwirtschaft irgend
etwas einwenden wolle. Ich will nur darauf hinweisen, wie dasjeni-
ge, was nicht erfalk worden ist von der Geldwirtschaft, gerade zur
Gesundung unseres wirtschaftlichen Lebens fiihren mufi!
Es ist ja immer wieder und wiederum in den Gedanken der
neueren Zeit dies geltend gemacht worden, daft der Einheitsstaat ein
Allheilmittel ist. Dieses Allheilmittel, es hat vorgeleuchtet den bis
jetzt fiihrenden Leuten, aber auch den Sozialisten; denn was wollen
die Sozialisten? Den Rahmen, den ausgewalzten Rahmen des Staates
beniitzen, urn ihre sozialistischen Trugschliisse [Liicke] hineinzu-
bauen. Sogar Lenin und Trotzki taten nichts anderes als dasjenige,
was ihnen der Krieg iibriggelassen hat von dem alten russischen
Zarenstaat, zu iibergiefien mit ihren sozialistischen abstrakten Be-
griffen. Dieser Gedanke des Einheitsstaates ist in den letzten drei bis
vier Jahrzehnten - wer die Geschichte wirklich zu betrachten weifi,
der weifi, daft es erst so lange her ist in Wirklichkeit - sozusagen erst
der Gedanke all derjenigen geworden, die glauben, das Richtige aller
offentlichen Verhaltnisse zu wollen, und die daniber versaumen, zu
sehen, was in der Wirklichkeit der Menschheit heranreift: dafi
heranreift in der Wirklichkeit der Menschheit der Drang, gegeniiber
dem Geistesleben, der Drang, gegeniiber dem Rechts- oder Staats-
leben und gegeniiber dem Wirtschaftsleben zu ganz anderen Kon-
stellationen zu kommen, als man sie bisher gehabt hat. Ich will an
einem Zipfel, mochte ich sagen, die Sache anfassen.
In manchen Gebieten des europaischen Lebens ragt hervor aus
alten Einrichtungen dasjenige, was wir das Erbrecht nennen. Erb-
recht, es hangt zusammen mit den Verhaltnissen der Blutsbande der
Menschen. Verfolgen Sie dasjenige, was von dem Erbrecht aus-
strahlt in die ganzen offentlichen Verhaltnisse, auch in die Konfigu-
ration der Staaten- und Gesellschaftszusammenhange, so werden
Sie sehen, wie viel auch im wirtschaftlichen Leben an diesem
Erbrecht hangt. Das Erbrecht wirkt bei gewissen Leuten in diese
oder jene Wirtschaftszweige hinein, es bringt die Leute hinein, sie
sind da drinnen, und aus ihren Fahigkeiten heraus werden einzelne
Dinge. Aber schliefilich, aus diesen einzelnen Dingen setzt sich
wiederum ein grofier Teil des Gesamtwirtschaftslebens zusammen.
Kurz, wir haben das Erbrecht eng gebunden an Blutsbande, an
dasjenige, was von der Natur in der Menschheit organisiert ist.
Was ist denn geschehen gerade in denjenigen Staaten, die sich am
allermustergultigsten betrachten in den letzten drei bis vier Jahrhun-
derten? Man hat von der Natur das Organisieren gelernt. Man
schreibt ja besonders den Deutschen das Organisieren zu. Sie haben
es nur so gut gekonnt, dafi sie es bis zum Mechanisieren verzerrt
haben. Aber es ist im wesentlichen iiber die ganze zivilisierte Welt
ausgegossen. Man hat das Organisieren, das von der Natur aus der
Menschheit eigentiimlich ist, auch in das soziale Leben hineinge-
tragen. Und dieses Organisieren, das mit den Blutsbanden zusam-
menhangt, dieses Organisieren, das ein sehr Symptomatisches - es
gibt viele andere - im Erbrecht hat, dieses Organisieren, es kommt ja
im Grunde genommen sehr deutlich auch in der Organisation des
geistigen Lebens heraus. Und schliefilich - allerdings will die katho-
lische Kirche eine demokratische Einrichtung sein, die denjenigen,
der da unten aus dem alleruntersten Stande ist, auch unter Umstan-
den heraufkommen lafit bis zu den hochsten Stellen der kirchlichen
Hierarchien - hat sich in der Praxis aber auch da dasjenige, was
zusamrnengeschweifk hat solche Dinge, wie die alten Organisa-
tionen, die an den Blutsbanden hangen, auch in katholische Kir-
chenorganisationen hineingeschlichen; denn schliefilich waren doch
mehr Hochadlige Erzbischofe geworden als andere und so weiter.
Kurz, wir sehen in vieler Beziehung, wie hereinragt in die moderne
gesellschaftliche Ordnung, was aus den Blutsbanden kommt; und
was in solchen Dingen, wie dem Erbrecht, besonders zum Aus-
druck kommt, dariiber ist aber eigentlich das Menschengeschlecht
mit seinem innersten Bewulksein hinausgewachsen. Wenn einer
sagt: Mensch ist Mensch und weist auf ein siebenjahriges Kind und
auf einen vierzigjahrigen erwachsenen Menschen, so werden Sie
lachen. Sie werden nicht sagen, dafi der vierzigjahrige Mensch nur
etwa die Folge des funfunddreifiigjahrigen, des dreifSigjahrigen und
so weiter Menschen ist, sondern Sie werden so auf den Menschen
hinschauen, wie aus seinen Tiefen heraus dasjenige sich entwickelt,
was in seinem Wesen liegt. Nur in der Geschichte ist man zu der
torichten Anschauung gekommen, dafi immer nur das Folgende die
Wirkung des Vorhergehenden ist, wahrend seit langer Zeit das
Menschengeschlecht so ist, dafi die aufeinanderfolgenden Phasen in
seinem innersten Wesen sich so ergeben, wie etwa Zahnwechsel
oder Geschlechtsreife in dem einzelnen Individuum. So hat sich
einfach wahrend der letzten Zeit, wahrend als Erbteile im Geistes-
leben, Wirtschafts- und Rechtsleben diejenigen Dinge geblieben
sind, die aus den alten Blutsbanden und den dadurch bedingten
Verhaltnissen hervorgegangen sind, wahrend die alten offentlichen
Rechte geblieben sind, hat sich in dem Menschen unbewufit festge-
setzt der Drang nach einer neuen Ordnung, nach dem, dafi etwas
anderes eintreten soil.
Da sehen Sie, wenn man versuchen will, zu erlauschen, was die
Menschen wirklich wollen, dann erscheint eben so etwas wie in
meinen «Kernpunkten der sozialen Frage». Man beachtet nur nicht,
wie in der wahren Wirklichkeit und wahren Praxis, dem, was das
Leben heute fordert, diese Dinge abgelauscht sind. Da haben wir das
Erbrecht aus der alten Menschheitsentwickelung heraus. Man will
es behalten so wie etwa seine zwolfjahrige oder vierzehnjahrige
Entwickelungszeit ein Mensch behalten wollte, der nicht einsieht,
dafi man mit zwanzig anders sein mufi als mit zwolf und vierzehn
Jahren. Man wird naturlich im einzelnen solche Torheiten nicht
wollen. Da haben wir das Erbrecht. Es ist zu etwas geworden,
wohinein sich das Bewufitsein der Menschen nicht fiigen will. Der
Mensch halt heute aus einem elementaren Gefiihl heraus zu viel von
seiner Individuality, als dafi er, wenn er auch aufierlich aus Konven-
tion festhalten will an dem konventionellen Mittel des Erbrechts
[Lucke]. Ist man ehrlich und hort hin auf das, was die Menschheit
eigentlich will, so kommt man auf das, was Sie ausgefiihrt finden in
den «Kernpunkten der sozialen Frage», wo gezeigt ist, dafi die
Menschheit hintendiert in einer sozialen Ordnung nach einem
Verbundensein des Menschen, der gewisse Fahigkeiten hat, mit den
Produktionsmitteln, oder sagen wir mit dem Kapital. Kann er diese
Fahigkeiten damit nicht mehr verbinden, dann mufi die Summe der
Produktionsmittel oder das Kapital von ihm ubergehen wiederum
an einen Befahigten. Da zeigt sich, wie die alte Zeit in die neue Zeit
hineinwachsen mufi. Die alte Zeit machte abhangig die wirtschaft-
liche Konfiguration vom Blute. Die neue Zeit macht abhangig - im
Bewufitsein der Menschen ist es schon vorhanden -, will abhangig
machen die Konfiguration des Wirtschaftslebens von dem, was
bewulk erlebt wird. So dafi in der neuen Ordnung nicht im gewohn-
lichen Sinne vom Erbrecht gesprochen wird. Es wird aus diesem
Grunde vielfach heute zum Beispiel das Erbrecht angezweifelt, es
wird angezweifelt, dafi vom Erbrecht die Rede sein kann. Es soil nur
davon die Rede sein, daft, wenn ich durch meine Fahigkeiten mir
eine Summe von Produktionsmitteln erworben habe, durch die ich
etwas erreichen kann, ein Kapital angesammelt habe, so habe ich die
Verpflichtung, wenn ich selber nicht mehr der Verwalter sein kann,
das an einen anderen zu iibertragen, der wiederum, seinen Fahig-
keiten nach, damit verbunden sein mui Ersetzt werden mufi durch
Vernunft und Menschenindividualitat das, was nur vom Blute
abhangig war.
Das klingt fiir manchen radikal, aber es ist ja nicht aus irgendei-
nem Radikalismus gesprochen, sondern nur erlauscht aus dem, was
unbewufit die Menschheit eigentlich will.
Betrachtet man in dieser Weise dasjenige, was sich heute als
Menschheitsentwickelung darstellt, dann kommt man darauf, dafi ja
durch den Standpunkt, den die Menschen erreicht haben in der
allgemeinen Wissenschaft des menschlichen Geschlechtes, im Gei-
stesleben, Rechts- oder Staatsleben und Wirtschaftsleben heute
eben so weit gekommen sind, dafi sie sich nicht mehr in den
Einheitsstaat zusammenpressen lassen.
Hier setzt der Impuls fiir die Dreigliederung des sozialen Orga-
nismus ein, so ein, da& er verlangt fiir das Geistesleben ein vollstan-
diges Auf-sich-seibst-Gestelltsein, da£ er verlangt dasjenige, was
heute gerade vielleicht am meisten bekampft werden wird, well man
es fiir besonders gescheit halt, den Staat zum Wachter liber das
Geistesleben zu machen. Das aber mufi verlangt werden von dem,
der heute erkennt, was die Menschheit unbewufk will, dafi das
Geistesleben vollig auf sich selbst gestellt wird.
Nehmen wir einen der wichtigsten Teile: das offentliche Schulwe-
sen. Vom Lehrer der untersten Schulklasse bis hinauf zum hochsten
Lehrer mufi alles Selbstverwaltung sein.
Sehen Sie, liber jene padagogisch-didaktischen Prinzipien, die
sich ergeben aus einer solchen Denkweise, war ich ja dazu berufen,
in Stuttgart die Waldorfschule zu begriinden. Emil Molt, der dortige
Fabrikant der Waldorf-Astoria-Fabrik, hat diese Waldorfschule
eingerichtet. Mir oblag es, der Waldorfschule die geistige Grundlage
zu geben, und bis heute ist mir - wenn auch zuweilen von auften
nicht erkennbar - die eigentliche Leitung, die eigentliche Fiihrung
der Schule iibertragen. Und da hatte ich wochenlang fur die Lehrer
einen seminaristischen, padagogischen Kursus gegeben, um eben
die Richtung anzugeben, in der diese Schule wirken soli.
Ja, da war ich auch genotigt - zu sehen, wie weit wir es bis jetzt
gebracht haben, wird Ihnen noch Gelegenheit geboten werden -, da
war ich auch genotigt, sehen Sie, zu erkennen, auf welcher abschus-
sigen Bahn gerade das Geistesleben an seinem wichtigsten Gebiete,
dem Schulwesen, sich befindet. Ich mufite ja natiirlich auch Lehrpla-
ne ausarbeiten, und mufite, um mich zu orientieren, einsehen, was
da ist, um den gegenwartigen Schul-Lehrzielen und Lehrplanen
gerecht zu werden.
Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, ich kann mich noch
erinnern - es ist allerdings lange her, als ich selber in der Schule war,
oder mit Lehrern verkehrt habe -, da war es so, dafi alles Schulpro-
grammafiige, es war so etwas Gedrucktes, noch auf einer Seite stand;
jetzt sind das dicke Biicher geworden, und alles ist bis ins einzelne
hinein spezifiziert. Auf der einen Seite hat man dasjenige, was die
padagogischen Kiinstler und padagogischen Wissenschafter in ihre
Biicher hineinlegen, was sie ubermitteln dem Lehrenden. Da hat
man dasjenige, was aus der Sachkenntnis und Fachkunde heraus
kommt. Dann das Biirokratische, das vom Staate herkommt. Viel
wich tiger als man denkt ist das! Es hat keine Berechtigung, dafi
irgend etwas anderes hineinspricht als das sachlich Fachkundige in
die Verwaltung des Geisteslebens. Gerade zum Beispiel auf dem
Gebiete des Schulwesens zeigt sich das mit Deutlichkeit. Wie anders
wiirden die Menschen erzogen und hineingestellt ins Wirtschafts-
leben, wenn das Geistesleben vollig frei, nur aus seinen eigenen
Grundlagen heraus sich verwalten konnte! Das kann nur derjenige
ermessen, der wirklich sich ein gesundes Urteil iiber den Zusam-
menhang des freien geistigen Lebens, des Entwickelns der menschli-
chen Fahigkeiten aus dem freien geistigen Erleben heraus, auch in
bezug auf die Bedeutung fur das Wirtschaftsleben und das Staats-
leben erworben hat. - Da handelt es sich darum, dafi man endlich
darauf kommt: Wie steht das Geistesleben in der ganzen mensch-
lichen Entwickelung darinnen?
Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, das Geistesleben ist
organisiert. Und das Geistesleben ist um so mehr organisiert, um so
elementarer ein Gebiet ist. Betrachten Sie es an dem Beispiel der
Familie. Sehen Sie sich an, wie der einzelne aus der Familie heraus-
wachst, der eine Sohn ins Kunstlerische hereinwachst, heraus aus
dem, was Vater oder Mutter ahnlich war, nicht nur aufierlich
physisch, sondern geistig-seelisch. Man sieht gerade, je weiter man
zuruckgeht in den Jahren, an dem, was aus den Familien heraus-
wachst, wie da von Natur aus gerade das Geistesleben organisiert ist.
Worin besteht denn dasjenige, was wir fur das Geistesleben zu
leisten haben? In bezug auf die einzelnen Individuen besteht es
darin, dafi wir das einzelne Individuum herauszubringen haben aus
der Organisation: Wir mussen die Organisation iiberwinden, die
Organisation, die von Natur gegeben ist; wir mussen den einzelnen
in die Freiheit hinein erziehen. Die Freiheit mufi im Erdenleben erst
erworben werden. Dann kann die Freiheit nur erworben werden,
wenn wir wirklich imstande sein werden, als Lehrer, als Erzieher
oder eben als Teilnehmer des Geisteslebens den Menschen zu
verstehen, aus den individuellsten Fahigkeiten des Menschen heraus
zu arbeiten, und den Menschen auch ins Wirtschaftsleben hinein zu
stellen gema£ den Fahigkeiten, mit denen er impulsiert im Natur-
zusammenhange sich tins offenbart.
Das ist das eigentiimliche des Geisteslebens, dafi man sagen mufi:
Gerade derjenige, der ehrlich iiber die Demokratie denkt, der denkt
gerade so, wie im vierzehnten, sechzehnten Jahre iiber den Men-
schen kommt die Geschlechtsreife. So ist iiber die Menschheit
gekommen im Laufe der letzten drei bis vier Jahrhunderte die
Tendenz nach der Demokratie. Gerade derjenige, der ehrlich denkt,
verlangt, dafi alle diejenigen Angelegenheiten, die die Menschen
entwickeln, wenn sie miindig geworden sind, so behandelt werden,
dafi sie als gleiche unter gleichen die Dinge zu ordnen haben. Das
wird sich ergeben in demjenigen, was Menschenbildung ist im
Gebiete des Geisteslebens. Das hangt so sehr ab von der mensch-
lichen einzelnen Fahigkeit und Sachkenntnis, so dafi das niemals
Gegenstand der demokratischen Verwaltung oder Verfassung sein
darf, so dafi das nur gestellt sein darf auf Selbstverwaltung dieses
Geisteslebens. Das geistige Leben, es ist organisiert, und es mufi der
Organisation entrissen werden.
Und das Wirtschaftsleben? Das Wirtschaftsleben kann nicht
organisiert werden [Liicke]. Ideologische, weltfremde Leute geben
in alien moglichen utopistischen Idealen an, nach welchen Formen
sich das Wirtschaftsleben organisieren soil, wodurch man das Wirt-
schaftsleben in diese oder jene Struktur hineinbringen soil. Das ware
der Tod des Wirtschaftslebens ! Diesen Unsinn hat man begonnen,
als die sogenannte Deutsche Republik sich zuerst auf die Beine hat
stellen wollen. Ebenso unsinnig ist es, wie der Planwirtschafter
denkt: Das Wirtschaftsleben kann man organisieren! Wer etwas
versteht von dem Wirtschaftsleben, der weifi aber: Das Wirtschafts-
leben kann man nicht organisieren! Das Wirtschaftsleben kann nur
in Assoziationen zu einem Ganzeri zusammenwachsen. Das heifit:
Das Wirtschaftsleben kann nicht von oben oder von irgendeiner
Richtung her, von irgendeiner Seite her organisiert werden, sondern
das Wirtschaftsleben kann nur in Assoziationen, die herauswachsen
aus den Berufsstanden, aus denjenigen, die zusammengehoren, auf
einem gewissen Produktionsgebiete zusammengehoren, auf einem
gewissen Konsumtionsgebiete, erfolgreich sein.
Dasjenige, was gleichartige Interessen hat, gliedert sich an in den
Assoziationen an dasjenige, was verwandte Interessen hat. Ver-
wandte Interessen haben eine Verkettung. Eine Verkettung, eine
Durchgliederung bildet sich aber nicht so, daft man sie von aufien
her organisiert, sondern dadurch, dafi sich ein Glied durch andere
Glieder an diese Assoziationen anhangt. Es handelt sich um eine
Verkettung und Verschlingung von solchen Menschen, die darinnen
stehen im Leben, die herauswachsen aus dem Leben, die Sach-
kenntnis und Fahigkeit auf einem bestimmten Gebiete des Wirt-
schaftslebens haben, die hineingewachsen sind in das Wirtschafts-
leben in einer bestimmten Weise, die auch Vertrauen gewinnen
konnen, weil sie drinnenstehen, weil sie in gewissem Sinne einem
Zweige verwandt sind. Aber notwendig ist es, dafi dieser Zweig sich
assoziativ angliedert an den nachsten, so dafi man nicht in einer
zufalligen Weise gezwungen ist, von der Abstraktheit des Geld-
erwerbes heraus zu kommen, zu suchen, sondern weil man weifi,
dafi es, indem man in einer assoziationswirtschaftlichen Arbeit
drinnensteht, man sich zu diesem Zwecke an den Vertreter
einer anderen Assoziation wendet. Der weifl wiederum, wie es
sich da verhalt.
Ja, sehen Sie, meine sehr verehrten Anwesenden, da kommt es
heraus, wenn man ein solches, auf Assoziation gebautes Wirtschafts-
leben hat, dafi einem die Gescheitheit des wirtschaftlichen Denkens
etwas hilft! Was hilft einem die Gescheitheit, wenn man dem
undurchsichtigen Wirtschaftsleben gegeniibersteht? Das kann man
sehen an dem Monometallismus, dem Freihandel. Sie haben gerade
die Schutzzolle in ihrem Gefolge bewirkt. Man durchschaut das
Wirtschaftsleben heute nicht. Es miissen erst die Lebensverhaltnisse
herbeigefuhrt werden, durch die man Zusammenhange durch-
schauen kann. Man wird die wirtschaftlichen Zusammenhange
durchschauen, wenn sich derienige von einer Assoziation meinet-
willen von einem anderen Kreuzpunkte aus mit dem, der in einer
anderen Assoziation drinnensteht, verstandigt. Wenn sich der an
diese oder irgendeine andere Assoziation unmittelbar wenden kann,
dann hilft einem die Gescheitheit etwas, so wie sie durch die
Assoziationen zusammenhangt, und diese Zusamnienhange 5 diese
Mafiregeln mufi man irgendwie ergreifen, und selbst so weit konn-
ten die Bogen gespannt werden, wie die Wirklichkeit durch die
Kette der Assoziationen hindurch erlaubt. Das war ja die Eigentum-
lichkeit in der bisherigen Wirtschaft, dafi einem die Moglichkeit
fehlte, auf diese Weise fortzuschreiten und die Dinge auswachsen zu
lassen. Das, meine sehr verehrten Anwesenden, ist heute noch
immer nicht durchschaut.
Wahrhaftig nicht aus irgendeiner Selbstuberschatzung sage ich
das, sondern ich sage es, weil ich glaube, dafi das heute jeder
einsehen kann. Es ist nicht erkannt worden, dafi diese Dreigliede-
rung des sozialen Organismus eintreten mufi fur die Selbstandigkeit
des Geisteslebens, desjenigen Wirtschaftslebens, das auf Assozia-
tionen und auf nichts anderem als auf Assoziationen gebaut ist, ganz
und gar auf die aus dem wirtschaftlichen Untergrund selbst heraus-
wachsenden Assoziationen, wahrend der Staat bleiben mufi fur das,
was dazwischen ist, nichts zu tun haben darf mit dem Wirtschafts-
leben, nichts zu tun haben darf mit dem freien Geistesleben. Das
Geistesleben mufi auf die Erkenntnis des einzelnen Menschen und
auf seine Tuchtigkeit aufgebaut sein. Dasjenige, was wirtschaftlich
ist, mufi aufgebaut sein auf jene praktischen Erfahrungen und
Handhabungen des Wirtschaftslebens, die erworben werden kon-
nen in dem lebendigen Verkehr von Assoziation mit Assoziation.
Mit beidem hat der Staat nichts zu tun. Der Staat hat etwas zu tun
mit den Menschen, die auf diese Weise im Wirtschaftsleben stehen,
auf der anderen Seite im Geistesleben stehen, die sich finden werden
mit alien mundig gewordenen Menschen im demokratischen Staats-
leben, wo das offentliche Recht festgesetzt ist, das dann ausstrahlt
auf der einen Seite ins Geistesleben, auf der anderen Seite ins
Wirtschaftsleben. Man braucht sich nicht zu furchten, dafi die drei
Glieder des sozialen Organismus auseinanderfallen werden. Sie
werden sich verbinden durch die Menschen. Der eine Mensch steht
in dem einen Kreis drinnen, der andere in dem anderen. Die drei
Organisationen sind nur zum Heile der Menschheit getrennt, weil
die komplizierter gewordenen Verhaltnisse der neueren Zeit diese
Gliederung des sozialen Organismus fordern.
Das ist es, was wirklich gesundend eingreifen kann in das ganz
und gar von Krisen erschiitterte Wirtschaftsleben. Ich sagte in
meinem Buche «Die Kernpunkte der sozialen Frage»: Der Dreiglie-
derungsgedanke ist nicht irgendeine Utopie, der Dreigliederungs-
gedanke kann iiberall an die unmittelbare Wirklichkeit ankniipfen.
Diese unmittelbare Wirklichkeit soil genommen werden so, wie sie
ist; aber sie soli wiederum in die Gesundung hineinwachsen durch
staatsfreies, assoziatives Leben auf dem Gebiete des Wirtschaftli-
chen. Herausgliedern das Wirtschaftsleben aus dem Organisieren
des Staates und Stellen dieses Wirtschaftsleben auf seine eigenen
Gesetze, die sich nur ergeben konnen von Assoziation zu Assozia-
tion, das ist es, was notwendig ist. Das sieht abstrakt aus, aber meine
sehr verehrten Anwesenden, es ist nicht abstrakt, es ist das allerkon-
kreteste.
Die Wirtschafter sind da, es handelt sich nur darum, dafi sie nach
den verwandten Beziehungen, die da herrschen zwischen Produk-
tion und Konsumtion, zwischen dem einen Berufszweig, zwischen
dem einen Produktionszweig und dem anderen Produktionszweig
entsprechende Assoziation, unbekummert um politische Grenzen,
anstreben. Und es wiirde auf die Dauer tatsachlich einem solidari-
schen Streben der international in das Wirtschaftsleben hineinge-
stellten Menschen gelingen miissen, gegeniiber den Bestrebungen,
die heute da oder dort zur Verbesserung der Valuta und so weiter
auftreten, gegeniiber denen zurecht zu kommen. Man denke nur
einmal, wie sich das blofte abstrakte Wirtschaften im Gelde von den
realen Verhaltnissen loslosen kann. Nehmen Sie Deutschland vor
dem Jahre 1914. Da wurde ungefahr in einem Jahre 5 bis 6 Milliar-
den Kapital erspart und erarbeitet. Neue Emissionen auch unter
Einbeziehung von Pfandobligationen, Grundbuchschulden und all-
dem, was ausgegeben wurde fiir Luxusbauten, neue Wohnungen
und dergleichen, das gab zusammen vor dem Jahre 1914 ungefahr 11
Milliarden Mark. Erarbeitet, erspart wurde ein Kapital von 5 bis 6
Milliarden, neue Emissionen beliefen sich auf 11 Milliarden, doppelt
so viel! Was bedeutet das? Das bedeutet: man bewegt sich jenseits
der wirkhchen Wirtschaft, denn die wirkhche Wirtschaft mufi
erarbeitet werden: jenseits der wirklichen Wirtschaft steckt der
Kapitalwert, um das doppelte dessen, was der reale Kapitalwert ist.
Denn der erarbeitete Kapitalwert hatte blofi aus neuen Emissionen
und Pfandrechtsobligationen in Hohe von 5 bis 6 Milliarden Mark
erscheinen diirfen. Das war ja in Wirklichkeit da. Denken Sie sich,
wohin das fiihrt, wenn in dieser Weise sich die abstrakte Geldwirt-
schaft emanzipiert von der konkreten des Wirtschaftslebens !
Das ist nur zu heilen dadurch, dafi der Mensch wiederum mit den
Erfahrungen des Wirtschaftslebens selbst zusammenkommt, das
heifit, dafi der im Wirtschaftsleben in einem Gebiete stehende sich
assoziiert mit dem System, in dem ein anderer drinnensteht, mit
dem System auf einem anderen Gebiete. Dasjenige, was Dreiglie-
derung des sozialen Organismus zeigt, ist keine dilettantische Sache,
ist nichts Utopistisches, ist etwas, was iiberall das praktische Leben
unmittelbar angreift. Und die Leute finden sich heute mit dieser
Dreigliederungsidee aus einem ganz bestimmten Grunde nicht
zurecht: sie wollen noch nicht rechnen damit, dafi wir in einer
grofien Verwirrung drinnenstehen, sie mochten immer mit kleinen
Mixtiirchen und mit kleinen Mittelchen helfen. Das wird nicht
gehen, meine sehr verehrten Anwesenden! Wenn einer stark krank
ist, dann muE er auch zu starken Arzneien greifen. Mit demjenigen,
was man sonst empfiehlt an sozialen Heilmitteln, wird man nicht
auskommen. Es ist allerdings zuzugeben, daft dasjenige, was unter
dieser Idee der Dreigliederung des sozialen Organismus auftritt, ein
starkes Heilmittel sein will. Allein es gilt ja nicht blofi das Sprich-
wort: Auf einen groben Klotz gehort ein grober Keil, sondern es gilt
auch das andere Sprichwort: Auf eine schwere Krankheit gehort
auch ein radikales Heilmittel. Und ich glaube, derjenige, der die
immer grower und grower werdende Verwirrung des internationalen
Wirtschaftslebens in Europa durchschauen kann, dieses Hinein-
gehen in die Barbarei, der wird doch Ernst genug dazu haben, ein
wenig sich anzuschauen dasjenige, was glaubt herausfuhren zu
konnen aus diesem Niedergang zu einem neuen Aufstieg, was
glaubt, gerade aus einem wirklichen Verfolgen der Verhaltnisse,
nicht aus einem solchen, wie es die Monometallisten gemacht haben,
sondern aus einem wirklichen Verfolgen der Verhaltnisse, so dafi
man dasteht, wie der, der mit chemischem Mittel die Wasche
behandelt und sie dann schwarz oder braun macht - gegeniiber der
Wirklichkeit -, man wird, glaube ich, wenn man die Grofie der
europaischen Gefahr einsieht, man wird dann doch im Ernste
herantreten an das Studium des Heilmittels. Das ist dasjenige,
worauf es ankommt, und worauf ich jetzt schon seit so langer Zeit in
der verschiedensten Weise aufmerksam machen wollte, und worauf
ich auch wiederum heute, meine sehr verehrten Anwesenden, mit
diesen Worten in emsthaftester Art habe hindeuten wollen.
Zunachst ist die Frage an mich gerichtet worden:
Wird im dreigliedrigen sozialen Organismus der Kapitalbesitz aufgehoben?
Sehen Sie, es handelt sich ja wirklich der Realitat gegeniiber um
etwas anderes, als um den Kapitalbesitz. Es handelt sich darum, daft
erstens moglich ist, kapitalmafiig zu arbeiten. Es ist nicht moglich,
dafi in unserem komplizierten modernen Leben etwa das Kapital als
solches, wie so viele unverstandigerweise fordern, abgeschafft wiir-
de. Man braucht ja selbstverstandlich Kapital, wenn auch nur in
Form der Produktionsmittel. Man braucht Kapital, um den moder-
nen Wirtschaftsapparat in Wirksamkeit setzen zu konnen. Also das
Kapital mufi da sein.
Ich habe das genauer ausgefuhrt in meinem Buche «Die Kern-
punkte der sozialen Frage ». Aber es handelt sich eben darum, iiber
die Verwaltung des Kapitals von demjenigen, der durch seine
Fahigkeiten in irgendeinem Gebiet dazu berufen ist, dieses Kapital
zu verwalten, der es gewissermafien zusammengebracht hat, oder
auf eine andere Weise erreicht hat, die Wege zu finden, wie sie in
meinem Buche «Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebens-
notwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft» iiber dieses Kapital
angegeben sind, da$ der dieses Kapital nur solange verwaltet,
beziehungsweise die Produktion, solange verwaket - Grund und
Boden ist von diesem Gesichtspunkt aus auch ein Produktionsmit-
tel — , als er selber dabei sein kann. Dann geht, sei es Grund und
Boden, seien es andere Produktionsmittel, dann geht es wiederum
iiber auf einen anderen in der Weise, wie der Betreffende selbst es
noch regeln kann, der nun wiederum durch seine Fahigkeiten damit
verkniipft ist. So wird allmahlich sich von selbst das herausbilden,
dafi das Wirtschaftsleben um so fruchtbarer werden kann, je mehr
fahige Leute da sind, weil wirklich auf die fahigen Leute die
Kapitalverwaltung iibergehen kann.
Sehen Sie, es kommt durchaus nicht darauf an, etwas anderes zu
sein, als der Verwalter desjenigen, was als Kapital aufgefafit werden
soil. Das konnen sich heute die Menschen noch nicht so vorstellen.
Aber nehmen Sie nur so etwas, was, ich mochte sagen, schon in einer
gewissen Weise vorbildlich dasteht, wie gerade das, was ich im
Vortrag ofter erwahnen mulke, den Dornacher Bau.
Es kann die Frage entstehen: Wem gehort denn der? Er gehort
eigentlich nicht in dem alten Sinne irgend jemandem. Er hat nur
dann Sinn, wenn er an denjenigen einmal iibergeht, der ihn in der
entsprechenden Weise einmal leiten kann. Es mussen nur die Mittel
und Wege gefunden werden, um ihn zu leiten.
Das, was mit einem mehr oder weniger idealen Institut erreicht
werden kann, es kann auch, gerade wenn man es im praktischen
Geiste tut, mit jeder praktischen Einrichtung, mit jeder Fabrik
geschehen. Und Sie konnen sich leicht eine soziale Struktur denken,
durch die der alte, an die Blutsbande geknupfte Besitz ersetzt wird,
durch die Verwaltung desjenigen, der iiber Kapital verfugt auf
Grund von Fahigkeiten.
Damit will ich dann gleich verkniipfen die Frage, die hier miind-
lich vorhin von einem Herrn gestellt worden ist:
Inwiefern werden diese Einrichtungen die sogenannte Ausbeutung beseitigen konnen?
Da ist es ganz klar, daft diese Ausbeutung doch nur so lange da
sein kann, so lange auch personliche Macht da ist im Wirtschaftli-
chen. Sie finden in meinem Buche «Die Kernpunkte der sozialen
Frage» ausgefiihrt, wie der soziale Organismus in drei Gliedern
auftritt, wie das Wirtschaftsleben ganz aus wirtschaftlichen Ge-
sichtspunkten heraus gestaltet ist. Da stehen dann, sagen wir, in
einem Betrieb drinnen, der Arbeitsleiter und die Arbeitsleister,
vielleicht auch hierarchisch gegliedert oberste Arbeitsleiter, mittlere
und so weiter bis zu dem eigentlichen Handarbeiter. Keiner steht zu
einem anderen in einem wirtschaftlichen Machtverhaltnisse. Denn
die Stellung des miindig gewordenen Menschen zum miindig ge-
wordenen Menschen, die wird gar nicht im Wirtschaftsleben gere-
gelt. Im Wirtschaftsleben hat man es zu tun mit Wirtschaft. Die
Stellung aber des miindig gewordenen Menschen zum miindig
gewordenen Menschen, das ist eben Gegenstand des Staats- oder
Rechtslebens, das Maft, die Dauer der Arbeit, das ordnet sich
irgendwie gegenseitig im staatlichen, politischen oder rechtlichen
Gebiete. Diese Dreigliederung des sozialen Organismus, hat man
mir eingewendet, ist ja dasjenige, was schon Plato vertreten hat,
indem er die menschliche Gesellschaft in Nahrstand, Wehrstand,
Lehrstand gegliedert hat, - so wurde mir gesagt.
Nein, sehr verehrte Anwesende. Es ist das gerade Gegenteil von
dem, wenn Plato gesagt hat, die menschliche Gesellschaft sei einge-
teilt in Nahrstand, Wehrstand, Lehrstand; da gliederte er die Men-
schen in diese drei Gruppen, und der einzelne gehorte zu einer der
drei Gruppen. Heute handelt es sich darum, daft nicht die Menschen
gegliedert werden, sondern dafi die Organisation als eine drei-
gliedrige auftritt, und jeder Mensch mit seinen Interessen in alien
drei Organisationen drinnensteht, der eine so, der andere so.
Denken Sie sich, ein Mensch hat Kinder. Dadurch steht er in der
geistigen Organisation durch das Schulwesen drinnen. Er steht von
vornherein wie jeder Mensch als ein mundiggewordener Mensch als
ein gleicher anderen gegemiber in der rechtlichen Organisation
drinnen, gleichgultig, was er ist, ob er irgendeinen anderen Beruf
oder irgendeine andere Betatigung hat als ein anderer. Und er steht
in der wirtschaftlichen Organisation drinnen, denn der Lehrer,
insoferne er essen und trinken mufi, gehort dem wirtschaftlichen
Organismus an. Das ist dasjenige, was in Betracht kommt: Nicht die
Menschen sind gegliedert, sondern der gesellschaftliche Organis-
mus ist gegliedert.
Dadurch aber ist alles dasjenige unrnoglich, was gerade im heuti-
gen Sinne zur Ausbeutung fiihrt. Zur Ausbeutung fiihrt heute
erstens : aufiere politische Macht, auch die des menschlichen Indivi-
duums, also politische Macht, die politisch geregelt sind. Zweitens:
wirtschaftliche Macht. Wirtschaftliche Macht zum Beispiel beim
Lohnverhaltnis, das ist unmoglich. Denn es wird in der Zukunft, -
also ich meine, wenn man daran denken konnte, dafl wirklich die
Menschen in einer geniigend grofien Anzahl sich finden wiirden und
dadurch den gesunden Verhaltnissen das aufgepragt wiirde durch
den dreigliedrigen sozialen Organismus, wenn ihm Eingang ver-
schafft wiirde - es wiirde in diesem dreigliedrigen sozialen Organis-
mus gar nicht zu einer wirklichen Ausbeutung kommen konnen.
Aber es wiirde allerdings eines erkannt werden: Sehen Sie, alle
sozialen Ideale sind mehr oder weniger, wenn sie heute so umfas-
send auftreten, mehr oder weniger Kurpfuscherei, aus dem einfa-
chen Grunde, weil sie nicht unter Beriicksichtigung der wirklichen
Verhaltnisse geschehen. Die Menschen denken namlich immer: Wie
mufi der soziale Organismus eingerichtet werden, damit es alien
Leuten gut geht? Natiirlich hat dariiber noch jeder seine subjektiven
Ansichten. So fragt die Idee der Dreigliederung des sozialen Orga-
nismus gar nicht! Denn selbstverstandlich, wenn Sie einen natiirli-
chen Organismus betrachten, den Lowenorganismus oder so etwas,
Sie konnen sich ideal etwas viel besser eingerichtetes denken als den
Lowenorganismus. Man mufi nur aus seinen Bedingungen heraus an
seine Moglichkeit denken. So denken auch die Ideen der Dreigliede-
rung nicht an ein tausendjahriges Reich, glauben nicht an ein
Paradies auf Erden, sondern die Idee der Dreigliederung fragt,
welche gesellschaftiiche Gestaltung ist moglich, wenn die Menschen
so sind, wie sie sind. Da bekommt sie heraus die gesellschaftiiche
Gliederung, die im dreigliedrigen sozialen Organismus liegt. Gera-
de aus der assoziativen Gestaltung des Wirtschaftslebens ersehen
Sie, wie durchaus aus der Wirklichkeit heraus die Sachen gedacht
sind.
Ja, es ist im Grunde genommen recht leicht, soziale Programme
aufzustellen, umfassende Programme! Oh, ich weift mich noch zu
erinnern in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts: Ich war recht
oft im Wiener sogenannten Cafe Griensteidl, das so beriihmt war,
weil schon die alten Achtundvierziger dort verkehrt haben; wah-
rend der Revolution ist es das Literaten-Cafe geworden. Karl Kraus,
von dem man ja in der Schweiz schon gehort hat, hat iiber dieses
recht beriihmte Cafe Griensteidl sein Biichelchen «Die demolierte
Literatur» geschrieben. Es war in der Tat so; denn jeder, der ins Cafe
Griensteidl ging, bildete sich ein, ein grofier Mann zu sein. So wurde
also eigentlich an jedem Tische nachmittags, wenn man seinen
Kaffee trank, an jedem Tische die soziale Frage dreimal gelost,
zwischen zwei und vier Uhr, und von denselben Menschen in der
Nacht, bis nach Mitternacht, wenn man nicht gerade auf das
«Sperr-Sechserl» zu grofien Wert legte!
Also programmafiige Losungen dieser sozialen Frage lassen sich
sehr gut finden!
Sehen Sie, wenn man iiberhaupt nicht auf die Wirklichkeit sieht,
sondern aus Programmen und abstrakten Idealen heraus arbeitet, so
lassen sich Organisationen ausdenken in Hulle und Fiille.
Goethe hat so sehr schon das abstrakte Gestalten von Weltan-
schauungen persifliert in seinem Gedichte: «Die Welt ist ein Sardel-
lensalat!» Man kann ebensogut sagen, wie die Welt, statt dafi sie aus
abstrakten Atomen besteht, wie man zum Beispiel bei den Monisten
vorgeht, man kann ebensogut sagen, dafi die Welt ein Sardellensalat
ist, und das beweisen; oder man kann so weit gehen wie Gustav
Theodor Fecbner, der ganz exakt in einer sehr netten kleinen
Broschiire, einer kleinen Schrift bewiesen hat, dafi der Mond aus
Jodin besteht. Sie finden da einen sehr exakten Beweis. So kann man
im Grunde genommen, wenn man abstrakt denkt, alles Mogliche
beweisen. Das ist eben gerade das, wodurch die Leute so sehr in
Irrtumer hineinkommen, dafi sie dem Abstrakten nachgehen, und
nicht in die Wirklichkeit hineingehen. Aber es genugt nicht, dafi
man loeisch ist. Man mufi aufierdem noch wirklichkeitseemaft sein.
Ein zweifaches muE das wirkliche Denken haben: Logizitat und
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wirKiicnKeitsgeniaimeit. uas eine ist onne aas anaere nicnt denn-
bar. Aber vor alien Dingen: das Wirklichkeitsgemafie ist not wen dig.
Und so ist es auch notwendig, dafi man sich nicht einen beiiebigen
Zustand der Welt vorstellt und daraufhm Programme schmiedet,
sondern es ist notwendig, daft man fragt: Was ist mdglich? Das ist
die Grundfrage fiir die Dreigliederung des sozialen Organismus!
Und es ist gar keine Moglichkeit vorhanden, dafi in dem heutigen
Sinne eine Ausbeutung stattfindet. Sehen Sie, alle Sachen haben zwei
Seiten! Von seinem Gesichtspunkte aus kann sogar der Kapitalist
sagen: er wird ausgebeutet. Nicht wahr, es handelt sich darum, dafi
man auf das Mogliche hinsieht.
Dann ist noch eine interessante Frage da:
Was hat durch die vorgetragenen Gedanken zur Abwendung der Gefahr des Bolsche-
wismus zu geschehen?
Sehen Sie, es muE immer wieder und wiederum das gesagt werden
- und nicht umsonst wiederhole ich es immer wieder und wiederum
in der Stuttgarter Dreigliederungszeitung, die jede Woche erscheint
und ich habe den Gedanken schon auch ausgefuhrt in der Zeitung,
die der Dreigliederung des sozialen Organismus gewidmet ist hier in
der Schweiz: in der «Sozialen Zukunft», die von Dr. Boos hier
redigiert wird und besonders ausgefuhrt wird fiir schweizerische
Verhaltnisse, und in der vertreten wird die Dreigliederung hier in
der Schweiz, dafi es notwendig ist vor alien Dingen, daft der
Dreigliederungsgedanke in einer geniigend grofien Anzahl von
Kopfen Platz greife. Man mufi ihn erst verstehen. Die Menschen
miissen da sein und ihn verstehen, damit er Wurzel fassen kann.
Denn, meine sehr verehrten Anwesenden, dann ist er selber, dieser
Dreigliederungsgedanke, beziehungsweise das, was aus ihm wird,
die einzig wirkliche Abwendung gegenwartigen Ubels.
GEISTESWISSENSCHAFT (ANTHROPOSOPHIE)
IM VERHALTNIS ZU
GEIST UND UNGEIST IN DER GEGENWART
Erster Vortrag, Basel, 4. Mai 1920
In diesen drei Vortragen mochte ich von einer gewissen Seite her
eine Art zusammenfassenden Bildes geben von dem Wollen der
geisteswissenschaftlichen Bewegung, von jenem Wollen, das her-
vorgeht aus den klar ersichtlichen Aufgaben der Gegenwart selber
und aus dem, was man erkennen kann an Menschheitsaufgaben fur
die nachste Zukunft,
Ich mochte heute in einer Art Einleitung Bemerkungen machen
uber das Wesen der anthroposophisch orientierten Geisteswissen-
schaft und iiber die Notwendigkeit einer geisteswissenschaftlichen
Bewegung innerhalb des Zivilisationslebens der Gegenwart. Ich
mochte dann morgen insbesondere zeigen, wie diese Geisteswissen-
schaft zu einer tieferen Erkenntnis, einer lebensvoll erfafiten Er-
kenntnis des menschlichen Seelen- und Geisteswesens, und von da
aus dann zu einer Vertiefung des sittlichen, des moralischen Bewufit-
seins fuhrt. Ich mochte dann auch zeigen, wie sich diese Geisteswis-
senschaft zu den religiosen Bekenntnissen der Gegenwart stellen
mu£, und ich mochte endlich im dritten Vortrage zeigen, wie die
Kalamitat in der Gegenwart aus den psychologischen Eigentumlich-
keiten der heute iiber die Erde verbreiteten Volker hervorgeht, wie
sie hervorgegangen sind aus der geschichtlichen Entwickelung die-
ser Volker. So dafi ich gewissermafien vorschreiten mochte von
einer Charakteristik der Geisteswissenschaft zu einer Betrachtung
iiber die gegenwartige Zivilisation, beleuchtet vom geisteswissen-
schaftlichen Standounkte aus.
Wenn man heute aufierlich, oberflachlich, wie es schon einmal
dem Geschmacke sehr vieler Zeitgenossen entspricht, von so etwas
hort, wie die Geistesbewegung ist, deren aufierer Reprasentant der
Dornacher Bau ist, so hat man sofort das Gefiihl: So etwas kann ja
eigentiich nur fiir den Sonntag sein, denn. an alien Wochentagen
haben die Menschen ihre niitzlichen Beschaftigungen, die geregelt
sind, die vielleicht einmal durch irgendwelche Ereignisse in vier
oder fiinf Jahren grofie Unregelmafiigkeiten gezeigt haben, die aber
wieder aufgebaut werden, insofern sie zerstort sind - aber man hat
nicht das Gefiihl, dafi so etwas, das mit diesen Alltagsaufgaben der
Menschheit zu tun habe, entstehen konne durch eine geistige Bewe-
gung. So ist denn auch die Meinung entstanden, dafi alles dasjenige,
fiir das der Dornacher Bau der aufiere Reprasentant ist, eben eine
sektiererische Bewegung sei, eine Art neue Religionsbildung sein
wolle, und iiberlalk es hochstens denjenigen, die mit einem gewis-
sen, aus dem einen oder anderen Beweggrund hervorgehenden
Fanatismus an dem Alten hangen, alle moglichen Kampfesarten
gegen eine solche Bewegung zu suchen.
Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, neben allem anderen
mochte ich gerade heute gleich beim Ausgangspunkte dieser Be-
trachtung darauf hinweisen, dafi die Geistesbewegung, die hier
gemeint ist als anthroposophisch orientierte, in den letzten Wochen
daran gegangen ist, sehr praktische Tatigkeiten zu entfalten. So wie
an anderen Orten, so ist auch hier eine ganz praktische Tatigkeit im
Gange, indem versucht wird, durch eine - bitte, es kann sogar
paradox klingen, wenn man im Namen einer geisteswissenschaft-
lichen Bewegung spricht -, durch eine « Aktiengesellschaft zur
Forderung wirtschaftlicher und geistiger Werte» dem niederge-
henden gegenwartigen Leben einen Aufbau entgegenzusetzen.
Ganz praktische Tatigkeiten sollen in der nachsten Zeit begonnen
werden. Und da soil auch gezeigt werden, wie dasjenige, was
gemeint ist mit der anthroposophisch orientierten geisteswissen-
schaftlichen Bewegung, wirklich nicht eine Summe von Sonntag-
nachmittags-Predigten ist, sondern etwas, was innig zusammen-
hangt mit dem, was unsere Zeit an neuen Einschlagen auch des
praktischen Lebens braucht.
Lassen Sie mich deshalb auch ausgehen von einer charakteristi-
schen Darstellung des praktischen Lebens nach einer bestimmten
Richtung hin, um dann gerade von da aus intimer das Wollen
anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft charakterisieren
zu konnen. Es haben manche Leute, die heute aus mehr oder
weniger Ideologic, aus Utopismus heraus das soziale Leben refor-
mieren wollen, ja auch schon bemerkt, worauf ich jetzt hinweisen
will; aber sie haben es nicht so bemerkt, dafi sie haben hinschauen
konnen auf das Prinzipielle, auf das es ankommt.
Man kann, wenn man verschiedene Bewegungen des 19. Jahrhun-
derts verfolgt, die seit der Mitte des Jahrhunderts darauf ausgingen,
an die Stelle der Gold- und Silberwahrung, der Doppelwahrung, die
Goldwahrung als einheitliche Wahrung zu setzen, man kann bemer-
ken, dafi diese Anhanger des, sagen wir, Monometallismus, unter
einem ganz bestimmten Gesichtspunkte die Sache anfafiten. Sie
sagten - und man kann das aus unzahligen Parlamentsberichten der
europaischen Volksvertretungen konstatieren es miisse sich unter
dem Einflusse der einheitlichen Goldwahrung iiber die ganze zivili-
sierte Welt hin der Freihandel entwickeln, der Freihandel als der
eigentliche Trager des ungehinderten Wirtschaftslebens, der nicht
beeintrachtigt werde durch allerlei Zollschranken, Schutzzolle und
so weiter. In alien moglichen Tonarten ist dieses von der Forderung
des Freihandels durch den Monometallismus, durch die Gold-
wahrung, besprochen worden. Aber was ist eingetreten unter dem
Einflufi der Goldwahrung? Gerade dort, wo diese Goldwahrung in
radikaler Weise eingedrungen ist, ist iiberall das Gegenteil von dem
gekommen, was die gescheiten okonomischen Praktiker voraus-
gesagt haben! Uberall hat sich die Notwendigkeit ergeben, zu
Schutzzollen zu greifen, einschliefilich der amerikanischen Staaten.
Das heifit, diejenigen, die iiber die Goldwahrung gesprochen haben
aus ihrer praktischen Lebenskenntnis heraus oder aus nationaloko-
nomischer Wissenschaft heraus, sie haben sich fast alle iiber dasjeni-
ge geirrt, was in der Wirklichkeit wurzelte.
Nun kann man saeen: Sind denn die Menschen alle dumm
gewesen? Haben denn die Menschen wirklich keine Logik gehabt?
Haben sie so wenig verstanden von dem Leben, da£ das Gegenteil
von dem eingetreten ist, was sie vorausgesagt haben? Ich bin nicht
der Ansicht, dafi die Leute etwa lauter Dummkopfe gewesen waren,
die im I ante des 19. Jahrhunderts sich fur den Freihandel auseman-
dergesetzt haben, ich finde sogar, dafi das sehr gescheite Leute
gewesen sind, dafi sie mit scharfer Logik gesprochen haben und
dennoch nichts getroffen haben von der Wirklichkeit! Dasjenige,
was nicht eingesehen wird, wenn man heute eine solche Sache
bespricht, ist eben, dafi man im Sinne derjenigen Denkungsweise,
die sich im Laufe der letzten drei bis vier Jahrhunderte in der
zivilisierten Welt herausgebildet hat, sehr gescheit sein kann und
dennoch mit seinem Urteil wirklichkeitsfremd sein kann, dafi man
sich fur einen grofien Praktiker halten und die unpraktischsten
Ratschlage geben kann, die nur irgend moglich sind. Und im
Grunde genommen waren es diese unpraktischen Ratschlage, die im
Laufe der letzten Jahrzehnte die Menschheit in ihre furchtbare
Katastrophe hineingetrieben haben. Man hat insbesondere in
Deutschland sehen konnen, wie die wirkliche Beherrschung der
Zustande allmahlich ubergegangen ist in das Urteil der grofien oder
kleinen industriellen und kommerziellen Fiihrer des Staates. Andere
Leute sind mehr oder weniger abhangig geworden von den indu-
striellen und kommerziellen Fuhrern. Viel grofier war der Einflufi
der kommerziellen und industriellen Fiihrer, als man eigentlich
denken mochte. Erst wahrend des Krieges hat sich gezeigt, wie
eigentlich alles auf die Urteile von diesen Seiten gehort hat, und wie
verhangnisvoll die Urteile von diesen Seiten aus geworden sind.
Und daran konnte man eben sehen, dafi sich das ganze offentliche
Leben gewissermafien summiert aus dem Urteile solcher angebli-
chen Praktiker heraus. Das aber hat die Summe gegeben, die als die
verhangnisvolle Katastrophe iiber die zivilisierte Menschheit in den
letzten fiinf bis sechs Jahren hereingebrochen ist und die noch lange
nicht abgeschlossen ist.
Was anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft iiber-
haupt veranlafit aufzutreten, das ist die Bemerkung dieser Tatsache.
Das war der Grund, warum gerade von der Seite her, von der diese
anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft geltend gemacht
wird, immer wieder und wiederum auf die praktische Auslebung
dieser Geisteswissenschaft hingewiesen werden mufi. Ich weifi, wie
es einzelne Menschen, selbst die kleine Gruppe hier in Basel iiber-
rascht hat, als ich vor vielen Jahren darauf hingewiesen habe, dafi wir
ja mit einer sozusagen halbpraktischen Tatigkeit begonnen haben,
namlich Mysterienspiele aufzufiihren. Das haben schon manche
«Mystiker» fiir etwas gehalten, das man eigentlich nicht tun sollte;
denn da verschwagert man sich schon in einer gewissen Richtung
mit praktischen Mafinahmen, die man notig hat. Aber ich habe
dazumal gesagt: Mein Ideal ware es, nicht etwa bloft Spiele aufzu-
fiihren, sondern eine Banktatigkeit zu entfalten, um gerade das
Praktischste des Lebens mit derjenigen Denkweise zu durchdrin-
gen, welche notwendig ist, wenn man fruchtbare Geisteswissen-
schaft treiben will. Indem ich immer davon iiberzeugt sein mufite,
aus sachlichen Untergriinden heraus, daft man nicht durch ein
ungesundes, kurzsinniges Denken zu den Ergebnissen kommt, zu
denen Geisteswissenschaft kommen will, sondern gerade durch ein
gesundes, umsichtiges und geistesgegenwartiges Denken, und dafi
man lernen kann an Geisteswissenschaft das Denken so zu schulen,
wie man es unter der materialistischen Betrachtungsweise der letz-
ten Jahrhunderte eben nicht schulen konnte; daft man gerade prak-
tisch werden kann fiir das Leben durch die gesunde Denkweise, die
notwendig ist, wenn man Geisteswissenschaft in dem Sinne, wie es
hier gemeint ist, treibe. Ich mochte sagen: Es fallt gewissermafien als
ein Nebenprodukt ab die gesunde Behandlung des Lebens. Man ist
gedrangt, wenn man nicht blode, nebulose, sondern wahre Einsicht
in das Weltwesen durch Geisteswissenschaft erwerben will, nicht
ein schwafelndes, nebuloses Denken zu entfalten, sondern ein
Denken von viel grofierer Klarheit, als man es heute gerade in der
Wissenschaft gewohnt ist. Und entfaltet man dieses Denken, gibt
man sich Miihe, das zu verstehen, was Geisteswissenschaft ver-
standen wissen will, dann schult man das Denken nebenbei so,
dafi man auch in praktischen Gebieten des Lebens richtig und
sachgemafi denken kann und nicht mehr voraussagt, der Mono-
metallismus werde den Freihandel entwickeln, wenn die Verhalt-
nisse so liegen, dafi unter der Goldwahrung gerade die Schutzzolle
kommen!
Es entsteht gerade auf diese Art von Weltbetrachtung, die hier die
Anthroposophie genannt wird, Lebenspraxis, wirkliches Untertau-
chen in die Realitat im Gegensatze zum Materialismus, der iiberall
nach dem Intellektuellen, nach dem blofi aufteren Betrachten der
Welt hintendiert und unfruchtbar bleibt, mit Ausnahme des einzi-
gen Gebietes, wo er fruchtbar sein konnte, wo er von Triumph zu
Triumph gefiihrt hat: dem der aufieren Technik. Um aber nach
dieser Richtung klar zu sehen, ist es notwendig, dafi dasjenige, was
ich von den verschiedensten Gesichtspunkten im Laufe der Jahre
hier \iber das Wesen anthroposophisch orientierter Geisteswissen-
schaft entwickelt habe, wenigstens mit ein paar Worten heute noch
einmal beriihrt wird. Anthroposophisch orientierte Geisteswissen-
schaft geht im Grunde von der intimsten innersten menschlichen
Seelentatigkeit aus. Sie macht geradezu diese menschliche Seelenta-
tigkeit zur Methode geisteswissenschaftlicher Forschung. Aber in-
dem dasjenige, was in den Tiefen der Menschennatur als Tatigkeit,
als Wesen liegt, durch diese Geisteswissenschaft erkundet wird,
wird der Mensch zu gleicher Zeit hingewiesen auf das ganze Univer-
sum, auf das naturliche Universum und auf das soziale Universum.
Der Mensch wird gerade dadurch in die Tiefen der Welt hinein-
dringen, daft er lernt, in sachgemafier Weise in die Tiefen des eigenen
Wesens hineinzuschauen.
Von zwei Dingen im menschlichen Erleben mufi die Geisteswis-
senschaft ausgehen: Erstens von einer Weiterentwickelung des
Vorstellungslebens und zweitens von einer Weiterentwickelung des
Willenslebens. Wir entwickeln in einem gewissen Sinne dasjenige,
was Vorstellen, Denken ist, entweder fur die aufiere praktische Welt
oder auch fur die landlaufige Wissenschaft. Und wir entwickeln
unsern Willen, insoferne wir eingespannt sind, ich mochte sagen, in
instinktiv heraufgetriebene soziale Zustande. Geisteswissenschaft
aber fiihrt dazu, anzuerkennen, dafi ebenso, wie man die noch
unentwickelten Krafte des Kindes so entwickeln kann, dafi es dann
als erwachsener Mensch sich mit einem gewissen Vorstellen, mit
einem gewissen Wollen in die Welt hineinstellen kann, dafi man
ebenso dasjenige, was der Mensch heute aus einer gewissen Bequem-
lichkeit heraus betatigt, weiter entwickeln kann als das alltagliche
und auch das wissenschaftliche Vorstellen und Wollen. Dazu ist
allerdings notwendig, dafi man sich zuerst in einem gewissen Sinne
eine richtige Menschenerkenntnis erwirbt. Man mufi die Moglich-
keit gewinnen, hinzuschauen auf den werdenden Menschen. Man
wird ja ohnedies lernen mussen, auf den werdenden Menschen zu
sehen, was sich als Notwendigkeit gerade fur eine Reform des
Erziehungswesens ergibt. Dieses Erziehungswesen wird reformiert
werden mussen. Man wird es tun, wenn man einsehen wird, dafi ein
grofier Teil der sozialen Verwirrung der heutigen Tage von dem
verfehlten Erziehungs- und Unterrichtswesen herruhrt. Aber man
wird nicht friiher das Erziehungswesen reformieren konnen, bevor
man nicht mit einer wirklichen Sachkenntnis den werdenden Men-
schen betrachtet, diesen werdenden Menschen, der in jedem einzel-
nen Exemplar ein Ratsel darstellt, das in einem gewissen Sinne gelost
sein will. Wir betrachten das werdende Kind. Welche wunderbaren
Ereignisse treten uns entgegen, wenn wir das Kind in den ersten
Wochen, in den ersten Monaten, in den ersten Jahren seines Heran-
wachsens betrachten, wenn wir wirklich nicht hinwegschauen liber
dasjenige, was von Woche zu Woche, von Monat zu Monat, von
Jahr zu Jahr geschieht, sondern uns vertiefen in diesen werdenden
Menschen: was fur Wunder des Geschehens, des Weltgeschehens
treten uns da entgegen!
Gewohnlich sieht man zum Beispiel auf so etwas, wie es der
Zahnwechsel ist, eben nur ganz aufierlich hin. Man betrachtet nicht
dasjenige, was mit dem Zahnwechsel zugleich als eine vollige Um-
wandlung der ganzen kindlichen Seelenverfassung vor sich geht. Bis
zum Zahnwechsel lebt das Kind so, dafi es im Grunde genommen als
innersten Instinkt Nachahmung desjenigen hat, was in seiner Um-
gebung durch Menschen geschieht, namentlich durch diejenigen
Menschen, mit denen es durch Blut oder Erziehune zusammenee-
wachsen ist. Jede Handbewegimg, die das Kind macht, konnen wir
Degreiren, wenn wir wissen, wie a as rvina hingegeoen ist an die
Menschen seiner Umgebung; und im Grunde ist jede Handbewe-
gung eine Nachahmung, wenn auch manchmal so, dafi sich das
Nachahmewesen kaschiert, Aber wer beobacbten karm, merkt, daE
zum Beispiel auch in der Sprachbildung eine Angliederung, eine
nachahmende Angliederung an die Umgebung vorhanden ist.
So sehen wir, wie das Kind in den ersten Lebensjahren ein
Nachahmer ist. Und indem wir das Kind so betrachten und sehen,
wie von Woche zu Woche, von Monat zu Monat, von Jahr zu Jahr
aus den innersten Tiefen heraus dasjenige wachst, was sich dann
iibertragt in Form, in Geste, in Bewegung und Handlung, in Laut, in
Gedanken, wenn wir das beobachten bei dem Kinde, so werden wir
bemerken - wenn man es nicht anders kann, so werden wir meinet-
willen durch Hypothese zunachst zu der Vorstellung kommen -,
wie das Seelisch-Geistige nun an dem Leiblichen arbeitet. Und
vertieft man sich in eine solche Beobachtung, schaut man hin, wie
das Seelisch-Geistige an dem Leiblichen arbeitet, dann kann man
nicht anders, als diese Arbeit des Seelisch-Geistigen an dem Leibli-
chen bis hinein in das Innerste zu verfolgen. Dann wird man sich
sagen: Da geschieht etwas Bedeutsames durch den ganzen Organis-
mus hindurch, was sich um das siebente Jahr herum auslebt in den
zweiten Zahnen, die die Milchzahne ersetzen. Da ist gewissermafien
in diesem Zahnwechsel ein Schlufipunkt.
Und was tritt dann auf bei dem Kinde, wenn der Zahnwechsel
abgeschlossen ist? Das tritt auf - jeder kann das, indem er sich an
sein eigenes Leben zuriickerinnert, klar und deutlich bemerken -,
da£ dann bei dem Kinde die Vorstellungen, die vorher in einer
gewissen Weise fliichtige waren, die kamen und gingen, die chao-
tisch waren, dafi diese Vorstellungen sich in strengere Konturen
formen, daE sie sich so fest gestalten, dafi sie gewissermafien kristalli-
sieren, um dann zu bleibenden Erinnerungen zu werden.
Das Erinnerungsvermogen tritt allerdings bei manchen Men-
schen schon friiher auf, aber die festumrissene Erinnerung, die zu
Gedanken gestalteten Erinnerungen, die treten dann auf. Und wer
dann diese Vorstellungsreihe verfolgt, der wird nicht umhin kon-
nen, sich zu sagen: Ja, das ist ja dieselbe Tatigkeit; bis zum Zahn-
wechsel hin war eine geistig-seelische Tatigkeit, um die Zahne
herauszutreiben. Diese geistig-seelische Tatigkeit wirkte im Orga-
nismus. Jetzt hat sie ihre Tatigkeit, ihr Feld abgeschlossen. Jetzt tritt
sie als geistig-seelische Tatigkeit selber auf. Die festumrissenen
Gedanken, die Gedanken, die der Erinnerung machtig sind, diese
Gedanken treten jetzt auf. Was haben sie friiher getan? Sie waren es,
die im Organismus gearbeitet haben, urn die Zahne herauszuarbei-
ten; dieselbe Tatigkeit, die spater im Denken und im Erinnern lebt,
lebte im Organismus, war dort tatig, um die Zahne herauszutreiben.
Es ist gewissermafien eine organische Tatigkeit, metamorphosiert,
umgewandelt zu einer geistig-seelischen Tatigkeit. Und als solche
geistig-seelische Tatigkeit lebt sie nun weiter im Menschen.
Sehen Sie, von diesen Dingen geht in streng methodischer Weise
anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft aus. Sie sagt sich:
Man versuche nur einmal hinzuschauen, wie in starker Weise in den
ersten sieben Lebensjahren dasjenige im Organismus tatig ist, was
spater nur als Gedankenarbeit, als Erinnerungsarbeit wirkt. Nun
sage man sich, man nahme diese verstarkte Tatigkeit des Denkens,
des Vorstellens auf, man halte sich daran, nicht blofi die umgesetzte
geistig-seelische Tatigkeit der spateren Jahre in seiner Seele arbeiten
zu lassen, sondern die starkere Tatigkeit, die imstande war, nicht
blofi Gedanken zu Erinnerungen zu formen, sondern die Zahne
herauszutreiben. Das ist aber nur ein Teil der Tatigkeit, der grofiere,
intensivere, bis zum siebenten Jahre. Diese starkere Tatigkeit wird
in Angriff genommen durch dasjenige, was anthroposophisch orien-
tierte Geisteswissenschaft das Meditieren nennt. Meditieren ist
nichts anderes als ein verscharftes Denken, als ein intensiver gemach-
tes Denken, als ein ausgebildetes Denken. Die Meditation besteht
darin, dafi man einen Gedanken oder eine Gedankenreihe - fur den
einen Menschen ist das gut, fur den anderen jenes, das Genauere
findet man mitgeteilt in den Schriften: «Wie erlangt man Erkennt-
nisse der hoheren Welten?», in «Die Geheimwissenschaft im Um-
rifi», «Vom Menschenratsel» und «Von Seelenratseln» und so wei-
ter -, diese Meditation, die hier gemeint ist, besteht darin, da£ man
einen Gedanken oder eine Gedankenreihe intensiv in den Mittel-
punkt des BewuEtseins stellt und dann so stark seelisch-geistig in
dieser Gedankenreihe tatig ist, da$ man nun nicht blofi jene abstrak-
te, intellektualistische Gedankentatigkeit entfaltet, die man in der
gewohnlichen Wissenschaft oder im gewohnlichen Leben hat, son-
dern jene intensive Gedankentatigkeit, die, waren wir noch Kinder
unter sieben Jahren, in unseren Organismus eingreifen wiirde, im
Organismus drinnen brodeln und kochen wiirde. So aber tragt sie
uns, nachdem wir sie als seelisch-geistige Tatigkeit treiben, dahin,
dafi wir lernen mit Gedanken zu leben wie mit Realitaten. Man sehe
einmal nach, wie die Menschen im alltaglichen Leben oder in der
gewohnlichen Wissenschaft dem Gedanken, dem Urteil gegeniiber
leben; die regen sie nicht auf. Es regt einen Menschen auf, wenn er
mit einem befreundet ist und der ihn schadigt oder er verliebt ist in
einen anderen, oder Hunger oder Durst hat und so weiter. Die
Dinge des Leibes regen den Menschen auf; die Gedanken nicht in
der gleichen Weise.
In dem Gedanken lernt man sich bewegen durch das Meditieren,
wie man sich bewegt im Alltag. Und nach und nach wird es so, dafi
man merkt, man macht ja innerlich durch dieses Meditieren einen
Ruck durch. Wahrend man im gewohnlichen Leben eine Art Fiih-
rung in seiner Gedankenwelt hat durch die Aufienwelt, wahrend
man sich hingibt den Gedanken, die uns umgeben je nachdem sie
kommen durch die ungeziigelten Erinnerungen, auftauchen, wieder
verschwinden und so weiter, besteht das Meditieren darinnen, dafi
man aus dem eigenen Willen heraus seine Gedanken in das Bewufit-
sein hineinbringt, dafi man einen Gedanken so handhabt, wie man
meinetwillen die Hand bewegt, wenn man mit der Hand irgend
etwas ausfuhrt. Und man bekommt nach und nach tatsachlich das
Gefiihl, dafi man denken lernt, wie man sonst greifen oder sonst
gehen gelernt hat: dafi die Gedankentatigkeit sich als etwas vom
Menschen Abgesondertes ergibt. Wenn man so vordringt zu einer
solchen Gedankentatigkeit, die intensiver ist als die gewohnliche
Gedankentatigkeit, zu einer Gedankentatigkeit, von der man inner-
lich erlebt: Ware man noch Kind, wiirde dieses Denken, das man im
Meditieren entwickelt, sogar in das Wachstum, in die Gestaltung
des Leibes eingreifen - wenn man dieses Denken entwickelt, dann
lernt man das kennen, was es heilk: im Denken selber, im Vorstellen
leibfrei sich einer Tatigkeit hingeben.
Es ist ja ganz richtig, dafi das gewohnliche Denken ganz an das
Gehirn gebunden ist. Und das lernt man gerade dann erkennen,
wenn man dieses leibfreie Denken, zu dem man sich nur durch
meditative Entwickelung erheben kann, kennenlernt. Dieses Den-
ken, das ebenso in die Willkiir gestellt ist wie die Handbewegungen,
wie die Beinbewegungen, das man durch Anstrengung vollfiihren
kann, unter dem man ermudet, das man nach einer bestimmten Zeit
so unterlassen muli, wie man unterlassen mufi die Anstrengung des
aulkren Leibes, wenn man dieses Denken so kennenlernt, so von
innen kennengelernt hat, dann hat man uberhaupt erst ein Erlebnis
von dem schaffenden Denken, von dem schaffenden Vorstellen.
Dann ergreift man in dem Menschen ein Wesen, das atherisch-den-
kerisch ist und das zugleich dasjenige ist, das durch die Geburt oder
sagen wir durch die Empfangnis aus iibersinnlichen Welten herun-
tergestiegen ist, und eben als Plastiker, als Architekt am menschli-
chen Leibe mitgearbeitet hat. Wir haben dasjenige erfafit, was am
menschlichen Leib arbeitet, und wir haben damit lebensvoll uns
zuriickversetzt in das, was wir Menschen waren, bevor wir in diesen
physischen Leib heruntergestiegen sind und den Leib angenommen
haben, der uns gegeben worden ist durch die Vererbung von Vater,
Mutter und so weiter. Wir haben ein Erlebnis von dem Vorgeburtli-
chen oder von dem Leben vor der Empfangnis, ein Erlebnis von
dem, was unser ubersinnliches Dasein war vor dem jetzigen phy-
sischen Dasein.
Durch die Ausbildung des Denkens erweitert sich unser Men-
schenleben iiber Geburt und Empfangnis hinaus. Das, was ich
Ihnen hier erzahle, ist geradeso sicheres Ergebnis einer strengen
methodischen Untersuchung, die auf den Wegen wandelt, die ich
Ihnen hier skizzierte, wie irgendein chemisches Resultat. Nicht
sicherer ist dasjenige, was die Chemie im Laboratorium oder die
Astronomic auf der Sternwarte zuwegebringt als dasjenige, was so
aus der Intimitat des entwickelten menschlichen Gedankenlebens
als Erkenntnis der iibersinnlichen Menschenwesenheit vor der Ge-
burt hervorgeht; es ist einfach weiterentwickeltes Denken, welches
die Methode hefert, in die iibersmnliche Welt einzudringen. Dieses
Denken liefert allerdings dann die Moglichkeit, auch etwas zu sagen
iiber dieses vorgeburtliche Leben. Darauf wollen wir morgen zu-
riickkommen. Ich mochte aber jetzt hinweisen auf die andere Seite
desjenigen, was im Menschen entwickelt werden mufi, damit er
aufsteigt von der sinnlichen Erkenntnis zu der ubersinnlichen Er-
kenntnis. Dieses andere ist der Wille. Und um die Bedeutung dieser
Willensentwickelung einzusehen, brauchen Sie nur daran zu den-
ken, wie weit entfernt dasjenige ist, was wir den Inhalt unserer
sittlichen Ideale, der sittlichen Impulse nennen, von dem, was
aufieres Naturgeschehen, was auch Naturgeschehen im Menschen
ist. Das ist ja gerade die Sorge der philosophischen Weltanschauung,
dafi die sogenannten Ideale nicht herangebracht werden konnen an
das Naturdasein. Da beschreiben auf der einen Seite die Geologen
und Astronomen, wie unsere Erde mit alledem, was zu unserem
Planetensystem gehort, aus einem Urnebel nach ewigen, ehernen
Gesetzen hervorgegangen ist, wie sie sich abgespalten hat, wie
Pflanzen sich entwickelt, Tiere sich entwickelt haben bis herauf zum
Menschen. Dann verfolgen sie das, um Hypothesen daniber aufzu-
stellen, wie das alles wiederum zugrunde gehen wird. Aber beden-
ken wir: In diese Welt stellt sich nicht hinein die Welt der Ideale, die
Welt desjenigen, was wir uns vorsetzen mussen, wenn wir ein
menschenwurdiges Dasein fuhren wollen, die Welt desjenigen,
unter dessen Einflusse wir unsere Handlungen ausfuhren; alles
dasjenige, was zu unserem Gewissen spricht, das stellt sich nicht
hinein. Aber, meine sehr verehrten Anwesenden, was hat denn das
fur eine Bedeutung fur alles das, was vor sich geht als rein natiirli-
ches Dasein? Keine Briicke kann geschlagen werden in der heutigen
Weltanschauung von dem sittlichen Ideal zu dem, was sich natiirlich
entwickelt. Hin schaut der Astronom, der Geologe auf einen Endzu-
stand der Erde, wenn alles entweder dem Warmetod verfallen wird,
oder, wie andere beschreiben, vereist sein wird und so weiter, da
wird dasjenige, was jetzt Erdenleben ist, ein grandioses Grab sein.
Was wird geworden sein aus dem, was wir die sittlichen Ideale
nennen? Sie sind gleichsam wie der menschliche Gedanke, Gedan-
ken, die wie hinhuschen iiber dem natiirlichen Dasein fur eine
solche materialistische Weltanschauung. Wer vom Gesichtspunkt
der hier gemeinten Geisteswissenschaft ausgeht, theoretisiert nicht
uber diese sittlichen Ideale, sondern sucht auf einem anderen Wege
das Leben zu vertiefen. Er versucht vor alien Dingen, etwas in die
menschliche Willkiir hereinzubekommen, was sonst nur so vom
Menschen betrachtet wird, daft er sich ihm in passiver Weise
iiberlafit.
Und wiederum hilft uns, um das, was ich meine, zu begreifen,
wenn wir die zweite Epoche des menschlichen Lebens, die Epoche
vom Zahnwechsel bis zur Geschlechtsreife mit unbefangenem Auge
betrachten. Wir sehen wiederum, wie sich in dem Kinde vom 7. bis
14. Jahre nach und nach gewisse Krafte herausentwickeln, die ihre
Kulmination erleben im 14., 15. Jahre. Wir sehen, wie da zunachst
die individuelle Liebe auftaucht, wie alles dasjenige, was mit der
Fortpflanzung des menschlichen Geschlechtes zusammenhangt,
auftaucht. Aber gewohnlich verfolgen wir nicht, wie ein Geistig-See-
lisches vom 7. bis zum 14., 15. Jahre wiederum so arbeitet wie in den
ersten sieben Lebensjahren und einen Abschlufi findet, so daft es frei
wird und gewissermafien erlost wird aus der organischen Tatigkeit
mit dem 14., 15. Jahre. Wenn wir den Knaben in seiner Entwicke-
lung betrachten, dann finden wir - in einer etwas anderen, hier nicht
weiter zu erorternden Weise, mehr seelisch ist es beim weiblichen
Geschlecht wir finden den Abschlufi dieser Lebensepoche in der
Umanderung der Stimme, in dem anderen Timbre, den da die
Stimme annimmt. Was ist das eigentlich, was da in die Sprache
hineingeschossen ist? Beobachtet man unbefangen, so findet man:
Es ist der Wille, wie es in den ersten sieben Lebensjahren das
Vorstellungsleben war, das sich dann zu einem erinnerungsfabigen
Gedanken formt, jetzt ist es der Wille, der in den Organismus
hineinschiefk, der sich dem Oreanismus eineliedert und von ietzt ab
als freier Wille die Sprache durchdringt, wahrend bis dahin das
Kind bis zum 14., 15. jahre m seiner Sprache nicht frei war, sondern
- man kann das xiachweisen - unter dem Einflusse der Umgebung
gestanden hat. So dafi wir uns sagen konnen: In der zweiten
Lebensepoche ist dasjenige, was sparer als Wille auftritt, das Organ-
gestaltende. Und es tritt, im Jiinglingsalter dann, im 17., 18. Jahr bis
in die Zwanzigerjahre hinein zutage, indem es den Jiingling durch-
gliiht mit Ideal en. Es ist frei geworden dasjenige, was gearbeitet hat
an dem, was dann als Geschlechtsliebe, als Menschenliebe iiber-
haupt, erscheint. Was da frei geworden ist nach dem 14., 15.
Lebensjahr in der Geschlechtsreife, es hat gearbeitet bis zum 7. Jahr;
der Wille ist es - erst der Wille, der an das Organ gebunden ist, dann
der frei werdende Wille. Nimmt man das wiederum auf, und zwar in
der Weise, dafi man jetzt an den Willen sich wendet und das, was
man gewohnlich eigentlich passiv als Mensch hinnimmt, ins Aktive
verwandelt, dann wird man sehen, dafi sich eine zweite, besondere
geistig-seelische Kraft in der menschlichen Innerlichkeit entwickelt.
Man erreicht das dadurch, dafi man beobachtet, wie man sich sagen
kann: Siehst du auf deinen Lebensweg zuriick, so bist du eigentlich
von Jahr zu Jahr - das wird weniger bemerkt -, jedenfalls aber von
Jahrzehnt zu Jahrzehnt ein anderer geworden. Das Leben, aufiere
Verhaltnisse, Leiden, Freuden, alles mogliche greift in das Leben
ein. Und jeder von Ihnen frage sich, ob er nicht im Laufe der
Jahrzehnte ein anderer geworden ist? Das aber hat man nicht in
seiner Gewalt. Das Leben schleift einen ab. Das Leben macht einen
zu einem anderen.
Geisteswissenschaftliche Methode besteht gerade darin, dafi man
auf diesem Gebiete auch die Entwickelung selbst in die Hand
nimmt, dafi man ernster, als man das sonst tut, zum Beispiel die
sittlichen Lebensideale nimmt, diese sittlichen Lebensideale sich
selber einverleibt, priift, wie man irgend etwas, das man sich
vorsetzt, so gestalten kann, dafi man es will, wie man essen will,
wenn man hungrig ist. Dazu kann man es bringen. Man kann es
dazu bringen, dafi das, was sonst nur abstrakte moralische Ideale
sind, Instinkt wird, dafi es innerlicher Trieb wird. Dann allerdings
nahert sich dasjenige, was sonst, wie ich gesagt habe, iiber der Natur
schwebt, von dem man nicht einsehen kann, was es eigentlich fur
eine Bedeutung hat, es nahert sich das dem menschlichen inneren
organischen Werden. J a, wenn das vielen auch paradox klingen
wird, es tritt ein Zeitpunkt ein, wo auf einen moralische Impulse so
wirken, wie sonst auf den Geschmack die Speisen wirken. Man hat
nicht mehr nur das abstrakte Gefiihl gegeniiber irgend etwas, was
man fur gut oder schlecht findet, sondern man bekommt eine
innerliche Antipathie gegen etwas moralisch Ungeheuerliches oder
Schlechtes oder auch nur Tadelnswertes, wie man eine Antipathie
bekommt gegen das, was schlecht schmeckt. Was sonst in abstrak-
ten Hohen schwebt, nahert sich intim dem, was sonst im Ge-
schmack, im Geruche lebt. Man bekommt ein Gefiihl davon, wenn
man nur einen Arm hebt, so ist dasjenige, was man sich vorsetzt,
wirksam im Stoffwechsel des Armes. Man bekommt mit anderen
Worten, wenn man also seine menschliche Entwickelung aktiv in
die Hand nimmt, ein Gefiihl von dem Durchdringen des Geistig-
Seelischen gegeniiber dem Physisch-Leiblichen. Wie man im Den-
ken, wenn man es entwickelt, frei wird von dem Leiblichen, so wird
man es durch die andere Entwickelung, die ich jetzt erorterte, die
einfach dasjenige, was vom 7. bis 14. oder 15. Lebensjahr hin im
Organismus wirkt, so intensiv aufnehmen, dafi da die Liebe nicht
blofi so wirkt wie sonst im Leben, im sozialen oder im individuellen
Leben, sondern dal5 die Liebe so wirkt, dafi sie organisch uns erst
zum Leibe gestaltet. Wenn man nun jene Intensitat der Liebe auf die
eigene Selbsterziehung anwendet, dann erlangt man in dem Willen
dasjenige, was stark genug ist zu wirken, wenn auch dieser Leib der
Erde oder den Elementen iibergeben wird. Hat man einmal eingese-
hen, wie der Wille die Macht besitzt, auf den Leib zu wirken, wie der
Wille nicht blofi sittliche Impulse in uns abstrakt veranlagt, sondern
wie der Wille uns notigt, die sittlichen Impulse zu empfinden, wie
sonst Speisen durch den Geschmack empfunden werden, dann hat
man auch begriffen, wie dieser Wille eingreift in das eigene mensch-
liche natiirliche Dasein, wie er eingreift in das gesamte natiirliche
Dasein des Universums. Dann erlangt man durch diese andere Seite
der Entwickelung die Moglichkeit, zu begreifen, was nach dem
Tode ist. Wie man durch die Entwickelung des Vorstellungslebens
das vorgeburtliche Leben als ein Ubersinnliches, als ein Ewiges
begreift, so durch die Willensentwickelung das Leben nach dem
Tode. Es erweitert sich dasjenige, was der Menscli hier erlebt in
dieser physischen Welt durch dasjenige, was Geisteswissenschaft
zutage fordert, eben iiber diese physische Welt hinaus, aber nicht so,
dafi man nur spekuliert iiber die physische Welt hinaus, sondern dafi
man tatsachlich, urn zu dem zu kommen, was ich jetzt geschildert
habe, ein Gedanken- und Willensleben entwickeln mufi, das mit der
Wirklichkeit verbunden ist. Man entwickelt das Gedankenleben so
wirklich, dafi man es in den Kraften hat, in denen es uns selber
gestaltet, indem wir ins Leben eintreten. Man ergreift das Willens-
leben in einer so starken Wirklichkeit, dafi man es hat, wie es wirken
wird noch, wenn unser Leib mit alien seinen Instinkten und natiir-
lichen Trieben zerfallen sein wird.
Dann, wenn dieses erreicht ist, hat man etwas, was so auftreten
kann wie der Inhalt meiner «Geheimwissenschaft» etwa. So wie
man von einer aufieren naturwissenschaftlichen Wissenschaft aus
iiber die Aufienseite der Welt spricht, so kann man iiber die
Innenseite der Welt sprechen. Es braucht nicht jeder ein Geisteswis-
senschafter zu werden, um die Geisteswissenschaft einsehen zu
konnen. Der unbeirrte Menschenverstand fiihrt dahin, diese Gei-
steswissenschaft begreifen zu konnen. Wie viele Geistesforscher es
geben wird in der Zukunft, dariiber brauchen wir uns ja gar nicht zu
unterhalten. Es mag viele, es mag wenige geben. Aus meinem Buche
«Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?» werden Sie
ersehen, dafi jeder bis zu einem gewissen Punkte ein Geisteswissen-
schafter werden kann, namlich selber hineinschauen kann, wenn er
nur seine naturlichen Gaben entwickeln will, in das iibersinnliche
Weltenwesen. Um in dem hier gemeinten Sinne Geistesforscher zu
werden, ist vielleicht schon aus dem Grunde manchen nicht mog-
lich, weil vieles notwendig ist, was der Mensch im gewohnlichen
Leben ja nicht eigentlich anstreben kann. Denken Sie nur, wenn
einer ein Chemiker wird, wieviel er dann abgesondert vom iibrigen
Leben im Laboratorium zubringen mufi, wie er in einem gewissen
Sinne auf manches verzichten mufi im anderen Leben. So ist es bei
jeder einzelnen menschlichen Betatigung im Leben. Bedenken Sie
nur, was es bedeutet, wenn jemand sich bekannt machen mufi mit
einer Welt, die ganz verschieden ist von der, in der wir taglich vom
Aufwachen bis zum Einschlafen leben, mit einer Welt, die ganz
andere Gesetze hat, obwohl diese Gesetze hier wirksam sind, aber
im Verborgenen. Das pragt dem Menschen etwas ein, was zu
gleicher Zeit der Quell von Leid, von Schmerzen ist. Und jeder
wirkliche Geistesforscher wird Ihnen sagen: Dasjenige, was ihm das
Leben an Freuden gebracht hat, nimmt er dankbar hin und mochte
den Weltenmachten immerzu in einem demiitigen Gebete danken
fur das, was er an Freude erleben durfte. Aber seine Erkenntnis
verdankt er nicht eigentlich seinen Freuden, die in einer gewissen
Weise einschlafern iiber die eigentliche Wesenheit des Lebens - die
Erkenntnisse verdanken wir dem Leid. Und vertiefte Leiden sind es
geradezu, die durch unsere Seelen ziehen, wenn wir eine bestimmte
Stufe erstiegen haben in dem Hinausgehen aus der sinnlich-wir-
kenden Welt, wie ich es Ihnen heute geschildert habe.
Dann kommt das andere. Denken Sie nur, ich habe es ja selbst
gesagt, das Denken wird etwas, wie das Greifen oder Gehen: Es
wird in die Willkiir des Menschen gestellt. Wir sind sonst gewohnt,
unwillkiirlich zu denken, das Denken so automatisch fortlaufen zu
lassen. Dieses Denken mufi sich so umgestalten - wenigstens fur die
Zeit, in der man im Geistigen forscht -, wie wir sonst willkurlich
Hande und Beine bewegen. Man mufi nun genau unterscheiden
lernen - und das lernt man sorgfaltig, wenn man zum richtigen Weg
im Geistesforschen angeleitet wird -, man mufi nun sorgfaltig lernen
zu trennen das Leben, das man in der physischen Welt fiihren mufi
und das Leben, das in die geistige Welt hineinfuhrt. Denn hier in der
physischen Welt mufi man leben konnen wie ein anderer Mensch.
Nicht diejenigen sind die wirklichen Geistesforscher, welche aus
einem gewissen Hochmut oder aus einer Wollust der Seele heraus
lebensfremd werden, die sich hingeben konnen mystisch und dabei
das Leben verachten, die vielleicht von der iibrigen Menschheit sich
absondern, sich allerlei absonderliche Kleider anziehen und derglei-
chen oder sagen: Wir gehoren zu einer ganz anderen Menschensor-
te. - Diejenigen sind vielmehr die wirklichen Geistesforscher, de-
nen man das gar nicht anmerkt, weil sie im aufieren Leben geradeso
drinnen stehen wie die anderen, ja noch praktischer, weil sie dasjeni-
ge durchdringen mit den wirklichen Gesetzen des aufieren Lebens,
die man gar nicht in der aufieren Welt kennenlernen kann, sondern
nur aus der iibersinnlichen Welt; denn alles Sinnliche ist ganz
abhangig von der iibersinnlichen Welt. Daher sagte ich schon ofter,
am meisten wird diese Geisteswissenschaft, die hier gemeint ist, ihre
Ideale erfullt sehen, wenn sie gerade in die verschiedenen prakti-
schen Zweige des Lebens hineinwirken kann. So zum Beispiel sagte
ich, wiirde es ganz besonders eine Erfiillung dieses anthroposophi-
schen Ideales sein, wenn man mit einer Anzahl von Arzten sprechen
konnte iiber dasjenige, was Geisteswissenschaft fur eine Erneu-
erung der Medizin werden konnte. Das hat sich nun mittlerweile
schon erfullt: In Dornach draufien ist ein Kursus vor Arzten und
angehenden Medizinern gehalten worden iiber dasjenige, was der
Arzneiwissenschaft zugefuhrt werden kann gerade von dieser an-
throposophisch orientierten Geisteswissenschaft.
Wahrhaftig, alles liegt naher dieser anthroposophisch orientierten
Geisteswissenschaft, was fruchtbares Wirken auf die praktischen
Lebenstatigkeiten ist, als das wesenlose Herumstreiten mit denjeni-
gen, die ja aus einem blinden Fanatismus oder viel Schlimmerem
heraus verleumderisch sich auftun, um als eine religiose Sekte diese
Geisteswissenschaft hinzustellen, weil sie eine allgemeine Abnei-
gung haben gegen jeden menschlichen Fortschritt. Denjenigen,
denen es mit dieser Geisteswissenschaft ernst ist, kommt es nicht auf
das Herumstreiten mit Bekenntnissen an, sondern ihnen kommt es
auf ernsthafte Arbeit auf alien praktischen Gebieten des Lebens an.
Das ist es, was vor alien Dingen von Dornach aus geleistet werden
will und wogegen einfach, ich mochte sagen, all das Geschwafel, das
sich jetzt erhebt von alien Seiten her, grotesk ist. Man versuche nur
einmal, sich bekanntzumachen mit dem, was wirklich gewollt wird
und man wird sehen, dafi das ganz anders aussieht als dasjenige, was
jetzt durch einen grofien Teil der Presse geht. Das ist es, um was es
sich handelt, dafi in der Tat durch die geschilderte Methode, durch
die der Mensch in sein eigenes Wesen tiefer hineindringt, er auch
tiefer in die Welt hineindringt. Man lernt erkennen auf der einen
Seite die Wirklichkeit, die uns ins Dasein bringt; man lernt erkennen
auf der anderen Seite die Wirklichkeit, die uns aus dem Dasein
hinaustragt. Dadurch aber gewinnt man auch die Moglichkeiten,
tiefer in das Leben selbst hineinzusehen. Heute gehen die Menschen
aneinander vorbei, wissen gar nicht, wie der Einflufi des einen
Menschen auf den anderen ist, nicht nur der, der durch die aufiere
sinnliche Leiblichkeit vermittelt wird, sondern wie tatsachlich Seele
auf Seele, Geist auf Geist wirkt. Es furchten sich die Menschen fast,
an diese Wirkungen von Seele auf Seele, von Geist auf Geist zu
denken. Aber ehe man nicht dahin gelangt, einzusehen, wie die
Menschen als geistige Wesen aufeinander wirken, ehe wird man
auch nicht eine richtige Vorstellung von dem gewinnen, was iiber-
sinnliche Welt ist.
Der Geistesforscher mufi durchaus sich angewohnen, unbefan-
gen in die ubersinnliche Welt hineinzuschauen und dabei seinen
Platz in der sinnlichen Welt auszufiillen. Diese Notwendigkeit, in
einer ganz anderen, viel bewufiteren Weise das Leben in der Welt
hier zu regeln, wenn man Geistesforscher ist, das gehort wiederum
zu den Dingen, die vielleicht nicht jedermanns Sache ist, neben
vielem anderen. Aber es geniigt ja, wenn dasjenige, was einzelne
Geistesforscher als Ergebnisse mitteilen, einfach in den gesunden
Menschenverstand aufgenommen wird. Die Geisteswissenschaft
hat nicht Sorge, dafi sie nicht begriffen wird von unbefangenen
Denkern. Nein, sie weifi, dafi, je unbefangener man ihr entgegen-
tritt, je sachgemafier, je weniger dilettantisch, je wissenschaftHcher
man ihr entgegentritt, sie um so mehr verstanden werden wird. Sie
fordert geradezu heraus, sie so exakt und ernst zu nehmen wie
moglich. Dann wird man schon sehen, dafi man nicht mehr in der
Weise iiber sie sprechen kann, wie man iiber sie spricht, wenn es sich
um blofi oberflachliche Bekanntschaft handelt. Der gesunde Men-
schenverstand kann durchaus Ja sagen zu dem, was als geisteswissen-
schaftliche Ergebnisse auftritt; aber es wird an den gesunden Men-
schenverstand dann eine gewisse Anforderung gestellt, eine Anfor-
derung, die man heute noch nicht liebt, aber weil man sie nicht liebt,
hat man sich in die Katastrophe hineingebracht, die die Menschheit
in den letzten fiinf bis sechs Tahren durchmachen mufke.
Sehen Sie, wenn man meine «Geheimwissenschaft» nehmen und
lesen wiirde mit derjenigen Gesinnung, die man heute besonders
liebt, dann ist sie strohern, dann haben Sie auch ein Recht, daruber
zu schimpfen. Sie ist nicht in der Lage, Ihnen so viel zu sagen, wie
Ihnen gesagt wird, wenn Sie sich in ein Kino setzen und da Bilder
vor Ihnen abrollen. Sie brauchen nicht viel zu arbeiten. Sie konnen
da passiv sein. Wenn Sie einem Vortrag zuhoren, der mit Lichtbil-
dern gemacht wird, konnen Sie auch schlafen. In den Zwischentei-
len konnen Sie Ihre Aufmerksamkeit passiv den Lichtbildern hinge-
ben. Anders schon ist es mit einem solchen Vortrag, wie ich ihn mir
erlaube. Da mufi man in einer gewissen Weise selbst mitgehen, wenn
er eine Bedeutung haben soil fur den Menschen. Aber erst in der
Literatur - meine «Geheimwissenschaft» hat fur niemand einen
Inhalt, der nicht darauf eingeht, sie selbst zu erarbeiten. Sie ist
gewissermafien nur eine Partitur, und man mufi sich den Inhalt aus
einer aktiven inneren Tatigkeit selbst erarbeiten; dann hat man ihn
erst. Dadurch aber erwirbt man sich als Betrachter dessen, was der
Geistesforscher erkundet hat, dann erwirbt man sich aktives Den-
ken, jenes Denken, das untertaucht in die Wirklichkeit, das mit der
Wirklichkeit sich verbindet. Man erwirbt sich ein Denken, das nicht
mehr sagt: Wenn wir die Goldwahrung einfiihren, werden wir
Freihandel begiinstigen. Dieses Denken, ganz aufierhalb der Wirk-
lichkeit stehend, ist unreal gegeniiber der Wirklichkeit. Man schult
sich an einem Denken, das mit der Wirklichkeit innig verbunden ist
und das auch in praktischen Fallen sich orientieren kann an der
Wirklichkeit. Das andere Denken ist ungeschult. Das geschulte
Denken, das gewissermafien als ein Nebenprodukt der geisteswis-
senschaftlichen Bestrebungen abfallt, bewirkt, dafi man gegeniiber
den Forderungen, die heute das Leben stellt, ein praktischer Mensch
wird.
Deshalb darf auch diese Geisteswissenschaft geltend machen, die
scheinbaren Praktiker, die illusionaren Praktiker, die - ja, wie soli
ich sagen, grofimaulig darf ich wohl nicht sagen -, die grofimaulig
alles gewufit haben, was da wird im Geschafts- und anderen Leben,
und die das Leben so zerschlagen haben, wie es zerschlagen worden
ist, die werden ersetzt werden mussen durch diejenigen Menschen,
welche etwas zu sagen wissen iiber den wirklichen Gang des Lebens,
weil sie gelernt haben, etwas zu sagen iiber das Leben, insofern es
das Verhaltnis des Menschen zum Universum betrifft.
Da darf ich immer wiederum auf die Tatsache hinweisen, die ja
immerhin nachweisbar dasteht, es war im Friih-Friihling 1914, wo
ich einer kleinen Gesellschaft in Wien, in jenem Orte, von dem der
Weltenbrand ausgegangen ist, gesagt habe: Wir stehen in einer
sozialen Entwickelung Europas drinnen, die uns zeigt, wie das
offentliche Leben leidet wie an einem sozialen Karzinom, wie an
einer sozialen Krebskrankheit, die in der nachsten Zeit zum furcht-
baren Ausbruch kommen mufi. - Das im Friih-Friihling 1914.
Etwas spater haben fast gleichlautend Manner, die sich ja auch fur
Praktiker rechnen, zum Beispiel der deutsche Auswartige Minister,
der osterreichische Auswartige Minister, ihren Parlamenten bezie-
hungsweise Delegationen gesagt: Die allgemeine politische Ent-
spannung macht grofiartige Fortschritte. Wir sind in freundnachbar-
lichen Verhaltnissen zu Rutland, und wir werden dank dieser
freundnachbarlichen Verhaltnisse demnachst in eine Epoche euro-
paischen Friedens eingehen. - In Deutschland sagte man: Wir haben
Verhandlungen mit England, die zwar noch nicht zum Abschlusse
gekommen sind, die aber versprechen, in der nachsten Zeit zum
Abschlusse zu kommen und ein langdauerndes Friedensverhaltnis
zwischen Deutschland und England hervorrufen werden. - Das
alles etwa im Mai 1914! Das haben die Praktiker gesagt. Der andere,
der gesagt hat: Wir leiden an einem sozialen Karzinom, der war der
Traumer, der Phantast, der verriickte Anthroposoph. Die Praktiker
aber, auf die die Menschen gehort haben, die haben gesagt, was ich
Ihnen erwahnt habe. Ihre Praktik hat sich so erfiillt, da£ in den
nachsten Jahren zehn bis zwolf Millionen Menschen totgeschlagen
worden sind und dreimal so viel zu Kriippeln!
Wie sich aber hier die Voraussagen erfiillt haben, wie sich auf dem
Gebiete des Monometallismus erfiillt hat, wie sich im Kleinen die
Mafinahmen auswirkten dieser scheinbaren Praktiker, die dem
wirklichen Leben doch fremd gegeniiberstehen, das hat sich alles in
den letzten fiinf bis sechs Jahren gezeigt. Gegeniiber der Zivilisation
der Menschheit macht Geisteswissenschaft heute geltend, indem sie
sagt, wie man sich in den Inhalt der Geisteswissenschaft vertiefen
mufi, um ein solches Denken anzuwenden, das nicht nur logisch ist,
sondern wirklichkeitsgemafi. Ich sagte ausdriicklich, ich hake sie
nicht fiir dumm, die Monometallisten, aber ich halte sie fur Leute,
deren Denken nicht untertauchen kann in die Wirklichkeit, deren
Denken wirklichkeitsfremd ist. Ich weifi, wie viele Menschen das
heute nicht glauben, dafi man gerade durch geistige Vertiefung
hineinkommt in das wirkliche Leben!
So steht Geisteswissenschaft zum Geiste unserer Zeit; so steht sie
zum Ungeiste unserer Zeit. Wie aufiert sich dieser Ungeist? Nun,
die Menschheit hat eigentlich den Intellektualismus erst in den
letzten drei bis vier Jahrhunderten erhalten. Sie hat sich entwickelt
aus einer Urweisheit heraus, die allerdings mehr instinktiv, mehr
traumhaft war, die daher abglimmen mufke. Die Intellektualitat
mufite aufkommen. Wir sind an einem Punkte der intellektualisti-
schen Entwickelung angekommen, von dem wir uns wieder entfer-
nen miissen, um wiederum Geistiges zu erkennen, was der blofie
Intellekt niemals kann. Alles, auch unsere Wissenschaft, Medizini-
sches, Jurisprudenz, alle einzelnen Wissenschaften sind bei Wirk-
lichkeitsfremdheit heute angelangt, mit Ausnahme allein der unor-
ganischen Wissenschaften und der Technik mit ihrem Gefolge. So
hat sich die Intellektualitat in den letzten Jahrhunderten entwickeln
miissen. Es war fruher eine instinktive geistige Erkenntnis da, sie ist
abgedammert eine Weile. Eine neue geistige Erkenntnis mufi sie
wieder ersetzen.
Aber wir haben die Erbschaft dieser alten geistigen Erkenntnis in
uns, und eines der bedeutendsten Telle dieser Erbschaft, das ist
unsere Sprache selbst, das sind alle unsere Zivilisationssprachen.
Dasjenige, was in unserer Sprache lebt, ist nicht hervorgegangen aus
einer solchen Weltbetrachtung, wie sie in den letzten drei bis vier
Jahrhunderten geiibt wurde. Hatten die Menschen nicht schon die
Sprachen gehabt, aus einer solchen Seelenbetatigung heraus, wie sie
zum Intellektualismus gefiihrt hat, hatten die Menschen nimmer-
mehr die Sprachen entwickelt. Die Sprachen sind altes Erbgut. Sie
sind hervorgegangen aus einer Zeit, in der man, wenn auch instink-
tiv, das Geistige erfafit hat. Was sind sie geworden in der Zeit des
Intellektualismus? Sie sind zu dem geworden, was unser offentli-
ches Leben allmahlich in den Zustand der Phrasenhaftigkeit ge-
bracht hat. Wir leben, weil wir den alten geistigen substantiellen
Inhalt verloren haben, der in dem Worte war, wir leben mit der
Sprache in der Phrase und wir sind darauf angewiesen, durch
geistige Vertiefung wiederum substantiellen Gehalt fur unsere Spra-
chen zu finden. Die Phrase aber ist die Schwester der Luge. Und
fragen Sie sich unbefangen, wie die Luge ihren Siegeszug in den
letzten ftinf bis sechs Jahren durch die Welt getragen hat, wie wir in
dem Zeitalter der Phrase leben! Unser geistiges Leben steht ganz im
Zeichen der Phrase. Das ist der Ungeist im geistigen Leben der
Gegenwart: die Phrasenhaftigkeit. Aus der Phrasenhaftigkeit, aus
diesem Teil des Ungeistes kommen wir nur heraus, wenn wir uns
wieder erfullen konnen mit der anthroposophischen Geisteswissen-
schaft. Will man geistigen Inhalt mit geistiger Substanz, dann
werden durch unsere Worte wiederum geistige Inhalte klingen.
Heute redet der Mensch Worte und Worte, weil er den geistigen
Inhalt verloren hat. Das ist der eine Punkt, worauf hingewiesen wird
von geisteswissenschaftlicher Seite aus in dem Dreigliederungsge-
danken fur den sozialen Organismus, dafi das Geistesleben von der
Phrase beherrscht ist, dafi ein Weg gesucht werden mufi - wir
werden iiber diesen Weg noch zu sprechen haben in den nachsten
Tagen -, um von dem Geistesleben aus wiederum in unsere Worte
hinein substantiellen Inhalt hineinzubringen. Das ist die erste Auf-
gabe, die wir gegeniiber dem Ungeist unserer Zeit haben.
Das zweite ist: Es hat sich deutlich ergeben, dafi diese neuere Zeit
ganz unter dem Einflufi steht des Triebes, demokratisches, wahrhaf-
tig demokratisches Leben entwickeln zu wollen. Das hat die Men-
schen ergriffen, wie sonst den einzelnen Menschen die Geschlechts-
reife erfafit oder andere Perioden des Lebens. Seit der Mitte des 15.
Jahrhunderts macht sich immer rnehr und mehr geltend in der
ganzen zivilisierten Welt der Ruf nach Demokratie, nach wahrer
Demokratie. Und was ist wahre Demokratie? Ehrlich erf aft t ist
Demokratie ein solches Zusammenleben der Menschen im sozialen
Organismus, dafi jeder Miindiggewordene als Gleichberechtigter
jedem anderen Miindiggewordenen gegeniibersteht. Das kann nicht
entwickelt werden mit Bezug auf das Geistesleben; denn da kommt
es auf die Fahigkeiten an. Das Geistesleben mufi auf seinem eigenen
Boden abgesondert werden. Die Demokratie kann nur umfassen das
politische Leben. Aber was ist das politische Leben geworden? Weil
der Trieb zwar da ist, Demokratie zu bilden, aber dieser Trieb
iiberall unterbrochen wird unter dem Einflufi des modernen materia-
listischen Ungeistes - was ist dieses Leben geworden? Es ist gewor-
den statt eines rechtlichen Zusammenlebens, statt des wirklichen,
vom Inneren des Menschen heraus geborenen Rechtslebens, ein
Leben der Konvention. Wie wir im Geistesleben in der Phrase
leben, so im Rechtsleben in den Konventionen, in dem, was paragra-
phenmafiig festgesetzt ist, dem der Mensch nicht mit seiner Seele
angehort, sondern gehorcht, indem es von einer absoluten Macht
oder zum Beispiel einer Demokratie konventionell festgesetzt wird.
Das zweite, das Geisteswissenschaft mit Bezug auf die Dreigliede-
rung des sozialen Organismus will, ist: Wirkliche Demokratie auf
dem Gebiet, wo Demokratie sein kann, begriinden. So daft die
Konvention ersetzt wird durch dasjenige, was sich vom Innersten
der Menschennatur heraus unter gleichberechtigten miindiggewor-
denen Menschen ergeben mufi.
Und auf einem dritten Gebiet, dem Gebiet des Wirtschaftslebens,
haben wir an die Stelle der wirtschaftlichen Einheit, des Errechnens
der Verhaltnisse, ein wirkliches wirtschaftliches Urteilen zu setzen,
das sich auf die Weise ergeben wird, wie ich es auch in den nachsten
Tagen andeuten will, was Sie aber auch namentlich in meinen
«Kernpunkten der sozialen Frage» finden werden. Dieses wirt-
schaftliche Urteilen ist aufgetreten an dem Ungeiste der neueren
Zeit. Der Mensch ist ein Routinier statt ein wirklicher wirtschaft-
licher Praktiker geworden, ein Routinier, der einfach drinnensteht
in dem Gewebe, in das ihn gerade Geburt oder sonstige Verhaltnisse
des Lebens hineingestellt haben. Der Mensch ist nicht wirklicher
Praktiker auf dem Gebiete des Wirtschaftslebens, sondern Routi-
nier unter einem triebhaft gestalteten Ungeist. Wir leben unter dem
Ungeist der Phrase, der Konvention, der Routiniertheit. Wir kom-
men nicht heraus, wenn wir nicht erfullen sowohl das Rechtsleben,
wie das Geistesleben, wie das Wirtschaftsleben mit demjenigen, was
wir uns an Wirklichkeitssinn, an Geistsinn aneignen konnen aus
dem Treiben der Geisteswissenschaft heraus.
Nun, die Menschen sehen heute noch iiber solche Dinge hinweg.
Mit Bezug auf das, daft man hinweisen kann auf Wichtigstes, was
wirklich unmittelbar im praktischen Leben drinnensteht, bleiben
die Menschen eben oftmals bei dem Urteil, das sei eben eine
Traumerei, eine Phantastik und so weiter. Ja, die Menschen sind
eben so. Hier in der Schweiz hat ein Mensch gelebt in den siebziger
Jahren des vorigen Jahrhunderts, Johannes Scherr. Er war in vieler
Beziehung ein Polterer, er hat seine bissige Kritik iiber alles mogli-
che ergossen, eben wie ein polternder Mensch. Aber in seinem Pol-
tern liegt oftmals ein sehr gesundes Urteil. Dieser Johannes Scherr
hat aus einer gewissen Einsicht in das, was er in seiner Zeit gesehen
hat, gesagt: Wenn das so fortgeht, wenn die Menschen in der Er-
kenntnis blofi dem Materialismus nachjagen werden, wenn sie im au-
fieren politischen, sozialen Leben blo£ einer Finanzwirtschaft nach-
jagen werden, wie sie jetzt entfacht wird, wo jeder nur seine finan-
ziellen oder industriellen Interessen in Betracht zieht, seinem Egois-
mus nachgeht, wenn dieses Treiben fortgeht, dann wird die Zeit kom-
men, wo der Mensch wird sagen mussen: Unsinn, du hast gesiegt!
Ich mochte wissen, wer mit unbefangenem Sinn sich nicht hinstel-
len mufite in den letzten Jahren und noch jetzt, wenn er sieht, was da
und dort in der Welt geschieht, wenn er sieht, wie entgegengehan-
delt wird alledem, was der Menschheit nur forderlich sein konnte,
VA. Wl Vll Vlll/ CCtl A i£j W Z_*JLVJLJLJLOiJLV-'i.U*_. V V *_-X Ik, Illll^i Cfc JL V, JL 1 ) fV Villi 111 c£l 1 Ji^ll 111 J U V- J V/ll
dere wahrend des Ad-absurdum-Fiihrens der gegenwartigen Zivili-
sation in diesem Knege hinemgestellt hat in diese Verhaltnisse, wie
er nicht sich hat sagen miissen: Nun, die Zeit ist gekommen, wo man
nicht sagen miifite: Unsinn, du hast gesiegt, wie Johannes Scherr;
c iOi rii <rl ja r-- to T T im c 1 -p im s^ll Im ot o tf - i-Q/^V^ -i e*/A &in. !
ijvj'iiuwiii. w liJiliili Li ii.ci.3t, wiKj't/iLii/Uw/Li .
Das weitere will ich in den nachsten Tagen entwickeln. Heute
wollte ich einleitungsweise sagen, da£ anthroposophisch orientierte
Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, nicht sich beteiligen
mochte an der Herbeifiihrung eines Zustandes, in welchem man
immer mehr und mehr wird sagen miissen: Unsinn, du hast ent-
schieden -, sondern an der Herbeifiihrung eines Zustandes, in dem
aus innerster Menschentiichtigkeit, aus innerlichster wirklicher
Menschenerkenntnis heraus man wird sagen miissen: Sinn konnen
wir wiederum in das Leben bringen, aufbauenden Sinn. Daran
mochte Geisteswissenschaft arbeiten.
Und ihre Kraft schopft sie aus dem Glauben, der doch wohl mehr
als ein blofier Glaube ist, aus der Uberzeugung, dafi die Zeit wird
kommen miissen, in der der Ungeist der Phrase, der Ungeist der
Konvention, der Ungeist der Routiniertheit wird besiegt werden
miissen durch den Geist, der aus einer tieferen Erkenntnis heraus
wiederum von dem Sinn des Lebens spricht. Denn Geisteswissen-
schaft muE der Uberzeugung sein: Nicht der Ungeist wird die
Menschen zu einer heilsamen Entwickelung ihres Lebens fiihren,
sondern allein der Geist. Daher mochte Geisteswissenschaft, so
stark sie es nur kann, gegeniiber den Bediirfnissen gerade der
heutigen Gegenwart und der nachsten Zukunft den Ruf nach dem
Geiste und nach seiner wahren Erkenntnis erheben.
SEELENWESEN UND SITTLICHER MENSCHENWERT
IM LICHTE DER GEISTESWISSENSCHAFT
(ANTHROPOSOPHIE)
Zweiter Vortrag, Basel, 5. Mai 1920
Im gestrigen Vortrag habe ich schon darauf hingewiesen, wie unter
dem Einflusse der neueren, von der Naturwissenschaft her bestimm-
ten Weltanschauung eine gewisse Unsicherheit in die Menschheit
kommen mufite in bezug auf die Frage: Wie stellt sich dasjenige
Weltgeschehen, das die Naturwissenschaft als eben naturnotwendig
darstellt, zu der Geltung, zu der Bedeutung der sittlichen Men-
schenwerte?
Die naturwissenschaftliche Weltanschauung ist ja immer mehr
und mehr dazu gekommen, darauf hinzuweisen, dafi alles dasjenige,
was in der Welt geschieht, naturgesetzlich notwendig geschieht.
Und sie ist immer mehr und mehr dahin gekommen, in diese
Naturgesetzlichkeit nur dasjenige einzuschliefien, was im Grunde
genommen gar nichts zu tun hat mit dem sittlichen Menschen. Und
so haben wir entstehen sehen, eigentlich so recht deutlich erst in der
Mitte des 19. Jahrhunderts, ein naturwissenschaftliches Weltbild,
zusammengefugt aus den verschiedenen Ergebnissen des naturwis-
senschaftlichen Denkens, das ungefahr sagt zunachst fur unsere
Erde und was zu ihr gehort: diese Erde sei ein Glied eines allge-
meinen Systems, unseres Sonnensystems, und sie sei mit demselben
hervorgegangen aus einer Art Urnebelzustand, habe sich da heraus-
geballt, habe sich abgesondert im Laufe der Zeit. Dann seien ent-
standen die Wesen des mineralischen, des pflanzlichen, des tieri-
schen Reiches, durch die Vervollkommnung der tierischen Form
auch der Mensch. Es werde, indem jene naturgesetzliche Notwen-
digkeit des Kraftewirkens, welche den Weltengang bis zu diesem
Zeitpunkt und bis zu dieser gegenwartigen Gestalt gefiihrt habe, wei-
tergehe, einmal dasjenige, was jetzt von Menschen bewohnt ist als
Erde, menschenleer sein, tierleer sein, pflanzenleer sein, es werde
wiederum verschwmden in den allgemeinen We; ten pro 7. eft hinein.
Gewifi, wer energisch dasjenige fiihlt, was Naturwissenschaft
heute als Autoritat den Menschen bedeutet, wird kaum daran
zweifeln, daft dieses Weltbild eine gewisse ausschlieftliche Bedeu-
tung hat. Ja, es werden sehr viele gerade unter den gegenwartigen
Gebildeten sein, welche strikte behaupten, dafi derjenige, der die
Bedeutung dieses Weltbildes nicht anerkennen will, sich blamiere.
Allerdings sind unter denjenigen, die sich so blamieren, Leute,
deren Stimmen ganz gewichtig ins Feld zu stellen sind. Ich habe hier
schon einmal bei friiheren Vortragen aufmerksam darauf gemacht,
wie der geistvolle Kunstforscher Herman Grimm in seinem Goe-
the-Buch darauf hinweist, wie wenig dem urspriinglichen, elemen-
taren Empfinden des Menschen entsprechen kann dieses Weltbild.
Er sagt geradezu: Der Anblick eines Knochens, um den herum ein
hungriger Hund seine Kreise zieht, sei appetitlicher als dieses
Weltbild. Es werde einer zukiinftigen Geschichtsschreibung der
Menschheit einigermafien schwer werden, den Zeitwahnsinn zu
erklaren, der zu dieser Kant-Laplaceschen Theorie gefuhrt habe.
Gewifi, so etwas wird heute als Laienhaftigkeit, Dilettantismus
und so weiter angesehen. Dasjenige, was naturwissenschaftlich
festgestellt ist, bauscht sich gewissermafien als Weltanschauung zu
einem ganzen Weltbild auf, und dann macht es sich in dieser Weise
gel tend. Und wir stehen davor, zu fragen: Wie stellt sich nun
gegeniiber einem solchen Weltbilde, das in gewisser Beziehung
seine Ausschliefilichkeit in Anspruch nimmt, wie stellt sich einem
solchen Weltbilde gegeniiber die ja doch im Innern des Menschen
vernehmbare Stimme des sittlichen Ideales, des Gewissens, die
Stimme, welche uns auffordert, dieses zu tun, jenes zu unterlassen,
die Stimme, welche uns sagt, dieses sei gut, jenes bose? Wie stellt
sich das ganze sittliche Leben in dieses Weltbild hinein?
Ich habe viele Menschen kennengelernt, die dieses sittliche Leben
wie eine Art verganglichen Rauch ansehen, der aufsteigt, eigentlich
die Illusion eines Rauches, die aufsteige aus dem naturwissenschaft-
lichen Geschehen, den Menschen illusionar eine Zeitlang erfulle, um
dann fur immer zu verschwinden. Und wie sollte man denn eigent-
lich anders denken, wenn man ganz ehrlich ist, als dafi dasjenige,
was in dem Kopfe des Menschen entsteht, nachdem der Mensch im
Laufe von Jahrmillionen aus niederen Tierformen sich herausge-
bildet hat, wie sollte man anders denken, als dafi das, was da im
Kopfe des Menschen als Ideale ersteht, auch wiederum spurlos
verschwunden sein werde, wenn die Erde in den Zustand zuriick-
fallt, in den sie sich in dem allgemeinen Weltenlauf auflost. Es ware
eben eine Episode gewesen, dafi die Menschen sich sittliche Ideale
vorgesetzt hatten. Die Menschen hatten unter dem Einflufi dieser
sittlichen Ideale gehandelt. Alle diese sittlichen Ideale hatten eben
nichts mehr zu bedeuten, als dafi sie illusionare Blasen seien, die
aufgestiegen waren, nach welchen die Menschen ihr Leben einge-
richtet hatten, und die weiter keine Folgen in der Weltenentwicke-
lung hatten.
Ich weift, wieviel von materialistischer Seite auch heute einge-
wendet wird gegen eine solche voile Konsequenz dieses Weltbildes.
Aber es gibt etwas, was auch einmal beruhrt werden mufi gegeniiber
den Einwendungen, die heute Materialisten machen, wenn man
ihnen sagt: Euer Weltbild, euer blofi aus Naturwissenschaft gehol-
tes Weltbild lafit eigentlich den sittlichen Menschenwert doch zu
nichts anderem werden als zu einer illusionaren Blase.
Sehen wir uns einmal um in der Zeit, in der mit voller Frische und
mit vollem Feuer das naturwissenschaftliche Weltbild heraufge-
zogen ist in der zivilisierten Welt. Es war ungefahr in der Mitte des
19. Jahrhunderts, wo, ich mochte sagen, nicht so schlafrig und
inkonsequent wie heute, sondern aus vollem Feuer heraus die
Materialisten die Nagel geschlagen haben dazu, wie man aus dem
Gedanken heraus - alles ist nur so geordnet, wie Physik, Chemie,
Biologie es wollen -, wie man aus dies em Gedanken heraus gedacht
hat liber die sittlichen Werte; davon mochte ich doch einige Proben
geben, die vielleicht heute nicht mehr geniigend bekannt sind. Sehen
Sie, in der Zeit, in welcher der Materialismus, ich mochte sagen, in
seiner Jugendfrische durch die europaische Zivilisation zog, da war
ein Geschichtsschreiber Hellwald; er schrieb vom Standpunkte des
naturwissenschaftlichen Weltbiides aus eine Kulturgeschichte. Er
sagte sich, indem er die wirkliche, wahre Konsequenz dieses natur-
wissenschaftlichen Weltbildes zog: Sittliche Ideale, iiberhaupt sittli-
che Ideen des Menschen, das sind Illusionen. Wie soli man nach dem
notwendigen Geschehen, wie es die Chemie annimmt, wie es die
Physik annimmt, an irgendwelche objektive Berechtigung von sittli-
chen Ideen denken? Aber die Menschen haben immer sittliche Ideen
gehabt. Das mufi einfach naturwissenschaftlich erklart werden, sagt
der Kulturhistoriker Friedrich von Hellwald. Vorerst aber dnickt er
sich iiber die sittlichen Ideale vom rein wissenschaftlichen, das heifit
damals naturwissenschaftlichen Standpunkte aus. Diese Art des
Sich-Ausdriickens, die mochte ich doch einmal in einer Probe
vorfuhren. Er sagt: «Aufgabe der Wissenschaft ist es, alle Ideale zu
zerstoren, ihre Hohlheit, Nichtigkeit zu erweisen, zu zeigen, dafi
Gottesglaube und Religion Trug, dafi Sittlichkeit, Liebe, Freiheit
und Menschenrecht Liigen sind.»
Sehen Sie, so hat man gesprochen, als man glaubte, naturwissen-
schaftliche Kausalitat sei einzig hinzustellen als ein Weltbild, in der
Zeit, in der das frisch in die Herzen einzog, in der man nicht
inkonsequent und kalt diesen Dingen gegeniibertrat.
Aber, sagt nun derselbe Historiker, warum haben sich die Men-
schen nun diese sittlichen Ideale vorgemacht, die ja nichtig sind? Die
Wissenschaft bezeugt ihre Nichtigkeit. Weil die Menschen, sagt er,
sie brauchten; im Kampf urns Dasein brauchten sie diese. Hat man
sittliche Illusionen, glaubt man an den Trug der sittlichen Ideale
oder der Wahrheitsideale, so kommt man besser im Kampf urns
Dasein vorwarts, als wenn man nicht an diese Trugbilder glaubt.
Deshalb stiegen diese Blasen auf. Deshalb hat man sich dieser
sittlichen Ideale bemachtigt. Sie sind die richtigen Mittel im Kampf
urns Dasein gewesen.
Das war Konsequenz vom letzten Drittel des 19. Jahrhunderts !
Das ist etwas, was allerdings nocht murkst in den Seelen; aber die
Seelen sind nicht mehr so konsequent, wie diejenigen der damaligen
Leute waren, und daher gestehen sich die heutigen Seelen nicht die
Konsequenz, die darinnen besteht: Entweder nehme ich das Kant-
Laplacesche oder ein ahnliches Naturbild an, dann mufi ich die
sittlichen Ideale als Trugbilder und Liigen erklaren, oder aber ich
muE abreifien dasjenige, was blofi naturwissenschaftliches Welt-
bild ist.
Ja, die Menschen waren konsequenter. Ich mochte Ihnen noch
eine Probe vorlesen. Eine Dame schrieb an einen der tonangebenden
naturwissenschaftlichen Weltbildgestalter der damaligen Zeit, an
Moleschott. Diese Dame schrieb dazumal iiber ihre Anschauung in
bezug auf den sittlichen Menschenwert das Folgende: «Das sittliche
Mafi fiir jeden Menschen liegt nur in seiner eigenen Natur, und ist
darum fiir jeden ein anderes. Was sind Ausschweifungen und
Leidenschaften an sich? Nichts anderes als ein grofteres oder kleine-
res Ausmafi eines vollberechtigten Triebes.» Und weiter schreibt die
Dame: «Die Menschheit habe ich lieb, wie sie ist, und selbst den
Dieb und den Morder hat ihre Lehre» - sie meint Moleschotts Lehre
- «mich achten und seine Menschenrechte anerkennen gelehrt.
Vollberechtigt im Kreise menschlicher Anlagen ist alies, was den
Dieb sowohl als den Kaufmann macht. List und Verschlagenheit,
mit dem Erwerbstrieb verbunden, ist hier wie dort nur eine Zusam-
menstellung mit anderen Geisteskraften, das belebende Prinzip.
Alles, was ins Leben eintritt, hat mit diesem Eintritt auch sein Recht
zu leben erworben. Darum mull ich es noch einmal aussprechen:
Auch der zum Dieb gewordene Mensch brachte das Recht mit sich,
seine Natur zu vollenden, und sie allseitig zu machen, und kann auf
diese Weise nur eine kraftvolle, eine sittliche Natur sein. Und wie
der Dieb, so jeder Lasterhafte, auch der zum Morder Gewordene.
Dieser kann zur Vollendung seiner Menschheit nur gelangen, indem
er seine Mordlust befriedigt.»
Meine sehr verehrten Anwesenden, das ist nicht eine Revolutio-
narin, das ist eine ganz brave, biirgerlich gesinnte Dame gewesen,
die nur in der damaligen Zeit der Jungfraulichkeit jener Weltan-
schauung, die heute im Grunde genommen auch vertreten, aber nur
nicht ernst genommen wird, die diese Weltanschauung eben ernst
genug genommen hat, die nur wufite: wenn man so denkt, wie auch
heute noch in bezug auf das naturwissenschaftliche Weltbild die
meisten Menschen denken, dann mujl man iiber den sittlichen
Menschenwert so denken, wie sie denkt. Es war eine tiefinnerliche
Verpflichtung, die da gefiihlt wurde von einer solchen Personlich-
keit zu dem Bekenntnis, das ich hier anfuhrte, das ja im Grunde
genommen zur Auflosung alles Wahrheitsstrebens, zur Auflosung
aller Ideale fiihrt und durchaus keinen Anhaltspunkt hat, sittlichen
Menschenwert in der Welt irgendwie verankert zu denken.
Ich habe Ihnen diese Proben, die noch vermehrt werden konnten,
vorgelesen, damit Sie sehen, wie es gekommen ist, dafi dasjenige,
was heute iiber Europa geht, in den Menschenseelen Platz gegriffen
hat. Braucht man sich zu wundern, dafi iiber Europa heute jene
Stimmung geht, die Sie geniigend kennen, wenn diese Stimmung
herausgeboren wurde gerade in den konsequent denkenden und
empfindenden Menschen, die um die Mitte des 19. Jahrhunderts
und im Beginne des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts diese
Weltanschauung vertreten haben?
Es ist ja in der Tat so, dafi der heutige Mensch in der Halbheit
seiner Seele sich nur nicht gesteht, dafi er eigentlich iiber sittlichen
Menschenwert so denken rmilke, wenn er nicht sein Weltbild, wie es
ihm die naturwissenschaftlich gesinnten Weltanschauungsgestalter
vormachen, revidiert. Das ist der grofie Ernst all jener Fragen, die
entstehen, wenn nach einem neuen Aufbau unseres Weltbildes
gesehen wird. Das ist dasjenige, was so schwer lastend auf der Seele
derjenigen liegt, die in der Geisteswissenschaft, von der ich Ihnen
auch gestern wieder gesprochen habe, etwas sehen, was notwendig
sich hineinstellen mufi in den gegenwartigen Gang der Menschheits-
entwickelung und dem der nachsten Zukunft. Nur davon ist zu
erwarten, dafi der sittliche Menschenwert Grund und Boden gewin-
ne, wahrhaftig Grund und Boden gewinne, da£ die naturwissen-
schaftliche Weltanschauung selbst durch Geisteswissenschaft, durch
die Erkenntnis des Geistes befruchtet werde.
Nun brauchen wir nur einige der Dinge zu bedenken, die hier
gestern erwahnt worden sind, um so recht in alien Tiefen zu
durchschauen, wie die Welt nicht erkannt werden kann von dem
Menschen, wenn er nicht zuerst iiber sich selbst sich aufklaren kann.
Die Prozesse draufien in der Welt, wir werden sie nur in ihrer
wahren Wesenheit erkennen, wenn wir sie von der Seelenwesenheit
aus erforschen konnen. Da erinnern wir uns, wie gestern geltend
gemacht worden ist, wie die hier gemeinte Geisteswissenschaft
durch innere Seelenentwickelung ihre Methoden, ihre geistigen
Erkenntnisse sucht. Und noch einmal will ich kurz hinweisen auf
dasjenige, was da im Innern der menschlichen Seele heranentwickelt
wird, wie dieses menschliche Seelenwesen weiter gebracht wird, als
im gewohnlichen Leben und in der gewohnlichen Wissenschaft, urn
einzutreten in die Anschauungen der geistigen Welt. Ich habe darauf
hingewiesen, wie das Haupt sich entwickelt, wie wir in dem Kinde
sehen, indem es in die Welt hereintritt, wie von Tag zu Tag, von Jahr
zu Jahr ein inneres Seelisch-Geistiges sich an die Oberflache drangt.
Wir sehen, wie die Ziige des kindlichen Antlitzes immer seelischer,
immer geistiger werden, wie da drinnen etwas arbeitet, das an die
Oberflache heraus plastisch das Menschenwesen gestaltet. Wir
ahnen vielleicht nur, aber ein unbefangenes Beobachten, das weiter
in die Dinge eingeht, durchschaut es, dafi dasjenige, was sich so, ich
mochte sagen, in den Ziigen des Antlitzes ausdriickt, sich weiter
hinein erstreckt in die kindliche Organisation. Und ich habe gestern
darauf aufmerksam gemacht, wie der intensivste Ausdruck desjeni-
gen, was da geschieht durch dieses plastische Durchgestalten des
Menschenleibes von dem Seelisch-Geistigen, der Zahnwechsel ist,
das Herausdringen der zweiten Zahne ist, die an die Stelle der
Milchzahne treten. Diese zweiten Zahne zeigen in ihrer Bildung am
markantesten, am auffalligsten, wie in den ersten sieben Lebens-
jahren der menschliche Organismus in seine Verhartung schiefit.
Dann, wenn das Kind die Zahne bekommen hat, bekommen die
Vorstellungen Gestalt, sie konnen bleibende Erinnerungen werden;
sie bekommen Konturen. In dem Augenblicke des menschlichen
Lebens, wo die Krafte, die im Innern des Organismus bis zum
siebenten Lebensjahre gewirkt haben, ihre Aufgabe fur den Orga-
nismus in einer gewissen Weise erfiillt haben, ist der Zahnwechsel
da. Dann kommen diejenigen Krafte, die im Organismus gewirkt
haben bis zum Zahnwechsel hin, in ihre Freiheit. Sie zeigen sich in
ihrer geistig-seelischen Gestalt; sie wirken dann im menschlichen
Ennnerungsvermogen, im menschlichen Denkvermogen. Dasselbe,
womit wir denken, womit wir unsere Erinnerung bilden, das hat bis
zu unserem siebenten Lebensjahre in unserem Organismus als der
menschliche Plastiker gearbeitet; das hat es dahin gebracht, dafi aus
der Ganzheit der menschlichen organischen Substanz die Zahnsub-
stanz sich abgesondert hat, wenn ich es so aphoristisch andeuten
darf, sonst mufite man, um die Sache ganz zu erklaren, viele
Vortrage uber diesen Zahnwechsel halten.
Sehen Sie, es ist nur eine kleine Probe, aber eben eine Probe
davon, wie Geisteswissenschaft nicht im Wolkenkuckucksheim
irgendwie sich ergehen will, wie sie nicht in mystischen Nebel
aufsteigt, sondern wie sie gerade in die Erkenntnis der Wirklichkeit
hineindeutet, wie sie zeigt, was als Geistig-Seelisches in den ersten
sieben Jahren am menschlichen Organismus arbeitet. Diese Gei-
steswissenschaft lehrt ja erst den menschlichen Organismus erken-
nen! Das ist gerade das Schicksal des Materialismus, dafi er die
Materie nicht erkennen kann, dafi er uns nichts sagt uber die
Materie. Geisteswissenschaft sagt uns gerade uber die Materie
solche Dinge, wie ich sie jetzt angedeutet habe in dem Arbeiten
desjenigen, was spater Gedankenbewegung wird, an dem menschli-
chen Organismus bis zum siebenten Jahre hin. Wiirde man eingehen
konnen ins Einzelne, Konkrete, so wiirde man sehen, wie das
Geistig-Seelische arbeitet an den menschlichen Organen, an Leber,
Lunge, Niere und so weiter. Geisteswissenschaft wird die wirkliche
Erkenntnis gerade der materiellen Vorgange bringen, weil sie diese
materiellen Vorgange aus dem Geistigen heraus zu erklaren in der
Lage ist.
Wenn man als Geistesforscher weitergeht in der Heranbildung
jener Methode, durch die man eintreten kann in die geistige Welt,
dann muE man ja dasjenige, was sich da abgegliedert hat im sieben-
ten Jahre als denkerische Tatigkeit, als Vorstellungstatigkeit, durch
Meditation - wie ich es gestern angedeutet habe - weiter ausbilden.
Dann mufi man so stark in Gedanken innerlich arbeiten, wie der
Gedanke arbeitet in den ersten sieben Lebensjahren, wenn er nicht
blofi Gedanken eben vor das Bewufitsein zu zaubern hat, sondern
wenn die Gedankenkraft so stark im Organismus arbeitet, dafi sie es
zuletzt dahin bringt, die Zahne herauszugestalten aus dem Organis-
mus. Arbeitet man durch Meditation sich in eine solche verstarkte
Gedanken- und Vorstellungstatigkeit hinein, dann merkt man aber
auch den Unterschied zwischen diesem Denken, das einem dann
unmittelbar in die Anschauung der geistigen Welt hinein bringt, das
einen unmittelbar erkennen lafit, wie der Mensch aus einem Gei-
stig-Seelischen heruntergestiegen ist durch die Geburt in sein physi-
sches Dasein, und kann dann vergleichen dasjenige, was man sich so,
ich mochte sagen, kunstlich durch Meditation errungen hat, mit
dem, was das gewohnliche menschliche Denken ist.
Nicht wahr, auf diese Weise hat man erfahren, woraus das
gewohnliche menschliche Denken besteht, das der Mensch im
taglichen Leben, in der gewohnlichen Wissenschaft ausiibt. Dieses
Denken iiben die Menschen aus; aber sie konnen ja nicht wissen,
worinnen dieses Denken eigentlich besteht. Man lernt erst erken-
nen, worinnen dieses Denken besteht, wenn man daneben stellen
kann das Denken, das leibfrei ist, das nicht an das Gehirn gebunden
ist, das im rein Geistig-Seelischen, Atherischen verlauft, das man
sich nur durch Meditation aneignen kann. Man hat dann erst die
Vergleichsmoglichkeit, kann dann erst das gewohnliche Denken des
Menschen vergleichen mit diesem ganz leibfreien Denken. Das ist
wichtig, dafi man das kann, denn das gibt dann erst eine wirkliche
Wissenschaft iiber die ganze Bedeutung des menschlichen Seelen-
wesens.
Sehen Sie, es ist eine aufierordentlich bedeutungsvolle Erfahrung,
die man macht, wenn man einmal soweit ist, das Denken in seinem
leibfreien Zustande zu erfassen, und damit zu vergleichen, wie das
Denken ist, wenn es als gewohnliches Denken des Lebens an das
Gehirn gebunden ist. Man sieht dann in bezug auf das Denken den
Unterschied, der besteht zwischen dem Menschen und dem Tiere.
Uber diesen Unterschied des Menschen vom Tiere ist ja viel gefabelt
warden, namentlich viel von der modernen Wissenschaft gefabelt
warden. Aber erkennen, worinnen dieser Unterschied besteht -
man kann es erst durch solches Vergleichen, wie ich es eben
angedeutet habe.
Und wenn man sich fragt: Ja, wodurch entsteht denn das gewohn-
liche Denken im Gegensatze zu dem leibfreien Denken, das unmit-
telbar anknupft an das seelische Sein des Menschen, indem es nur im
Geistig-Seelischen verlauft, worinnen besteht denn - so kann man
jetzt fragen - vom Gesichtspunkte dieses leibfreien Denkens, das
gewohnliche Denken? Dieses gewohnliche Denken ist durchaus an
das Gehirn gebunden. Es mufi etwas da sein von organischer
Organisation, wodurch dieses gewohnliche Denken verlauft. Das
leibfreie Denken, das durch Meditation erworben wird, braucht
dieses Nervenwerkzeug nicht. Das gewohnliche Denken braucht
dieses Nervenwerkzeug. Dieses Nervenwerkzeug hat der Mensch
nur dadurch, dafi bei ihm die Organisation nicht so weit getrieben
wird wie beim Tiere. Das Tier schiefit gewissermafien mit seiner
tierischen Organisation bis zu einem gewissen Punkte vor, verhartet
sich bis zu einem gewissen Punkte. Der Mensch geht in der Verhar-
tung, in der Verknocherung in das Sklerotisieren des Seelenlebens
beim Beginne des Lebens nicht so weit, wie die Tiere am Beginne des
Lebens. Aber wahrend des Lebens entwickelt der Mensch dieses
Verharten. Denn dasjenige, was im Verharten des Organismus sich
dadurch ausdriickt, dafi die zweiten Zahne als reine Verhartungs-
produkte erscheinen, das setzt sich ja auch im gewohnlichen alltagli-
chen Denken fort; es werden nur nicht Zahne, es werden viel
gelindere Einschiebsel, mochte ich sagen, in den Organismus, die
sich wiederum auflosen. Aber dieses Denken, dieses gewohnliche
Denken besteht eben darinnen, dafi der Mensch im fortlaufenden
Prozesse fortwahrend dasjenige, was entsteht in ihm, spriefiendes,
sprossendes Leben ist, dafi er das fortwahrend ertotet. Dasjenige
tritt zutage, dafi in uns fortwahrend voriibergehend der Gedanke,
der friihere Wirklichkeit hat als die Zahne, als abgestorbene Teile
aus dem Organismus herausschiefit und da& dieses Schiefien in die
Sklerotisierung, Verknocherung sich wieder auflost. Das Denken
besteht eben darinnen, dafi wir in bezug auf unser Kopfsystem,
unser Nerven-Sinnessystem, fortwahrend den Tod in uns tragen.
Das ist dasjenige, worauf ich in anderen Zusammenhangen auch
hier an dieser Stelle schon aufmerksam gemacht habe. Unser Den-
ken besteht darinnen, dafi wir im fortlaufenden Zeitprozesse durch
unsere eigene innere Aktivitat dasjenige vollziehen, wozu das Tier
von Anfang an angelegt ist: den Sklerotisierungs-, den Verknoche-
rungsprozefi, den Todesprozefi, den wir hineintragen in unseren
Organismus. Man blickt hin vom Gesichtspunkte des leibfreien
Denkens, das man sich durch Meditation angeeignet hat, auf dieses
fortwahrende Sterben, ohne das das gewohnliche Denken des Men-
schen nicht vor sich gehen kann. Und dieses Sterben wird nur
fortwahrend ausgeglichen dadurch, dafi wiederum aus der iibrigen
Organisation, aus der Blut- und Herz-Organisation, in den zum
fortwahrenden Sterben neigenden Kopf heraufschiefien die bele-
benden Krafte. Im Menschen ist, gerade indem er ein Denker ist, ein
fortwahrender Kampf zwischen Sterben und Leben. Und dasjenige,
was am Ende des physischen Lebens auftritt, der einmalige Moment
des Sterbens, ist eben nur die synthetische Zusammenfassung desje-
nigen, was im kleinen immer geschieht. Wir sterben von unserer
Sinnes-Nervenorganisation aus fortwahrend; nur wird dieses Ster-
ben fortwahrend aufgehoben. Erst wenn der iibrige Organismus,
nicht bloE der Organismus des Kopfes, nicht mehr die Fahigkeit
hat, das Sterben aufzuheben, erst dann sterben wir wirklich. Der
Tod ist nicht etwas, was eben nur einmal an den Menschen heran-
tritt, der Tod ist ein dauernder Prozefi. Und diesem Tode verdanken
wir das Denken. Dadurch, dafi wir durch das Denken den Tod in
uns eingliedern, dadurch ist erstens dieses Denken uberhaupt nur in
uns vorhanden, zweitens aber lernen wir erkennen, was das Tote
eigentlich substantiell ist.
Wenn man sich das leibfreie, durch Meditation herangepflegte
Denken ausgebildet hat, so sieht man erstens auf das andere Denken
hin, sieht, wie es fortwahrend mineralisiert, verknochert die mensch-
liche Substanz, und man lernt den Mineralisierungsprozefi kennen.
Indem man im Menschen ein Mineralisches rein als das Produkt des
Denkens, ausfullend den Menschen, ausfiillend inn mit dem Tc-tcn,
kenneniernt, lernt man in sich das Mineralreich kennen. Und indem
man das Denken in sich erhebt iiber den Grad des Todes, in sich
selber erweckt, indem man erlebt, dafi in uns etwas sterben rnufi,
damit die Gedanken entstehen, indem man dieses erlebt, lernt man
erkennen auch das Geheimnis des Weltenalls. Man lernt erkennen,
was eigentlich dieses Mineralreich da draufien bedeutet. Dieses
Mineralreich der aufiermenschlichen Welt, man lernt es eben nur
dadurch erkennen, dafi man das an das Denken gebundene Mineral-
reich im Menschen selbst erkennt. Die rechte Welterkenntnis wird
einem nur durch die intime Menschenerkenntnis. Und indem man
sieht, wie etwas erstirbt im Menschen, entgeht man dem Vorurteil,
das als das scharfste, intensivste Vorurteil sich in das 19. Jahrhundert
hereingeschlichen hat und geblieben ist bis in unsere Tage; so
starrte, mochte ich sagen, unter einer infamen Suggestion befangen,
starrte der Mensch hin auf die mineralische Welt mit ihrer Kausali-
tat. Er kannte ja nichts in sich, was ihn die Wesenheit dieser
mineralischen Welt kennen gelehrt hatte. Er konnte sich nichts
anderes sagen, als: Diese Welt war einstmals Weltennebel, Kant-La-
placescher Urnebel. Daraus ist hervorgegangen das Planetensystem,
die Erde; daraus hat sich alles andere entwickelt, und das wird so
fortgehen. Dieses Werden, dieses kausale Geschehen, das ist etwas
Ewiges; darinnen sind die sittlichen Menschenwerte Blasen, die
aufsteigen, noch dazu Blasen, die nur aus Illusionen bestehen. -
Lernt man erkennen dieses mineralische Reich, indem man es in sich
selber erkennen lernt, dann lernt man seine Wesenheit in der
aufieren Welt durchschauen. Man sieht in sich, wie das mineralische
Reich ein fortwahrendes Sterben ist. Und man konstruiert nicht
mehr in der alten Weise das aufiere Weltbild, sondern man weifi
jetzt, wie dieses aufiere Weltbild eigentlich konstruiert ist unter dem
Vorurteil von Wissenschaft. Sehr geistvoll ist es konstruiert, darauf
haben wir schon aufmerksam gemacht: Man konnte ja durch fiinf
Jahre die Veranderung des menschlichen Herzens verfolgen und
man wiirde finden, dafi heute das menschliche Herz etwas anderes
ist als vor fiinf Jahren. Man konnte dann weiter verfolgen, wie es
nach weiteren fiinf Jahren ist, konnte dann ausrechnen, wie es nach
dreihundert Jahren ist, es ist nur nicht mehr da, aber die Ausrech-
nung kann sehr starksinnig und richtig sein. So rechnen die Geo-
logen, so rechnen die Astronomen, wie es ausschauen wiirde auf
dieser Erde nach Jahrmillionen. Diese Erde ist nur dann ebenso
wenig da, wie der Mensch als physischer Mensch nach dreihundert
Jahren noch da ist. Und ebensowenig, wie das menschliche Herz vor
dreihundert Jahren da war, ebensowenig war die Erde zu der Zeit
da, wofiir die Geologen ihre Rechnung anstellen!
Das lernt man eben erkennen, indem man die Natur des Mineral-
reiches in der menschlichen Wesenheit selber auf dem Wege kennen-
lernt, den ich Ihnen angegeben habe. Dann aber, wenn man kennen-
gelernt hat auf diese Weise das Wesen des Miner alreiches, dann weifi
man: Dieses Mineralreich versinkt ebenso von der Erde, ohne dafi
die ganze Erde versinkt, wie beim Menschen aufhort dasjenige, was
bei ihm verknochert ist, im Tode, ohne dafi der ganze Mensch
seelisch-geistig aufhort.
Und weiter: Man kann ebenso, wie man das Denken durch
Meditation vorwarts bringt; ebenso kann man das menschliche
Fiihlen vorwarts bringen; wie man das menschliche Denken in einer
gewissen Weise hellsichtig machen kann, so kann man das mensch-
liche Fiihlen hellfuhlig machen, so dafi man auch durch das mensch-
liche Fiihlen in die geistige Welt eintritt. Und wie man durch das
Denken in der Art wie ich es eben angedeutet habe, das mineralische
Reich kennenlernt, so lernt man dadurch, dafi das Fiihlen leibfrei
wird, und man zuriickschauen kann auf das alltagliche Fiihlen, wie
es gebunden ist an das menschliche Drusensystem, man lernt erken-
nen, wie dieses alltagliche Fiihlen an einen ahnlichen Prozefi im
Organismus gebunden ist, wie es der Pflanzenprozefi in der aufteren
Welt ist.
Und wiederum lernt man das Wesen des Pflanzenprozesses in der
aufieren Welt kennen. Und man lernt erkennen - was dem heutigen
Menschen sehr paradox erscheint dafi das Pflanzenreich ein
langeres Dasein hat als das mineralische Reich, da£ das Pflanzen-
reich auch alter ist als das Mineralreich. Der heutige Mensch kann
sich gar nichts anderes vorstellen, als dafi das pflanzliche Reich aus
dem Boden des Mineralischen herauswachst. Er sollte sich lieber
anschauen, wie aus dem pflanzlichen Reich ein deutlich Minerali-
sches in der Steinkohle daraus wachst! Er wiirde von da ausgehend
erschauen konnen, wie alles Mineralische, das heute existiert, eine
Absonderung ist, ein Ergebnis eines urspriinglichen Pflanzlichen,
und wie das Pflanzliche ein langeres Dasein haben wird als das
Mineralische.
Ebenso wie man leibfrei machen kann das Denken und Fiihlen, so
auch den Willen. Und erlangt man diesen leibfreien Willen - ich
habe auch davon gestern gesprochen, wodurch man diesen leibfrei-
en Willen erlangt, durch eine besonders geeignete, intensive Selbst-
erziehung, durch ein Sich-Selbsterfassen, durch Selbstzucht -, dann
lernt man erkennen das besondere Wesen im Menschen, das nun
verwandt ist dem tierischen Reiche. Dann lernt man auch erkennen
das Wesen dieses tierischen Reiches. Aber auch wie das pflanzliche
Reich wiederum eine Absonderung des tierischen Reiches ist, wie
das tierische Reich alter ist als das pflanzliche, das pflanzliche aus
sich herausgesondert hat, wie es langer bestehen wird, wie das
pflanzliche Reich eher verschwinden wird als das tierische Reich.
Allerdings naturlich nicht in den physischen Tierformen wie heute,
aber in den Tierwesenheiten, die in diesem physischen Reiche
verkorpert sind.
Und dann bekommt man erst einen wahren Einblick in die
Menschenwelt. Dann bekommt man einen solchen Einblick in diese
Menschenwelt, dafi man sich sagt: Der Mensch ist es ja, der
herausgewachsen ist iiber all diese Reiche, weil er gewissermafien so,
wie das pflanzliche Reich das mineralische, das tierische Reich das
pflanzliche abgesondert hat, so hat der Mensch wiederum das Tier
aus sich herausgesondert; er ist alter als das tierische Reich und
dauert langer als das tierische Reich. Zuerst geht das Mineralische
zugrunde, dann das Pflanzliche, dann das Tierische. Dann wird
dasjenige vom Menschen da sein, das man kennenlernte, indem man
hinschaute auf dasjenige, was sich aus dem Tode des Mmeralischen
erhob, was sich erhob auf dem Tode des Pflanzlichen, auf dem Tode
des Tierischen, wenn die iibrigen drei Reiche verschwunden sein
werden. - Was wird sich dann erheben aus unserer Erde, aus
unserem Erdendasein? Derjenige, der den Menschen kennenlernt,
lernt das schon jetzt erkennen. Er sieht, wie das Denken, wie die
Gedanken - und die sittlichen Ideale sind Gedanken -, wie die sich
erheben aus dem Grabe des verknochernden Teiles des Organismus
in uns; so wird einstmals nur dasjenige da sein, was der Mensch
hervorgebracht hat. Es wird sich, wenn verschwunden sein wird
dasjenige, was im mineralischen Reich, was im pflanzlichen Reich,
was im tierischen Reich ist, es wird sich das hervorheben aus allem
diesem Untergegangenen, was gerade der Mensch hervorgezogen
hat aus Uberwindung des toten Mineralreiches, aus der Uberwin-
dung des Pfianzenreiches, aus der Uberwindung des Tierreiches.
Und wir werden darauf hingewiesen, dafi dasjenige, was wir heute
als sittliche Ideale ausbilden, in unseren keimhaften Gedanken
weltbildend sein wird, wenn alles dasjenige verschwunden sein
wird, was im heutigen mineralischen, pflanzlichen, tierischen Reich
enthalten ist. Wir stellen uns zur Welt nunmehr so, wie wir uns
stellen miissen, wenn wir im Bilde die Pflanze anschauen: Da wachst
sie herauf, bildet Blatt fur Blatt; dann ist aber schon veranlagt der
kleine Keim, der dann zur neuen Pflanze wird. Das alte Laub
blattert von der Pflanze ab; die Bliitenblatter, all das hat keine
Bedeutung fur den weiteren Fortgang. Wir stehen in der Welt als
Mensch darinnen. Wir sehen, wie dasjenige in uns schon jetzt
geschieht, was einmal Erdenprozefi sein wird. Wir sehen, wie in uns
ein Mineralreich sich bildet, weil wir denken, wie in uns ein
Pflanzenreich sich bildet, weil wir denken, wie in uns ein Tierreich
sich bildet, weil wir denken. Uber all dieses triumphiert dasjenige,
was sich in uns als Denken, Fiihlen und Wollen ausbildet. Damit ist
der Keim gegeben. Wir miissen nur die Moglichkeit haben zu
wissen, daE dasjenige, aus dem dieser Keim sich entwickelt, abfallt,
wie die Bliitenblatter, die Stengelblatter abfallen, dafi das eben den
Keim einer neuen Welt ergibt.
Der Feind dieser Anerkennung hat sich im 19. Jahrhundert
heraufentwickelt, indem man sich nichts anderes vorstellen konnte
als: Das mineralische Geschehen schliefit in sich cine Substantiality,
die konstant ist. Man redete von Konstanz der Materie, der Kraft. In
dem Augenblick, wo man diese Dogmen hingesteiit hat, in diesem
Augenblick ist dieses Mineralische etwas; in diesem Augenblick
sieht man nicht ein, dafi dieses Mineralische dem Untergange geweiht
ist, spater das Pflanzliche dem Untergange geweiht ist, spater das
Tierische dem Untergange geweiht ist, und daft sich auf diesem
ganzen Grabe nicht ein Nichts erheben wird, sondern dasjenige
erheben wird, was wir Menschen heute in uns tragen.
Ja, diese Erde mit allem, was in den drei Reichen auf ihr ist, wird
zugrunde gehen. Aber dasjenige, was wir schon heute in uns
ausbilden, und dem wir sittlichen Menschenwert zuschreiben, das
ist der Keim einer neuen Erde, der Keim eines neuen Weltendaseins.
Wir sehen nicht auf den sittlichen Menschenwert hin, indem wir
sagen: Das ist eine illusionare Blase, die aufsteigt - weil wir einse-
hen, wie alles dasjenige rings herum, wie die Blatter der Pflanze
abfallen, ebenso alles iibrige von der Erde abfallt, aber als ein Keim
sich entwickelt dasjenige, was wir als den sittlichen Menschenwert
in uns tragen. Wir mussen nur solche Vorstellungen iiberwinden,
wie das Vorurteil von der Konstanz der Materie, von der Konstanz
der Kraft, diese furchtbaren Dogmen, welche die Naturwissen-
schaft hereingepflanzt hat im 19. Jahrhundert, weil sie keine Ah-
nung davon hatte, was der Mensch erkennen kann, wenn er sich zur
Geist-Erkenntnis aufschwingt und das dann in sich selber erlebt, im
Mikrokosmischen, im Menschlichen: den Tod des mineralischen
Reiches, iiber den triumphiert der Gedanke, der sich nur entwickeln
kann, indem wir fortwahrend sterben, geradeso wie sich der neue
Pflanzenkeim nur entwickeln kann, indem die alten Pflanzenblatter
absterben und der Keim iiber die alten Pflanzenblatter triumphiert.
Unser sittliches Menschenwesen, unser sittlicher Menschenwert ist
der Triumphator iiber dasjenige, was untergeht in den iibrigen
Reichen, in demjenigen, was von uns selber auch diesen iibrigen
Reichen angehort.
Da sehen wir, wie die sittlichen Weltanschauungen hinein-
schiefien in die naturwissenschaftlichen Weltanschauungen. Da
sehen wir, wie die naturwissenschaftliche Weltanschauung es mit
demjenigen zu tun hat, was abstirbt an der Welt, die sittliche
Weltanschauung es zu tun hat mit demjenigen, was jetzt als Keim in
diesem Absterbenden als eine neue Welt aufgeht. Da erwachst in uns
das Bewufitsein, dafi wir, indem wir eine sittliche Welt mit Idealen
aufbauen, arbeiten an dem Keime einer zukiinftigen Welt. Da wird
der sittliche Menschenwert auf dieselbe Linie gestellt mit dem
Naturgeschehen. Da wird aber das Naturgeschehen in seine Gren-
zen zuriickgewiesen, dieses Naturbetrachten, das ja ohnedies zu
seinen Ergebnissen kommt, indem es den Menschen hineinnimmt in
die Kliniken und an dem Kadaver die Untersuchungen macht. Die
Naturwissenschaft macht die Untersuchungen an dem Abster-
benden. Sie gelangt auch nur zu Erkenntnissen iiber das Abster-
bende. Dasjenige aber, was der Kliniker nicht in die Leichenkammer
tragen kann, was nicht seziert werden kann, dasjenige was trium-
phiert iiber das Seziert-zu-Werdende, das ist dasjenige, was schon
jetzt als sittlicher Menschenwert aufbaut eine neue Welt.
Sehen Sie, Geisteswissenschaft hat allerdings die Aufgabe, die
Anmafiungen, wenn ich so sagen darf, der naturwissenschaftlichen
Weltanschauung zu brechen. Denn Geisteswissenschaft sieht klar
und deutlich ein: Ja, es ist so, entweder man lehnt diese naturwissen-
schaftliche Weltanschauung - nicht die Naturwissenschaft mit ihren
gesicherten Resultaten selbstverstandlich - man lehnt diese natur-
wissenschaftliche Anschauung ab, oder aber man mufi den sittlichen
Menschenwert ablehnen. Nur weil heute die Menschen so unkonse-
quent und erhaben sind, sehen sie nicht ein, dafi sie sich entschliefien
mussen, um den sittlichen Menschenwert zu retten, zu einer gei-
steswissenschaftlichen Weltanschauung zu greifen. Die Menschheit
sieht es nicht ein, weil sie diejenige Weltanschauung, die heute blofi
auf Naturanschauung baut, behalten will. Dann aber miifite sie so
sprechen, wie einstmals Mathilde Reichardt dem Moleschott, dem
materialistischen Naturforscher geschrieben hat: «Darum mufi ich
es noch einmal aussprechen: Auch der zum Dieb gewordene
Mensch brachte das Recht mit sich, seine Natur zu vollenden und sie
allseitig zu machen, und kann auf diese Weise nur eine kraftvolle,
eine sittliche Natur sem. Und wie der Dieb, so jeder Lasterhaftc,
auch der zum Morder Gewordene. Dieser kann zur A^ollendung
seiner Menschheit nur gelangen, indem er seine Mordlust befrie-
digt.» Entweder man spricht so, und gibt darnit der Naturwissen-
schaft als Weltanschauung ihr Recht, spricht ihr jeden sittlichen
Menschenwert ab, oder man greift zur Geisteswissenschaft.
Es gibt noch ein Drittes. Man sagt: Alle Weltanschauung ist mir
gleichgiiltig, ich will lieber das Weltendasein in instinktartiger
Weise verschlafen. Gewifi, dieses Dritte ist auch moglich. Viele
Menschen tun es heute. Wer ernstlich mit sich selbst und mit seinem
Verhaltnis zur Welt ins klare kommen will, kann nur den einen der
bezeichneten Wege gehen. So liegen heute die Dinge. Diese Ent-
scheidung ist da. Die Naturwissenschaft hat sich zur Weltan-
schauung ausgewachsen. Man predigt nicht theoretisch, so wie
Mathilde Reichardt und der Kulturhistoriker Hellwald und andere
getan haben, daft der Dieb, daft der Morder zum vollen Menschen
nur werden kann, wenn er sich auslebt, weil in ihm die Naturkausa-
litat in genau derselben Weise wirtschaftet wie in dem sogenannten
ehrlichen Menschen. Man predigt das nicht theoretisch. Aber dasje-
nige, was in dieser Gesinnung lebt, das geht durch Europa. Es hat
die letzten fiinf bis sechs Jahre erzeugt. Es wird weiter wirken.
Europa wird barbarisiert; oder Europa mufi einsehen, dafi es keine
Weltanschauung auf der Grundlage der Naturwissenschaft allein
aufbauen kann.
Das scheint heute vielleicht fanatisch gesprochen, das scheint
heute vielleicht radikal gesprochen. Jeder klopfe sich selber an seine
Brust und frage, aber er frage ernst genug, und ich glaube nicht, dafi
der Ernst eine andere Antwort geben konne. Und dann sehe man
hin auf eine solche Weltanschauung, die so vom Seelenwesen aus
den sittlichen Menschenwert wiederum erobern will, wie sie geno-
tigt ist, eben vom Geiste aus den sittlichen Menschenwert wieder zu
suchen, wie sie brechen mull mit demjenigen, was die mannigfal-
tigsten Vorurteile unserer Zeit geworden sind: Konstanz der Ener-
gie, Konstanz der Substanz und so weiter. Man sehe hin auf diese
Geisteswissenschaft: sie mufi eine ganz andere Art des Vorstellens,
eine ganz andere Art des Sich- zur- Welt-Stellens sich aneignen. Sie
kommt dadurch dazu, so auf dasjenige hinzuschauen, was scheinbar
nur Gedanke ist, was scheinbar ganz verdiinnter Gedanke nur ist,
der dahinhuscht und verschwindet, sie kommt dazu, das als den
Keim zu einer neuen Realitat, nachdem die ganze Erde ver-
schwunden sein wird, zu halten. Diese Geisteswissenschaft wird
von dem, der die Sache ernst meint, als eine Notwendigkeit unserer
Zeit empfunden werden. Sie wird aber auch von dem Religiosen,
von dem wahrhaft Religiosen unserer Zeit als eine Notwendigkeit
empfunden werden miissen. Unsere Zeit braucht die Moglichkeit,
begreifen zu konnen, wie etwas Geistiges sich hineinstellen kann in
diese physische Welt.
Nun sehe man sich dasjenige an, was der von der heutigen
Bildung durchdrungene Mensch iiber das Ereignis von Golgatha
sagen kann. Er kann nicht anders, als von dem Ereignis von
Golgatha sagen: Nun ja, die ganze Zeit iiber, die vorangegangen ist
diesem Ereignis von Golgatha, muE es sich vorbereitet haben im
Geschehen der Erde, dann war es da. Dann hat es wieder seine
Folgen gehabt. Es mufi in der Reihe der Ursachen und der Wirkun-
gen drinnenstehen. Denn woher sollte derjenige, der in dieser
heutigen Bildung steht, die auf Naturwissenschaft allein gebaut ist,
worinnen sollte er die Moglichkeit sehen, dafi mit dem Ereignis von
Golgatha etwas ganz Neues in die Erde sich hereinbegeben hat, um
sich nunmehr mit dem Weiterentwickeln der Erde auch weiter zu
gestalten! Einzig und allein dadurch, dafi man schon begreift, wie in
dem menschlichen innersten Leben, der eigentlichen Gedankenwelt
etwas enthalten ist, was dauert iiber diese Erde hinaus und all ihre
Reiche, nur dadurch, dafi man dieses begreift, dafi etwas in der Erde
ist, was sich nicht erschopft in dem verstandesmafiigen Aufieren, in
dem sinnengemafien Aufieren, was triumphiert iiber diese Erde, was
seiner Substanz nach iiber dieses Irdische hinausgeht, ist man auch
befahigt, hinzuschauen auf diejenige Wesenheit, auf die Geist-
wesenheit, die durch das Mysterium von Golgatha in die Erde her-
ein^ezo^en ist und als der Chnstus Tesus der Erde ihren weiteren
Sinn gibt.
Heute ist es notwendig, daE man sich mit dern, was Geisteswissen-
schaft entziindet im Menschen, dem IVIysterium von Golgatha, den
Geheimnissen des Christentums nahert. Denn heute mufi das Chri-
stentum geistig verstanden werden. Sehen wir bei den Materialisten
nach: Geradeso, wie sie den sittlichen Menschenwert, wenn sie
konsequent sind, ableugnen, so mufi ihnen das Christentum ein
Unding sein. Auf dem Standpunkte der alten traditionellen Be-
kenntnisse konnen die Menschen nicht bleiben, denn, sehen Sie
einmal nach bei den Vertretern, sagen wir zum Beispiel der katholi-
schen Kirche, da sehen Sie, wenn diese Vertreter gerade Wissen-
schafter werden, wie sie die allermaterialistischste Wissenschaft
pflegen! Sie konnen nachsehen bei denjenigen, die als katholische
Priester Wissenschafter werden: Sie wollen nicht den Geist in die
Wissenschaft hineintragen. Sie wollen gerade die Wissenschaft be-
wahrt wissen vor dem Hineintragen des Geistes, denn sie wollen die
alten traditionellen Formen im Geiste weiterbewahren. Sie fiirchten
sich vor der neuen Entdeckung geistiger Substantiality, sie fliichten
davor. Davon ist auch nichts zu holen. - Und sehen wir bei den
protestantischen Formen der Christentums-Interpretation nach, da
sehen wir, wie machtig auf diese protestantische neuere Theologie
die naturwissenschaftliche Weltanschauung driickt: Sie konnen nicht
in dasjenige, was in der Welt geschieht, das Ereignis von Golgatha
einreihen! Deshalb sagen sie, man miisse den Christus Jesus blofi
auffassen hinsichtlich seiner moralischen Qualitaten, hinsichtlich des-
jenigen, was er als Ethos hereingebracht hat. - Aber dann steht
wiederum dieses Ethos vollstandig in der Luft, wenn man es nicht
verankert in einer geisteswissenschaftlichen Weltanschauung.
Wer die Gefahren, in denen das Christentum gerade heute
schwebt, erkennt, der wird sich sagen miissen: Gerade das Chri-
stentum ist darauf angewiesen, zur Erkenntnis seines Mittelpunk-
tes, zur Erkenntnis des Mysteriums von Golgatha selbst, zur Gei-
steswissenschaft zu greifen. Denn wie Geisteswissenschaft hin-
weist, wo der Keim ist zur zukiinftigen Erde, so weist Geisteswis-
senschaft auch hin darauf, wo die Krafte sind, die sich mit der Erde
verbunden haben, ohne daft sie unmittelbar in dem Vorchristlichen
der Erde enthalten waren. Man kann die Geistigkeit des Mysteriums
von Golgatha nur begreifen, wenn man sich durch Geisteswissen-
schaft erst zu einem geistigen Begreifen iiberhaupt heraufgerungen
hat. Gerade sollten diejenigen, die es mit dem Christentum ernst
meinen, zur Rettung dieses Christentums an die Geisteswissen-
schaft appellieren. Das werden auch diejenigen tun, die es mit dem
Christentum, die es iiberhaupt mit dem Religiosen ernst nehmen.
Warum haben denn die Menschen des rein naturwissenschaftli-
chen Zeitalters noch sittliche Ideale? Das konnen uns wiederum
solche Stimmen wie die von Hellwald und Mathilde Reichardt
lehren, die aber durch zahlreiche andere vermehrt werden konnten.
Sie lehren uns: Aufgabe der Wissenschaft ist, alle Ideale zu zersto-
ren, ihre Hohlheit, ihre Nichtigkeit zu erweisen, zu zeigen, dafi
Gottesglaube und Religion Trug seien, dafi Sittlichkeit Luge ist und
so weiter. - So mulke man eigentlich aus einer blofi naturwissen-
schaftlichen Weltanschauung heraus sagen, wenn man nicht zu feige
dazu ware!
Von einem solchen Standpunkte aus ist das Christentum nicht zu
retten. Einzig und allein dadurch wird dem Christentum wiederum
der Boden geschaffen, dafi durch Geisteswissenschaft die Moglich-
keit erreicht wird, ins Geistige selber hineinzuschauen, so hin-
einzuschauen, dafi dieses geistige Leben als Realitat erkannt wird
und nicht als illusionare Blasen, denen man sich nur hingibt, weil
man es im Kampfe urns Dasein braucht. Nein, nicht weil man das
Geistige im Kampfe urns Dasein braucht, sondern weil es erzeugt
wird mit einer Notwendigkeit aus unserer Welt, wie der Keim der
neuen Pflanze aus der alten mit der Notwendigkeit erzeugt wird!
Aber nur, wenn man einsieht, dafi das Alte nicht der Konstanz der
Energie, der Unzerstorbarkeit des Stoffes unterliegt, sondern dafi
abfallt alles Stoffliche wie die Pflanzenblatter abf alien, und dafi das
Geistige der Keim desjenigen ist, was da kommt, wie der Pflanzen-
keim die neue Pflanze hervorbringt. Nur wenn man diese geistgetra-
gene Notwendigkeit einsieht, kommt man zu den Quellen im
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zeugt wird, wo wiederum sittlicher Menschenwert lebt. Dasjenige, was
Leuten vom Schlage der Mathilde Reichardt, des Hellwald und ande-
ren als sittliche Ideale noch geblieben ist, ist das konventionsrnafiige
Festhalten an den ererbten I dealer:. Hatten sich nicht solche Ideale ver-
erbt aus den Anschauungen, die uns aus deni 19. in das 20. Jahrhundert
hereingekommen sind, waren sie niemals zu gewinnen! Fruchtbarer
Boden fiir sittliche Ideale wird allein wiederum dasjenige sein, was
durch die Geisteswissenschaft als solcher Boden geliefert wird.
Aus all diesen Griinden heraus glaubt Geisteswissenschaft wirk-
lich nicht aus bloftem subjektivem Bediirfnisse ihrer Bekenner zu
wirken, sondern glaubt zu wirken aus der Notwendigkeit der Zeit
heraus. - Wie sie wirken mufi aus der Notwendigkeit des Charak-
ters der heutigen Erdenvolker, wie diese Erdenvolker heute in
bezug auf ihre Seele, in bezug auf ihre aufieren Kulturverhaltnisse
beschaffen sind, davon mochte ich dann morgen sprechen: wie es
sich auch durch die Betrachtung, ich mochte sagen, dieser geistigen
Biographie und Geschichte der Erde als eine Notwendigkeit erweist
- was ich heute durch die Natur des menschlichen Seelenwesens mit
Bezug auf den sittlichen Menschenwert zu erweisen versuchte -,
den Blick hinzuwenden zu dem Auf gang eines neuen Geisteslebens.
Denn nur dann, wenn wir diesen Weg zum Geiste finden, finden wir
auch wiederum die Quellen des sittlichen Menschenwertes, brau-
chen wir nicht mehr zu verzweifeln dariiber, dafi einstmals die ganze
Erde ein odes Grab sein werde, und nicht einmal eine Erinnerung
zuriickgeblieben sein werde an dasjenige, was als sittliche Men-
schenwerte im Seelenwesen gelebt hat.
Geisteswissenschaft zeigt, dafi sittliche Menschenwerte mit Recht
im Seelenwesen aufgehen, weil sich kiinftige Welten ihre Keime
gerade in den Menschenseelen durch sittliche Menschenwerte schaf-
fen. Sittliche Menschenwerte von heute sind Naturwerte zukiinf-
tiger Welten. Wie wir heute in die Naturwerte hineinschauen und
sehen die Ergebnisse vergangener Welten, so sehen wir in dem, was
tief in unserer Brust entsteht, den Aufgang von neuen Welten. Nicht
in abstrakter Form spricht Geisteswissenschaft von der Ewigkeit.
Denn was so im ewigen Werden, im Wandel lebt, so dafi es als
Naturliches aus Sittlichem hervorgeht und wieder Sittliches fiir
kiinftige Welten in seinem Schofie tragt, was so im Wandel der
Zeiten lebt, das hat das Leben der Ewigkeiten. Und damit hat, weil
der Keim fiir Ewigkeiten in der Menschen-Seelenwesenheit ruht,
die Menschenseele ihre wahre Ewigkeit.
DIE GEISTIGEN UND SITTLICHEN KRAFTE
DER GEGENWARTIGEN VOLKER IM LICHTE DER
GEISTESWISSENSCHAFT (ANTHROPOSOPHIE)
Dritter Vortrag, Basel, 6. Mai 1920
Es war gestern meine Bemiihung, zu zeigen, wie mit dem Herauf-
kommen einer Weltanschauung, die ganz beeinflufit ist von natur-
wissenschaftlicher Grundlegung, die sittlichen Menschenwerte all-
mahlich nicht mehr in Verbindung gebracht werden konnen im
Bewufksein der Menschen mit dem, was in dieser Art als ein
Weltbild vor der menschlichen Seele steht. Und es wurde darauf
hingewiesen, wie aus den Quellen geisteswissenschaftlicher Er-
kenntnis diese Festlegung des sittlichen M ens chenwertes wiederum
gefunden werden miisse. Da war gewissermafien mein Bestreben
gestern, zu zeigen, wie die Menschheit durch Aufnahme der Gei-
steswissenschaft zu einem vollen Bewuiksein ihrer sittlichen Wiirde
wiederum kommen konne.
Man kann dieselbe Aufgabe von einer anderen Seite zu bewaltigen
suchen dadurch, dafi man geisteswissenschaftlich untersucht die
Wesenheiten der heute die Erde bewohnenden Volker, dasjenige
untersucht, was in diesen Volkern zusammenwirkt an geistigen und
sittlichen Kraften, um sich die Frage beantworten zu konnen:
Inwiefern konnen die Menschen der Gegenwart aus den verschie-
denen Volkskraften heraus nach dem hinstreben, was man eine
soziale Gesundung auf Grundlage einer ethischen, einer sittlichen
Gesundung nennen kann?
Wir haben es als Menschheit erlebt, da£ die aufieren materiellen,
namentlich die wirtschaftlichen Zusammenhange, sich nach und
nach fast iiber die ganze bewohnte Erde hin erstreckt haben. Die
Erde ist ein Wirtschaftsgebiet geworden. Und die Menschen waren
gezwungen, nach den Erkenntnissen, die sie gehabt haben, sich
dieses Wirtschaftsgebiet der Erde in einer gewissen Weise einzurich-
ten: Die alten, aus ganz anderen Voraussetzungen heraus gegebenen
Staatengebilde und Volksorganismen so zueinander in ein Yerhalt-
nis zu bringen, dafi sie sich zusammengliedern konnten schlecht und
recht zu diesem gemeinsamen Wirtschaftsgebiet, wozu es eben die
neuere Zivilisation der Menschheit gebracht hat.
Dafi dieses Zusammengliedern nicht moglich geworden ist, zeigt
die Entwickelung der letzten fiinf bis sechs Jahre; das zeigt aber
audi diejenige Entwickelung, in der wir noch drinnenstehen: das
zeigt der Niedergang unseres offentlichen Lebens. Man denke an all
das, was an Lobspriichen der neueren Zivilisation im Beginne des
20. Jahrhunderts vorgebracht worden ist, dahingehend, wie mit
Windeseile die Menschen gewissermafien iiber Landes- und Staaten-
grenzen hin ihre Angelegenheiten besorgten, wie mit ungeheurer,
friiher nie geahnter Schnelligkeit Telegraph, Telephon und so weiter
wirkten, wie alle friiher als uniibersteiglich scheinenden Grenzen
iiberwunden zu sein schienen. Und siehe da, so wenig fundiert war
alles das, dafi wir heute vor Landesgrenzen stehen, so scharf abge-
schlossen, wie sie vor langer Zeit nicht waren, seit langer Zeit nicht
mehr abgeschlossen waren. Und was die Hauptsache ist, dasjenige,
was vor wenigen Jahrhunderten, vielleicht noch bis ins 19. Jahrhun-
dert herein als naturlich empfunden worden ist, die Abschliefiung
der Landes- und Staatengrenzen, heute konnen wir es nur wie etwas
Volkisch-Perverses, Menschheits-Perverses ansehen, wie etwas, das
keine Begriindung haben kann in den wirklichen Verhaltnissen der
Menschheitsentwickelung. Und die Frage muE entstehen: Was hat
dieses bewirkt, dafi die Menschheit einen so furchtbaren Zug nach
riickwarts angetreten hat?
Man wird sehr bald, wenigstens aufierlich darauf kommen, was
der Grund ist, wenn man sich fragt: Ist mit alledem, was in
materieller Beziehung sich gestaltet hat iiber den ganzen Erdball
hin, auch das seelisch-geistige Leben der Menschheit gleichen Schritt
gegangen? Wir haben die gleiche Art des Eisenbahnverkehrs iiber
die ganze zivilisierte Welt ausgebreitet und auch iiber die unzivili-
sierte Welt; wir haben verstanden, die anderen Verkehrsmittel
iiberallhin zu tragen, so gar die Art des Verkehrs uberallhin zu
tragen. Man hat nicht verstanden, hinzutragen iiberall ein gegensei-
tiges wirkliches Menschheits- und Weltenverstandnis. Wir haben
gewissermafien den wirtschaftlich-materiellen Korper einer einheit-
lichen Erdenkultur erlebt, und wir haben es nicht gebracht zu einer
Beseelung, zu einer Durchgeistigung dieses materiell-wirtschaftli-
chen Korpers einer einheitlichen Erdenkultur. Seelenlos ist dasjeni-
ge geblieben, was sich als ein wirtschaftlich-materiell Einheitliches
iiber die Erde hin gestaltet hat. Da mufi denn gefragt werden: Wie
kommt man zur Seele der nach Gemeinsamkeit hinstrebenden
Erdenrnenschheit? Man wird nicht anders dahin kommen, als wenn
man sich dazu entschliefit, hinzusehen auf die wirkliche Wesenheit
der die Erde heute bewohnenden Volker.
Nun, selbstverstandlich, man kann nicht in einem kurzen Vortra-
ge auf alle Einzelheiten verschiedener Volker eingehen; aber das ist
vielleicht moglich, dafi aus gewissen typischen Eigentiimlichkeiten
heraus ein Bild entworfen werde, wie die Menschen iiber die Erde
hin ihrer Wesenheit nach, ihrer Seelenwesenheit nach leben. Und da
darf man sagen: Wenn man mit dem Blick, den die Geisteswissen-
schaft heranerzieht, die Erdenrnenschheit ansieht, dann sieht man in
orientalischen Gegenden einen Menschentypus, welcher eine alte
Kultur - allerdings in der neueren Zeit im Niedergang befindliche -
bis heute bewahrt, einen Menschentypus, der in alten Zeiten Vorfah-
ren hatte, von einer ungeheuer hohen Kultur und Zivilisation,
allerdings einer solchen, die sehr verschieden von der unsrigen ist.
Verschiedene Volker konnen wir sich herausdifferenzieren sehen
aus diesem orientalischen Typus. Auf diese Differenzierung wird
nicht eingegangen werden konnen; aber der Typus wird in einer
gewissen Weise charakterisiert werden konnen.
Dann sehen wir einen zweiten Menschentypus. Ich mochte ihn
den mittleren Menschentypus nennen, denjenigen, der namentlich
den Grundstock der europaischen Kultur, der mitteleuropaischen
Kultur gebildet hat, der zuriickgeht bis zum Griechenvolk, und der
in einer gewissen Beziehung seine Fortsetzung gefunden hat in der
Gegenwart in den mitteleuropaischen Volkern.
Und wir sehen einen dritten Menschentypus, den Typus der
Westvolker, der dann seine radikalste Ausgestaltung in den ameri-
kamschen Volkern gefunden hat.
Von diesen drei Typen aus wird man versuchen konnen, ein
Verstandnis der Volkerwesenheiten der Erde zu finden.
Sehen wir hinuber nach dem Oriente. Heute macht sich aus der
orientalischen Zivilisation heraus solches geltend, wie Rabindra-
nath Tagore, dessen Worte uns so eigentiimlich klingen, zum Teil so
verwandt, weil sie innerste Seiten unserer Seele beriihren, zum Teil
so fremd, weil sie aus ganz anderen Unterlagen wiederum herausge-
sprochen sind, als dasjenige gesprochen werden kann, was aus
mittel- und westeuropaischer Kultur gesprochen werden mufi. Man
bekommt vor dieser orientalischen Zivilisation, ich mochte sagen,
einen demiitigen Respekt, wenn man sich vertieft in das, was sie
hervorgebracht hat fur den Orientalen mit seiner vollen Menschen-
wesenheit. Man braucht nur Einzelnes vorzunehmen, die Veden,
dasjenige, was in der Vedanta- Weltanschauung die indische Kultur
hervorgebracht hat; man kann sich vertiefen in dasjenige, was das
Persertum hervorgebracht hat; man kann sich vertiefen in dasjenige,
was die babylonisch-assyrische Welt hervorgebracht hat, iiberall
darf man sagen: Gewifi, derjenige, der in der neueren Zeit mit der
neueren wissenschaftlichen Erkenntnisart diese Dinge betrachtet,
wird sie so betrachten, daft ihm vielleicht nicht das Herz aufgeht,
sondern dafi er nur allerlei seltsame, fremdartige Dinge entziffert
aus dem Sanskrit, aus den heiligen Schriften. Derjenige aber, der mit
vollem Herzen und mit gesundem, offenem freiem Sinn sich diesen
orientalischen Kulturen nahert, der wird finden, wie wunderbar es
ist, dafi sie zuriickweisen in eine Urzeit der Menschheit, wo aller-
dings die ganze Art des Menschen, sich zur Welt zu stellen, eine
andere war, als sie heute bei uns und bei den Westvolkern geworden
ist. Aber diese instinktive Art, diese intuitive Art, sich zur Welt zu
stellen, dieses Traumen iiber die Welt, wenn wir es recht verstehen,
gibt tiefe, ungeheuer tiefe Einblicke in das Weltenwesen des Men-
schen, Einblicke, zu denen wir trotz aller unserer wissenschaftli-
chen und sonstigen Bemuhungen eben heute in der mittleren und
westlichen Welt noch nicht gekommen sind.
Wenn wir fragen: Worauf beruhen solche Dinge? - mufi ich Sie
auf etwas verweisen, was ich hier schon erwahnt habe, da mufi ich
Sie verweisen, urn uberhaupt eine Leitlinie zu gewinnen durch die
Wesenheit der Erdenvolker hindurch, auf dasjenige, was ich in
meinem Buche «Von Seelenratseln» geltend gemacht habe iiber die
dreifache Wesenheit des Menschen.
Ich habe hier schon einmal erwahnt, wie es bei mir auf einem
dreifiigjahrigen Studium beruht, was ich da geltend gemacht habe
iiber die Dreigliederung des einzelnen Menschen, wie dieser ein-
zelne Mensch tatsachlich aus drei voneinander verschieden organi-
sierten Gliedern besteht: dem, was man nennen kann den Nerven-
Sinnesmenschen, dem, was man nennen kann den rhythmischen
Menschen und dem, was man nennen kann den Stoffwechsel-
menschen.
Diese drei Glieder der menschlichen Natur sind nicht etwa so
voneinander verschieden, dafi man sagen kann: Da mache ich eine
Grenze, da hort der Nerven-Sinnesmensch auf, da fangt der rhyth-
mische Mensch an. Diese drei Glieder sind ineinander verwoben.
Aber sie sind fur den, der sie unterscheiden will, voneinander zu
unterscheiden; denn auch das Seelische weist zuriick auf diesen
dreigliedrigen Menschen. Alles dasjenige, was in unseren Sinnes-
wahrnehmungen und in unserem Vorstellen sich in uns vollzieht,
weist auf den Nerven-Sinnesmenschen als auf sein Werkzeug hin.
Alles dasjenige, was sich auf unser Fiihlen bezieht, was in unserem
Fiihlen erlebt wird, weist zuriick auf den rhythmischen Menschen.
Und es ist ein grofier Irrtum - auf den man noch kommen wird,
wenn unsere abstrakte Naturwissenschaft gesunden wird -, zu
glauben, dafi des Menschen Gefiihls- und Gemiitsleben mit dem
Nervensystem direkt zusammenhangt. Es hangt nur indirekt mit
dem Nervensystem zusammen. So wie das Gedankenleben mit dem
Nervensystem unmittelbar zusammenhangt, so hangt das Gemiits-,
das Gefuhlsleben unmittelbar mit Atmung, mit Herzrhythmus,
kurz, mit dem rhythmischen Menschen zusammen; und mit dem
Nervensystem nur dadurch, dafi wir den Rhythmus und damit die
Gefiihlswelt wahrnehmen. Blo$ die Vorsteilungen, die Wahrneh-
mungen von unseren Gefiihlen, die werden durch das Nervensy-
stem vermittelt. Die Gefiihle selbst hangen unmittelbar mit dem
rhythmischen Menschen zusammen. Und so hangen unmittelbar
mit dem Stoffwechselmenschen zusammen die Willensimpulse, das
Wollen. Und wiederum die Gedanken vom Willen, die Gedanken
von unseren Willensimpulsen, sie sind es, die mit dem Nervensy-
stem zusammenhangen, nicht der Wille selbst, der unmittelbar mit
dem Stoffwechselsystem zusammenhangt. Das kann ich jetzt hier
nur anfuhren.
Etwas, was ich heute als ein gesichertes wissenschaftliches Le-
bensgut betrachten darf, trotzdem die ganze aufiere Wissenschaft
heute noch dem widerstrebt - sie wird, durch die Tatsachen selber
gezwungen, dieses annehmen miissen -, ist, dafi dasjenige, was so
beim einzelnen Menschen als drei Glieder seiner Wesenheit er-
scheint, nicht in der gleichen Art verteilt ist auf die Menschen,
insofern sie den einzelnen Volkern angehoren, die wir heute eben
nur nach ihren Typen betrachten wollen. Denn das merkwiirdige
ist, gerade wenn wir hinuberschauen nach diesen orientalischen
Volkern, namentlich nach jener Gestaltung der orientalischen V6l-
ker in alten Zeiten, in denen sie ihre wunderbare Kultur entwickelt
haben, da finden wir, dafi diese orientalischen Volker merkwiirdig
gerade in der Zeit, in der sie die geistigste Kultur entwickelt haben,
ganz und gar hinorganisiert waren auf den Stoffwechsel. Das war
das vorherrschende bei den orientalischen Urvolkern: der in ihnen
wirkende Stoffwechsel. Zuriick traten hinter den Stoffwechsel die
rhythmische Tatigkeit und namentlich die Nerven-Sinnestatigkeit.
Es iiberrascht den geisteswissenschaftlichen Forscher, wenn er
zuriickgeht in die orientalische Urzeit und die merkwiirdig hochsin-
nige, feine Vedanta- und Vedenkultur findet und alles dasjenige, was
sonst aus orientaiischer Weisheit und orientalischer Weltauffassung
hervorgegangen ist, es iiberrascht ihn, dafi das gerade zusammen-
hangt mit einer besonderen Verfeinerung des Stoffwechsels und mit
einem Zuriicktreten der anderen Glieder der Menschennatur.
Man mufi sagen, gerade durch diese Verfeinerung des Stoff-
wechsels erreichte aber der Orientale das, was ich hier als seine feine,
als seine hochsinnige Kultur meine. So wie die Pflanze mit ihren
Wurzeln im Boden eingesenkt ist, unmittelbar in aller Ursprung-
lichkeit die Bodensafte in sich einzieht, wie sie mit ihren Bliiten
anzieht dasjenige, was in ihrer Umgebung ist, wie sie mit ihrem
ganzen Stoffwechsel zusammenhangt mit ihrer natiirlichen Umge-
bung, mit dem allem, was sie wie spiegelnd widergibt, so ist es mit
der orientalischen Wesenheit des Menschen in jenen Zeiten der
asiatischen Urkultur. Da nimmt der Mensch nicht blofi so, wie jetzt
bei uns, die Stoffe der Umgebung auf, da saugt er nicht so unbewu£t
wie wir, die umgebende Luft ein, da nimmt er alles dasjenige, was in
ihm den Stoffwechsel bewirkt, mit urspriinglicher, elementarer
Kraft auf. Da lebt er in dem, was er im Stoffwechsel in sich
aufnimmt. Und man kann sagen: Dasjenige, was im Menschen dann
weiter lebt aus dem Stoffwechsel heraus, was in ihm Empfindung,
was in ihm Gedanke wird, das ist geradeso ein naturlicher Ausdruck
seines Wesens aus dem Stoffwechsel- Verhaltnis heraus mit seiner
Umgebung, wie die Baumblute und die Baumfrucht, die man am
Baume sieht, die unmittelbar widerspiegeln das Verhaltnis zur
Umgebung; der Baum spiegelt in seiner Bliite, in seiner Frucht
dasjenige, was in seiner Umgebung klimatisch, den Stoffen, den
Substanzen nach lebt. Der Mensch des Orients hat allerdings zu
hoher Bliite und hoher Frucht dasjenige getrieben, was er von aufien
aufnahm. Aber dasjenige, was nun auftritt in der alteren orientali-
schen Urkultur, erscheint uns so, wie wenn es von der Natur selbst
geboren ware, wie wenn da in Menschenwissen und Menschensin-
nigkeit die Natur selber ihre Bliite getrieben hatte, und der Mensch
nur das Durchgangsorgan fur dasjenige hatte werden sollen, was die
Natur selber herstellen will an weisem, an sinnigem Vorstellen iiber
die Welt.
Das ist das eigentiimliche dieser orientalischen Urkultur, dafi sie
formlich den Beweis liefert: wenn die Natur selber sprechen darf,
wenn sie sich im Menschen ein Organ machen darf, dann spricht sie
in hochster Geistigkeit. Und diese orientalische Urkultur ist hoch-
ste Geistigkeit gerade deshalb geworden, weil sie nur durch den
Menschen durchgehend dasjenige ist, was die Natur selber spricht.
Diese orientalische Urkultur, sie hob hinauf bis zu den B liken jene
Weisheit, die von der Natur selber getrieben werden kann, sie hob
sie hinauf zu einer neuen Sinneswesenheit. Die Natur offenbart sich
in ubersinnlicher Anschauung. Die Natur offenbart sich nicht - das
wird unmittelbar dadurch bewiesen - durch materialistische An-
schauung, durch materialistische Gesinnung; die Natur offenbart
sich durch geistige Anschauung, durch geistige Gesinnung. Die
Natur spricht nicht von Materie, wenn sie ihr Wesen durch den
Menschen ausspricht, die Natur spricht von Geist, wenn ihr der
Mensch nur nicht entgegenhalt aus sich heraus die Anschauung von
der blofien groben Materie.
Das ist die wunderbare Lehre, welche aus der alten orientalischen
Urkultur herauftont. Sie lebte einstmals im Oriente. Sie wirkte im
Oriente auch in das aufiere Leben hinein die Theokratie. Die
Menschen, welche die von der Natur selber gepflegten Kinder der
Natur waren, nicht die Schuler der Natur, welche ihre Weisheit
entwickelten wie die Baume ihre Friichte, diese Menschen sprachen,
indem sie sprachen von der Welt, nur vom Gottlichen, vom Uber-
menschlichen. Sie sprachen von dem, was iibersinnlich ist. Sie
verwendeten auch in das soziale Leben hinein diese Anschauung des
Ubersinnlichen: sie griindeten ihre Theokratien. Es ist dasjenige in
diesem Menschentypus herausgekommen in der Urkultur Asiens,
was wir nennen konnen die Anschauung des Gottlichen durch die
Menschen. Es ist die Anschauung des Gottlichen als eines Geistigen
eine Erbschaft dieser alten orientalischen Zeiten.
Das Christentum beruht auf einer Tatsache. Derjenige, der den
Ursprung des Christentums nicht in der Tatsache von Golgatha
sieht, versteht das Christentum nicht richtig. Etwas anderes ist es
aber mit den Anschauungen iiber dieses Christentum, mit dem,
wodurch wir das Christentum verstehen. Diejenigen Anschauun-
gen, die es uns ermoglichen, das Christentum zu verstehen, wenn
wir nur auf das Historische sehen, ohne neue geisteswissenschaft-
liche Vertiefung, sind die aus orientalischen Erbschaften. Denn da ge-
langte man hinauf zu dem Ubermenschlichen, da gelangte man hin-
auf zu dem Ubersinnlich- Geistigen. Daher ist im Grunde genom-
men selbst das Christentum nach den mittleren Gegenden der Erde
und nach den Westgegenden der Erde vom Oriente ausgezogen.
Als ein Ideal betrachten kann der Mensch immer dasjenige Glied,
welches gewissermafien iiber dem liegt, das ihm elementar von der
Natur eingepflanzt ist. Der Orientale hat eingepflanzt dasjenige
Glied, das scheinbar das niedrigste der Menschennatur ist, das aber,
wenn es eingegliedert ist in den jungfraulich-elementaren Naturzu-
sammenhang, in die hochste geistige Hohe hinauffiihrt, der Orienta-
le hat eingegliedert das Stoffwechselsystem als sein Elementares.
Das dariiber liegende ist das rhythmische System. In dem sucht er
daher sein Ideal. Er sucht sich aufzuschwingen aus dem, was ihm die
Natur gibt, zu dem, was er sich selbst in bewufiter menschlicher
Tatigkeit erobern kann. Daher wird angestrebt bei dem orientali-
schen Volkstypus, bei denjenigen, die nach einem Ideal hin streben,
das Hinstreben nach dem rhythmischen Menschen. Und wir sehen,
wie diejenigen, die wie eine Naturblute die Veden, die Vedantaweis-
heit, die wunderbarste Naturanschauung heraufgebracht haben in
die menschliche Kultur, wie diese als ihr Ideal betrachten eine
besondere Art und Weise, durch den rhythmischen Menschen in
geistige Welten sich zu erheben mit Bewuiksein. Unbewufit erhe-
ben sie sich zu derjenigen Geistigkeit, von der ich eben jetzt
gesprochen habe. Mit Bewulksein erheben sie es zu einem Ideal,
durch den rhythmischen Menschen sich zu erheben. Das ist: das
Atmen in einer Weise zu regeln, Jogaphilosophie, Jogapraktik zu
iiben, dasjenige, was im rhythmischen Menschen ist, in einer be-
stimmten Art zu trainieren, zu schulen. Aus dem rhythmischen
Menschen soil ihnen werden das Ideal. Dasjenige, was, ich mochte
sagen, eine Stufe iiber dem Stoffwechselmenschen liegt, das wird
diesen Menschen zum Ideal.
Und so sehen wir, wie eine Priesterschaft, eine Lehrerschaft oder
eigentlich eine Menschheit, die beides zugleich ist, sich aus dem
orientalischen V olkstypus herauskristallisiert, welche in dieser Joga-
trainierung das Ideal sieht, den rhythmischen Menschen besonders
zu organisieren, um etwas Hoheres zu eriangen ais dasjenige, was
man durch die elementar eingepflanzten Krafte erreicht.
Wenn wir nun in all das, wovor wir stehen konnen gegeniiber
dieser orientalischen Urkultur, hineinschauen und finden, wie da
Aufschwung ist zu dem reinsten, feinsten Geistigen, wie da wirklich
aus dem Geistigen eine wuriderbare konkrete Fiille herausquillt -
denn voll Inhalt, mag man ihn auch im Abendlande als phantastisch
empfinden, voll Inhalt ist diese Geistigkeit miissen wir sagen: Was
diese Menschen sich niemals erwerben konnten, die so grofi waren
in dem angedeuteten Gebiete und in der Trainierung des rhythmi-
schen Menschen ihr Ideal gesucht haben, was dort fehlt, das ist ein
gewisses Leben im Rechte, eine gewisse Gliederung in eine Rechts-
gemeinschaft. Das irgendwie hineinzudenken in die Kultur, die die
Veden, die Vedanta hervorgebracht hat, die die anderen orientali-
schen geistigen Gebilde hervorgebracht hat - unmoglich! Man mag
dasjenige, was sich von der Art findet, noch so sehr verkennen,
indem man abendlandische Begriffe hineintragt, ein unbefangenes
Urteil mufi sagen: Da lebt geistiges Leben. Das rechtliche, das
wirtschaftliche Leben, das ist instinktiv; das bleibt instinktiv. Es
erhebt sich aus der Grundlage, in der das wirtschaftliche, in der das
rechtliche oder staatliche Leben besteht, aus der hebt sich heraus
zum hochsten Bewufitsein das geistige Leben. Und im Grunde
genommen leben die abendlandischen Menschen durchaus zu ihrem
grofiten Teil von den Erbschaften des Orientalismus im geistigen
Leben.
Haben wir ja sogar gesehen, wie in einer gewissen Richtung, die
man die theosophische nennt, mit der boser Wille oder Unverstand
unsere Bewegung oftmals verwechselt, wie da durch diese theoso-
phische Richtung nun, ich mochte sagen, zuletzt aus voller Deka-
denz heraus die Menschen wiederum suchen eine neue Geistigkeit
aus dem Oriente nach dem Westen heriiber zu tragen, immer dieser
Zug, das Geistige vom Oriente nach dem Westen heriiber zu tragen.
Heute bedeutet er eine aufterste Dekadenz. Zur Zeit, als der Orient
dem Christentum die notige geistige Vertiefung geben konnte, war
das eine Selbstverstandlichkeit.
Anderes bietet sich unserem Blicke, wenn wir denjenigen Volks-
typus betrachten, der, ich mochte sagen, am sympathischsten er-
scheint im alten Griechenvolke, der dann seine Fortsetzung aber
uberhaupt in Mitteleuropa erfahren hat. Da haben wir das andere
Glied der Menschennatur gewissermafien mit elementarer Notwen-
digkeit entwickelt. Das wissen ja gewohnlich die Menschen nicht,
was als selbstverstandliche Wesenheit in ihnen vorhanden ist. Das
wissen die Menschen Mitteleuropas nicht, daft in ihnen als Haupt-
sache vorhanden ist, gegeniiber welcher die anderen Glieder der
Menschenwesenheit zuriicktreten, dafi in ihnen als Hauptsache
vorhanden ist der rhythmische Mensch. Alle Tugenden und alle
Laster des mitteleuropaischen Menschen und derjenigen, die von
ihm angesteckt sind, beruhen auf diesem Vorherrschen des rhyth-
mischen Systems.
Das rhythmische System hangt seelisch mit dem zusammen, was
das menschliche Fiihlen ist. Im menschlichen Fiihlen ist alles dasje-
nige beschlossen, was die Tugenden des Starkmuts, was die Leiden-
schaften des Mutes sind und so weiter. All das, was zum Beispiel
Tacitus von den alten Germanen schildert, ist im Grunde genom-
men ein solches Seelisches, das begriindet ist auf dem rhythmischen
Menschen, geradeso wie orientalische Weisheit und orientalische
Sinnigkeit auf dem Stoffwechsel begriindet ist. Und dasjenige, was
den Griechen zu einer solchen einheitlichen Menschenwesenheit
macht, was wir am Griechen so bewundern, wenn wir ihn wirklich
verstehen, dieses Gleichmafi, es beruht zuletzt auf einem der
menschlichen Natur vollig angepafiten Gleichmafi des Einatmens,
des Ausatmens und aller anderen Rhythmen. Griechisches Eben-
mafi ist zum Schlusse eine Folge menschlichen ebenmafiigen rhyth-
mischen Systems.
Dasjenige, was wir aufdammern sehen in der griechischen Kunst,
was uns als griechische Plastik entgegentritt, ist nichts dem Modell
Nachgeahmtes. Das, was der Grieche formt, ist so gebildet, dafi er in
sich selber, wie einen zweiten Menschen, den rhythmisch-ebenma-
fiigen Menschen in Tatigkeit fiihlte und den ausgestaltete. Oder
wenn er sich aufloste, ihn so darstellt, wie den Laokoon in der
bekannten Gruppe. All das, was dem Griechen als plastische Men-
schengestalt aufgegangen ist, beruht auf seinem Sich-in-sich-Fiihlen
aus dem Ebenniaft des rhythmischen Systems heraus.
Und wenn wir zum Beispiel hinsehen auf die griechischen Trago-
dien - man konnte auf alles mogliche sehen, was Ausdruck griechi-
schen Wesens ist -: Leidenschaften sollen sich entwickeln durch die
Tragodie, Furcht und Mitleid. Und wiederum soli durch dieselbe
Tragodie, die Furcht und Mitleid erregt, diese Leidenschaft beruhigt
werden, abreagiert werden. Das ist die Katharsis. Das ist dasjenige,
was der Grieche als die Selbstregulierung, als das rhythmische in der
Dramatik suchte, wie als Abbild seines eigenen Wesens. Und
Aristoteles horen wir sagen, dafi die wirkliche Tugend darinnen
besteht, dafi man nicht nach dem einen und nicht nach dem anderen
Extrem, nicht nach dem zu Geistigen oder zu Materiellen, nicht
nach dem zu Hoch oder zu Niedrig geht, sondern dafi man die
Mittellage einhalt. Alles dasjenige, was der Grieche wie von selbst
darlebt, das ist der ebenmafiige Mensch, der durch seinen Lebens-
rhytmus ebenmafiig ist.
Und wir sehen bis herein in die Fortsetzung des Griechentums,
im Goetheanismus, in demjenigen, was als ein neuerer Aufschwung
geistigen Lebens in Mitteleuropa stattgefunden hat, wir sehen insbe-
sondere in der Gestalt Goethes dieses Spiel des rhythmischen
Systems.
Geradeso wie der Orientale dadurch, dafi die Natur in ihm das
Stoffwechselsystem sprechen liefi, gewissermafien vor sich die hoch-
ste Geistigkeit hinstellte, so stellte das rhythmische System, das in
dem Menschen das eigentliche Ebenmafi bewirkt, den Menschen
selber vor sich hin. Und man kann sich nicht eigentlich einen
schoneren Ausdruck vorstellen fur dieses Bediirfnis, den Menschen
in seinem Ebenmafi aus seiner Lebensrhythmik vor sich hinzustel-
len, als das Buch Goethes iiber Winckelmann, wo Goethe alles
mogliche, was er iiber den ebenmafiigen Menschen zu sagen hat, in
dieses Buch hineingeheimniftt. In diesem Buche finden sich die
schonen Ausdriicke, wie: Wenn die Natur an ihrem Gipfel im
Menschen gelangt ist, und der Mensch alles dasjenige, was in seiner
Umgebung ist, Ordnung, Harmonie, Mafi und Bedeutung zusam-
mennimmt, so fiihlt er sich wieder in sich selber als eine ganze Natur
und erhebt sich zur Schopfung des Kunstwerkes. Oder: Wenn im
Menschen die Natur auf ihren Gipfel gelangt ist, so wiirde sie, wenn
sie sich selbst verstehen konnten, aufjauchzen und diesen Gipfel
ihres Werdens und Wesens bewundern.
Und man kann sagen, wenn solch reife Worte, Worte, die so
vollig siifi vor Kulturreife sind, gesprochen werden, dann sind sie
der Ausdruck fiir das ganze Wesen, das da volkisch zugrunde liegt.
Und wenn Schiller jenen Brief im Anfange der neunziger Jahre an
Goethe schrieb: Ich habe lange dem Gang Ihres Wesens zugesehen.
Sie nehmen die ganze Natur zusammen, um aus ihren einzelnen
Bestandteilen den Menschen aufzubauen. Aus einer Intuition her-
aus konstruieren Sie den Menschen. Das hatten Sie eigentlich voll-
kommen nur tun konnen, wenn Sie als ein Grieche, oder wenig-
stens als ein Italiener geboren waren. - Diese Schilderung des Menschen
aus den Tiefen der Menschennatur heraus, dieses Hinstellen des
Menschen vor den Menschen, so wie der Orientale das Gottliche
vor die Welt hinstellt, gewissermafien die Natur selbst ihr Wesentli-
ches vor die Welt hinstellt - dieses Hinstellen des Menschen vor
den Menschen, das ist das Wesentliche des mittellandischen Ty-
pus Mensch. Fiir ihn wird nun das Nachstdariiberstehende das Ideal.
Dasjenige, was der Nerven-Sinnesmensch ist, das wird fiir ihn das
Ideal. Daher sehen wir aus diesen Mittellandern heraus mit einer
gewissen Unbewulkheit, geradeso wie der Orientale seine Geistig-
keit aus seinem Stoffwechsel heraus unbewufit geltend macht, so
sehen wir aus dem Rhythmus heraus dasjenige, was selbstverstand-
liche Kultur ist, sich geltend machen. Dafur aber sehen wir als das
Ideal auftreten das Hinarbeiten zur Idee, das Hinarbeiten zum
Idealismus. Und aufkeimt im Griechentum schon dasjenige, was der
Idealismus der Gedanken ist in Plato und Aristoteles.
Wiederum ersteht das in dem deutschen Idealismus der Weltan-
schauungen: in dem ganzen mitteleuropaischen Idealismus der
Weltanschauuneen ersteht das Ideal der Geistiekeit aus dem Ner-
ven-Sinnesmenschen heraus, gerade so wie das Jogaideal im Oriente
entsteht. Una da sehen wir, wie noch immer instinktiv bleibt,
wirklich instinktiv bleibt dasjenige, was wirtschaftliche Organisa-
tion ist, wie aber ein Zweites auftritt, was im Morgenlande noch
instinktiv war. was ietzt in die Rewulkheit emtritt: das ist das
Nachdenken, das Nachsinnen iiber die Rechtsnatur des menschli-
chen sozialen Zusammenlebens.
Und so sehen wir die Rechtsnatur des sozialen Zusammenlebens
gerade in den mittleren Gegenden aus dem Typus der mittleren
Volker heraus sich entwickeln. Die orientalischen Volker haben in
alten Zeiten eine Geistigkeit entwickelt. Sie ist dann herunterge-
kommen. Und selbst, wenn wir heute Rabindranath Tagore spre-
chen hdren, so ist es wie der Klang aus ferner, vergangener Zeit:
Schon, fein, aber wir konnen nicht glauben, dafi das noch da ist. Und
es ist auch wirklich nicht da. Es ist, ich mochte sagen, gemiitliche
Verabstrahierung. Es ist tief zu uns sprechend, aber es spricht nicht
eigentlich von einer gegenwartigen Wirklichkeit. Indem im Oriente
auch diese Geistigkeit in die Dekadenz gekommen ist, bewahrt die
Menschheit gewissermafien auf die Hinneigung zum geistigen Le-
ben eine Erbschaft der orientalischen Urkultur.
Dazu ist gekommen dasjenige, was der Mensch iiber den Menschen
zu sagen hat, was der Mensch iiber den Menschen auch anzuschauen
hat. Und das ist gekommen durch die mittlere Bevol-
kerung. Da steht der Mensch vor sich selber. Im Oriente steht
der Mensch vor dem Ubermenschen, und aus der Welt des Uber-
menschlichen heraus quellen die sittlichen Ideen.
Es ist gerade immer wieder und wiederum von Rabindranath
Tagore auch heute betont, dafi die Kultur des Orients vor allem auf
Sittlichkeit gebaut ist, auf alle die sittlichen Qualitaten, wahrend er
der abendlandischen und der amerikanischen Kultur vorwirft, dafi
sie auf Mechanismus, auf technischem Mechanismus, auf politi-
schem Staatsmechanismus gebaut ist, dafi sie entleert ist der sittli-
chen Ideen. Und es ist so, dafi im Oriente aus der Anschauung - die
auf die Art, wie wir sie geschildert haben, iiber die geistige Welt
entsteht - eine Fiille von sittlichen Ideen herausquillt. Und im
Grunde genommen leben wir heute eigentlich noch immer von
diesen sittlichen Ideen. Denn der Materialismus des Abendlandes
hat, das ist wohl aus dem gestrigen Vortrage zur Geniige hervorge-
gangen, keine sittlichen Ideen als solche erzeugt. Die sittlichen
Ideen sind eine alte Erbschaft, denn sie quillen in diese Menschen-
seele nur hinein, wenn diese Menschenseele den Zusammenhang mit
der geistigen Welt hat.
In der mittellandischen Kultur: der Mensch stent vor sich selber;
er bekommt als eine Erbschaft die sittlichen Ideen. Rechtsideen
treten auf, Regelung des menschlichen Verhaltnisses so, daft der
einzelne Mensch dem einzelnen Menschen im sozialen Zusammen-
leben entgegensteht. Man mochte sagen: Dadurch, dafi der Mensch
auf seine eigene Wesenheit kommt, kommt er dazu, zu fragen: Wie
befolge ich dasjenige, was sittliche Idee ist? Ein Bediirfnis tritt im
Menschen auf, das der Orientale nicht hatte, gerade damals nicht
hatte, als seine geistige, seine spirituelle Kultur am reinsten einflofi
in seine Wesenheit. Innerhalb dieser ganzen Kultur des Orientes,
gerade je weiter wir zuriickgehen in altere Zeiten, hat das Wort und
die Wesenheit der Freiheit keine Bedeutung. Der Mensch ist ein
Glied der Weltenordnung; er ist eingegliedert in die Weltenord-
nung. Freiheit ist etwas, was im Grunde genommen keinen Sinn hat.
Man kann nicht davon sprechen. Denn die Gebote des sittlichen
Lebens, die verkniipft sind mit der Anschauung des Gottlich-Gei-
stigen, wirken so auf den Menschen, indem er sie anschaut aus seiner
Geistigkeit heraus, dafi sie selbstverstandlich von ihm verwirklicht
werden. Er fuhlt kein menschliches Verhaltnis zu ihnen. Ebenso wie
er essen mufi, so fuhlt er, dafi er die Gebote befolgen mufi, wenn er
sie nur erkennt.
Das, was so wie selbstverstandlich verbunden mit der geistigen
Welt in der orientalischen Urweisheit quillt - allerdings in der
orientalischen Niedergangskultur nicht mehr quillt -, das wird eine
Frage in dem Augenblicke weltgeschichtlicher Entwickelung, wo
der Mensch dem Menschen gegeniibersteht, wo die mittellandische
Kultur eintritt. Und das wird ganz besonders eine Frage dann, wenn
die Kultur, die eigentliche Kulturrichtung der Westvolker auftritt.
Das ist der dritte Typus.
Geradeso wie der Orientale urspriinglich veranlagt war fur den
Stoffwechsel, der Mittellander fur den rhythmischen Menschen, so
ist der Westmensch veranlagt fur den Nerven-Sinnesrnenschen.
Und wer verfolgen kann auch das Hochste, was sich entwickelt hat
an geistiger und an materieller, an innerer und an aufterer Zivilisa-
tion im Westen Europas und in Amerika - abgesehen von den
romanischen Volkern, die einen ganz anderen Weg gegangen sind,
die Erbschaften iibernommen haben von den alten lateinischen
Volkern, die nicht in dieser Reinheit das darstellen, was Westeuro-
paisches, was Westlandisches uberhaupt ist -, wenn wir auf die
andere westlandische Bevolkerung sehen, so ist das diejenige Bevol-
kerung, bei der vorherrscht der Nerven-Sinnesmensch: Dieser Ner-
ven-Sinnesmensch, der da hervorgebracht hat den Typus, mit Be-
griffen, mit Vorstellungen, mit Ideen verstandig alles zu iiber-
schauen, der insbesondere auf das Abstrakte geht, der auf dasjenige
geht, was nun nicht den Menschen vor den Menschen stellt wie beim
mitteleuropaischen Menschen, was nicht stellt den Ubermenschen
vor den Menschen wie beim Orientalen, sondern was die Natur vor
den Menschen stellt.
Das ist das Eigentiimliche : riickt man hinauf mit der naturlichen
Organisation bis zum Nerven-Sinnesmenschen, dann steht die
aufiere Natur vor dem Menschen. Man denke sich nur, welche
Absurditat es ware fur den Orientalen, zu fragen, ob er irgendwie
nur zusammenhinge materialistisch mit der Tierheit. Er schaut,
gerade weil er der Stoffwechselmensch ist, die geistige Welt, die
iibersinnliche Welt unmittelbar an. Der Westmensch hat diese
Anschauung der geistigen Welt nicht. Er hat das Nachdenken iiber
die geistige Welt, er hat die Abstraktion. Fur ihn wird dasjenige, was
sich vor ihn hinstellt, auch wenn es der Mensch selber ist, fur ihn
wird das die aufiermenschliche Natur. Fur Goethe steht Mensch
gegen Mensch, und er will den Menschen begreifen. Schiller sagt: Sie
sind es, der aus alien Einzelheiten der Natur den ganzen Menschen
aufbauen will. - Aber der Mensch ist es, den Goethe aufbauen will;
und im Grunde genommen will er die Natur nur begreifen, um
zuletzt den Menschen in der Natur iiberall zu erblicken.
Unter den Westmenschen, unter den Nerven-Sinnesmenschen
entsteht der Darwinismus in derjenigen Form, wie ihn das 19.
Jahrhundert erlebt hat. Da ist der Mensch nicht dasjenige, was in
erster Linie dasteht; da dammert gewissermaften die Idee des Men-
schen ab, da weifi man nichts mehr von dem Menschen als solchem,
da wird der Mensch das hochststehende Tier. Da wird die Tierreihe
studiert, da wird alles das an Kraften studiert, was in dieser Tierreihe
spielt. Nicht der Mensch wird begriffen, sondern das hochste Tier
wird begriffen. Und der Mensch gilt nur als das hochste Tier. Das
Menschliche tritt zuriick. Dafiir aber der ausgesprochenste Sinn fur
Naturerkenntnis, dafiir jene wunderbare Vertiefung in die Einzel-
heiten alles desjenigen, was Entwickelungsanschauung ist zum
Beispiel im Darwinismus.
Niemals selbstverstandlich hatte aus orientalischer Anschau-
ungsweise auch nur annahernd so etwas hervorgehen konnen wie
Darwins Entstehung der Arten. Niemals auch hatte Goethe so
etwas verfassen konnen. Was er verfafit hat, ich habe es immer
wieder darzustellen versucht: es ist ganz anders geartet. Es ist nicht
Darwinismus im spateren Sinne, es ist etwas, was sich davon
unterscheidet.
Dadurch aber, dafi dieser westliche Menschentypus der Nerven-
Sinnesmensch ist, dadurch entsteht, ich mochte sagen, in riicklau-
figer Entwickelung nun das Ideal der Naturerkenntnis, das Ideal der
materiellen Erkenntnis, das Einleben in das Materieile.
Und im Grunde genommen ist es die Denkweise der westlichen
Welt, welche eingezogen ist in Mittel- und Osteuropa seit langen
Zeiten. Denn dasjenige, was auf dem Grunde von Mitteleuropa
selber erwachsen ist, das ist Fortsetzung des Griechentums. Was in
Rufiland aus eigenem russischem Wesen erwachsen ist, das ist sogar
in Fortsetzung des alten Orientalismus; dasjenige aber, was mo-
derne Kultur des 19. Jahrhunderts immer mehr und mehr gewor-
den ist, das ist dasjenige, was aus dem Nerven-Sinnesmenschen des
Westens ist.
So mufi man die drei Menschentypen, aus denen sich wiederum
die Volker herausdifferenzieren, anschauen. So mufi man gewahr
werden, wie allerdmgs die geistigste Geistigkeit instinktiv m der
orientalischen Urmenschheit vorhanden war; wie das gemiitvolle
Auffassen des Menschen im Griechentum vorhanden war und nur
noch einen Nacliklang gezeigt hat am Ende des 18. und am Anfange
des 19. Jahrhunderts in der mitteleuropaischen Kultur, die im
Goetheanismus zutage getreten ist, und wie wir stehen unter dem
Einflusse der Nerven-Sinneskultur, wie wir aus dieser heraus den-
ken miissen. Sie bringt als solche ganz gewifi unmittelbar keine
sittlichen Ideale hervor. Hat sie deshalb keinen sittlichen Wert? Ich
habe gestern von sittlicher Weltanschauung naturalistisch denken-
der Menschen Ihnen Proben vorgefiihrt, aus denen heraus man
glauben konnte, dafi dieser neuere Naturalismus allerdings gar
keinen sittlichen Wert hatte. Das ist nicht der Fall. Gewifi, er hat
keinen sittlichen Inhalt. Sein sittlicher Inhalt ist alte Erbschaft und
muE alte Erbschaft sein. Aber er hat einen sittlichen Wert. Welchen
sittlichen Wert hat er? Er hat den sittlichen Wert, dafi der Mensch
ein Naturbild als Weltbild sich bildet, das eben gerade ihm keine
sittlichen Ideen gibt. Indem der Orientale sich vertiefte in seine
Umwelt, bekam er die sittlichen Ideen mit seinem Naturbild mit.
Und so, wie er der Natur folgte als Naturmensch, folgte er als
sittlicher Mensch der sittlichen und der geistigen Welt.
Der mittellandische Mensch stellt den Menschen vor sich selber
hin. Er bekam das Bild des Menschen, indem er in die Welt
hineinblickte. Aber damit zugleich, mochte ich sagen, verabstra-
hierte sich die sittliche Idee. Sie muftte als eine Erbschaft sich geltend
machen. Aber der Mensch fiihlte noch das Erwarmende dieser
sittlichen Idee. Und im wesentlichen war vieles vom religiosen
Leben derjenigen Zeit, in welcher die mittellandischen Volker
tonangebend waren, dieses warme Fiihlen der sittlichen Weltenord-
nung. Verlassen, einsam gegeniiber seinen sittlichen Empfindungen
fiihlt sich der Mensch erst, indem er allerdings um sich das sitten-
freie Naturbild hat. Da sieht der Mensch hinaus in die Welt, in der er
als Naturwesen steht, der er angehort als Naturwesen. Sie gibt ihm
nichts Sittliches. Will er Sittliches, so mufi er es aus dem Quell seines
innersten Wesens hervorbringen. Er steht da vor der Welt, die ihm
keine Direktive gibt. Er mufi die Direktive suchen. Freiheit hat
keinen Sinn in der orientalischen spirituellen Urkultur. Freiheit
bekommt ihren Sinn aus dem Naturalismus heraus. Sittliche Bedeu-
tung hat dieser Materialismus, der hervorgeht aus dem Nerven-
Sinnesmenschen der westlichen Volker. Diese Kultur verlangt vom
Menschen, sich seiner Freiheit bewufk zu werden, sein Sittliches aus
sich heraus zu gebaren. Wiirde man beim blofien Naturalismus
bleiben - das war schon das Ergebnis der gestrigen Betrachtungen
hier so wiirde man so wie diejenigen Personlichkeiten, deren
Ausspriiche ich gestern angefiihrt habe, Sittlichkeit in Grund und
Boden treten. Wiirde man aber nicht durch diesen gefahrlichen
Zustand der Menschenentwickelung durchgegangen sein, wo Sitt-
lichkeit in Frage stent, wo Sittlichkeit in die Freiheit des menschli-
chen Entschlusses gegeben wird - die Menschheit konnte sich nicht
zur Freiheit entwickeln! Das ist der Sinn der Menschheitsentwik-
kelung, von einer spirituellen Urkultur bis zu der materiellen Kultur
des Westens, die insbesondere fur das Wirtschaftsleben veranlagt
ist, die eine Utilitatsethik im Grunde genommen an die Oberflache
gebracht hat, die aber den Menschen in bezug auf den eigentlichen
sittlichen Impuls das Bewufitsein der Freiheit geben mufi.
Wir bekommen eine Grundlage fur die Betrachtung der Differen-
zierungen der Volker, wenn wir von diesen drei Menschentypen
ausgehen. Aber wir erlangen nimmermehr eine Charakteristik der
vollen Menschheit, die wir heute brauchen fur den Menschen, wenn
wir dasjenige nehmen, was aus diesen Einseitigkeiten hervorgeht.
Lernen kann man gerade aus einer solchen Betrachtung, dafi
dann, wenn der Mensch aus irgendeiner Lokalkultur, und ware das
Lokal noch so grofi, herausgestaltet dasjenige, was in ihm veranlagt
ist, so ist es eine Einseitigkeit. Die wunderbare Urkultur - eine
Einseitigkeit, die Westkultur mit ihrem Materialismus - eine Ein-
seitigkeit.
Das alles gibt eine Vorstellung, wie einseitig dasjenige ist, was in
den einzelnen Volkern lebt. Daher mufi der moderne Mensch, der
nun einsieht, da£ iiber die ganze Erde hin eine gleichmafiige, nicht
nur mateneli-wirtschaftiiche, sondern Seelenkultur wachsen mu$,
der muS aus anderen Untergriinden heraus als dem Volkischen
geistig-sittliche Ideen entwickeln. Die Menschheit ist dazu veran-
lagt, denn in ihren verschiedenen Volkern bringt sie die einseitigen
Begabungen, Aber iiber das Volkische mud der Einzelmensch
hinauswachsen. Er wachst nur hinaus iiber das Volkische, wenn er
nicht aus irgendeinem Volkstum anderes begriindet, als was zu
diesem seinem Volkstum gehort, sondern wenn er aus diesem
Volkstum heraus das allgemeine Menschentum zu gestalten vermag.
Fur die ethische Grundlegung der Weltanschauung habe ich das
versucht in meinem Buche, das Anfang der neunziger Jahre zum
ersten Male erschienen ist, in meiner «Philosophie der Freiheit». Da
ist versucht worden, den Menschen den Weg zu Freiheit und
zugleich zur Sittlichkeit zu zeigen, so dafi in diesem Buche aber auch
gar nichts gefunden werden kann, was nur aus einer einseitigen,
volkischen Richtung heraus geboren ware. Da ist alles so gedacht,
dafi es der Orientale so denken kann wie der Westmensch und wie
der mittellandische Mensch. Da ist iiberhaupt von einer Volksdiffe-
renzierung nichts darin.
Da ist wie eine selbstverstandliche Note durch das ganze Buch
durchgehend, dafi der Mensch noch nicht Vollmensch ist, wenn er
sich als Angehoriger einer menschlichen Differenzierung fiihlt,
einer Nation, eines Volkes fiihlt, dafi er Vollmensch ist erst, wenn er
herauswachst aus dieser Differenzierung. Gewifi, der Mensch ist
Russe, der Mensch ist Englander, der Mensch ist Franzose; aber der
Franzose, der Russe, der Englander ist als solcher nicht Mensch,
sondern der Mensch mufi aus seinem Volkstum heraus wachsen. Das
zeigt gerade ein wirkliches verstandnisvolles Betrachten dieses
Volkstums.
Dann aber kommt man dazu, die Sittlichkeit auf die menschliche
Individualist zu bauen. Und baut man sie auf die menschliche
Individuality, dann kommt man darauf, worauf im sozialen Zu-
sammenleben die Sittlichkeit beruhen mufi: Die Sittlichkeit mufi im
sozialen Zusammenleben beruhen auf dem Vertrauen, das der
einzelne Mensch zum einzelnen Menschen haben kann. Dieses
Vertrauen mufi da sein konnen. Dahin mufi die Erziehung wirken,
jene Erziehung, welche uns allein eine Besserung unserer sozialen
Verhaltnisse bringen kann.
Man erwahnt in gewissen Kreisen immer wieder und wiederum,
daft nur der Zwang, dafi nur die Macht, nur die Organisation
dasjenige sein konne, was innerhalb des menschlichen sozialen
Organismus Ordnung macht. Nein, nimmermehr wird die Organi-
sation Ordnung machen; sondern der soziale Organismus kann nur
gedeihen, insoweit als ein Mensch zu anderen Menschen Vertrauen
haben kann, als die Sittlichkeit in der menschlichen Individualitat
verankert wird.
«Ethischer Individualismus» wurde genannt dasjenige, was ich in
meiner «Philosophie der Freiheit» zu begriinden versuchte, «Ethi-
scher Individualismus» aus dem Grunde, weil in der Tat dasjenige,
was als Ethik, was als sittliche Idee auftritt, aus der Individualitat des
einzelnen Menschen heraus auftreten mull.
Aber nun kommt das Bedeutsame. Ich habe Ihnen gestern eine
Stelle vorgelesen von einer Persdnlichkeit, die mit dem Materialisten
Moleschott korrespondierte. Da wird gesagt: Die sittlichen Impulse
sind in jedem Menschen, deshalb in jedem Menschen anders. -
Sehen Sie, das ist Materialismus. Die wirkliche Einsicht ist die genau
entgegengesetzte. Wahr ist es: die ethische Grundlegung ist in jedem
menschlichen Individuum. Aber im hochsten Sinne tritt uns das
wunderbar entgegen, dafi sie in jedem menschlichen Individuum
dieselbe ist; nicht eine irgendwie vorherbestimmte Gleichheit, nicht
eine organisierte Gleichheit, sondern eine gegebene Gleichheit ist
es, die unter den Menschen auftritt. Und immer wieder von neuem
treten wir vor jeden Menschen hin, um mit jedem Menschen
zusammen vertrauensvoll sittliche Impulse zu begriinden.
Das ist dasjenige, was den ethischen Individualismus, wenn er
richtig erfafit wird, wenn er begriffen wird als der wahre Akt der
menschlichen Freiheit, zu gleicher Zeit zur universellen Ethik
macht, und was uns hoffen lafit, dafi wir dahin kommen als sittliche
Menschen, dafi wir ebensowenig, wie, wenn wir einander auf der
Strafie begegnen, es richtig finden, daf? der eine den anderen, indem
er an ihm vorbeigeht, anrempelt - man weicht sich seibstverstand-
lich aus -, so wird, wenn jenes Menschenbewulksein, von dem ich
Ihnen gestern und vorgestern gesprochen habe, aus geisteswissen-
schaftlichen Untergriinden die Menschen ergreift, so wird sie sol-
ches Empfinden, seiches Der. ken in den Menschen erzeugen, dafi
dasjenige, was sittlich unter ihnen lebt, so selbstverstandlich wird,
wie das, daf$ man sich nicht anrempelt gegenseitig, wenn man
aneinander vorbeigeht. Wir konnen, wenn wir so als Menschen
nebeneinander leben, dafi wir den Menschen, begegnend in welcher
Lage immer im Leben, verstehen werden; wir konnen Sittlichkeit
aus der Menschennatur selbst heraus bringen. Das zeigt, wie,
ausgehend von geistig-orientalischen Urzeiten, zum Menschen-
fiihlen in der Erdenmitte, zur menschlichen Abstrahiemng, zum
menschlichen Verstehen der Welt, zum Verstehen sowohl der Welt
als der Natur, wie das der Weg ist, um endlich den Menschen
wirklich zum Erfassen der Freiheit zu bringen.
Aber nur dann, wenn er aus geisteswissenschaftlichen Unter-
griinden heraus die Sittlichkeit wieder findet. Im Oriente war sie
gegeben durch den Inhalt der sittlichen Ideen, die aber noch wie mit
einer Naturnotwendigkeit durch den Menschen hindurch wirken.
Aus dieser Naturnotwendigkeit wurde herausgeworfen der Inhalt
des Sittlichen. Der Mensch stand gewissermafien sittlich nackt vor
der Natur, sittlich blofi vor der Natur. Er soli in sich, in seiner
Individualist, die Sittlichkeit wieder gebaren. Er wird sie nur
wieder gebaren, wenn er sie aus dem wiedergefundenen Geistigen
seines innersten Wesens heraus gebaren kann.
Das ist dasjenige, was Geisteswissenschaft, Geisteserkenntnis
will: ein sittliches Wollen zu gebaren, das wirklich unseren sozialen
Aufstieg bewirken kann. Geisteswissenschaft mochte das, weil sie
glaubt, einsehen zu miissen, dafi der Menschheit der Gegenwart und
Menschheit der nachsten Zukunft insbesondere das notwendig sei,
dafi soziale Gesundung nur hervorgehen konne aus geistiger Gesun-
dung.
Sie haben in den gestrigen und vorgestrigen Bemerkungen viel
davon gehort, wie schmahlich oftmals die Angriffe sind, die sich
gegen diese Geisteswissenschaft heute geltend machen. Ich konnte
Ihnen davon noch vieles erzahlen, doch will ich es nicht in diesem
Augenblicke tun. Aber sagen mochte ich dies heute zum Schlusse:
wie auch die Angriffe sich geltend machen, wenn sie selbst in der
Lage waren, diejenigen Bestrebungen, die heute auf geisteswissen-
schaftlichem Gebiete gemacht werden, fiir diesen weltgeschichtli-
chen Augenblick zu zerstoren: Geisteswissenschaft miifite doch
wiederum von neuem entstehen! Denn ihre Hoffnung ist nicht
begriindet auf ein subjektives Wollen eines einzelnen oder einiger
weniger oder auch einer Sekte, nein, ihre Hoffnung ist begriindet
darauf, dafi die Menschheit mit Bezug auf ihre seelischsten, wich-
tigsten Angelegenheiten der Gegenwart und nachsten Zukunft diese
Geisteswissenschaft und alles, was lebensvoll mit ihr zusammen-
hangt, braucht. Darauf wird gerechnet in den Hoffnungen der
Geisteswissenschaft, dafi diese Geisteswissenschaft gedeihen wird,
weil die Menschheit sie braucht, was die Menschheit so verlangt, wie
sie eine Erneuerung des Geisteslebens verlangt. Das kann vielleicht
fiir den Augenblick durch Boswilligkeiten, durch Unverstand nie-
dergetreten werden. Fiir die Dauer aber kann es nicht uberwunden
werden. Denn was die Menschheit brauchen wird, das wird ihr
werden, mogen die Gegner noch so greulich, noch so boswillig oder
mifiverstehend sein, es wird dasjenige, was zum Besten der Mensch-
heit geschehen soil, geschehen, weil es aus inneren, aus geistig-gott-
lichen Griinden heraus geschehen muli.
HINWEISE
Innerhalb der in diesem Band vereinigten elf offentlichen Vortrage aus dem Jahre 1920 greift
Rudolf Steiner erneut die Grundfragen einer Neugestaltung des sozialen Lebens auf, die er
bereits im Jahre 1919 in zahlreichen Vortragen zunachst in der Schweiz (siehe: «Die soziale
Frage», GA Bibl.-Nr. 328, und «Soziale Zukunft», GA Bibl.-Nr. 332a) und dann auch in
Deutschland (siehe: «Neugestaltung des sozialen Organismus», GA Bibl.-Nr. 330/331, und
«Gedankenfreiheit und soziale Krafte», GA Bibl.-Nr. 333) ausfiihrlich behandelt hat.
Mit der Veroffentlichung seiner Schrift «Die Kernpunkte der sozialen Frage» (GA
Bibl.-Nr. 23) im April 1919 und dem in mehreren groften Tageszeitungen publizierten
Aufruf « An das deutsche Volk und an die Kulturwelt» war durch Rudolf Steiner die geistige
Grundlage gegeben, die zur Griindung des «Bundes fur Dreigliederung des sozialen
Organismus» und zu zahlreichen Aktivitaten auf sozialem Felde fiihrte. So setzte Rudolf
Steiner auf dem Gebiete des Wirtschaftslebens in zahlreichen Vortragen und Besprechungen
Akzente, die die Begriindung von Betriebsraten in mehreren Stuttgarter Betrieben zur Folge
hatten. Urn die Befreiung des Geisteslebens aus staatlicher Bevormundung ging es ihm bei
seiner Aufforderung zur Griindung von Kulturraten und der Begriindung der ersten
Waldorfschule in Stuttgart im Herbst 1919, die Ausgangspunkt fur eine heute weltweite
Schulbewegung wurde.
Die schwierigen aufieren Bedingungen und die mangelnde Bereitschaft der Menschen,
wirklich neue Wege auf sozialem Gebiete zu beschreiten, liefien eine Realisierung der Ideen
Rudolf Steiners zunachst nicht zu. Es mag daher nicht verwundern, dafi er im Jahre 1920 -
und dies wird in den in diesem Band vorliegenden Vortragen besonders deutlich - in den
Mittelpunkt seiner Vortrage wesentliche Aspekte der geisteswissenschaftlichen Forschung
(Anthroposophie) stellte. Hinzu kommt, dafi durch das Hereinwirken anthroposophischen
Gedankengutes in das offentlich-praktische Leben auch die Kritiker und Gegner immer
starker auf den Plan gerufen wurden. So ist zum Beispiel die Sprechweise Rudolf Steiners
innerhalb der Basler Vortrage vom Mai 1920, die er zeitlich parallel zu dem sogenannten
«Basler Lehrerkurs» (siehe: «Die Erneuerung der padagogisch-didaktischen Kunst durch
Geisteswissenschaft», GA Bibl.-Nr. 301) gehalten hat, stark mitbestimmt von der sich in der
Schweiz zusehends ausbreitenden Verleumdungskampagne gegen Rudolf Steiner und die
Anthroposophie. Angesichts dieser Situation sah er sich auch in diesen Vortragen immer
wieder zu grundlegenden Darstellungen der Geisteswissenschaft veranlalk.
Der vorliegende Band enthalt drei in sich geschlossene Vortragsreihen (Basel 5.-7. Januar,
Zurich 17./18. Marz, Basel 4.-6. Mai 1920), sowie drei Einzelvortrage, die alle innerhalb
eines recht kurzen Zeitraumes an verschiedenen Orten gehalten wurden, wodurch aus der
Sache heraus manche Wiederholungen auftreten. Dennoch meinen die Herausgeber es
vertreten zu konnen, alle elf Vortrage der Offentlichkeit zuganglich zu machen, da im
Hinblick auf das recht unterschiedliche Publikum (Mitglieder des Schweizer Staatsbiirger-
Vereins, Besucher der Mustermesse in Basel u. a.) der Gesamtduktus der einzelnen Vortrage
immer wieder von neuen Gesichtspunkten bestimmt ist.
Textgrundlagen: Die Vortrage wurden von der Stenographin Helene Finckh mitstenogra-
phiert und in Klartext iibertragen. Fiir den Druck wurden die Originalstenogramme neu
iiberpriift. An einigen Stellen weisen diese Liicken auf, die im hier gedruckten Vortragstext
durch eine eckige Klammer [. . .] gekennzeichnet sind. Dieses Kennzeichen stent auch dann,
wenn vom Herausgeber einzelne Worte oder kurzere Textpassagen fortgelassen wurden, die
aufgrund von Schwierigkeiten beim Mitstenographieren bzw. bei der Ubertragung in
Klartext eine sachgemafie Rekonstruktion des Wortlautes oder auch des Sinnzusammen-
hanges nicht mehr zulassen. Gegebenenfalls sind die «Hinweise» zu beachten. Die Vortrage
waren unter den in diesem Band verwendeten Titeln offentlich angekiindigt worden.
Einzelausgaben
Basel, 5., 6., 7. Januar 1920 in: Schriftenreihe «Geisteswissenschaftund die Lebensforde-
rungen der Gegenwart», Heft I, Dornach 1920
Zurich, 19. Marz 1920 in: Schriftenreihe wie oben, Heft IV, Dornach 1950
Veroffentlichungen in Zeitschriften
Zurich, 17. Marz 1920 in franzosischer Sprache in: «La Science spirituelle«, 1928, Nr. 203
Zurich, 18. Marz 1920 in: «Das Goetheanum», 13. Jg. 1934, Nr. 31 (ohne Schlufiwort); das
Schlufiwort erschien (unvollstandig) in: «Was in der Anthroposophischen Gesellschaft
vorgeht», 1 1. Jg. 1934, Nr. 39/40; desgl. Vortrag ohne Schlufiwort in: «Die Menschenschu-
le», 32. Jg. 1958, Heft 6
Basel, 4., 5., 6. Mai 1920 in: «Die Menschenschule», 32. Jg. 1958, in den Heften 7/8, 9 und
10/11.
Werke Rudolf Steiners innerhalb der Gesamtausgabe (GA) werden in den Hinweisen mit
der Bibliographie-Nummer angegeben. Siehe auch die Ubersicht am Schlufi des Bandes.
zu Seite
1 1 Goetbeanum: Zentrum der Anthroposophischen Bewegung in Dornach bei Basel,
Hochschule fur Geisteswissenschaft; kiinstlerisch in Holz gestalteter Doppelkup-
pelbau, erbaut 1913-1922 unter der kiinstlerischen Leitung Rudolf Steiners. Der im
Innern noch nicht ganz fertiggestellte, aber seit 1920 in Betrieb genommene Bau
wurde in der Silvesternacht 1922/23 durch Brand vernichtet. Fiir einen zweiten Bau
schuf Rudolf Steiner das Aufienmodell; er wurde 1928/29 fertiggestellt. Vgl. Rudolf
Steiner, «Wege zu einem neuen Baustil», GA Bibl.-Nr. 286.
1 8 in der dltesten Griecbenzeit, die Friedrich Nietzsche genannt hat das tragische Zeitalter
der Griechen: Seinen «Versuch», die Geschichte der alteren griechischen Philosophen
«zu erzahlen», iiberschrieb Nietzsche mit den Worten «Die Philosophic im tragischen
Zeitalter der Griechen». Siehe auch: Friedrich Nietzsche, «Wissenschaft und Weisheit
im Kampfe», Gesamtausgabe hg. v. K, Schlechta, Miinchen 1956, Bd. Ill, S. 338.
20 die Erde arbeitet so, wie wenn sie nicht blojl von 1500 Mdlionen Menschen, sondern
von 2200 Millionen Menschen bewohnt ware: Siehe Rudolf Steiners Vortrag vom 27.
Dezernber 1919 m «Gedankenfreiheit und soziale Krafte», GA Bibl.-Nr. 333, Dor-
nach 1971, S. 131 ff.
21 Homunkulus: Siehe j. W. v. Goethe, «Faust», ZweiterTeil, I.aborarormm.
25 Im einzelnen habe ich beschrieben: Die Ubungswege sind ausfiihrlich in den folgen-
den Schriften Rudolf Steiners dargestellt:
«Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Weiten?» (1904), GA Bibl.-Nr. 10; «Die
Geheimwissenschaft im UmrilS» (1910), GA Bibl.-Nr. 13; «Ein Weg zur Selbster-
kenntnis des Menschen» (1912), GA Bibl.-Nr. 16; «Die Schwelle der geistigen Welt»
(1913), GA Bibl.-Nr. 17.
28 Da sagt ein Mann, der, nun, «Universitdtsprofessor» ist: Gemeint ist Friedrich Traub,
Verfasser der Schrift «Rudolf Steiner als Philosoph und Theosoph», Tubingen 1919.
Steiner behandelt diese Broschiire ausfuhrlich in seinem Vortrag vom 16. November
1919 in «Die geistigen Hintergriinde der sozialen Frage», IV. Band, Dornach 1951.
30 Nikolaus Kopernikus, 1473-1543, Astronom.
Galileo Galilei, 1564-1642, Physiker und Astronom.
Giordano Bruno, 1548-1600, Philosoph.
Wilhelm Conrad Rontgen, 1845-1923, Physiker.
Antoine Cesar Becquerel, 1788-1878, Physiker.
31 ein Buch uber den Sozialismus . . . v on Robert Wilbrandt: Dieses Buch mit dem Titel
«Sozialismus», Jena 1919, endet mit den Worten: «Und der Sozialismus wird, wenn
jemals verwirklicht, als Gesellschaftsbediirfnis pflegen, was heute gepredigt, doch in
der Welt fremd ist: das Christentum.» (S. 338)
32 Ein Mann . . . hat nun auch seine Kriegserinnerungen geschrieben: Ottokar Graf von
Czernin (1872-1932); 1916 osterreichischer Aufienminister, mulke 1918 zuriicktre-
ten; er setzte sich fur eine rasche Beendigung des Krieges ein. Das von Steiner
angefiihrte Zitat beschliefit das von Czernin im Jahre 1919 verfafite Werk «Im
Weltkrieg», Berlin/Wien 1919, S. 372/373.
33 Ich habe noch in diesen Tagen einen merkwiirdigen Vortrag gelesen: Der Name des
Redners und das Thema des Vortrages konnten bisher noch nicht festgestellt werden.
42 Kindererziehung — Volkserziehung - Volksleben: Siehe auch Rudolf Steiner, «Drei
Vortrage iiber Volkspadagogik» (1919), in «Geisteswissenschaftliche Behandlung
sozialer und padagogischer Fragen», GA Bibl.-Nr. 192
48 den vielverkannten Naturforscher, nicht den Dichter Goethe: Vgl. Rudolf Steiner,
«Goethes Naturwissenschaftliche Schriften. Samtliche Einleitungen zur Herausgabe
in Kiirschners 'Deutsche National-Litteratur>», GA Bibl.-Nr. 1.
49 die Metamorphose: V^l. Rudolt Steiner, «Die Metamorphosenlehre», in «Goethes
Weltanschauung* (1897), GA Bibl.-Nr. 6, Dornach 1963, S. 101 ff.
50 um mitzuarbeiten am Goethe- und Schiller- Archiv: Siehe Rudolf Steiner, «Mein
Lebensgang» (1923-25), IX. Kap., GA Bibl.-Nr. 28.
51 in meinem vor zwei Jahren erschienenen Buch «Von Seelenratseln»: Siehe hier
besonders das Kapitel «Die physischen und die geistigen Abhangigkeiten der Men-
schen-Wesenheit» (1917), GA Bibl.-Nr. 21.
52 Erkenntnismethoden . . . , welche cbarakterisiert sind in meinem Buche: Siehe Hin-
weis zu S. 25.
57 so hat Schopenhauer ein treffliches Wort gesprochen: Wortlich heifit es: «Da ergibt
sich, dafi Moral-Predigen leicht, Moral-Begriinden schwer ist.» Siehe Arthur Scho-
penhauer, Samtliche Werke in 12 Banden mit Einleitung von Dr. Rudolf Steiner, J. G.
Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart und Berlin 1894, 6. Band, S. 361.
58 daft zum Beispiel Kant den Ansspruch tun konnte: Wortlich heifit es bei Kant: «Zwei
Dinge erfullen das Gemiit mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und
Ehrfurcht, . . .: Der gestirnte Himmel iiber mir, und das moralische Gesetz in mir.»
In: «Kritik der praktischen Vernunft», 2. Teil, «Methodenlehre der reinen praktischen
Vernunft», Beschlufi S. 221, Ehemalige Kehrbachsche Ausgabe, herausgegeben von
Dr. Raymund Schmidt, Leipzig o.J. Siehe auch Rudolf Steiner, «Luzifer-Gnosis.
Grundlegende Aufsatze zur Anthroposophie», GA Bibl.-Nr. 34, Dornach 1960, S.
103, und «Die Ratsel der Philosophies GA Bibl.-Nr. 18, Dornach 1968, S. 156.
Immanuel Kant, 1724-1804, «Kritik der reinen Vernunft», Riga 1781; «Kritik der
praktischen Vernunft», Riga 1788.
64 ah kategorischen Imperativ: «Handle so, dafi die Maxime deines Willens jederzeit
zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten konnte», in: I. Kant,
«Kritik der praktischen Vernunft», a.a.O., I. Teil, § 7.
68 in meiner «Philosophie der Freiheit»: «Die Philosophic der Freiheit. Grundziige einer
modernen Weltanschauung* (1894), GA Bibl.-Nr. 4.
69 Kant sprach einstmals von der zwingenden Pflicht: Wortlich heifit es in seiner «Kritik
der praktischen Vernunft», a.a.O., S. 212: «Pflicht! Du erhabener, grofier Name, der
du nichts Beliebtes, was Einschmeichelung bei sich fuhrt, in dir fassest, sondern
Unterwerfung verlangst.».
Friedrich Schiller, 1 759-1 805, «Uber die asthetische Erziehung des Menschen, in einer
Reihe von Briefen» (1793-95).
70 «Gern dien' ich den Freunden»: Siehe Fr. Schiller, Gedichte, «Die Philosophen.
G ewissensskrupel » .
was Goethe . . . sagt: Siehe «Spriiche in Prosa», 6. Abt. «Ethisches», in «Goethes
Naturwissenschaftlichen Schriften», herausgegeben und kommentiert von Rudolf
Steiner in Kiirschners «Deutsche National-Litteratur» (1883-97), 5 Bande, Nach-
druck Dornach 1975, GA Bibl.-Nr. la-e.
73 in meinem Buch: «Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten
der Gegenwart und Zukunft» (1919), GA Bibl.-Nr. 23.
75 Erich Wasmann, 1859-1931, Jesuit, Insektenforscher; insbesondere erforschte er das
Leben der Ameisen. Er schrieb u.a. «Mensch- und Tierseele», Koln 1904.
77 Ein Mann . . . versuchte in einem Vortrag vor kurzem eine Widerlegung: Gememt ist
der Tiibinger Professor Friedrich Traub, der in Reutlingen gegen Steiner sprach.
Walter Johannes Stein, Lehrer an der Waidorfschuie in Stuttgart, berichtete am 14.
Dezember 1919 in Dornach: «Ich meldete mich zur Diskussion. Ich stellte Traub hin
als cn^n pewissenlosen, der Matene, die er behandelt, sanzhch unkundigen Men-
schen. Sein Schlufiwort brachte er nur noch stammelnd hervor. Der Stadtpfarrer, der
eroffnete, wurde durch Bibeltexte in die Enge getrieben, so dafi er in bezug auf die
Stelle, wo Christus von der Reinkarnation spricht, sagte: <Hier irrt Christus!»>
77 ein Domkapitular: Es handelt sich um den katholischen Domkapitular Laun, iiber den
Rudolf Stein er in seiner Einleitung zum Vortrag vom 28. November 1919, GA
Bibl.-Nr, 194, Dornach 1977, S. 239, folgendes ausfiihrte:
«Eine kleine Einleitung mufi ich dem Vortrag vorausschicken, weil ich Sie doch
gewissermafien informieren muU, besonders in der jetzigen Zeit, iiber verschiedene
Dinge, die vorgehen. Da mochte ich Ihnen nur eine kleine Notiz vorlesen, die unser
Freund Dr. Stein in der letzten Nummer der <Dreigliederung des sozialen Organis-
mus> geschrieben hat -, ein kleiner Artikel, der heifit <Neue Wahlverwandschaften>:
< Am 1 1 . November hielt im Sieglehaus in Stuttgart Domkapitular Laun einen ganzlich
unbedeutenden Vortrag iiber das Thema <Theosophie und Christentum>, von dem wir
keinerlei Notiz nehmen wiirden, wenn er nicht nach einer sogleich zu charakterisie-
renden Richtung symptomatisch gewesen ware. Der Vortragende folgte namlich in
seinem Gedanken - genauer miifste man sagen: in seiner Satzeanordnung - den
Ausfuhrungen der Broschiire des Professors Traub, die den Titel tragt: <Steiner als
Philosoph unhd Theosoph>. Natiirlich blieb Traub unerwahnt, aber es war symptoma-
tisch-interessant zu sehen, wie ein katholischer Domkapitular gemeinsame Sache
machte mit dem evangelischen Professor - hinter den Kulissen. Katholische und
evangelische Partei (denn Religionen sind das doch nicht mehr) kampfen gemeinsam
gegen Steiner. Was sich vor aller Augen bekampft - hinter den Kulissen versteht es
einander. Welcher Art die Kampfmittel des Vortragenden waren, geht wohl zur
Geniige hervor, wenn ich erwahne, dafi nach dem Vortrag keiner Diskussion stattge-
geben wurde und dafi der Vortragende darauf hinwies, dafi, wer sich iiber Steiner
orientieren wolle, dies bei Gegnern Steiners, die er aufzahlte, tun konne, nicht aber
durch Steiners Schriften selbst, da dies der Papst verboten haben. Dr. J. W. Stein.»
(Nr. 21 der Zeitschrift «Dreigliederung des sozialen Organismus», Stuttgart.)
80 John Maynard Keynes, 1883-1946; englischer Nationalokonom, Professor an der
Universitat Cambridge. Wahrend des Krieges trat er in das englische Schatzamt ein. Er
hat in dieser Eigenschaft an den mit der Finanzierung des Krieges verkniipften Fragen
an einflufSreicher Stelle mitgearbeitet und schliefilich als britischer Finanzvertreter
und als Vertreter des englischen Schatzkanzlers beim Obersten Wirtschaftsrat an der
Pariser Konferenz teilgenommen. Am 7. Juni 1919 legte er seine Amter nieder,
nachdem er erkannt hatte, dafi wesentliche Anderungen der Friedensbedingungen
nicht zu erreichen sein wiirden. Siehe hierzu auch seine Schrift «Die wirtschaftlichen
Folgen des Friedensvertrages», deutsch von M. J. Bonn und C. Brinkmann, Miinchen
und Leipzig 1920.
Thomas Woodrow Wilson, 1856-1924, President der Vereinigten Staaten von Amerika
von 1913-1921. Er verkiindet am 8. Januar 1918 als Haupt der Entente die auf das
Selbstbestimmungsrecht der Volker aufgebauten «Vierzehn Punkte» fur die Neuge-
staltung der Welt nach dem Ersten Weltkrieg.
die inhaltsleeren und abstrakten Auseinandersetzungen Woodrow Wilsons: Wortlich
heifk es in der von Keynes 1920 verfafiten Schrift a.a.O., S. 32: «Zu Beginn der Pariser
Konferenz glaubte man allgemein, der President habe mit Hilfe eines grofien Stabes
von Beratern einen Plan nicht nur fur den Volkerbund, sondern auch zur Verkorpe-
rung der 14 Punkte in einem ausfuhrlichen Friedensvertrag entworfen. In Wirklich-
keit hatte der President nichts entworfen. . . Als man zur Ausftihrung seiner Gedan-
ken schritt, waren sie nebelhaft und unvollstandig. Er hatte keinen Plan, keinen
Entwurf, keinen aufbauenden Gedanken irgendwelcher Art, um die Gebote, die er
vom Weifien Hause mit Donnerstimme verkiindet hatte, mit dem Blute des Lebens zu
erfiillen. Er hatte iiber jedes einzelne dieser Gebote eine Predigt halten oder ein
majestatisches Gebet an den Allmachtigen um ihre Erfullung richten konnen; ihre
konkrete Anwendung auf den augenblicklichen Zustand Europas konnte er nicht
gestalten.»
81 Georges Clemenceau, 1841-1929, franzosischer Ministerprasident 1917-1920; siehe
J. M. Keynes, a.a.O., S. 23 ff.
David Lloyd George, 1863-1945, englischer Premierminister 1916-1922, siehe J. M.
Keynes, a.a.O., S. 30 ff.
83 Er sagt, man konne nur erhoffen: Wortlich heifit es dort auf S. 242: «Der Bankerott
und Verfall Europas wird, wenn wir ihn weiter fortschreiten lassen, auf die Dauer
einen jeden erreichen, nur vielleicht nicht in auffallender und unmittelbarer Weise.
Das hat sein Gutes. Wir konnen immer noch Zeit haben, unsere Politik zu iiberpriifen
und die Welt mit neuen Augen anzusehen. Denn in der unmittelbaren Zukunft liegt
das Schicksal Europas nicht mehr in der Hand eines einzelnen. Die Ereignisse des
kommenden Jahres werden nicht von den planvollen Handlungen der Staatsmanner,
sondern von den verborgenen Stromungen gestaltet werden, die standig unter der
Oberflache der politischen Geschichte dahinfliefien und deren Ergebnisse niemand
voraussagen kann. Nur in einer Weise konnen wir sie beeinflussen, dadurch, dafi wir
die Krafte der Bildung und der Phantasie in Bewegung setzten, die die offentliche
Meinung andern. Die Wahrheit aussprechen, Trugbilder blofilegen, Hafi zerstreuen,
Herz und Geist der Menschen weiten und bilden, das mussen die Mittel sein.»
In friiheren Vortragen: Vgl. die in Zurich gehaltenen Vortrage «Die soziale Frage»,
GA Bibl.-Nr. 328, und «Soziale Zukunft», GA Bibl.-Nr. 332a.
86 Deshalb sagte Goethe: Vgl. «Naturwissenschaftliche Schriften», Hinweis zu S. 70, 4.
Bd., 2. Abt., Spriiche in Prosa, 1. Abt. Das Erkennen, S. 353.
88 Dornacher Ban: Siehe Hinweise zu S. 11
89 in meinem Buche: Siehe Hinweis zu S. 25
93 Johannes Scherr, 1817-1886; Kultur- und Literaturhistoriker; zuletzt Professor am
Polytechnikum in Zurich.
94 Richard Avenarius, 1 843-1 896, Philosoph; er lebte zuletzt in Zurich. Mit seiner Lehre
des «Empiriokritizismus» versuchte er, ahnlich wie Ernst Mach, eine von dogmati-
scher Metaphysik unabhangige Wirklichkeitslehre zu schaffen. Lenin hat den Begriff
«Empiriokritizismus» wieder aufgenommen, polemisierte aber gegen eine empiriokri-
tische Auslegung der marxistischen Lehre. Bedeutende Werke von Avenarius : «Philo-
sophie als Denken der Welt gemaft dem Prinzip des kleinsten Kraftmafies» (1876),
«Kritik der reinen Erfahrung», 2 Bde., Leipzig, 1888/90, «Der menschliche Weltbe-
griff- (1891).
Ernst Mach, 1838-1916; osterreichischer Physiker und Philosoph, einer der Begriin-
der des «Empiriokritizismus»; in der Erkenntnistheorie erneuerte er die Anschau-
ungen Berkeleys und Humes. Seine erkenntnistheoretischen Ansichten waren von
grofiem Einflufi auf die theoretische Physik (Machsche Zahl) und wurden vom
«Wiener Kreis» ausgebaut. Werke: «Die Mechanik in ihrer Entwicklung» (1883),
«Die Analyse der Empfindungen und das Verhaltnis des Physischen zum Psychi-
schen» (1886), «Erkenntnis und Irrtum» (1905), «Die Leitgedanken meiner naturwis-
senschaftlichen Erkenntnislehre» (1919).
94 einen Schiiler [von Ernst Much]: Es handelt sich um Friedrich Adler (1879-1960),
einem fiihrenden Theoretiker des Austromarxismus und Anhanger des Empiriokriti-
zismus; er versuchte, den Marxismus durch die «machistische Philosophie» zu
erganzen. Am 21. Oktober 1916 erschofi er den osterreichischen Ministerprasidenten
Graf Stiirgkh, wurde zum Tode verurteilt, 1918 freigelassen. Spater war er einer der
Fiihrer der «Sozialistischen Arbeiterinternationale».
95 Welches ist die Staatspbilosophie der Bolschewisten ?: Rudolf Steiner stiitzt sich hier auf
einen Aufsatz von Nicolay A. Berdjajev iiber «Die politische und die philosophische
Wahrheit», der in der von Elias Hurwicz herausgegebenen Schrift «Rufilands politi-
sche Seele» 1918 in Berlin veroffentlicht wurde. In Rufiland erschien dieser Aufsatz
bereits im Jahre 1909 in der Sammelschrift «Wjechi» (d.h. «Grenzpfahle»). Auf S. 93
der deutschen Ausgabe heifit es u.a.: «Dann ging sie (die russische Intelligenz, Anm.
d. Hg.) sogar zu dem schwer verdaulichen Avenarius iiber, weil die abstrakteste,
<reinste> Philosophie von Avenarius ohne dessen Wissen und Schuld plotzlich als eine
Philosophic des <Bolschewismus> hingestellt wurde. » Vgl. auch Rudolf Steiner, «Die
soziale Grundforderung unserer Zeit. In geanderter Zeitlage», GA Bibl.-Nr. 186, 9.
und 10. Vortrag, und den 3. Vortrag in «Geisteswissenschaftliche Behandlung sozialer
und padagogischer Fragen», GA Bibl.-Nr. 192, und «Die soziale Frage», GA
Bibl.-Nr. 328, Vortrag vom 25. Februar 1919.
101 In der Ausspr ache referierte zunachst ein Zuhorer den Stand der Erorterungen um die
Einfuhrung einer einheitlichen internationalen Sprache, Esperanto. In einem sich
daran anschliefienden Votum eines weiteren Zuhorers wurde die Frage gestellt,
welche Aussichten es fur Rudolf Steiner gebe, um aus dem geschilderten Chaos
herauszukommen.
114 Waldorfschule: Auf Anregung Emil Molts, des Direktors der Waldorf- Astoria-Ziga-
rettenfabrik, wurde im Herbst 1919 in Stuttgart unter der Leitung Rudolf Steiners die
erste Freie Waldorfschule als einheitliche Volks- und Hohere Schule gegriindet.
Diese Waldorfschule will nicht eine Weltanschauungsschule sein: Siehe hierzu auch
Rudolf Steiner, «Die Erneuerung der padagogisch-didaktischen Kunst durch Geistes-
wissenschaft», 11. Vortrag, GA Bibl.-Nr. 301.
115 gewisse Epochen . . . in dem werdenden Menschen: Vgl. Rudolf Steiner, «Die Erzie-
hung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft» (1907) (Einzelaus-
gabe), in «Luzifer-Gnosis. Grundlegende Aufsatze zur Anthroposophie», (1903-08),
GA Bibl.-Nr. 34.
120 Als ich fur die Lehrer der Waldorfschule den pddagogischen Kursus ahgehalten hahe:
Der gesamte Kursus aus dem Jahre 1919 liegt innerhalb der Gesamtausgabe in den
folgenden drei Banden vor: « Allgemeine Menschenkunde als Grundlage der Padago-
gik», GA Bibl.-Nr. 293; «Erziehungskunst. Methodisch-Didaktisches», GA
Bibl.-Nr. 294; «Erziehungskunst. Serminarbesprechungen und Lehrplanvortrage»,
GA Bibl.-Nr. 295.
125 Lenin und Trotzki . . . sie werden nur den Egoismus organisieren: Siehe hierzu Lenins
Schrift «Staat und Revolution*, Belp/Bern 1918, und Trotzkis Vortrag vom 28. Marz
1918 «Arbeit, Disziplin und Ordnung werden die sozialistische Sowjet-Republik
retten», S. 17 f., Basel 1918.
128 was Goethe vorschwebte: Vgl. J. W. v. Goethe, «Winckelmann», Sophien-Ausgabe
Weimar 1891, Band 46, S. 29 u. 22.
130 In der Aussprache erortern ein Zuhorer und Emil Molt Probleme des Epochenunter-
richtes, des Verhaltnisses von Waldorfschule und Lebenspraxis und des Verhaltnisses
Unternehmer- Arbeiter .
133 Ick babe gerade . . . einen Artikel geschrieben: Der genannte Artikel erschien
erstmalig in der vom «Bund fur Dreigliederung des sozialen Organismus» herausgege-
benen Zeitschrift « Dreigliederung des sozialen Organismus», Nr. 37, Marz 1920.
Innerhalb der Gesamtausgabe befindet sich der Aufsatz in dem Band «Aufsatze iiber
die Dreigliederung des sozialen Organisumus und zur Zeitlage 1915-1921 », GA
Bibl.-Nr. 24.
134 Ftirst Peter Krapotkin (auch: Kropotkin), 1842-1921; Vertreter des «Kommunisti-
schen Anarchismus». Krapotkin strebte die Abschaffung des Privateigentums und des
Staates an und wollte die Gesellschaft auf dem Prinzip «gegensei tiger Hilfe» in
freiwilligen Assoziationen aufbauen. Er verfalke u. a. das Buch «Gegenseitige Hilfe in
der Entwickelung», Leipzig 1904, und «Ethik», 1922, deutsch 1923.
144 was im alien Griecbenland Nabrstand, Webrstand, Lebrstand umfajit hat: Diese
Formulierung stammt von Erasmus Alberus (1500-1553), ahnlich auch Luther; sie
fafit das von Plato in der «Politeia» iiber die Stande Gesagte zusammen; siehe den
«phonikischen Mythos», wonach Gott den Herrschenden (Weisen) bei der Geburt
Gold, ihren Beihelfern, den Wachtern, Silber, den Bauern und Handwerkern aber
Eisen und Erz beigemischt habe (Politeia, III. Buch, 414, Stephanus-Numerierung).
1 50 Paul Nicolajewitsch Miljukow, 1859-1943, russischer Historiker und liberaler Politi-
ker; leitete nach dem Sturz des Zarentums von Marz bis Mai 1917 das Aufienministe-
rium der provisorischen Regierung.
Alexander F. Kerenski, 1881-1970; trat 1917andie Spitze einerneuen sozialrevolutio-
naren Regierung. Diese wurde jedoch nach der mifigliickten Sommeroffensive gegen
die Mittelmachte, welche die vollige Auflosung der russischen Front zur Folge hatte,
im November durch die von Lenin und Trotzki gefiihrten Bolschewiki gestiirzt.
163 anklingendan die Klopstocksche «Gelehrtenrepublik»: In seiner Schrift «Gelehrtenre-
publik» vom Jahre 1774 vertrat Klopstock im Bilde eines Druidenstaates die Idee einer
Vereinigung aller deutschen Schriftsteller, deren «Gesetzbuch» in einer von Klop-
stock entwickelten Poetik bestehen sollte.
169 Wichard von M Ollendorff, 1881-1937; Unterstaatssekretar im Reichswirtschaftsamt.
Er entwickelte den Plan einer nationalen Gemeinwirtschaft, der ]edoch von der
Nationalversammlung abgelehnt wurde. Seine Ideen legte er nieder in: «Konservati-
ver Sozialismus», gesammelte Aufsatze aus den Jahren 1913-1922, Hamburg 1932.
171 Und wer, wie ich, gewirkt bat in einer Arbeiter-Bildungsschule: Rudolf Steiner lehrte
von 1899-1904 an der von dem Sozialdemokraten Wilhelm Liebknecht (1826-1900)
begrundeten Arbeiterbildungsschule in Berlin (ab 1902 auch in Spandau) Geschichte,
Redekunst und Naturwissenschaften. Siehe auch: Rudolf Steiner, «Mein Lebens-
gang», Kap. XXVIII, GA Bibl.-Nr. 28; «Briefe II- 1892-1902*, Dornach 1953, S. 30;
Johanna Miicke/Alwin Rudolph, «Erinnerungen an Rudolf Steiner und seine Wirk-
samkeit an der Arbeiterbildungsschule in Berlin 1 899-1 904», Basel 1979; «Beitrage
zur Rudolf Steiner Gesamtausgabe», Heft Nr. 36, Dornach 1971/72, S. 21/22.
173 da hielt ich vor einem kleineren Kreis in Wien . . . eine Reihe von Vortrdgen: Vgl.
Rudolf Steiner, «Inneres Wesen des Menschen und Leben zwischen Tod und neuer
Geburt», GA Bibl.-Nr. 153. Im 6. Vortrag spricht er tiber die soziale Krebskrankheit:
«Es wird also heute fur den Markt ohne Riicksicht auf den Konsum produziert, nicht
im Sinne dessen, was in meinem Aufsatz <Geisteswissenschaft und soziale Frage> [in:
<Luzifer- Gnosis 1903— 1908>. S. 191; Anm. d. Herausg.] ausgefuhrt worden ist,
sondern man stapelt in den Lagerhausern und durch die Geldmarkte alles zusammen,
was produziert wird, und dann wartet man, wieviel gekauf t wird. Diese Tendenz wird
immer grofier werden, bis sie sich ... in sich selber vernichten wird. Es entsteht
dadurch, dafi diese Art von Produktion im sozialen Leben eintritt, im sozialen
Zusammenhang der Menschen auf der Erde genau dasselbe, was im Organismus
entsteht, wenn so ein Karzinom entsteht. Ganz genau dasselbe, eine Krebsbildung,
eine Karzinombildung, Kulturkrebs, Kulturkarzinom! So eine Krebsbildung schaut
derjenige, der das soziale Leben geistig durchblickt; er schaut, wie iiberall furchtbare
Anlagen zu sozialen Geschwiirbildungen aufsprossen. Das ist die grofk Kultursorge,
die auftritt fur den, der das Dasein durchschaut. Das ist das Furchtbare, was so
bedriickend wirkt, und was selbst dann, wenn man sonst alien Enthusiasmus fur
Geisteswissenschaft unterdriicken konnte, wenn man unterdriicken konnte das, was
den Mund offnen kann fiir die Geisteswissenschaft, einen dahin bringt, das Heilmittel
der Welt gleichsam entgegenzuschreien fiir das, was so stark schon im Anzug ist und
was immer starker und starker werden wird. Was auf seinem Felde in dem Verbreiten
geistiger Wahrheiten in einer Sphare sein mufi, die wie die Natur schafft, das wird zur
Krebsbildung, wenn es in der geschilderten Weise in die Kultur eintritt. »
180 Zentrums-Partei: Im Jahre 1870 auf Anregung von Peter Reichensperger als katholi-
sche Partei gegriindet, bildete sich die Opposition gegen die kleindeutsch-preufiische
Reichsgriindung. Nach 1914 gab sie sich den Namen «Deutsche Zentrumspartei».
Wahrend des Ersten Weltkrieges verband sie sich unter dem Einflufi Erzbergers mit
den «Fortschrittlern» und Sozialdemokraten zur Reichstagsmehrheit der Friedensre-
solution (1917).
182 es ist das Wort «Ideologie»: Zum Verhaltnis Ideologic - materialistische Weltan-
schauung vgl. Rudolf Steiner, «Die Kernpunkte der sozialen Frage», GA Bibl.-Nr. 23,
S. 44 ff.
183 die Schilderung von Herman Grimm: Vgl. «Goethe», Vorlesungen, gehalten an der
Koniglichen Universtitat in Berlin; erschienen in zwei Banden 1877, 8. Auflage
Stuttgart und Berlin 1903; hier: 2. Band, 23. Vorlesung, S. 171. Wortlich heifit es dort:
«Langst hatte, in seinen Jugendzeiten schon, die grofie Laplace- Kantsche Phantasie
von der Entstehung und dem einstigen Untergange der Erdkugel Platz gegriffen. Aus
dem in sich rotierenden Weltnebel - die Kinder bringen es bereits aus der Schule mit-
formt sich der zentrale Gastropfen, aus dem hernach die Welt wird, und macht, als
erstarrende Kugel, in unfafibaren Zeitraumen alle Phasen, die Episode der Bewoh-
nung durch das Menschengeschlecht mit einbegriffen, durch, um endlich als ausge-
brannte Schlacke in die Sonne zuriickzustiirzen: ein langer, aber dem heutigen
Publikum vollig begreiflicher Prozefi, fiir dessen Zustandkomme es nun weiter keines
aufieren Eingreifens mehr bediirfe, als die Bemiihung irgendeiner aufienstehenden
Kraft, die Sonne in gleicher Heiztemperatur zu erhalten.
Es kann keine fruchtlosere Perspektive fur die Zukunft gedacht werden als die,
welche uns in dieser Erwartung als wissenschaftlich notwendig heute aufgedrangt
werden soil. Ein Aasknochen, um den ein hungriger Hund einen Umweg machte,
ware ein erfrischendes appetitliches Stuck im Vergleiche zu diesem letzten Schop-
fungsexkrement, als welches unsere Erde schliefilich der Sonne wieder anheimfiele,
und es ist die Wifibegier, mit der unsere Generation dergleichen aufnimmt und zu
gkuben vermeint, ein Zeichen kranker Phantasie, die als ein historisches Zeit-
phanomen zu erklaren die Gelehrten zukiinftiger Epochen einmal viel Scharfsinn auf-
wenden werden.
Niemals hat Goethe solchen Trostlosigkeiten Einlafi gewahrt.»
183 Kant-Laplacesche Idee: Sie ist hervorgegangen aus Kants «Nebularhypothese» in
seiner «Naturgeschichte und Theorie des Himmels» (1755), wonach sich die Erde aus
einem Urnebel heraus gebildet hat und - unabhangig von Kant (und in vielem
abweichend) - aus den Theorien in «Exposition du systeme du monde» (1796) von
dem Mathematiker und Astronom Laplace.
Johannes Scherr: Siehe Hinweis zu S. 93.
1 84 Sie konnen das in meinem Buche nachlesen: Vgl. Rudolf Steiner, «Die Kernpunkte der
sozialen Frage», GA Bibl.-Nr. 23, Dornach 1976, S. 8 ff. und S. 80 ff.
185 einen padagogischen Kursus gehalten: Siehe Hinweis zu S. 120.
1 86 zum Beispiel 1907: Gemeint ist hier die Wirtschaftskrise in Amerika. In dem Buch
«Volkswirtschaftslehre» (4. Aufl., Leipzig 1918) von Carl Jentsch, das sich in Rudolf
Steiners Bibliothek befindet und zahlreiche Anstreichungen von ihm aufweist, heifit
es hierzu auf S. 189: «Die amerikanische Krisis von 1907, die in den Vereinigten
Staaten hunderttausende von Arbeitern aufs Pflaster warf, hat zwar, weil Amerika aus
England und Deutschland viel Gold an sich zog, in Europa Goldknappheit, aber bei
uns wenigstens keine Absatzstockung, keine Arbeitslosigkeit zu Folge gehabt.»
diese charakteristischen Erscheinungen: Rudolf Steiner schildert nun den Kauf und
Verkauf von Wertpapieren durch eine grofie Finanzgruppe in Amerika. Vermutlich
handelt es sich um das Finanzimperium J. P. Morgan & Co.. An dieser Stelle des
Vortrages weist die stenographische Mitschrift erhebliche Ungenauigkeiten auf, so
dafi eine exakte Wiedergabe des Wortlautes nicht moglich ist. Um Mifiverstandnisse
zu vermeiden, wurde die entsprechende Passage aus dem laufenden Vortragstext
herausgenommen. Der liickenhafte Text lautet in der wortlichen Ubertragung des
vorliegenden Stenogrammtextes wie folgt: «Diese charakteristischen Erscheinungen
sind zum Beispiel die gewesen, dafi eine gewisse Finanzgruppe in Amerika dazumal
Papiere zusammengekauft hat, dann, nachdem sie eine gewisse Sorte von Papieren
zusammengekauft hatte, Anweisungen herausgaben, um diese Papiere weiter zu
kauf en. Nun batten europaische Firmen diese Papiere; nicht wahr, es war ein grofies
Angebot auf diese Papiere da. So verlockte, sie zu verkaufen. Man machte Geschafte
im Spiegelbild, wie man sagt. Man verkaufte diese und suchte sie nachtraglich zu
bekommen. Aber alle hatten die Amerikaner. Sie waren nur durch sie selbst zu
beziehen. So beherrschte eine einzelne Finma das Industriewesen iiber ein grofies
Territorium heriiber. Eines Tages sperrten sie das Ganze una sagten: Wegen Mangel
am Geldmarkt gibt sie keine weiteren Papiere mehr heraus. Nun konnen Sie sich
denken, wie der Diskont gewachsen ist. »
191 in einem Blatte, das in Basel erscheint: Vgl. «Basler Nachrichten» vom 2. April 1920,
76. Jg., Nr. 142. Es handelt sich um einen «Brief aus Hamburg, den ein freundlicher
Leser zur Verfugung stellt» (anonym).
192 Diese beiden praktischen Herren: Einer von ihnen ist Gottlieb von Jagow
(1863-1935), der von 1913 bis 1916 Staatssekretar im Auswartigen Atnt und von 1914
an preufiischer Staatsminister war. Uber die «freundnachbarlichen Beziehungen»
berichtet ausfiihrlich Th. von Bethmann Hollweg in seinen «Betrachtungen zum
Weltkriege», Teil 1, Berlin 1919, S. 62. Siehe auch Gottlieb von Jagow «Ursachen und
Ausbruch des Weltkrieges», Berlin 1919.
1 93 Soziale Zukunft: Monatsschrift, herausgegeben vom «Schweizer Bund fur Dreigliede-
rung des sozialen Organismus», unter der Schriftleitung von Roman Boos; 1.-4. Heft
Zurich 1919; 5.-7. Heft Dornach 1920, 8.-10. Heft Stuttgart 1921.
Dem Vortrag schlofi sich folgendes Schlnftwort des Veranstalters an:
Meine Damen und Herrn! Ich bitte Sie noch, sich einen Augenblick zu gedulden.
Wir konnen vom Staatsbiirgerkurs aus danken Herrn Dr. Steiner, aber meine Damen
und Herren, so darf es nicht sein, dafi man es bewenden lafit mit dem heutigen
Vortrag. Der Staatsbiirgerkurs ist nicht fertig; nach dem heutigen Vortrage erst recht
nicht fertig. Wir miissen nun hinausgehen, und das, was wir hier so schon und so tief
begriindet haben sagen horen, iiberdenken, uberarbeiten, mit heimnehmen, miissen
nachlesen, was uns anempfohlen worden ist. Und dann hort der Staatsbiirgerkurs
iiberhaupt nie auf ! Und das ist sein Zweck, wenn Sie hier Anregungen bekommen
haben, die Sie forttragen, hinaustragen ins tagliche Leben, in die Welt. Nun zu Herrn
Dr. Steiners Worten. Ich wei$ nicht, ob Sie ihn alle verstanden haben, ob alle bis auf
den Grund seines reifen Gedankenganges gekommen sind, ich weifi nicht. Ich habe so
das Gefiihl: Er ist uns alien um ein halbes oder ein ganzes Jahrhundert voraus. Er kann
uns Fuhrer, Leiter sein, nicht Verfuhrer, denn er meint es mit der Menschheit gut. Das
haben Sie alles aus seinen Worten herausholen konnen: Er will das Beste der
Menschheit, und das danken wir ihm.
Meine Damen und Herren, als ich letzte Woche von . . . daher fuhr, sagte mir
jemand- wir kamen auch auf das Goetheanum zu sprechen- ja, der Geistesgasometer!
Das Wort ist typisch! Gasometer, Gas, Auftrieb. - Der Geistesgasometer will die
Menschheit inspirieren, emporheben aus dem Sumpf des Alltags, der taglichen
Kummernisse und Sorgen. Lassen wir diesem Bau diesen Namen, denn hier soil
emporgetrieben werden, soli zu hoheren Gedankenformen begeistert werden. Und
das hat uns Herr Dr. Steiner heute gelehrt. Ich sage ihm herzlichen Dank.
Und noch etwas. Wahrscheinlich wissen es manche, aber nicht alle: Der 10.
Staatsbiirgerkurs schliefit also aufierlich aber nicht innerlich, damit die Kursleiter-Ta-
tigkeit iiberhaupt, ab. Wir hatten viele freudige Stunden in diesem Winter und viele
gliickliche Stunden, in denen wir lernen konnten, und am meisten hat wohl der
Sprecher in diesem Staatsbiirgerkursus gelernt. Meinen Dank also all denen, die
geholfen haben, sei es durch Finanzmittel, durch Vortrage, sei es den Sangerinnen,
und den andern, alien herzlichen Dank.
194 Aktiengesellschaft: Am 13. Marz 1920 wurde in Stuttgart, inspiriert vom Dreigliede-
rungsgedanken, das Unternehmen «Der Kommende Tag. Aktiengesellschaft zur
Forderung wirtschaftlicher und geistiger Werte» gegriindet. Vorsitzender des Auf-
sichtsrates war bis 1923 Rudolf Steiner. Das Unternehmen, dem laut Geschaftsbericht
von 1921 die Absicht zugrunde lag, «einen Keim zu einem neuen, auf assoziativer
Grundlage sich entwickelnden Wirtschaftsleben zu bilden», muftte infolge der allge-
meinen Wirtschaftskrise (Inflation) Jiquidiert werden. In der Schweiz wurde auf
derselben ideellen Grundlage am 16. Juni 1920 die «Futurum AG, Okonomische
Gesellschaft zur internationalen Forderung wirtschaftlicher und geistiger Werte»
gegriindet. Bis Marz 1922 war Rudolf Steiner President des Verwaltungsrates. Infolge
der Wirtschaftskrise mufke auch dieses Unternehmen 1924 liquidiert werden. Siehe
auch: Rudolf Steiner, «Die Konstitution der Allgemeinen Anthroposophischen Ge-
sellschaft und der Freien Hochschule fur Geisteswissenschaft», GA Bibl.-Nr. 260a
Dornach 1966, S. 441/2, 472-474, 515 ff., 573 ff., 719 f. Siehe auch: Emil Leinhas, «Die
Idee des <Kommenden Tages»>, Stuttgart 1921, und Hans Kuhn, «Dreigliederungs-
zeit. Rudolf Steiners Kampf fur die Gesellschaftsordnung der Zukunft», Dornach
1978, S. 101 ff.
1 96 Freibandelsbewegung: Sie vertrat den unbeschrankten zwischenstaatlichen Giiteraus-
tausch und richtete sich gegen Aufsenhandelsbeschrankungen wie Schutzzolle, Ein-
und Ausfuhrbeschrankungen. Theoretisch entwickelt wurde die Freihandelslehre von
den englischen Klassikern der Nationalokonomie, vor allem von David Ricardo. In
Deutschland wurde der Freihandel durch den «Freihandelsverein» (1858) und den
«Deutschen Handelstag» (1861) gefordert. Im Zolltarif von 1879 siegte endgultig der
Schutzzollgedanke .
199 Lebreran einer Arbeiter-Bildungsschule: Siehe Hinweis zu S. 171.
204 John Maynard Keynes: Siehe Hinweis zu 80.
205 hat ein deutscher General die Worte gepragt: Gemeint ist Karl von Clausewitz
(1780-1831); preuftischer General und Militarschriftsteller. Das von Rudolf Steiner
angefiihrte Zitat ist aus der Schrift «Vom Kriege. Erstes Buch: Uber die Natur des
Krieges», Berlin 1832, S. 16. Wortlich heiflt es dort: «Der Krieg ist eine blofse
Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln.»
206 Ein englischer okonomischer Zeitungsmann: Vermutlich handelt es sich um den
englischen Finanztheoretiker Hartley Withers, aus dessen Schrift «The meaning of
money», deutsch: «Geld und Kredit in England*, Jena 1911, Rudolf Steiner ofters
zitiert. In seinem fur die Zeitschrift «Soziale Zukunft» verfafiten Aufsatz vom Januar
1 920 unter dem Thema «Dreigliederung und soziales Vertrauen - Kapital und Kredit»
heifit es: «Es ist von verschiedenen Seiten, zum Beispiel von dem englischen Finanz-
theoretiker Hartley Withers (in seinen Ausfuhrungen iiber <Money and Credit>),
gesagt worden, dafi alle Fragen, die das Geld betreffen, so verwickelt seien, dafs ihre
scharfe Fassung in bestimmte Gedanken aufserordentlichen Schwierigkeiten be-
gegne.» Der Aufsatz befindet sich innerhalb der Gesamtausgabe in dem Band «Auf-
satze iiber die Dreigliederung des sozialen Organismus und zur Zeitlage 1915-1921 »>
GA Bibl.-Nr. 24.
212 Waldorfscbnle . . . padagogiscber Kursus: Siehe Hinweis zu S. 114 und S. 120.
214 Assoziationen: Siehe auch den Vortrag vom 17. Marz m diesem Band. Vgl. Rudolf
Steiner, «National6konomischer Kurs», GA Bibl.-Nr. 340, besonders 5., 6., 10. und
12. Vortrag.
219 Ich babe das genauer ausgefiihrt: Vgl. Rudolf Steiner, «Die Kernpunkte der sozialen
Frage», GA Bibl.-Nr. 23, Kap. HI, «Kapitalismus und soziale Ideen».
221 Plato: Siehe Hinweis zu S. 144.
222 Cafe Griensteidl: Das beruhmte Wiener Cafe (Ecke Herren- und Schaufergasse)
wurde im Jahre 1847 eroffnet und 1897 geschlossen. Hier hat Rudolf Steiner - nach
einer personlichen Aufierung - seine «Grundlinien einer Erkenntnistheorie der
Goetheschen Weltanschauung*, GA Bibl.-Nr. 2, geschrieben. Siehe auch: Rudolf
Steiner, «Aus dem mitteleuropaischen Geistesleben», GA Bibl.-Nr. 65, Dornach
1962, S. 330.
223 Karl Kraus, 1874—1936; er veroffentlichte nach dem Abrifi des beriihmten Cafe
Griensteidl im Januarheft 1897 der «Wiener Rundschau* unter dem Titel «Die
demolierte Literatur» eine Satire auf das damalige literarische Jung-Wien; noch im
gleichen Jahr erschien der Artikel als Broschiire.
Goethe . . . in seinem Gedichte: Rudolf Steiner zitiert hier die erste Zeile des Gedichtes
«Eins wie's andere», in: 4. Band der Sophienausgabe, Weimar 1891, S. 150.
Gustav Theodor Fechner, 1801-1887; Naturwissenschafter und Philosoph. Unter
dem Namen Dr. Mises verfafite er mehrere satirische Schriften, u.a. den «Beweis, dafi
der Mond aus Jodine bestehe», Leipzig 1832.
224 in der Stuttgarter Dreigliedemngszeitung: Wochenschrift «Dreigliederung des sozia-
len Organismus», herausgegeben vom «Bund fur Dreigliederung des sozialen Orga-
nismus». Sie erschien zunachst in drei Jahrgangen von Juli 1919 bis Juni 1922 unter der
Schriftleitung von Ernst Uehli. Ab Juli 1922 erschien sie unter dem Namen «Anthro-
posophie, Wochenschrift fur freies Geistesleben, friiher Dreigliederung des sozialen
Organismus». Im April 1923 iibernahm die Schriftleitung Jiirgen von Grone, im Juli
1923 Dr. Kurt Piper. Ab August 1923 zeichnete der Vorstand der Anthroposophi-
schen Gesellschaft in Deutschland als Herausgeber. Im Jahre 1924 erfolgte erneut eine
Namensanderung. Die Zeitschrift hiefi nun »Anthroposophie und Das Goetheanum —
Wochenschrift fur freies Geistesleben». Im Juli 1924 wurde nochmals eine Namensan-
derung vorgenommen in «Anthroposophie. Wochenschrift fiir freies Geistesleben».
Im Oktober 1931 wird die Zeitschrift vereinigt mit der Zeitschrift «Die Drei» und
erscheint nun als Monatsschrift unter dem Titel «Anthroposophie. Monatsschrift fiir
Freies Geistesleben». Samtliche in der Wochenschrift « Dreigliederung des sozialen
Organismus» von Rudolf Steiner veroffentlichten Aufsatze sind enthalten in dem
Band «Aufsatze uber die Dreigliederung des sozialen Organismus und zur Zeitlage
1915-1921 », GA Bibl.-Nr. 24.
226 «Aktiengesellscbaft zur Fordemng wirtschaftlicher und geistiger Werte»: Siehe Hin-
weis zu S. 194.
227 Monometallismus: Wahrungssystem, bei dem im Unterschied zum Bimetallismus die
Geldeinheit nur an ein Metall (Gold oder Silber) gebunden ist.
Freibandel: Siehe Hinweis zu S. 196.
229 Mysterienspiele: Vgl. Rudolf Steiner, «Vier Mysteriendramen» (1910-13), GA Bibl.-
Nr. 14, und «Entwurfe, Fragmente und Paralipomena zu den vier Mysteriendramen»,
GA Bibl.-Nr. 44.
233 in den Schriften: Siehe Hinweis zu S. 25.
242 ein Kursus vorArzten: Vom 21. Marz bis 9. April 1920 hielt Rudolf Stein er zwanzig
Vortrage vor Arzten und Medizinstudierenden. Siehe «Geisteswissenschaft und
Medizin», GA Bibl.-Nr. 312.
245 wo ich einer kleinen Gesellschaft in Wien: Siehe Hinweis zu S. 173.
252 Herman Grimm in seinem Goethe-Buch: Siehe Hinweis zu S. 183.
253 Friedrich von Hellwald, 1842-1892; Kulturhistoriker. Er schrieb u. a. «Kulturge-
schichte in ihrer natiirlichen Entwicklung bis zur Gegenwart», Augsburg 1875.
255 Eine Dame schrieb an . , . Moleschott: Siehe hierzu «Philosophische Zeitfragen», von
Jiirgen Bona Meyer, Bonn 1874, Kap. 9, «Das Gewissen und die sittliche Weltord-
nung», S. 323 ff.; dort heifit es: «Eine Dame, Mathilde Reichardt, die im Jahre 1856 in
Briefen an Moleschott ein Buch iiber Wissenschaft und Sittenlehre herausgab, hat sich
unstreitig das wenig beneidenswerte Vorrecht erworben, unter denen, welche alle
sittlichen Begriffe auf den Kopf stellen, in erster Linie und an erster Stelle genannt zu
werden. Nach der Meinung dieser Dame hat die Sittenlehre nur darnach zu fragen, ob
eine Menschennatur die in sie gelegten Elemente harmonisch entwickelt. Die Natur
aber - meint sie - spreche durch jeden Menschen einen anderen Willen aus. Sie stehet
daher nicht an zu behaupten, <dafi, so es Menschen gibt, denen eine Neigung, ein
vorherrschender Trieb zum Betriigen und zum Stehlen innewohnt, diese Menschen
nur als Betriiger, nur als Diebe durch und durch sittliche Menschen sein konnen>. -
<Auch der zum Diebe geborene Mensch brachte wie jeder andere das Recht mit sich ins
Leben, seine Natur zu vollenden und allseitig zu entwickeln und kann nur auf diese
Weise eine kraftvolle, eine sittliche Natur sein. Und wie der Dieb, so jeder andere
Lasterhafte, so auch der zum Morder Geborene. »>
Der wortliche Inhalt dieses Briefes findet sich bei Moritz Carriere in: «Die sittliche
Weltordnung», Leipzig 1877, 1. Kap. Die mechanische Naturordnung und die
Materialisten, S. 24.
Jakob Moleschott, 1822-1893; Physiologe. Hauptwerk: «Der Kreislauf des Lebens»,
o.J.
276 Rabindranath Tagore, 1861-1945, indischer Dichter, Philosoph und Freiheitskamp-
fer; Hauptwerk: «Nationalismus», deutsch von H. Meyer-Franck, Leipzig o.J.
277 Ich habe hier schon einmal erwdhnt: Siehe den Vortrag vom 6. Januar 1920, S. 35 in
diesem Band, und Hinweis zu S. 51.
283 Publics Cornelius Tacitus, um 55-120, romischer Geschichtsschreiber; er verfafite
u.a. «De origine, situ, moribus ac populis Germanorum».
Laokoon-Gruppe: Marmorplastik, die den Tod Laokoons und seiner Sonne darstellt;
entstanden um 50/25 v. Chr.
284 Aristotelcs, 384-322 v. Chr.; wortlich heifk es in seiner «Nikomachischen Ethik» in
der Ubersetzung von J. Rieckher, Stuttgart 1856, S. 47: «. . . die Selbstbeherrschung
und der Mut gehen am Zuviel und am Zuwenig zugrunde, erhalten aber werden sie
durch das Rechte Ma£.» S. 54 heifk es: «So meidet nun jeder Kundige das Zuviel und
das Zuwenig, die Mitte dagegen sucht und wahlt er, aber nicht die Mitte in bezug auf
den Gegenstand, sondern die m bezug auf sich selbst.»
284 das Buch Goethes iiber Winckelmann: Siehe Hinweis zu S. 128.
285 Undwenn Schiller jenen Brief. . . an Goethe schrieb: Siehe Schillers Brief an Goethe
vom 23. August 1794, in: «Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe in den Jahren
1794— 1805», Stuttgart und Tubingen, Cottasche Buchhandlung 1828, S. 13 ff. Wort-
lich heifit es dort: «Lange schon habe ich, obgleich aus ziemlicher Feme, dem Gang
Ihres Geistes zugesehen, und den Weg, den Sie sich vorgezeichnet haben, mit immer
erneuter Bewunderung bemerkt. Sie suchen das Nothwendige der Natur, aber Sie
suchen es auf dem schwersten Wege, vor welchem jede schwachere Kraft sich wohl
hiiten wird. Sie nehmen die ganze Natur zusammen, ura iiber das Einzelne Licht zu
bekommen; in der Allheit ihrer Erscheinungsarten suchen Sie den Erkiarungsgrad fur
das Individuum auf. . . Eine grofie und wahrhaft heldenmafiige Idee, die zur Geniige
zeigt, wie sehr Ihr Geist das reiche Ganze seiner Vorstellungen in einer schonen
Einheit zusammenhalt. . . Waren Sie als ein Grieche, ja nur als ein Italiener geboren
worden, und hatte schon von der Wiege an eine auserlesene Natur und eine idealisi-
rende Kunst Sie umgeben, so ware Ihr Weg unendlich verkiirzt, vielleicht ganz
iiberflussig gemacht worden. »
288 Darwinismus: Begriff fur die Entwicklungslehre des englischen Forschers Charles
Darwin (1 809-1 882), die gleich einer neuen Religion das Bild der modernen Naturwis-
senschaft pragte. Hauptwerk: «Die Entstehung der Arten durch naturliche Zuchtwahl
oder die Erhaltung der bevorzugten Rassen im Kampfe urns Dasein» (1859), aus dem
Englischen von David Haek. Univ.-Bibl. Leipzig o.J.
293 Ethischer Individualismus: In seiner im Jahre 1894 erschienenen Schrift «Die Philoso-
phic der Freiheit. Grundziige einer modernen Weltanschauung. Seelische Beobach-
tungsresultate nach naturwissenschaftlicher Methode», GA Bibl.-Nr. 4, entwickelt
Rudolf Steiner ein dem Kantschen Sittlichkeitsprinzip (Kategorischer Imperativ)
entgegengesetztes. Im Kapitel IX heifit es u.a.: «. . . Die Menschen sind dem
Intuitionsvermogen nach verschieden. . . Wie ein Mensch handelt, wird also abhangen
von der Art, wie sein Intuitionsvermogen einer bestimmten Situation gegeniiber
wirkt. Die Summe der in uns wirksamen Ideen, den realen Inhalt unserer Intuitionen,
macht das aus, was bei aller Allgemeinheit der Ideenwelt in jedem Menschen
individuell geartet ist. Insofern dieser intuitive Inhalt auf das Handeln geht, ist er der
Sittlichkeitsgehalt des Individuums. Das Auslebenlassen dieses Gehalts ist die hochste
moralische Triebfeder und zugleich das hochste Motiv dessen, der einsieht, daft alle
anderen Moralprinzipien sich letzten Endes in diesem Gehalte vereinigen. Man kann
diesen Standpunkt den ethischen Individualismus nennen».
Ich habe Ihnen gestern: Siehe Vortrag vom 5. Mai, S. 251, und den entsprechenden
Hinweis zu S. 255.